AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2017

Sexuelle Gewalt Ein Leben lang

Etwa jeder siebte Deutsche erfuhr in der Kindheit und Jugend sexuelle Gewalt, zeigt eine neue Studie. Oft leiden die Opfer auch unter längerfristigen körperlichen Folgen - wie Diabetes, Krebs, Herzinfarkt.

Missbrauchsopfer Diegmann: "Ich will nicht rumsitzen, alleine, mit den Erinnerungen. Ich will, dass die Verjährungsfristen abgeschafft werden."
Marcus Simaitis/ DER SPIEGEL

Missbrauchsopfer Diegmann: "Ich will nicht rumsitzen, alleine, mit den Erinnerungen. Ich will, dass die Verjährungsfristen abgeschafft werden."

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Markus Diegmann kann in weißer Bettwäsche nicht einschlafen. Er findet darin keine Ruhe, erzählt er. Also schleppte er in jeden Urlaub, auf jede Dienstreise einen Schlafsack mit, ohne so recht zu verstehen, warum.

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Heft 11/2017
Erdogans Deutschland - Geschichte einer Spaltung

Bis die Erinnerungen detaillierter zurückkamen. Da sah Diegmann wieder diesen nackten Mann vor sich, auf dem Bett mit weißer Bettwäsche. Davor steht ein kleiner blonder Junge, fünf Jahre alt, das ist Diegmann selbst.

Er sagt, dass er als Minderjähriger missbraucht wurde und bis heute an den Folgen leidet. Er ist jetzt 51 Jahre alt, ein hagerer Mann, Halbglatze, die restlichen Haare kurz rasiert. Er sitzt in seinem Wohnmobil, sein Hund rutscht immer dann näher an ihn heran, wenn sich in seinen Augen Tränen sammeln.

Vor fast 30 Jahren ging Diegmann das erste Mal zur Polizei, doch seine Angaben waren nicht präzise genug und die Taten verjährt. Seit knapp vier Jahren kann Diegmann sich sehr detailliert erinnern. Auch an das, was der Sohn der Untermieterin, gerade volljährig, mit ihm gemacht habe, sagt Diegmann. Über sieben Jahre hinweg habe der ihn vergewaltigt, immer wieder.

Einer seiner Brüder bestätigt die Taten und sagte mit ihm bei einer Anhörung aus. Eine Psychotherapeutin bescheinigt Diegmann eine posttraumatische Belastungsstörung mit depressiven Episoden sowie eine Borderlinestörung. Sie beschreibt auch die Ursache: "Herr D. wurde in seiner Kindheit über Jahre sexuell von mehr als einem Täter missbraucht." Er kannte die Menschen, die ihm Gewalt antaten. Experten sprechen von sexueller Gewalt im familiären Umfeld.

Mit den Folgen des Missbrauchs haben die Betroffenen nicht selten ein Leben lang zu kämpfen. Diegmann ist mittlerweile arbeitsunfähig. Seinen Job als selbstständiger IT-Experte kann er nicht mehr ausüben, nun muss er sich Therapien erkämpfen und von 800 Euro netto leben.

Zwar haben die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche und in der reformpädagogischen Odenwaldschule, die 2010 die Republik erschütterten, zu Veränderungen geführt. Die Politik hat Verjährungsfristen verlängert, Gesetze verschärft, Geld für Studien und Entschädigungen bereitgestellt, mehr Prävention angemahnt.

Aber solche Ansätze greifen vor allem langfristig. Und noch nimmt die Zahl der minderjährigen Missbrauchsopfer offenbar weiter zu. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Universitätsklinikums Ulm, die nächste Woche vorgestellt wird. In einer repräsentativen Umfrage unter Einwohnern ab 14 Jahren gaben 13,9 Prozent an, als Kind oder Jugendlicher missbraucht worden zu sein. 2010 hatte eine Studie mit derselben Methodik noch einen Wert von 12,6 Prozent ergeben. Zugenommen hat insbesondere die Zahl der Menschen, die ihren Antworten zufolge schwer missbraucht wurden, von 6,2 auf 7,6 Prozent.

Etwa jeder Siebte in Deutschland hat demnach in seiner Kindheit oder Jugend sexuelle Gewalt erlebt. Besonders häufig stammt der Täter aus der eigenen Familie oder dem Umfeld. Wegen der schwierigen Beweislage kommen solche Täter oftmals ohne Strafe davon. Außerdem schweigen viele Betroffene, weil sie die Familie nicht auseinanderreißen wollen. Die psychischen Folgen können besonders schwer sein, weil der Missbrauch durch nahestehende Personen die Fähigkeit der Kinder beschädigt, anderen zu vertrauen. Betroffene leiden auch körperlich: Sie erkranken häufiger an chronischen Krankheiten und an Krebs. Außerdem geraten sie eher in soziale Schieflagen, weil sie für längere Zeit erwerbsunfähig sind.

Die neue Studie ist auch deshalb wichtig, weil sie Aussagen des bekannten Kriminologen Christian Pfeiffer infrage stellt. Der hatte vor sechs Jahren verkündet, die Zahl der Betroffenen sei gesunken, auf 6,2 Prozent. Fast alle Medien griffen die Studie auf, das "Deutsche Ärzteblatt" meldete: "Sexueller Missbrauch an Kindern zurückgegangen" - und zitierte Pfeiffer: "Entgegen aller Erwartungen ist der sexuelle Missbrauch an Kindern und Jugendlichen drastisch zurückgegangen."

Präventionsexperten erlebten danach, dass Schulleiter ihre Angebote mit dem Hinweis ablehnten, das Problem werde ja geringer. Dabei kritisierten Experten Pfeiffers Studie heftig, methodisch sei sie nicht sauber. Pfeiffer widerspricht: "Die Studie ist valide." Und: "Sie sollte freilich niemanden dazu veranlassen, die Hände in den Schoß zu legen." Sexueller Missbrauch müsse weiterhin entschieden bekämpft werden.

"Von Entwarnung konnte und kann keine Rede sein", sagt Professor Jörg Fegert von der Uniklinik Ulm, der die aktuelle Studie verantwortet, "sexueller Missbrauch nimmt in Deutschland nicht ab." Stattdessen "muss man leider von einem zunehmenden Trend sprechen", so Fegert.

Der Kinderpsychiater sitzt dem wissenschaftlichen Beirat des Familienministeriums vor und leitet das Ulmer Zentrum für Traumaforschung. Er drängt auf mehr Prävention: "Die Fragen des Kinderschutzes bleiben eine Daueraufgabe." Als Grundlage seiner Studie dient das "Childhood Trauma Questionnaire", ein Fragebogen, mit dem emotionale und körperliche Vernachlässigung sowie Misshandlungen erfasst werden. Das Sozialforschungsinstitut Usuma ging mit dem Formular Ende vergangenen Jahres in ganz Deutschland klingeln, rund 2500 Menschen antworteten, Alters- und Geschlechtsverteilung decken sich weitgehend mit der in der Gesamtbevölkerung.

Missbrauchsopfer Hein: Kopfschmerzen, Schwindel, Panikattacken
Djamila Grossman/ DER SPIEGEL

Missbrauchsopfer Hein: Kopfschmerzen, Schwindel, Panikattacken

Die Befragten mussten 28 Aussagen bewerten, fünf davon zu Missbrauch. Gefragt wird etwa, ob während Kindheit und Jugend jemand drohte, "mir wehzutun oder Lügen über mich zu erzählen, wenn ich keine sexuellen Handlungen mit ihm ausführe". Oder ob jemand "mich drängte, bei sexuellen Handlungen mitzumachen oder bei sexuellen Handlungen zuzusehen". Ob dies zutreffe, wurde gefragt, und wenn ja, wie häufig das vorgekommen sei.

Fegert hält es für möglich, dass der Anstieg damit zusammenhängt, dass Menschen heute eher über Missbrauch sprechen als früher. Andererseits sei das Thema in der Vergleichsstudie 2010 wegen der Skandale weitaus präsenter in der öffentlichen Debatte gewesen. Die polizeiliche Kriminalstatistik, die Anzeigen erfasst, zählt seit 2010 eine nahezu gleichbleibende Zahl von Fällen. 2015 wurden deutschlandweit 13.327 mutmaßliche Fälle wegen Missbrauch von Minderjährigen registriert.

Die Ulmer Studie zeigt zudem, wie sich sexuelle Gewalt auch körperlich auswirken kann. Menschen, die in Kindheit oder Jugend schweren Missbrauch erlebten, leiden doppelt so oft an starkem Übergewicht, haben fast dreimal so häufig Diabetes und annähernd doppelt so oft Bluthochdruck. Auch wird bei ihnen sechsmal häufiger Krebs und viermal häufiger ein Herzinfarkt diagnostiziert. Sie berichten mehr als dreimal so oft von chronischen Schmerzen. Missbrauchsopfer verletzen sich außerdem weitaus öfter selbst und unternehmen häufiger Suizidversuche.

Andrea Hein hat viele Symptome bei sich beobachtet: Kopfschmerzen, Schwindel, Panikattacken. Bei bestimmten Gerüchen werde ihr übel, Naturjoghurt etwa. "Die Konsistenz", sagt sie und schüttelt angewidert den Kopf. Manchmal könne sie den Mund kaum öffnen, die Muskeln im Gesicht schliefen einfach so ein. Dazu die Träume, in denen jemand vom unteren Bettende auf sie draufsteigt.

Hein heißt eigentlich anders, sie möchte ihren Namen nicht nennen. Sie sagt, der Missbrauch durch einen Freund ihres Vaters habe jahrzehntelang nicht ihr Leben bestimmt, so schien es jedenfalls. Als Unternehmensberaterin war sie erfolgreich, bis die körperlichen Symptome immer stärker wurden. Dann wollte sie sich selbstständig machen, um in etwas ruhigerem Tempo weiterzuarbeiten. Die Arbeitsagentur verweigerte ihr jedoch die Fortbildung, sie sei dafür viel zu krank, habe man ihr mitgeteilt. Sie wandte sich an die Rentenversicherung, wollte Erwerbsminderungsrente. Doch die Rentenversicherung teilte ihr mit, sie sei fit genug, um zu arbeiten. Hein klagte, ohne Erfolg. Seit sieben Jahren geht es hin und her.

Betroffene berichten oft, es sei fast unmöglich, Hilfe und Entschädigungen zu bekommen. Die Krankenkassen limitierten die Zahl und die Dauer von Therapien. Und eine entsprechende Reform des Opferentschädigungsgesetzes steht aus.

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Probleme zu benennen und zu beseitigen. Die Bundesregierung hatte die Gruppe nach dem Vorbild ähnlicher Kommissionen im Ausland ins Leben gerufen, um Missbrauchsstrukturen besser zu verstehen und eventuelle Reformen anzugehen. Seit September führen dort psychologisch geschulte Mitarbeiter zweistündige Gespräche mit Betroffenen, die sich gemeldet haben. Sie lassen sich vom Missbrauch und den Folgen erzählen, anschließend schreiben sie einen Bericht. Knapp 860 Menschen haben sich angemeldet, 111 Gespräche wurden geführt. 148 Betroffene haben schriftliche Berichte eingeschickt.

Anders als Opfer aus kirchlichen Einrichtungen, Internaten oder Heimen schließen sich Menschen, die im familiären Umfeld missbraucht wurden, weniger zusammen, weil sie keinen Kontakt zueinander haben. Deswegen veranstaltete die Kommission Ende Januar zum ersten Mal eine öffentliche Anhörung, bei der Betroffene ihre Geschichten auf einer Bühne erzählten.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD), die in der ersten Reihe saß, war von den Schilderungen so berührt, dass sie versprach, sich für Missbrauchsopfer stärker einzusetzen. Vergangene Woche hat das Familienministerium zugesagt, die Gelder der Aufarbeitungskommission so aufzustocken, dass insgesamt 550 Anhörungen finanziert werden können.

Jürgen Wolfgang Stein wurde bereits angehört. Auch er wollte seine Geschichte zu Papier bringen, erzählen, was der Vater ihm und seiner Schwester angetan hat. Stein war noch im Kindergartenalter, als es anfing. Der Vater, ein ehemaliger Kriegsmarinesoldat, war Trinker, oft arbeitslos, er schlug. Und er verlangte von seinen Kindern, ihn zu befriedigen, verging sich an ihnen. Zwölf Jahre dauerte die Tortur, die Mutter wusste vom Missbrauch, stoppte ihn aber nicht. Irgendwann zeigte er den Vater an. Fünf Jahre saß der daraufhin im Gefängnis, für damalige Verhältnisse eine lange Strafe.

Missbrauchsopfer Stein: "Stahlplatte zwischen Kopf und Körper"
Djamila Grossman/ DER SPIEGEL

Missbrauchsopfer Stein: "Stahlplatte zwischen Kopf und Körper"

Stein, heute 63 Jahre alt, arbeitet beim Familienministerium in Sachsen-Anhalt, engagierte sich jahrzehntelang ehrenamtlich beim Kinderschutzbund. Er ist ein zuvorkommender Mann mit freundlichen Augen, der sich gut ausdrücken kann. Fragt man ihn nach den Dingen, die sein Vater ihm angetan hat, definiert er erst einmal das Wort Missbrauch, bevor er konkreter wird. Irgendwann sagt er: "Letztendlich bin ich dazu gekommen, meinem Vater zu vergeben."

Es dauerte Jahrzehnte, bis Stein das konnte. Lange fühlte er sich wie taub: "Es war, als hätte ich zwischen Kopf und Körper eine Stahlplatte, die Gefühle blieben unten und mein Kopf wusste nichts von ihnen." Stein studierte Psychologie, absolvierte eine Ausbildung als Kinderpsychotherapeut und setzte sich lange mit sich selbst und dem Missbrauch auseinander, auch in 240 Stunden Psychoanalyse. Am Ende traf er den Vater, sah einen "schmächtigen Mann in schlecht sitzendem Anzug, dem ich vieles voraushatte". Nach zwei Stunden verabschiedete er sich - und sah den Vater nie wieder.

Damit auch andere sich vom Missbrauch und den Folgen lösen können, müsse der Staat dauerhaft Hilfe bereitstellen, sagt der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig. Es dürfe nicht sein, dass die Kommission, der Betroffenenrat, er selbst und sein Stab, aber auch der Hilfsfonds für Opfer immer wieder um ihre Finanzierung bangen müssten. Rörig hofft, dass sich die Befristung mit der nächsten Legislaturperiode ändert, er hat den Parteivorsitzenden von CDU, SPD, Grünen und Linken geschrieben.

Markus Diegmann, dem Mann mit dem Schlafsack, dauert das zu lange. "Ich will nicht rumsitzen, allein, mit den Erinnerungen", sagt er. Seit Januar reist er mit seinem Wohnmobil durch Deutschland, steht jedes Wochenende auf einem anderen Marktplatz. Er will aufmerksam machen. Und er sammelt Unterschriften: "Ich will, dass die Verjährungsfristen abgeschafft werden."

Lange Zeit begann die Frist mit der Volljährigkeit zu laufen, seit 2015 beginnt sie erst ab dem 30. Lebensjahr der Betroffenen. Diegmann möchte, dass Missbrauch genauso wenig verjährt wie Mord. "Etwa 5000 Unterschriften habe ich schon", sagt er. Zum ersten Mal lächelt er.



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