AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2017

"Mito-Therapie" Neue Power für die Körperzellen - geht das?

Mitochondrien gelten als Kraftwerke im Körper. Doch während die seriöse Forschung erst am Anfang steht, versprechen Alternativmediziner die Heilung fast aller Gebrechen. Was steckt dahinter?

Frau beim Fitnesstraining: In den Mitochondrien wird Energie erzeugt.
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Frau beim Fitnesstraining: In den Mitochondrien wird Energie erzeugt.


Fast jeder kennt sie noch aus dem Biologieunterricht, wenn die Zelle durchgenommen wird: jene kleinen, ovalen Gebilde, die Mitochondrien, oft auch Kraftwerke der Zelle genannt. In ihnen werden Fette und Kohlenhydrate verbrannt - so wird Energie für den Körper erzeugt.

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Heft 37/2017
Die Berliner Ruhe trügt - in Deutschland brodelt es

Jedes Nervensignal, jeder Herz- oder Wimpernschlag, letztlich auch jeder Gedanke braucht die Power aus den Mitochondrien. Stellten die Zellorganellen plötzlich die Arbeit ein, würde der Körper liegen bleiben wie ein Auto, dem das Benzin ausgegangen ist.

Kein Wunder also, dass sich Forscher für Mitochondrien interessieren. Ihre große Hoffnung: eines Tages mit ihrer Hilfe Krankheiten heilen zu können. Mehr als 189.000 wissenschaftliche Artikel verzeichnet die medizinische Datenbank PubMed inzwischen zum englischen Suchbegriff "mitochondria"; der erste erschien im Jahr 1913 in der renommierten Fachzeitschrift "Science".

Doch nun haben Alternativmediziner und Heilpraktiker die Mitochondrien für sich entdeckt. Sie behaupten, das zu können, wovon die Wissenschaft noch träumt: kurieren. Zahlreiche Praxen werben im Internet mit dem neuen Trend, behaupten "Burn-out beginnt in den Mitochondrien", wollen "die volle Zellkraftwerkspower wiederherstellen".
Die Botschaft klingt ja einleuchtend: Sie fühlen sich stets müde, abgeschlagen? Na klar, die Kraftwerke der Zelle sind schuld! Sie können sich kaum konzentrieren, haben keine Kraft mehr, sind depressiv? Bestimmt tragen Sie eine Mito-Malaise mit sich herum. Auch für Probleme und Krankheiten wie Migräne, Reizdarm, unerfüllten Kinderwunsch, Diabetes, häufige Infekte und Übergewicht werden kaputte Mitochondrien verantwortlich gemacht. Doch was ist dran?

Die Angebote der "Mito-Medizin" haben vor allem eines gemeinsam: Sie sind teuer und müssen in aller Regel selbst bezahlt werden. Zunächst der Labortest, um die "mitochondriale Dysfunktion" zu diagnostizieren, und danach die Therapie, meist teure Nahrungsergänzungsmittel, die den schlappen Mitochondrien wieder Leben einhauchen sollen.

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Seriöse Wissenschaftler sind alarmiert. Durch die Quacksalberei, fürchtet der Experte Hans Zischka, könnte das ganze Forschungsgebiet in Verruf geraten. Der Forscher vom Institut für Molekulare Toxikologie und Pharmakologie am Helmholtz Zentrum in München untersucht seit Jahrzehnten, welche Stoffe Mitochondrien schädigen können. "Die ganze Disziplin steht am Scheideweg", sagt Zischka. Zwar sei nicht alles, was die Alternativmedizin behaupte, Unsinn. Nur verhalte sich die Sache eben viel, viel komplizierter - und etliche wichtige Fragen ließen sich noch nicht beantworten. "Wenn dann die harte Wissenschaftlichkeit fehlt", sagt Zischka, "sind Sie schnell im Bereich Voodoo."

Carsten Culmsee, Pharmazieprofessor an der Philipps-Universität Marburg, hält die Formel "Erschöpfung gleich Mitochondrienleiden" für eine grobe und unzulässige Vereinfachung. "Was die Rolle der Mitochondrien bei Erkrankungsprozessen angeht, befinden wir uns noch in der Grundlagenforschung."

Anerkannt von der Medizin sind bislang vor allem mitochondriale Erkrankungen, die durch Mutationen im Erbgut entstehen und bei den Betroffenen schwere Schäden an Muskeln, am Nervensystem oder an anderen Organen hervorrufen, wie etwa jene Krankheit, an der kürzlich in Großbritannien das Baby Charlie Gard verstarb. Dessen Fall ging durch die Presse, weil seine Eltern vor Gericht eine experimentelle Therapie in den USA erstreiten wollten.

Der Kinderarzt Markus Schülke von der Berliner Charité ist auf solche Mitochondriopathien spezialisiert und behandelt erkrankte Kinder in einer Spezialsprechstunde. Ein- bis zweimal pro Monat kommen auch Erwachsene zu ihm, die bei einem Mitochondrienheiler waren und von Schülke eine Zweitmeinung wollen. "Ich sage ihnen, dass sie ihr Geld verschwenden", sagt der Kinderarzt. Die alternative Mitochondrienmedizin sei ein "Paralleluniversum", bestimmt von dem Wunschdenken, die "Ursache für alle Zivilisationskrankheiten gefunden zu haben".

Zugleich ist in den Labors der Wissenschaftler inzwischen klar geworden, dass sich Funktionsstörungen der Mitochondrien durchaus bei vielen Leiden feststellen lassen, beispielsweise bei Parkinson, Amyotropher Lateralsklerose, Depressionen, Diabetes oder Krebs. "Mitochondrien sind das Drehkreuz für fast alle biochemischen Stoffwechselwege", sagt Volkmar Weissig, Professor für Pharmakologie an der Midwestern University im US-Bundesstaat Arizona und Präsident der World Mitochondria Society. "Kurz gesagt: Es gibt wahrscheinlich kaum eine Erkrankung, an der die Mitochondrien nicht irgendwie beteiligt sind."

Doch anders als alternative, selbst ernannte "Mito-Mediziner", die in kaputten Zellkraftwerken die Wurzel allen Leidens sehen, zweifeln seriöse Wissenschaftler, ob Mitochondriendefekte die Krankheit auslösen - ebenso gut könnte es sich um Kollateralschäden handeln. "Es ist nicht klar, was die erste Ursache ist", sagt Alessandro Prigione, Mitochondrienforscher am Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin. "Das ist einer der Schlüsselpunkte, an denen weiter geforscht werden sollte."

Tatsächlich sind viele Fragen noch offen, und Therapien gegen Alzheimer, Diabetes oder Krebs, die an den Mitochondrien ansetzen, sind zwar denkbar, liegen aber in weiter Ferne - wenn sie überhaupt jemals Wirklichkeit werden.

Ähnlich unsicher sieht es bei der Diagnostik aus. Zahlreiche alternativmedizinische Praxen behaupten auf ihren Websites, die Mitochondrienfunktion mit einem Bluttest messen zu können. Wissenschaftler halten genau das derzeit noch für ein großes Problem. "Was wirklich fehlt", sagt Hans Zischka, "ist eine verlässliche Labordiagnostik."

Noch schlimmer ist die Situation bei der Therapie. Alternativmediziner empfehlen neben allgemeinen Maßnahmen wie einer Ernährungsumstellung, weniger Stress, mehr Bewegung und mehr Schlaf (immerhin Maßnahmen, die nicht schaden können) vor allem eine Therapie mit Spurenelementen, Vitaminen und teuren Nahrungsergänzungsmitteln wie etwa Coenzym Q10.

Es ist der Patient, der diese Mittel bezahlen muss. Etwa 20 Euro kosten 120 Kapseln Vitamin B12 bei einem Internetversand, rund 30 Euro muss man für 60 Kapseln L-Cystein hinlegen und fast 50 Euro für 60 Kapseln Ubiquinol, einer Coenzym-Q10-Form mit, so behauptet der Hersteller, besonders guter "Bioverfügbarkeit". Qualitativ hochwertige Studien, die belegen, dass diese Substanzen wirken, gibt es nicht.

Schlimmer noch: Die Behandlung könnte sogar massiv schaden. "Wenn jemand Krebs hat, vielleicht ohne es zu wissen, booste ich dann vielleicht mit der Therapie vor allem die Mitochondrien in den Krebszellen?", fragt Zischka. "Das weiß niemand." Die Bedeutung der Mitochondrien sei zentral. "Da einzugreifen muss mit äußerster Vorsicht erfolgen."

Dringend solle die Mitochondrienmedizin deshalb ihre Empfehlungen durch hochwertige Studien untermauern. Dabei müssten gute Forscher helfen, meint Volkmar Weissig. "Ich verstehe, dass seriöse Ärzte sich von Quacksalbern, die fragwürdige Mito-Medizin betreiben, distanzieren wollen", sagt er.

Aber wer wisse das schon, manchmal sei ja auch ein Körnchen Wahrheit in dem, was Scharlatane tun. "Deshalb darf ihnen die Wissenschaft bei so einem wichtigen Thema nicht das Feld überlassen."



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fpa 13.09.2017
1. Von Dr. Bodo Kuklinski bis Prof. Detlev Ganten
Völlig aus der Luft gegriffen ist das ganze mit den Mitochondrien sicher nicht. Und wenn sich jetzt Heilpraktiker darauf stürzen, so ist das zum größten Teil der Ignoranz - in GB sogar offener Feindschaft - der herkömmlichen Mediziner gegenüber jenen Ärzten, die sich mit Mitochondrien-Therapie beschäftigten, wie Kuklinski und wenige andere in Deutschand (http://www.dr-kuklinski.info/) oder Frau Dr. Myhill in England (http://drmyhill.co.uk/wiki/Main_Page). Deren Forschungen, Beobachtungen und Therapieergebnisse fristeten hier eher ein Schatten Dasein. Denn die Biochemie von Kuklinski haben hier nur die doch etwas ideologisch angehauchten Umweltmedizinern um Klaus-Dietrich Runow und Bad Emstal nachvollziehen können. Und die eigentliche Kritik an Kuklinski und Co. bestand eher darin, dass für seine Vorgehensweise eine riesige Testbatterie nötig ist, die nicht von den Kassen getragen wird, und fast nur in Labors ausgeführt werden, an denen gerade jene Ärzte auch selbst beteiligt sind. Sowohl mit dem generellen Cure-it-all, was Autoimmunerkrankungen anbelangt, als auch mit der extrem ausgeprägten persönlichen Spezifizierung der Therapie, galten sie als lange als total dubiose Außenseiter. Das hat sich in den letzten 10 Jahren allerdings grundsätzlich gewandelt. All das ist gerade bei langjährigen führenden Forschern heute gängiges Wissen, siehe z.B. den langjährigen Ex-Charité-Chef Prof. Ganten (Evolutionsmedizin) zur Individualisierung (https://www.youtube.com/watch?v=TFBF0ZWydpE) oder die geradezu explodierende Forschung zum Mikrobiom (http://www.zeit.de/wissen/2017-05/mikrobiom-bakterien-menschen-krankheit-forschung) und dessen wahrscheinlich enormer Rolle bei SÄMTLICHEN Zivilisationskrankheiten. Ich persönlich halte es für sehr gut möglich, dass die Erforschung dieses bisher völlig vergessenen "Organs" Mikrobiom - also der bakteriellen Umwelt, mit der wir in Symbiose leben, und die von Mensch zu Mensch sehr stark variiert -, im Sinne einer Vorbeugung durch Lebensstiländerung (v.a.) Ernährung und Stress, obige Testbatterien weitestgehend obsolete machen könnte. Und wenn die praktizierenden Mediziner sich in diesem Sinne nicht frühzeitig weiterbilden, dann ich es nur begrüßen, wenn die Heilpraktiker schon heute in diese von den Medizinern selbst verschuldete Lücke stoßen. Dass es für Ärzte auch anders geht, zeigt z.B. Eckehard von Hirschhausen: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=61703 . Das Label ist nicht das Entscheidende. Es geht um Compliance, sonst fehlt die Motivation zu Verhaltensänderungen. Bzw. geht es bei der positiver Gesundheitsvorsorge im Sinne von Antonovsky zuallererst um Stimmigkeit (Verstehbarkeit, Sinnhaftigkeit, Durchführbarkeit). Von solchen Gedanken ist die gängige Reparaturmedizin allerdings noch meilenweit entfernt. Dass das nicht so bleiben muss zeigt eben Prof. Ganten, in seiner aktiven Zeit einer der führenden Gen-Forscher http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/wie-man-krankheiten-verhindert-detlev-ganten-im-gespraech-13216966.html
dachbodenstradivari 13.09.2017
2.
Es gibt ein uraltes Mittel, um die Mitochondrien zu "boosten": Sport. Das gibt es kostenlos für jeden, ist allerdings anstrengend ;-)
0x8000 13.09.2017
3. Wer an sich an die
Immundefektambulanz der Charite in Berlin wendet, um Hilfe bei einer CFS-Erkrankung zu erhalten, könnte eine Empfehlung zu Prof. Dr. Huber in Heidelberg erhalten. Prof. Huber behandelt orthomolekular, zu den begleitenden Tests gehört nicht nur der auf das intrazelluläre ATP, sondern darüber hinaus Untersuchungen zum Status des Immunsystems und weitere, denn nur im Zusammenspiel sind die Schädigungen zu erkennen. Kleine Studien anhand der Erkrankungen der Patienten werden in Zusammenarbeit mit dem Labor IMD Berlin durchgeführt. Auf diese Weise konnte z.B. der gegenseitige Einfluss des IL inf-alpha und des ATP-Gehalts gefunden werden, publiziert in einer Zeitschrift, die kaum ein Schulmediziner liest. Dass Prof. Huber kein "Scharlatan" ist, sollte schon daraus erkennbar sein, dass er im zehnjährigen PCB-Prozess in Frankfurt/Main 1992 die schweren Schädigungen des Immunsystems der vom Holzschutzmittel Vergifteten nachweisen konnte. Der Gutachter der Gegenseite hatte hingegen einen Begriff kreiert, mit der anstelle einer körperlichen Erkrankung die Angst vor der Vergiftung durch Holzschutzmittel als Ursache der Erkrankungen der Geschädigten beschrieben wurde. Diese Konstellation findet sich noch heute in der deutschen Medizin, die bestimmte Erkenntnisse, die in anderen westlichen Ländern als anerkannt gelten, ignoriert. Weiterbildungen zur sogenannten inflamatorischen Entzündung, z.B. durch die Online-Akademie Inflamatio.de, werden in Berlin-Brandenburg als jährliche Weiterbildungen für Mediziner akzeptiert. Zumindest dort wächst glücklicherweise das Wissen. Als Betroffener sind sie überglücklich, auf einen Mediziner wie Prof. Huber zu treffen.
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