AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2017

Missbrauchsskandal in Tauberbischofsheim "Haltet bloß die Klappe!"

Grabschereien und sexuelle Gewalt sogar gegen Minderjährige - ein Skandal erschüttert das weltberühmte Fechtzentrum in Tauberbischofsheim. Statt endlich aufzuklären, versuchen Verantwortliche vor allem eines: Den Ruf des Klubs zu retten.

Fechterinnen in Tauberbischofsheim
Daniel Peter/DER SPIEGEL

Fechterinnen in Tauberbischofsheim

Von und


Der Ort der großen Gefechte war in Tauberbischofsheim stets die Planche. Neuerdings wird auch auf offener Straße angegriffen.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 20/2017
Emmanuel Macron rettet Europa ... und Deutschland soll zahlen

Jemand erzählt, wie vor ein paar Wochen vor dem Haus seiner Nachbarin ein Auto anhielt: "Der Fahrer ließ den Motor laufen und hupte, meine Nachbarin kam aus dem Haus, sie filmte den Mann mit ihrem Smartphone, weil er schon mal bei ihr vorgefahren war. Als sie ein paar Meter vor seinem Wagen stand, gab er plötzlich Gas, raste auf sie zu. Sie flüchtete ins Haus."

Die beiden Personen sind keine Schauspieler am Set eines Fernsehkrimis. Es sind Arbeitskollegen, sie sind am Fechtzentrum in Tauberbischofsheim beschäftigt.

Wer sich in diesen Tagen dort umhört, bekommt einige solcher Geschichten erzählt. Die Leute sprechen von "Psychospielchen" und "Telefonterror", von einem "System der Angst". In manchen Gesprächen rollen Tränen. Einige sagen ganz unverblümt, dass sie diesem oder jenem Kollegen den Tod wünschen.

Das ist Tauberbischofsheim, das selbst ernannte Mekka des Fechtsports, im Mai 2017. Ein Ort, an dem gehasst wird.

Vor fünf Wochen berichtete der SPIEGEL, dass Sportlerinnen des Fecht-Clubs Tauberbischofsheim dem Trainer Sven T. vorwerfen, sie bedrängt, belästigt und begrapscht zu haben. Die Vorfälle sollen sich zwischen 2003 und 2016 ereignet haben. Bei den Anschuldigungen geht es um derbe Kommentare über die Brüste der Sportlerinnen, Hände am Po, sexuelle Gewalt sogar gegen Minderjährige.

Manche der Zeuginnen gehören zu den besten deutschen Fechterinnen, einige waren bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen am Start. Im vergangenen November wandten sie sich an Funktionäre des Landessportverbands Baden-Württemberg (LSV), bei dem Sven T. 25 Jahre lang beschäftigt war. In langen Gesprächen erzählten sie von den Übergriffen. Der LSV kündigte daraufhin dem Trainer im Dezember fristlos. Sven T. bestreitet die Vorwürfe und zog gegen die Kündigung vor Gericht.

Einige der betroffenen Frauen fechten noch in Tauberbischofsheim, das macht die Situation so kompliziert. Sie haben auch einflussreiche Männer belastet wie Matthias Behr, den Chef des Olympiastützpunkts (OSP). Er soll die Entgleisungen des Trainers vertuscht, Beschwerden ignoriert haben.

In der Politik zeigte der Fall bereits Wirkung, Baden-Württemberg pumpt jährlich rund 13,5 Millionen Euro in den Leistungssport. "Wir ziehen in Erwägung, die Förderung der Sportverbände künftig an die Einhaltung von Präventionsmaßnahmen zu koppeln, die dabei helfen sollen, sexuelle Gewalt in Vereinen zu verhindern", sagt Sportministerin Susanne Eisenmann. Seit den Vorwürfen gegen Sven T. befinde man sich "in der Prüfungsphase".

Für den erfolgreichsten Fechtverein der Welt geht es jetzt auch um die Existenz. Wenige Tage nachdem die Anschuldigungen öffentlich geworden sind, hat sich der erste Sponsor zurückgezogen. Die Frage ist: Wie viel Wahrheit verträgt der Ruf der Medaillenschmiede?

An einem Sonntag Ende April strömen Senioren mit Deutschlandfähnchen und Familien mit Kindern in die Emil-Beck-Halle. Es ist der Finaltag des Reinhold-Würth-Cups, des wichtigsten Turniers des Jahres in Tauberbischofsheim, ein Weltcup mit Dorffestcharakter. Florettfechterinnen aus 16 Nationen kämpfen um den Titel, eine Big Band spielt, es gibt Bratwürste.

Auch Sportlerinnen, die den Fall um Sven T. ins Rollen gebracht haben, stehen auf der Planche. Das deutsche Team belegt Platz zwei hinter Italien. Der Bundestrainer ist zufrieden, seine Fechterinnen hätten "sehr frei gewirkt", sagt er.

Die Vorwürfe sind ein Tabuthema in der Halle, niemand redet offen darüber. Ein Pressesprecher lässt die Fechterinnen nicht aus den Augen, Fragen zu Sven T. würgt er ab. Jemand erklärt dem SPIEGEL die Stimmung: "Uns wird von oben gesagt: Alles wird gut, aber wir sind jetzt mal schön still, gell?" Und: "Bitte zitieren Sie mich nicht mit meinem Namen, sonst habe ich hier kein schönes Leben mehr."

Woher kommt diese Angst?

Es klingt zunächst gut, dass der Klub eine "unabhängige Taskforce" eingesetzt hat. Drei der fünf Mitglieder sind Juristen, eine Frau arbeitet ehrenamtlich in einer Opferberatungsstelle. Sie sollen die Anschuldigungen überprüfen und versprechen "rückhaltlose" Aufklärung. Es gibt eine Hotline für Zeugen, der Verein möchte ein Werteleitbild erarbeiten.

Der Sport versucht gern, seine Probleme in den eigenen Reihen zu lösen. Die Taktik ist leicht zu durchschauen: Diejenigen, die in Krisenzeiten als Aufklärer dienen, helfen dabei, den Imageschaden so gering wie möglich zu halten. Eine effektive Ermittlung scheint nicht erwünscht.

Recherchiert man zu den Mitgliedern der Taskforce, wird klar, dass sie nicht so unabhängig sind, wie der Klub es darstellt. Alle fünf wurden vom Vorstand des FC berufen, schon das mutet seltsam an.

Die ernannten Experten wohnen in Tauberbischofsheim oder in der Nähe. Unter den Taskforce-Mitgliedern und ihren Ehefrauen sind fünf in der CDU, sie treffen sich auf Parteiveranstaltungen. Einige kennen die Beschuldigten, vor allem den OSP-Chef Behr. Ein Beispiel: Sebastian Warken, Rechtsanwalt in Wertheim, leitet die Taskforce. Seine Söhne sind Mitglieder im Fecht-Club und gehen dort zum Kinderturnen. Ein Interessenkonflikt? Warkens Ehefrau, Nina Warken, die für die CDU im Bundestag sitzt, ist regelmäßiger Gast bei Vereinsfesten. Sie kennt Behr persönlich. Nina Warken sitzt außerdem, gemeinsam mit der Ehefrau eines weiteren Taskforce-Mitglieds, im Gemeinderat in Tauberbischofsheim und im Vorstand der Bürgerstiftung. Behr spendet dieser Organisation die Erlöse aus dem Verkauf seiner Biografie. In den vergangenen zwei Jahren waren das 2500 Euro. Zwischen den vermeintlichen Ermittlern und den Beschuldigten gibt es nicht nur private Verflechtungen, sondern auch finanzielle.

Ursula Enders nennt dieses Vorgehen eine "Alibiaufklärung". Enders ist Leiterin der Opferberatungsstelle Zartbitter in Köln und Expertin für die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen. "Die Personen der Taskforce und die möglichen Täter kommen aus demselben sozialen System", sagt sie, "das widerspricht gängigen Standards bei der Aufklärung."

Rechtsanwalt Warken will sich auf SPIEGEL-Anfrage nicht öffentlich äußern.

Olympiasieger Bach (M.), Behr (r.), Teamkollegen 1976
Sven Simon

Olympiasieger Bach (M.), Behr (r.), Teamkollegen 1976

In Tauberbischofsheim hängt alles mit allem zusammen, und alles hängt mit dem Fechten zusammen. Um das zu verstehen, muss man den Bürgermeister besuchen. In seinem Rathaus, gleich hinter dem Eingang, steht eine lebensgroße Puppe in Fechtausrüstung, die Klinge stolz nach oben gerichtet. Ein paar Stufen hoch, dann kommt der Medaillenschrank, darin ein Foto von 1976. Matthias Behr und der heutige IOC-Präsident Thomas Bach halten ihre Medaille in die Kamera, sie hatten bei den Spielen in Montreal Gold geholt. Bei ihrer Rückkehr wurden sie in Cabrios durch Tauberbischofsheim kutschiert, Menschen jubelten ihnen zu, als wären die Fechter nicht bei Olympia gewesen, sondern auf dem Mond.

Noch eine Treppe weiter, dann ist man bei Wolfgang Vockel im Büro. Der Bürgermeister, graues Haar und breites Lächeln, hat mehrere Interviewtermine platzen lassen, dann redet er doch noch. Er schwärmt vom Fechten und dessen Bedeutung für die Stadt. Man müsse wieder auf das Niveau von früher kommen, sagt Vockel. Und der Fall um Sven T., die Enthüllungen? Er habe sich nicht darüber gefreut, sagt der Bürgermeister. Auch seine Tochter hat früher mal für den FC Tauberbischofsheim gefochten. "Es kann nicht angehen, dass in einem Sportverein solche Dinge möglich sind", sagt Vockel. Kurze Pause, dann: "Wenn es denn so stimmt."

Auf dem Weg aus seinem Büro kommt man an einem weiteren Foto von Bach vorbei. Man würde gern wissen, was er über die Affäre in seinem Heimatverein denkt, doch der Ehrenbürger der Stadt will nichts sagen. Sein Sprecher lässt aus Lausanne ausrichten: "Dem IOC ist es aus der Ferne nicht möglich, sich zu Einzelfällen zu äußern." Dabei ist Bach noch immer gut in Tauberbischofsheim vernetzt. Als er vor gut drei Jahren seinen 60. Geburtstag in der Stadthalle feierte, war auch Behr eingeladen.

Es ist kein Wunder, dass man in Tauberbischofsheim ständig einen Satz hört: Hier kennt jeder jeden. Vielleicht ist genau dies das Problem.

Die Staatsanwaltschaft teilte kürzlich mit, kein Ermittlungsverfahren gegen Sven T. und Behr zu eröffnen. Nicht etwa, weil sie wüsste, dass an den Vorwürfen der Sportlerinnen nichts dran ist. Sondern weil mögliche Straftaten verjährt sind oder die entsprechenden Strafanträge von Betroffenen fehlen.

Dabei gäbe es genügend Menschen, die relevante Vorwürfe vorzubringen hätten. Ein früherer Trainer sagt: "Ein Teil der Leute im Fechtzentrum sind Verbrecher, es gibt dort Grapscher, Alkoholiker, Korrupte. Und jeder hat es gewusst." Tatsächlich? Viele sagen, sie wüssten etwas, und kaum jemand handelt, wie kann das sein?

Eine Trainerin, die ebenfalls lange in der Emil-Beck-Halle neben der Planche stand, erzählt von aufgebrachten Eltern, die sich bei ihr über T. beschwert haben sollen. Einige Fechterinnen hätten seinetwegen mit dem Sport aufgehört. "Wir waren hilflos", sagt die Trainerin, "es war nicht klar, an wen man sich wenden kann, von oben wurde es unter den Teppich gekehrt." Gemeint ist damit vor allem Behr.

Bei einem Jugend-Trainingslager 2009 in Inzell verfasste eine Fechterin einen Brief, handschriftlich, sie beschwerte sich über T., der auch dabei war: "Sven ist total besoffen", heißt es darin. "Er grapscht alle an, ist eklig, stinkend und pervers." 21 Sportlerinnen und Sportler haben den Brief unterschrieben, auch Behr soll ihn bekommen haben. Damals war er Leiter des Fechtinternats. Mehrere Sportlerinnen sagten dem LSV, dass sie nach dem Trainingslager von ihm in seinem Büro zum Schweigen gebracht worden seien.

Behr bestreitet das. Er hat sich nach den Veröffentlichungen krank gemeldet. Der "Main-Post" gab er zwischendurch ein Interview, es habe sich "niemals auch nur eine Schülerin" wegen des beschuldigten Trainers an ihn gewandt. Sein "guter Name" werde "in den Dreck gezogen".

Es gibt allerdings Aussagen von jemandem, der damals im Fechtzentrum gearbeitet hat, die sich anders anhören: "Matthias Behr hat den Brief 2009 gelesen, so wie ich auch. Es gab auch ein Video aus dem Trainingslager, das zeigte, wie der Trainer betrunken und wankend über eine Schnellstraße läuft. Die Sportlerinnen, die den Brief verfasst hatten, wurden ins Büro von Behr zitiert. Ich war bei dem Gespräch dabei. Er drohte den Mädchen, sie aus dem Kader und dem Internat zu werfen, falls sie die Vorwürfe nicht zurücknehmen. Ihnen wurde gesagt: Haltet bloß die Klappe!"

Der Brief, eine DIN-A4-Seite lang, ist zum Knackpunkt der Affäre geworden.

Es gibt Sportlerinnen, die stehen zu seinem Inhalt und zu ihrem Namen darunter. Andere haben ihre Unterschrift nach dem Trainingslager zurückziehen wollen. Dem SPIEGEL liegt die Aussage einer Fechterin vor: "Sven hat mich nachts angerufen und an mein christliches Gewissen appelliert, meine Unterschrift zurückzuziehen. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt." Also habe sie Behr gesagt, dass sie sich von der Beschwerde distanzieren möchte. Wieder andere sagen jetzt, sie hätten den Brief "aus Gruppenzwang" unterzeichnet oder dass sie "bei der Unterschrift angetrunken" gewesen seien.

Wer in Tauberbischofsheim glaubwürdig ist, das entscheidet am Ende wohl ein Richter. Sven T. hat am Arbeitsgericht in Heilbronn Klage gegen den LSV und seine Kündigung eingereicht. Die Parteien haben sich zu Güteterminen getroffen, zuletzt am vergangenen Montag. Die Vorwürfe seien "der Hammer", sagte T. dort. Und etwas lauter: "Alles frei erfunden." Noch lauter: "Wie eine Hinrichtung."

Zur nächsten Verhandlung hat der Richter mehrere Sportlerinnen als Zeuginnen geladen. Der Anwalt von T. setzt darauf, dass sie vor Gericht einknicken werden. Der LSV macht sich da keine Sorgen, niemand sei bislang von seiner Aussage abgerückt, teilt der Verband mit.

Im Gegenteil. Es meldeten sich laufend neue Zeugen.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sojetztja 15.05.2017
1.
Ich bin der festen Überzeugung, dass im Sportbereich eine ganze Menge solcher Verbrechen geschehen. Wir schauen beim Thema Pädophilie viel auf die KIrchen, aber ganz ehrlich: Wo ist es für potentielle Sexualstraftäter denn besonders einfach, in den Intimbereich ihrer Opfer vorzudringen und ein Vertrauens- und/oder Abhängigkeitsverhältnis zu schaffen? Antwort: im Sportverein. Oder ums (dem Thema eigentlich unangemessen) polemisch zu sagen: Um in einem Dorfverein ein Bambini-Training zu geben, muss man nicht erst jahrelang ein Prieserseminar besucht haben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 20/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.