AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2016

Unterwegs mit Navid Kermani Als wäre der Krieg nur ein Spiel

Der Maidan-Platz in Kiew ist fest in der Hand der Freizeitgesellschaft. Nur einige Tafeln zeigen Soldaten, die im Osten der Ukraine kämpfen. Der Krieg könnte nicht weiter weg sein.

Dor­f­idyl­le auf dem Weg von Kiew an die Front
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Dor­f­idyl­le auf dem Weg von Kiew an die Front

Eine Reise durch einen sich verändernden Kontinent von


Der Schriftsteller Navid Kermani, 48, gilt als einer der wichtigsten Intellektuellen des Landes und schreibt, neben seinen Büchern, Reportagen aus Krisengebieten. Diesmal führt ihn seine Fahrt in den Osten Europas, hier Teil 4 seines Tagesbuchs.

Dreizehnter Tag

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Heft 43/2016
Deutsche Bank: Die Geschichte eines Untergangs

Auch ohne die pedantischen Grenzkontrollen und den einsamen Duty-free mitten im Wald würde ich merken, dass ich in einem anderen Land bin: an den Schlaglöchern. Auch fallen mir sofort, Westbindung hin und her, die alten Ladas auf. Im Nachbarland waren deutlich mehr westliche Autos auf den Straßen zu sehen. Dafür sehen wir, als wir gegen sieben Uhr in den ersten Ort einfahren, Menschen auf den Bürgersteigen, es gibt Geschäfte mit Schaufenstern, Cafés, eine Dönerbude, bunte Lichter. In Weißrussland, das in der russischen oder vielleicht sogar sowjetischen Hemisphäre Europas geblieben ist, belebt der Mensch nicht den öffentlichen Raum.

Drei Stunden später in Kiew dann endgültig die Rückkehr ins eigene Koordinatensystem. Vielleicht weil ich von Eindrücken schon entwöhnt bin - auch die Landschaft ist schließlich seit Vilnius nur noch flach und eintönig gewesen -, kommt mir das Nachtleben umso greller, anarchischer vor, die Restaurants und Bars bis auf die Bürgersteige gefüllt, die gut gekleideten jungen Menschen, die erkennbar vergnügungssüchtig sind, eine Stadt, die zugleich boomt und zerfällt, hier pittoresk heruntergekommene Altbauten, dort bereits die Gentrifizierung, die das gewöhnliche Leben aus den Gassen vertreibt, die Straßenbahnen noch aus dem Kalten Krieg, wo in Minsk alles picobello war, Schmutz auf den Straßen, der in Weißrussland nirgends lag, die Armut sichtbar und der Reichtum umso protziger ausgestellt.

An den Gebäuden rings um den Maidan sind hier und dort noch Einschusslöcher zu sehen, in der Mitte auch Fotos der Märtyrer aufgestellt. Ansonsten ist der riesige Platz mit den Stalin-Bauten, der in den Nachrichtensendungen einen ganz falschen Eindruck vom historischen Stadtbild vermittelte, längst von der Freizeitgesellschaft zurückerobert worden, Touristen, Jugendliche, Familien mit Kindern, die gleichen Straßenkünstler wie in Krakau oder Barcelona, der ganze Tand, den man früher nur auf der Kirmes fand. Auf einigen Werbetafeln sind Soldaten zu sehen, die im Osten kämpfen. Der Krieg könnte nicht weiter weg sein.

Im Video: Der Schauspieler Oleg Filimonov über seine Heimatstadt Odessa und den schwierigen Umgang mit der ukrainischen Identität.

Milos Djuric / Der Spiegel

Vierzehnter Tag

Konstantin Batozsky lotst mich zum Frühstück in eine der Kaffeebars der Unterstadt, die original aussehen wie Berlin, Prenzlauer Berg, altes Gemäuer, aber der gebrauchte Eindruck dennoch künstlich hergestellt, vintage die weiß getünchten Sperrholzregale, Barhocker und Dosen, intelligente Popmusik, alle Zutaten bio, die Kekse hausgemacht und der Cappuccino vom Feinsten. Konstantin ist Politikberater, war einmal für Serhij Taruta tätig, der zu den liberaleren Oligarchen gehört, und ist trotz seiner Weltläufigkeit stolzer ukrainischer Nationalist. Dabei hat er selbst keinen Tropfen ukrainisches Blut im Körper, wie er ironisch vermerkt, 1980 in Donezk geboren, der sowjetisch geprägten Industriestadt im Osten, wo heute die Separatisten herrschen, wuchs ohne Bezug zur ukrainischen Kultur auf, beherrschte die Sprache so gut wie nicht und ging zum Politikstudium nach Moskau. Als die Revolution ausbrach, stellten sich die meisten seiner Bekannten wie selbstverständlich auf die Seite der Regierung, die das Land nach Osten ausrichtete. Konstantin zögerte kurz. Dann flog er nach Kiew und marschierte mit auf dem Maidan. Warum?

"Weil die politischen Ideale meine eigenen waren: Freiheit, Demokratie, Europa."

Inzwischen lerne er Ukrainisch, und seine Kinder wüchsen von Anfang an zweisprachig auf. "Und was soll mit den vielen anderen Menschen geschehen, deren Eltern oder Großeltern innerhalb der Sowjetunion umgesiedelt worden sind?", frage ich. Plötzlich fänden sie sich in einem Staat wieder, mit dem sie nichts verbindet. Ja, sagt Konstantin, sicher sei das schwierig. Er verstehe auch seine Familie, die in Donezk geblieben ist: Sie hätten keine sonderlichen Sympathien für die Separatisten, aber sie seien alte Leute, konservativ, nicht willens, ihre Heimat aufzugeben.

"Aber was ist mit den Russen, die in der sowjetischen Zeit in die Ukraine gekommen oder umgesiedelt worden sind?", hake ich nach. "Man kann doch diese Leute nicht alle zwingen, die ukrainische Kultur anzunehmen."

"Warum nicht?", meint Konstantin: "Mindestens müssen sie sich für ihre Kinder entscheiden, ob sie Ukrainer oder Russen sein sollen."

"Und was, wenn sie Russen bleiben wollen?"

"Das wird natürlich ein Problem sein."

"Was für ein Problem? Werden sie dann vertrieben?"

"Nein, aber jene, die unter dem Einfluss der russischen Propaganda stehen, werden gewaltige Schwierigkeiten haben, sich in die Ukraine zu integrieren."

Ich frage, ob seine jüdische Herkunft eine Rolle gespielt habe bei der Entscheidung, die nicht nur ein Bruch mit vielen Freunden war - "Faschist", nannte ihn einer -, sondern auch mit der eigenen Heimat Donezk, in die er nicht mehr zurückkehren kann. Mit dem Judentum habe das allenfalls so weit zu tun, dass in der Sowjetunion der Antisemitismus natürlich virulent gewesen sei - er habe sich als Kind geängstigt, fast geschämt, als er erfuhr, dass seine Familie jüdisch sei. Vielleicht spreche ihn die Hoffnung auf Gleichheit deshalb besonders an. Aber sei der ukrainische Nationalismus denn keine Bedrohung für ihn?, möchte ich wissen. Jedweder Nationalismus definiere doch diejenigen, die dazugehören, und alle anderen, für die das Gleichheitsversprechen nicht gilt. Nein, das mit dem ukrainischen Nationalismus verstünde ich falsch, antwortet Konstantin und fragt, ob er mich mal zu den ganz Bösen führen solle: dem Regiment Asow.

"Sind das die mit den faschistischen Emblemen, den ausgestreckten Armen?"

"Ja, genau die", bestätigt Konstantin und lacht, "die Nazis."

"Sie als Jude wollen mich zu den Nazis führen?"

"Das sind keine Nazis, Sie müssen das mehr als eine Jugendkultur verstehen. Diese Symbole - das empfinden die als schick, damit wollen sie provozieren. Aber es geht nicht um Hitler, es geht darum, gegen Russland zu sein, mehr so wie Fußballfans."

"Fußballfans?"

"Schauen Sie sich's mal an."

An­ti­rus­si­sche Pro­pa­gan­da
Milos Djuric / DER SPIEGEL

An­ti­rus­si­sche Pro­pa­gan­da

Mittags bin ich in einer kleinen Aula, in der die Kiewer Krimtataren die Eröffnung ihrer Schule feiern, genau gesagt einer Nachmittagsschule, denn ein eigenes Gebäude besitzt die Exilgemeinde noch nicht. Luftballons, Kinderaufführungen und die Kameras des Krimfernsehens. Die Eltern sind stolz, wie es Eltern auf der ganzen Welt sind, und die Ansprachen so zäh, dass die Kinder ungeduldig wie alle Kinder werden. Auch der Imam sagt etwas, aber ein Kopftuch trägt hier keine Frau. Außer den Gesichtszügen sind nur die Tänze eindeutig orientalisch, gleichsam schwebende Bewegungen über rasenden Rhythmen, angesichts des Alters geradezu verstörend sinnlich, dazu Trachten aus einer exotischen, sehr bezaubernden Welt. Wirklich, man muss nur die Kindertänze sehen in ihrer seltenen Mischung aus Unschuld und Körperbewusstsein, um den Verlust zu fühlen, wenn mit den Krimtataren eine weitere europäische Kultur verschwände.

Der Führer der Krimtataren, Refat Tschubarow, den ich nach der Schuleröffnung in seinem unscheinbaren Büro treffe, kann der politischen Aussichtslosigkeit nur den Verweis entgegenhalten, dass sein Volk bis jetzt noch immer alle Schläge überlebt habe. Tatsächlich ist es nicht eben realistisch, dass sich irgendwer auf der Welt für seine kleine Minderheit verwendet, die Ukrainer nicht, die wegen der Krim keinen zweiten Krieg gegen eine Großmacht führen werden, Europa schon gar nicht, das mit Russland gerade genug andere Konflikte hat.

Mehr melancholisch als empört zählt Tschubarow Leiden um Leiden seines Volkes auf, Vertreibungen, Deportationen, Massenmorde, Verhaftungen, Landraub, Diskriminierungen und falsche Beschuldigungen, früher der Kollaboration, heute des religiösen Extremismus. Gerade hatte sich mit der Unabhängigkeit der Ukraine und der Rückkehr der Krimtataren aus der Verbannung eine Zukunft abgezeichnet, eine friedliche und freie Existenz, in der sie die Trümmer ihrer alten Kultur sammeln und neu aufbauen können, da hat die russische Annexion der Krim sie wieder zu Bürgern zweiter Klasse gemacht. Immer habe sein Vater gesagt, fast wie ein Gebet: Wir werden heimkehren, wir werden heimkehren. Er kehrte heim auf die Krim und starb am 13. März 2014, als er in den Straßen wieder russische Soldaten sah. Seine Mama - der Sechzigjährige benutzt dieses Wort: Mama -, die Mama lebt noch zu Hause, wo er sie nicht mehr besuchen kann.

"Stalin hat meine Eltern deportiert, Putin mir die Eltern genommen."

Eine Perspektive, wie die Krim wieder zurück in die Ukraine geführt wird, vermag Tschubarow nicht aufzuzeigen. Russland müsse stärker unter Druck gesetzt werden, sagt er beinah verzweifelt, um selbst zu konstatieren, dass der deutsche Außenminister im Gegenteil die Sanktionen aufweichen wolle, um Verhandlungen zu führen.

"Du gibst einem Erpresser alles, damit er mit dir in Verhandlungen tritt - worüber willst du dann noch verhandeln?"

Drücke ihn der Pessimismus nicht nieder, frage ich. Nein, sagt Tschubarow, nein, es gebe so viele Lösungsmöglichkeiten, man müsse nur in der Geschichte schauen.

"In der Geschichte?", frage ich. "Das 20. Jahrhundert ist doch voll von Vertreibungen, und kaum eine ist rückgängig gemacht worden. Im Gegenteil: Länder wie Polen, Deutschland, auch die Griechen oder Türken konnten ihren Frieden nur machen, weil sie sich mit den Vertreibungen abgefunden hatten."

"Ja, aber Deutschland hatte noch ein Land. Die deutsche Sprache, die deutsche Kultur war nicht vom Aussterben bedroht. Die Führer der großen Nationen haben kein Gefühl dafür, wie es für Minderheiten ist. Wenn wir verlieren, dann verlieren wir alles. Dann gibt es uns nicht mehr."

Die Krimtataren seien nicht so viele, nur wenige Millionen über die Welt verstreut. Dass ihre Sprache, ihre Kultur überlebt, verstehe sich nicht von selbst. Deshalb die Schuleröffnung, deshalb das Exilfernsehen - ob das langfristig reicht?

"Es gibt in der Geschichte auch andere Beispiele", sucht Tschubarow nach Gründen, um zuversichtlich zu sein.

"Welche denn?"

"Nehmen Sie nur Südtirol. Die haben auch eine Lösung gefunden. Man muss nicht immer die Grenzen neu ziehen. Man kann auch ein bisschen kreativer sein. Europa hat das bewiesen."

"Ist das nicht etwas zu optimistisch?"

"Nein, ich bin ein informierter Optimist."

Fünfzehnter Tag

Der Legende nach, die sich längst um den Euromaidan rangt, hat ein Afghane die Revolution in der Ukraine ausgelöst. Das sei natürlich Quatsch, beteuert Mustafa Najem, der jener Afghane ist; es sei nur zufällig sein Aufruf gewesen, auf die Straßen zu gehen, der sich in Windeseile verbreitete; genauso gut hätte es ein anderer Post sein können. Wie auch immer, auf dem Maidan treffen kann er sich mit mir nicht, dort würden ihn zu viele Leute ansprechen. Deshalb verabreden wir uns in einer Seitenstraße, hundert Meter vom Schauplatz der Revolution entfernt.

Der Maidan in der ukrainischen Hauptstadt Kiew
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Der Maidan in der ukrainischen Hauptstadt Kiew

Najem kam als Kind nach Kiew, als sein Vater in zweiter Ehe eine Ukrainerin heiratete. Bevor ihn der Maidan zum Helden machte, war er bereits berühmt als investigativer Journalist. Vor zwei Jahren nun ist er zum Politiker geworden: Auf der Liste von Regierungschef Petro Poroschenko zog er ins Parlament. In der Ukraine seien die Politiker alten Typs fast alle Geschäftsleute, die die Politik als eines ihrer Geschäftsfelder verstünden, erklärt Najem. Wer keinen eigenen Konzern oder keine Fabrik besitze, gelte als schwach, der werde nicht ernst genommen. Die neuen, jungen Politiker müssten den Beweis erbringen, dass man kein Geld brauche, um Veränderungen durchzusetzen.

"Als Journalist bist du immer auf der richtigen Seite. Verantwortung zu übernehmen ist viel schwieriger. Als Politiker musst du Dinge vertreten, bei denen du unsicher bist, die gegen deinen Instinkt gehen, du musst Kompromisse schließen. Du siehst, wie das läuft, du siehst die ganze Korruption. Dann stellst du auch noch mit einem Mal fest, dass die Leute dir misstrauen, ja, dass die meisten enttäuscht von dir sind. Ich höre das oft, dass ich meine Ideale verraten hätte. Ich komme damit nicht gut klar, dass mich viele für einen Verräter halten."

"Und würdest du sagen, dass dein Wechsel in die Politik dennoch richtig war?"

"Ja, absolut. Es ist eine Evolution, im Kleinen haben wir in den zwei Jahren schon einiges geschafft. Aber klar, die Leute sind nicht zufrieden, und die Leute haben ja auch recht. Wir sind noch weit von der Demokratie entfernt, die wir uns vorgestellt haben. Nur werden wir sie nun einmal nicht verwirklichen, wenn wir nicht in die Institutionen hineingehen. Wir sind jetzt dran! Unsere Generation muss nach und nach das Land übernehmen."

Ich frage Najem, ob er als Afghane Probleme habe in der ukrainischen Politik. Nein, antwortet er, überhaupt nicht. Nicht einmal die Rechten, die ihn für seine politischen Vorstellungen kritisierten, bezögen sich auf seine Herkunft.

"Aber die radikalen Nationalisten sind doch ein Problem, oder etwa nicht?", frage ich in Gedanken an das Regiment Asow, das ich nachmittags besuchen werde.

"Sicher gibt es Radikale", antwortet Najem, "aber im Parlament haben sie nur wenige Abgeordnete, und in der Bevölkerung vertreten sie vielleicht sieben, vielleicht zehn Prozent, nicht mehr. Vergleich das mit Frankreich, mit Österreich. Und das, obwohl wir im Krieg sind, obwohl wir mehr Vertriebene unterbringen müssen als irgendein Land in Europa."

Die Ukraine, fährt Najem fort, den Staat zu verteidigen, dessen Bürger er spät geworden ist, verkörpere wie kein anderes Land das europäische Projekt einer Einheit in der Vielfalt, so viele Völker gebe es hier, Rumänen, Georgier, Polen, Juden, Krimtataren, Weißrussen und so weiter. Der erste, der bei der Niederschlagung des Maidan gestorben ist, sei ein Armenier gewesen, der ersten Regierung nach dem Maidan hätten Minister aus fünf Nationen angehört.

"Die Ukraine ist das Land, in dem zuletzt jemand mit der Europafahne in der Hand umgebracht worden ist. Wir waren wohl ein bisschen zu naiv, aber dafür haben wir wenigstens noch Leidenschaft, um für die europäischen Werte einzustehen. Ja, ich mag das!"

"Sprichst du eigentlich noch Persisch?", frage ich, und als Mustafa bejaht, entsteht eine etwas kuriose Situation: Ein Afghane, dessen Vater es in die Ukraine verschlagen hat, hält einem Iraner, dessen Eltern es nach Deutschland verschlagen hat, hundert Meter vom Maidan entfernt das denkbar flammendste Plädoyer für die Europäische Union - auf Persisch.

"Europa will führen, okay - aber dann musst du auch führen, dann musst du deine Werte verteidigen. Wenn Europa seinen größten Verbündeten, seinen treuesten Anhänger nicht unterstützt, lässt es sich selbst im Stich. Denk an 1938, als Hitler das Sudetenland ins Deutsche Reich eingliederte. Nicht unser Problem, sagten damals Frankreichs und Großbritanniens Eliten. Und was geschah? Denk an den Bukarest-Gipfel der Nato April 2008, da lehnte Deutschland die Mitgliedschaft der Ukraine ab. Und was war das Argument? Wir sollten den russischen Bären nicht reizen. Und was passierte? Vier Monate später führte Russland in Georgien Krieg. Und sechs Jahre weiter eroberten sie Donezk. Oder Syrien! Das passiert, wenn man auf Russlands Aggression nicht reagiert: Aleppo. Die Europäer denken, die Ukraine sei eine Pufferzone. Das ist ein großer Fehler: Die Ukraine ist die Grenze. Wenn du die Grenze nicht schützt, wird sie überrannt. Wir haben keine Wahl, wir müssen sowieso kämpfen. Aber Europa hat die Wahl. Russland will Europa schwächen, es zettelt Kriege an, es unterstützt überall die antieuropäischen Bewegungen. Und was macht Europa? Es lässt sich schwächen. Es reagiert nicht, es lässt Russland agieren."

"Aber was sollte Europa tun?"

"Ich frage zurück: Was wird geschehen, wenn Europa nichts tut? Was werden die nächsten Kriege sein?"

Natürlich gehe es nicht um eine direkte militärische Konfrontation, das verlange niemand. Es gehe darum, den ökonomischen Druck aufrechtzuerhalten. Ja, mittelfristig gehe es auch darum, der Ukraine eine Mitgliedschaft in der Nato in Aussicht zu stellen, gehe es um die EU. Vor allem aber gehe es ums Selbstbewusstsein. Europa sei etwas wert, es habe eine unglaubliche Anziehungskraft. Es dürfe sich nicht so billig verkaufen.

Vom Maidan nehme ich ein Taxi in eines der Randgebiete von Kiew, wo sich eine Fabrik an die andere reiht. An der angegebenen Adresse erwartet Konstantin mich bereits, aber nicht nur er, sondern auch drei andere junge Leute, der eine mit Hipsterbart, der andere mit zwei auffälligen Ohrringen, eine Frau im Träger-T-Shirt mit kurzen punkigen Haaren und vielen Tattoos. Aus dem Auto, das vor der Einfahrt steht, erklingt laute Rockmusik. Nein, wie Nazis sehen sie nicht eben aus.

Das Gelände, das wir betreten, gehört zu einer stillgelegten Fabrik, die dem Regiment Asow als Hauptquartier und Übungsplatz dient. Wegen des Sonntags treffe ich nur wenige Soldaten an, außerdem eine Krankenschwester. Aus der Maidan-Bewegung hervorgegangen, hätten sie anfangs mit Turnschuhen gekämpft, sagt Nasar Krawtschenko, der den Bart trägt und offizieller Sprecher des Regiments ist; inzwischen seien sie vom Staat anerkannt, so würden nach und nach die Ausstattung und die Ausbildung professionell. Besonders bei der Rückeroberung der Stadt Mariupol gelangte das Regiment, das etwa 1500 Kämpfer haben soll, zu nationalem Ruhm.

Sind das nun die Faschisten, auf die Russland stets zeigt, um zu erklären, warum es der russischen Bevölkerung zur Seite gesprungen ist? Ich komme nicht dahinter, wie radikal die Miliz tatsächlich ist. Die Antworten, die ich erhalte, klingen patriotisch und vor allem dezidiert anti-russisch, aber radikal im Sinne eines rechten, gar völkischen Gesellschaftsprojekts klingen sie nicht. Auch als ich Themen wie Homosexualität oder Abtreibung anspreche, erhalte ich nicht die radikalen Antworten, die in meiner Archivmappe stehen. Ideologisch sehe man sich keineswegs in der Nähe von rechtspopulistischen Parteien wie AfD oder Front National, beteuert Krawtschenko, sondern führe lediglich einen Feldzug gegen die Korruption, die leider epidemisch sei. In der Ukraine könne es überhaupt keinen ethnischen Nationalismus geben, dafür sei die Nation viel zu heterogen.

"Und die Nazisymbole?"

"Ich bin nicht bereit, auf die freudschen Ängste der Europäer Rücksicht zu nehmen", schaltet sich Alex Kovzhoon ein, der die Ohrringe trägt. Er ist ein Freund Konstantins, ebenfalls Jude und scheint sich geradezu lustig zu machen über meinen deutschen Nazikomplex. "Wir haben hier statistisch die wenigsten Hate-Crimes in ganz Europa. Darum geht es doch. Und die Europäer regen sich über irgendwelche Symbole auf. Das sind keine Nazisymbole, es sind unsere eigenen. Schauen Sie sich doch um, hier gibt es keine Hitler-Porträts."

Ehrlich gesagt, kenne ich die Statistik nicht und vermag schon gar nicht einzuschätzen, wie repräsentativ meine hippen Gesprächspartner für das Regiment sind. Jedenfalls ist bekannt, dass die Anführer und viele Mitglieder von Asow rechtsradikalen Organisationen angehören. Und die Wolfsangel mag einmal ein Forstzeichen gewesen sein, wurde aber nun einmal auch von NS-Organisationen getragen und ist heute weltweit ein Erkennungszeichen neonazistischer Bewegungen. Der US-Kongress hat deshalb 2015 jegliche Hilfe für Asow unterbunden.

Um wenigstens eine Stimme zu hören, die sich nicht vorab auf den Berichterstatter aus Deutschland eingestellt hat, spreche ich einen Milizionär an, der etwas martialischer wirkt, ein muskulöser Körper, Bürstenhaarschnitt, die Schläfen ausrasiert, Militärhose und enges schwarzes T-Shirt. Serhij heißt er, 21 Jahre ist er alt, wollte Architektur studieren, weil es schöner sei, Häuser zu bauen, als sie zu zerstören. Aber nun sei das Land im Krieg, die staatlichen Institutionen korrupt, deshalb habe er sich der Miliz angeschlossen, statt in die reguläre Armee zu gehen. Minsk lehne er selbstverständlich ab, und die Krim müssten sie auch noch befreien.

Ich frage Serhij, was er als ukrainischer Nationalist von Mustafa Najem hält - vielleicht, dass er einmal dessen afghanische Herkunft thematisiert. Als investigativen Journalisten habe er Najem sehr bewundert, antwortet Serhij. Aber dann habe Najem Politiker werden, wahrscheinlich viel Geld verdienen wollen, gehöre nun der Regierungsfraktion an und stimme gegen die Interessen des Volkes. Nein, er halte nichts mehr von ihm.

Sechzehnter Tag

Als wir an einer Tankstelle irgendwo an der Landstraße zwischen Dnipro und Donezk im Osten der Ukraine auf eine Abordnung des Bataillons Kiew-1 warten, fährt ein anderer Militärkonvoi vor. Drei stämmige dunkelbärtige Kämpfer, die mehr wie Ringer als wie Soldaten aussehen, steigen aus einem der Lastwagen. Es stellt sich heraus, dass sie Armeepriester sind. Eine kleine, um den Bauch herum beinah kugelrunde Frau mit blonden, dauergelockten Haaren, in denen eine rosa Sonnenbrille steckt, gesellt sich zu uns und hat nach fünf Minuten jedem der Priester einen satten Kuss auf die Stirn gedrückt. Bevor ich erfahre, ob auch die übrigen Schränke von Männern Geistliche sind, fährt der Konvoi schon wieder davon.

Sie sei Patriotin, erklärt uns die Dame fröhlich, Patriotin, wie es in dieser Gegend leider nicht genug Menschen seien, deshalb zeige sie den Soldaten umso herzhafter ihre Unterstützung. Den Krieg wolle natürlich niemand, aber der Riss durch die Ukraine, den er markiere, ziehe sich mitten durch die Familien, auch ihre eigene; die Schwiegermutter zum Beispiel verbiete in ihrem Haus jedes ukrainische Wort. Ihre Klassen - sie arbeite als Lehrerin auf einem Gymnasium - seien zur Hälfte proukrainisch und prorussisch; im Kollegium hingegen waren die meisten Lehrer ihr gegenüber inzwischen regelrecht aggressiv. Und fühle sie sich deswegen unwohl, überlege sie gar, in die Westukraine zu ziehen? Nein, nein, beteuert die Dame, ihnen gehe es bestens, ihr Mann verkaufe Reifen, da mache er durch den Krieg natürlich ein richtig gutes Geschäft.

"Bei den vielen Schlaglöchern", merke ich an.

Seit 20 Jahren habe hier im Osten keine Regierung etwas getan, die Infrastruktur zerfalle, natürlich seien die Leute unzufrieden, das verstehe sie auch, die gleichen Gesichter, die gleichen Ansprachen, dieselbe Bürokratie, alles wie in der Sowjetunion. Aber dann stimmten sie bei jeder Wahl dennoch wieder für die prorussischen Politiker, obwohl jeder wisse, dass sie Diebe seien. "Aber warum?", frage ich. Vor der Zapfsäule breitet die kleine rundliche Dame theatralisch wie eine Opernsängerin die Arme aus und schließt die Augen.

Einer der Männer aus dem Bataillon Kiew-1 setzt sich zu uns ins Auto, um uns Richtung Front zu lotsen. Wjatscheslaw heißt er, Anfang dreißig, schätze ich, ein modisch rasierter Streifen Bart im Gesicht und Tattoos auf den Unterarmen. Sein Geschäft für Türen und Fenster hat er vorübergehend geschlossen, um sein Land zu verteidigen. Einen solchen Enthusiasmus strahlt er aus, als wollte er mich ebenfalls für den Militärdienst gewinnen.

Ukrai­ni­scher Po­li­zist an der Front in Aw­di­jiw­ka
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Ukrai­ni­scher Po­li­zist an der Front in Aw­di­jiw­ka

In einem weiten nördlichen Bogen nähern wir uns dem Kriegsgebiet, passieren Checkpoints, verlassene Häuser und eine zerstörte Eisenbahnbrücke, fahren über Nebenstraßen und auch mal quer durch ein Feld, bis wir von einer Anhöhe aus die Hochhäuser von Donezk erblicken, in der Umgebung einige Rauchschwaden, wahrscheinlich von Mörsergranaten. Wir fahren weiter durch das menschenleere Gebiet in Richtung der Frontstadt Awdijiwka und stehen plötzlich vor einer Chemiefabrik, in der es aus allen Schornsteinen dampft.

"Die arbeitet noch?", frage ich erstaunt.

"Ja", bestätigt Wjatscheslaw: "Der Besitzer bezahlt die Separatisten, damit die Fabrik nicht beschossen wird."

"Das heißt, mit den Arbeitsplätzen in Awdijiwka wird der Krieg gegen Awdijiwka finanziert?"

"Ja, so könnte man es sehen."

An einem voll besetzten Werksparkplatz vorbei erreichen wir das Arbeiterstädtchen, das zu meiner Verblüffung tatsächlich bewohnt ist, Fahrradfahrer, Kinder auf der Straße, ein Fußballplatz, auf dem der Ball läuft, Wäsche vor den Fenstern, die Vorgärten der Plattenbauten gepflegt.

"Was schätzt du, wie viele sind auf eurer Seite, wie viele auf der Seite der Separatisten?"

"50 zu 50. Allerdings sind viele weggezogen, als wir die Stadt zurückerobert haben."

Am Ortsausgang fahren wir in den Hof eines Hochhauses ein, das von Einschusslöchern durchsiebt ist. Auf dem Parkplatz stehen ein altersschwacher Panzer und einige noch ältere Militärfahrzeuge. In dem Hochhaus ist das Bataillon untergebracht, hundert Soldaten auf mehreren Etagen, jede Wohnung eine Männer-WG. Die meisten waren auf dem Maidan und hatten bis vor Kurzem noch bürgerliche Berufe, der eine war Barmann, ein anderer Lehrer. Die Stimmung ist geradezu aufgekratzt, sehr herzlich auch uns gegenüber. Es hat alles ein bisschen etwas von einem Abenteuercamp. Auf einem Helm, der herumliegt, entdecke ich die Runen der SS - aber das sei nur Spaß, versichert mir der Erste, der meinen erschrockenen Blick bemerkt, das habe irgendwer aus Langeweile auf den Helm gemalt und nur, weil die Russen sie immer als Faschisten bezeichneten. Vom Dach sehen wir einige Hundert Meter entfernt den Verlauf der Front.

Mit zehn Soldaten, die Helme und Schutzwesten angelegt haben, steigen wir in einen grauen, Bulli-artigen Minibus, Baujahr 1960 plus, wegen seiner Form in der Sowjetunion "Tabletka" genannt, "Pille" - dass er überhaupt noch fährt! Gut, nach 300 Metern fährt die Pille tatsächlich nicht mehr. Vergebens schieben wir an, um schließlich den Weg zum Schützengraben zu Fuß zurückzulegen. Ihre Kalaschnikows sind von 1972, wie man an der Gravur erkennen kann. Seltsam genug, dass im 21. Jahrhundert in Europa wieder Krieg herrscht - aber noch seltsamer, dass die Ausrüstung fast so alt ist wie der letzte Krieg. Der Einzige, der ein modernes Gewehr trägt, ist der Personenschützer eines jungen Abgeordneten, der auf Truppenbesuch ist.

Durch die Gräben hindurch gelangen wir zu einer Gefechtsstellung, aus der das Maschinengewehr eines Kämpfers lugt, Typ Gewichtheber, auf dem kahlen Kopf ein Piratentuch statt wie auf unseren ein Helm. Drei Stunden Dienst, sechs Stunden Pause, das ist der Rhythmus. Dicht an dicht lehnen wir uns geduckt an die Sandsäcke oder hocken auf der Erde, viel zu viele Menschen für den Verschlag, aber im Graben sollte wohl auch keiner stehen. In der Ferne hören wir Einschläge, dann Funkbefehle: 700 Meter entfernt hat ein Schusswechsel eingesetzt. Gut, so lange warten wir besser hier. Ein passender Moment, denke ich, um über Europa zu sprechen.

"Für wen kämpft ihr, für die Ukraine oder für Europa?"

"Nur für die Ukraine", sagt einer der Soldaten prompt, und ein anderer ergänzt: "Schau dir unsere Waffen an. Das Einzige, was wir von Europa bekommen haben, war ein Humvee. Aber die Ersatzteile haben sie nicht mitgeliefert, deshalb steht das Humvee jetzt herum."

"Aber bedeutet Europa denn gar nichts für euch?", hake ich nach.

"Doch sicher", meint der Gewichtheber, "wir wollen unsere Kinder in Europa aufwachsen sehen. Aber wir können uns ja nicht einmal auf unsere eigenen Politiker verlassen.

"Als ob es nicht genug Geld im Land gäbe, um moderne Waffen zu kaufen", ergänzt ein dritter: "Stattdessen verkaufen sie uns."

"Das heißt, ihr lehnt das Minsker Abkommen ab."

"Natürlich lehnen wir es ab. Wenn die Politiker Mumm hätten, würden sie alle Verbindungen zu Europa kappen."

"Und werdet ihr je wieder mit denen zusammenleben, die jetzt auf der anderen Seite der Front stehen?"

"Meine eigenen Freunde stehen dort", sagt ein junger Mann, der aus Donezk stammt. "Sie verstehen nicht, dass ich mich für die Ukraine entschieden habe, und ich verstehe nicht, wie sie sich für Separatisten entscheiden konnten."

"Sie werden uns nicht vergeben, dass wir sie getötet haben, und umgekehrt", meint der Gewichtheber: "Aber am Ende wird die Zeit heilen. Sie muss, anders geht es ja nicht."

Als wir zurücklaufen, das Gefecht hat wieder aufgehört, steht die Pille immer noch am Wegrand. Es ist heiß, wir tragen die schwere Montur, und so lade ich, als wir an einem Lebensmittelladen vorbeigehen, die Mannschaft zu einem Eis ein. Die Verkäuferin muss lachen, als sie die Soldaten am Tiefkühlschrank sieht. Jeder ein Eis am Stiel in der Hand, gehen wir weiter die Sandpiste entlang und - ja, das sieht jetzt wirklich wie der Ausflug einer, ich will nicht sagen: Pfadfindergruppe aus, aber doch so, als wäre der Krieg nur ein Spiel, das sich jemand ausgedacht hat. Das ist es ja vielleicht auch: ein Spiel, das andere spielen und in dem sie nur Figuren sind. Gestorben sind bisher dennoch 10.000 Menschen real.

Siebzehnter Tag

Im Kulturzentrum von Wolnowacha, 17 Kilometer von der Frontlinie entfernt, treffe ich Mitglieder eines traditionellen Frauenchors, die Leiterin, ihre beiden Töchter und zwei alte Damen. Unfassbar leuchtende Augen haben sie alle fünf, ein extremes Hellblau, und selbst von den Gesichtszügen der Alten scheint ein kindliches Strahlen auszugehen, als ob Singen wirklich jung hielte. Wie schön ein Kopftuch sein kann, wenn es als Schmuck getragen wird, nicht aus Scham wie in der modernen islamischen Welt. Allein schon die Trachten heben das schnöde Intendantenbüro, in dem sie mich empfangen, aus der Gegenwart heraus, aber als die fünf auch noch anfangen zu singen, wähne ich mich endgültig in die Steppe versetzt. Die Stimmen leiern in je unterschiedlichen, kaum zu durchschauenden Intervallen auf und ab. Und sie durchdringen den Raum, das Gebäude, jede einzelne Stimme trägt weit, durch die offenen Fenster in die Stadt.

Sän­ge­rin­nen ei­nes Frau­enchors im ost­ukrai­ni­schen Wolno­wacha
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Sän­ge­rin­nen ei­nes Frau­enchors im ost­ukrai­ni­schen Wolno­wacha

Ich stelle mir vor, wie jemand aus der Ferne diesen Gesang gehört hat, der wie eine Klage klingt, obwohl es ein Hochzeitslied ist. Eine Steppe, das war schließlich einmal auch das riesige Gebiet, das wir seit Tagen durchfahren, eine Steppe, in der sich ein Volk nach dem anderen angesiedelt hat, weil Platz genug für alle da war, jedes Volk in seinem eigenen Dorf, sodass sich die Sprachen und auch die Tänze, Trachten und Sitten bis ins 20. Jahrhundert bewahrt haben. In der Ukraine habe es einmal über hundert Nationalitäten gegeben, erklärt die Chorleiterin und beginnt, die Völker so schnell aufzuzählen, dass der Übersetzer nicht mitkommt. Heute sei es schon schwierig genug, die ukrainische Kultur zu bewahren, die hier im Osten ohnehin nur noch in den Dörfern existiere; im ganzen Donbass seien sie der einzige Chor, der die alten Lieder pflege. Und in der Stadt seien sie nicht einmal gern gesehen.

"Wie meinen Sie das?", frage ich.

"Wenn ich mit meiner Tracht auf die Straße ginge, würden die Leute mich anstarren wie einen Neger. Ich kann nicht einmal unsere Lieder ins Internet stellen, dann werde ich sofort überschüttet von Hasskommentaren. In der Stadt wird unsere Kultur von den meisten Leuten vollständig abgelehnt."

Auf den Straßen von Wolnowacha bemühe ich mich vergebens, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, vor einem Café, in einem Lebensmittelgeschäft, in einem Blumenladen. Der Fahrer, der sonst mit jedem sofort auf Du und Du steht, wirkt heute unwillig, streicht in der Übersetzung meine Fragen zusammen und übersetzt mir wiederum Antworten, die vollkommen nichtssagend sind. Endlich rückt er mit der Sprache heraus: "Die Leute sagen mir eh nicht, was sie denken."

"Ist das die sowjetische Mentalität?"

"Nein, es ist mein Akzent."

"Dein Akzent?"

"Ja, die merken sofort, dass ich aus Lemberg stamme."

Lemberg, das heißt aus dem Westen und also offenbar, dass jemand selbstverständlich auf der ukrainischen Seite steht. Und die Menschen in Wolnowacha und den anderen Städten der Ostukraine - wo stehen sie? Auf der Durchreise, ohne Kontakte vor Ort, ist das kaum herauszubekommen, jedenfalls nicht mit einem Übersetzer aus Lemberg, der seinen Patriotismus auf der Zunge trägt. Auf die andere Seite der Front zu wechseln ist auf die Schnelle schon gar nicht zu schaffen; das ginge nur, wenn ich von Moskau aus anreiste. Das wird dann wohl der Beginn der nächsten Reise sein.

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