AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2017

Interview mit dem "Mittagsmörder" "Verbrecher sein. Das hat sich einfach so ergeben"

Klaus G. tötete in den Sechzigerjahren mindestens fünf Menschen, kam für 50 Jahre ins Gefängnis, nun ist er wieder frei. Was denkt er heute über Schuld?

Ex-Häftling Klaus G. in München
Sven Döring / DER SPIEGEL

Ex-Häftling Klaus G. in München

Von und


Der Mörder kommt pünktlich, sein Schritt ist leicht, sein Händedruck kräftig, zur Begrüßung lächelt er. Er zieht seine orangefarbene Regenjacke aus, setzt sich an den Tisch eines italienischen Restaurants im Süden von München und legt beide Hände auf die rote Tischdecke.

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Heft 40/2017
"Wir sind im freien Fall"

Er hat den Treffpunkt vorgeschlagen, er schätze die Küche hier, sagt er. Als er ins Gefängnis kam, am 1. Juni 1965, da war er 24, gab es noch keine Pizzerien in der Stadt. Kurz schaut er in die Karte, dann bestellt er eine Pizza Parma und ein Radler, er lächelt die Kellnerin an und sagt freundlich "Prego". Er lächelt viel, auch an Stellen des Gesprächs, an denen es darum geht, dass er einer Mutter aus unmittelbarer Nähe ein 9x19-Millimeter-Parabellum-Projektil in die Stirn schoss.

Klaus G. tötete bei mehreren Überfällen mindestens fünf Menschen. Er tötete den Sparkassenangestellten Erich Hallbauer, 50, bei der Arbeit, Vater einer 14-jährigen Tochter. Er tötete bei einem weiteren Raub den Firmenboten Oskar Seidel, 51, seit dem Krieg schwerhörig - er hatte von dem Überfall nichts mitbekommen und suchte gerade seine Lesebrille in der Brusttasche, um Überweisungsformulare auszufüllen. Er erschoss die ahnungslose Mutter Karola Hannwacker, 58, Ladeninhaberin, und ihren Sohn Helmut, 30, der sie verteidigte. Schließlich erschoss er bei einem Ladendiebstahl den Hausmeister Hermann Thieme, unbekannten Alters, der die Kunden seines Kaufhauses beschützen wollte. Er gestand auch den Doppelmord an der 46-jährigen Valeska Eder, Werkstattgehilfin, und ihrem Verlobten Enrique Hering, 54, Versicherungsvertreter. Die beiden waren gerade beim Kartenspiel und wollten bald heiraten. Das Geständnis widerrief er später.
Klaus G. sieht nicht aus wie ein Mörder, weil kaum jemand aussieht wie ein Mörder. Sein Hemd ist gebügelt, sein weißes Haar gescheitelt, er trägt geputzte Lederschuhe und eine Hornbrille, er sieht aus wie ein freundlicher Opa. Nur die Zartheit seiner Hände verrät, dass er nie gearbeitet hat.

Und die wenigen Falten in seinem Gesicht lassen erkennen, dass er kaum Gelegenheit hatte, sich unter der Sonne zu bewegen.

Angeklagter G. im Prozess in Nürnberg 1967: "Wir bleiben wohl unversöhnt"
Friedl Ulrich

Angeklagter G. im Prozess in Nürnberg 1967: "Wir bleiben wohl unversöhnt"

Klaus G. erschoss seine Opfer meist, als mittags die Kirchenglocken schlugen, deshalb nannten die Zeitungen ihn den "Mittagsmörder". Er war einer der meistgesuchten Menschen Deutschlands, zu einer Zeit, als Adenauer noch Kanzler und der Mensch noch nicht auf dem Mond war, Jeans noch Nietenhosen und Polizisten noch Wachtmeister hießen. Dann wurde er ertappt, von Zivilisten überwältigt, verhaftet und verurteilt wegen fünffachen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus, einer Strafe, die es heute nicht mehr gibt.

Klaus G. hat knapp 50 Jahre im Gefängnis gesessen, 18.000 Tage, ein halbes Jahrhundert lang, 50 Weihnachten dort verbracht. Das letzte historische Ereignis, das er von der Welt mitbekam, bevor sich die Zellentür schloss, war die Ermordung Kennedys. Er hat Kurt Georg Kiesinger und Willy Brandt verpasst, Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder. Die Fußball-Weltmeisterschaften 1974, 1990 und 2014. Das Ende des Vietnamkriegs und den Beginn der Europäischen Union. Thomas Gottschalks Geplauder und Michael Jacksons Musik. Den Beginn des Farbfernsehens und den Fall der Mauer.

Im Februar 2015, als 74-jähriger Mann, kam Klaus G. frei. Menschen mit so langen Haftstrafen sterben meist im Gefängnis. Deshalb gab es in der Geschichte der Republik noch nie so einen Fall. Heute ist Klaus G. 77 Jahre alt, ein Mann mit einem verlorenen Leben. Er hat versucht, die Bruchstücke zu ordnen in den letzten Monaten; in diesen Tagen erscheint ein Buch über ihn. Und er ist in das Restaurant gekommen, weil er etwas tun will, was er das letzte Mal vor 53 Jahren bei seinem Prozess tat: Er will Journalisten ein Interview geben, erklären, wer er ist.

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Klaus G. hat gesühnt für seine Taten, er saß 50 Jahre in Haft. Juristisch gesehen hat er seine Schuld abgetragen. Es ist trotzdem unerträglich, ihm zuzuhören, einem Mann, der sich bis heute als ein Opfer sieht - und nicht als der Täter, der er bleibt.

SPIEGEL: Sie haben ein Leben im Gefängnis verbracht. Am Ende wurde Ihnen erklärt, wie man Wäsche wäscht und Essen kocht, wie man Geld abhebt und ein Telefon benutzt. Wie fremd ist Ihnen die Gegenwart?

Klaus G.: Wie ich noch draußen war, da hatte ich früher einen Schallplattenapparat, und jetzt auf einmal ist der Schallplattenapparat aus der Mode gekommen, das gibt es gar nicht mehr so viel. Dann hab ich das begriffen mit den CDs, mittlerweile habe ich schon zwölf. Was mich noch überrascht hat, gerade die vielen Dörfer und Märkte, die ich von früher kenne, das alles, die sind enorm gewachsen, an den Hängen hat man hoch gebaut, die Neureichen. Und alles ist verschandelt, die ganze Gegend ist verschandelt, wegen der Neureichen.

SPIEGEL: Sind die Menschen anders geworden?

Klaus G.: Nein, die sind nicht anders geworden. Die Zeit ist anders geworden. Aber nicht besser.

SPIEGEL: Vermissen Sie etwas aus dem Gefängnis?

Klaus G.: Die Ordnung.

SPIEGEL: Womit füllen Sie Ihre Tage?

Klaus G.: Manchmal stehe ich nachts auf und schaue mir den Sternenhimmel an. Oder ich spaziere einfach so herum. Im Knast hat es ja immer geheißen: Wenn einer erst mal 400 Meter geradeaus laufen kann, dann ist er in Freiheit. Mir wird nie langweilig. Ich bin gern unter Menschen. Heute zum Beispiel war ich im Baumarkt und habe Dübel gekauft. Mir geht es relativ gut.

SPIEGEL: Relativ?

Klaus G.: Wenn ich die Relation jetzt sehe zu meinen früheren Klassenkameraden, die Akademiker geworden sind und die große Autos fahren, ja, dann sehe ich natürlich klein aus. Aber wenn ich das vergleiche mit den Kameraden in der Justizvollzugsanstalt Straubing, wie es mir geht, ich habe ein Fahrrad, ich habe einen Roller, ich habe ein altes Auto - na, da geht es mir doch gut! Und das ist ein Gedanke, der mich tröstet, die anderen, meine Kameraden von Straubing, die haben nichts.

SPIEGEL: Was mussten Sie wieder lernen?

Klaus G.: Für mich war es am Anfang schwer, wieder Rad zu fahren, ich habe immer Angst gehabt, ich fahre in den Straßengraben rein. McDonald's war ungewohnt, da habe ich keine Vorliebe für. Mir war auch das Bier ungewohnt, aber ich muss trinken, wenn ich mal zu irgendeiner Geburtstagsfeier komme, eingeladen werde. Weil sich das so gehört, wenn man schon in Bayern lebt.

SPIEGEL: Haben Sie mal Ihren eigenen Namen gegoogelt?

Klaus G.: Auch schon! Kommt nichts Gescheites raus dabei (lacht). Bei Klaus G. steht da letzten Endes "Mittagsmörder" und alles Mögliche. Ich wollte da auch schon mal bei Google anrufen und mich beschweren. Das ist aber kompliziert.

SPIEGEL: Wann waren Sie zuletzt im Kino?

Klaus G.: Damals, bevor ich verhaftet worden bin, 1965, habe ich mir noch einen Film angeschaut mit Clint Eastwood, "Für eine Handvoll Dollar". Western waren meine Lieblingsfilme.

SPIEGEL: In Ihren psychologischen Gutachten steht, Sie hätten sich schon früh für Waffen interessiert.

Klaus G.: Also wenn einer mich für einen Waffenfetischist hält ... Waffenliebhaber würde ich noch hinnehmen. Aber Waffenfetischist? Mit einem Fetischist, da ist was Komisches gemeint. Nein, so nicht. Das habe ich gesehen als ein Instrument, wo ich mir notfalls einigen Respekt verschaffen kann und wo es dann nach meinem Willen gehen muss. Ansonsten, mei. Die Lieblingswaffe war die Walther PPK, ist ja auch James Bonds Pistole. Sehr handlich und immer zuverlässig.

Aus dem Urteil: 1962 wollte sich der Angeklagte ein besseres Fahrzeug anschaffen. Dazu fehlten ihm aber die Mittel; denn er hatte kein eigenes Einkommen und erhielt damals von seiner Mutter nur ein Taschengeld von 40 bis 50 Mark monatlich. G. entschloss sich zu einem Überfall. Am 10. September 1962 fuhr der Angeklagte mit seinem Volkswagen nach Ottensoos. G. führte zwei schussbereite Waffen bei sich, um gegebenenfalls beim Versagen einer Waffe nicht in Verlegenheit zu geraten. Dann nahm er seine Sonnenbrille ab und betrat gegen 12.00 Uhr den Schalterraum. Dort traf er den 50-jährigen Sparkassenbeamten Erich Hallbauer allein an. G. glaubte, auf Gegenwehr zu stoßen, und gab deshalb sofort einen ersten gezielten Schuss auf Hallbauer ab. Danach sprang er auf den Schaltertisch und schoss von dort noch zweimal gezielt auf ihn. Durch diese aus ca. 1,5 m abgegebenen Schüsse erlitt Hallbauer einen Kopf-, Herz- und Bauchdurchschuss und brach tot zusammen.

SPIEGEL: Sie wuchsen in Franken auf, in der Kleinstadt Hersbruck, Ihr Vater starb im Krieg. Sie hatten wenig Geld, aber große Wünsche: teure Autos, schnelle Motorräder. Sie sind früh kriminell geworden.

Klaus G.: Ich wollte nicht gerne Verbrecher sein. Das hat sich einfach so ergeben. Auf normale Weise komme ich nicht an viel Geld dran. Ja? Also da müssen Sie es schon so machen, Einbrüche oder Überfälle.

SPIEGEL: Mussten Sie dafür beim Mord an Erich Hallbauer dreimal schießen, auf Kopf, Herz und Bauch?

Klaus G.: Normalerweise, wenn er die Händchen gehoben und nichts gemacht hätte, nein. Aber der hat plötzlich hinterlistig zu grinsen angefangen, anscheinend hat er gemeint, ich habe eine Attrappe, hat ein Schubfach aufgerissen, und da habe ich gedacht, da hat er eine Pistole drin. Und da habe ich gesagt, wenn ich die schon sehe, dann ist es schon zu spät, dann habe ich einfach abgedrückt.

SPIEGEL: Der Mann hatte eine 14-jährige Tochter. Haben Sie je versucht, bei ihr um Vergebung zu bitten?

Klaus G.: Nein, nicht.

SPIEGEL: Warum nicht?

Klaus G.: Weil ich gar nicht die Adresse kenne. Ich wäre ja schon froh, wenn ich von meiner eigenen Nichte die Adresse kennen würde, die weiß ich aber auch nicht. Muss ich mal nachfragen auf der Gemeinde.

SPIEGEL: Im Buch, das nun über Sie erscheint, steht: "Klaus G. hat kein Mitleid, er macht seine Opfer für ihr Schicksal selbst verantwortlich." Stimmt das?

Klaus G.: Nein, Mitleid ist schon gegeben, aber nur im geringen Umfang.

SPIEGEL: Alle Ihre Opfer waren wehrlos. Tun sie Ihnen nicht leid?

Fahndungsplakat 1963
NN Archiv

Fahndungsplakat 1963

Klaus G.: Ja, das muss man schon erst mal genau analysieren, was mir da leidtut. Die Schussabgabe hätte nicht so sein müssen, zumindest nicht in der Form, vielleicht mehr aufs Bein oder so oder auf den Arm, aber nicht direkt in die Oberkörper. Man hat ja damals auch beim Hallbauer ein Fahndungsfoto veröffentlicht, und da war die Kugel hier drin (tippt sich auf die Stirn), da war ein Loch in der Stirn - das ist natürlich dann auch nicht gerade ... also da macht man sich sehr unbeliebt, und da gilt man dann als hart und rücksichtslos.

SPIEGEL: Und was würden Sie sagen?

Klaus G.: Ja, ich würde auch sagen, dieser Anschein, der da erweckt wurde, der ist tatsächlich so zu nehmen, ja? Aber ich habe mich davon getrennt, und das frühere Leben, das hat ja keine Auswirkungen mehr auf mich.

SPIEGEL: Ihre Schuld spielt also keine Rolle mehr in Ihrem Alltag.

Klaus G.: Ja, total ausgeklammert. So kann man nicht leben. Da denkt man, wenn einer einen Mord gemacht hat, der muss Zeit seines Lebens vor Schuld triefen, nein, das geht so nicht.

SPIEGEL: Wie geht es dann?

Klaus G.: Ja, natürlich bin ich an manchen Sachen schuld, aber auch darüber muss mal Gras wachsen können. Das geht nicht anders. Zum Beispiel denken Sie an die griechische Sage, an Ödipus, der erst den eigenen Vater umbringt im Hohlweg, ja? Und dann die eigene Mutter schwängert, und der sticht sich dann die Augen aus. Ja. Dadurch wird ja auch nichts mehr besser. Also von gefühlsmäßigen Momenten muss man sich dann auf die rationale Ebene begeben und muss mal sagen: So war es verkehrt, so nie mehr wieder, aber ich kann nicht ständig sagen: Was bin ich für ein schlechter Mensch! Wenn ich zu viel Schuldeinsicht hätte, dann würde ich mich vielleicht irgendwann aufhängen.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich nach den Taten gefühlt?

Klaus G.: Man ist mit sich selber unzufrieden, dass das passiert ist. Man sieht eine gewisse Notwendigkeit dazu, dass es schlecht anders ging, die Situation zu meistern, aber man hat kein gutes Gefühl danach. Nichts ist ja so schlimm wie eine Mordfahndung. In dem Moment, wo ein Mord passiert ist, ist die Polizei auf Vordermann. Die sehen da endlich ihre Möglichkeit, hart durchzugreifen gegen jedermann.

SPIEGEL: Die Zeitungen schrieben damals über Sie, Sie seien ein Mensch ohne Seele.

Klaus G.: Das stimmt nicht. Das Gewissen wird ad acta gelegt. Das Gewissen wird ummauert, weil es nicht opportun ist im Moment, es muss anders handeln, es will anders handeln.

SPIEGEL: Noch wenige Jahre vor Ihrer Freilassung galten Sie den Gutachtern als außerordentlich gefährlich, auch noch im hohen Alter. Wie sehen Sie das?

Klaus G.: Ich möchte keinem schaden. Ich möchte anderen nur nutzen, eine Hilfe sein. Im Nachhinein sehe ich mich als irregeleitetes Schäflein an. Seit ich draußen bin, habe ich mir keine direkten Feinde geschaffen, und ich habe mich immer bemüht, mit den Leuten gut zurechtzukommen. Und ich habe gesagt, wenn ich wieder das alles zu ernst nehme und zu streng bin, jedes böse Wort aufnehme, mich nicht ändern kann, dann komme ich nach kurzer Zeit wieder dahin, wo ich hergekommen bin. Ich muss anders denken, und ich bin auch wieder mal von einer Katze gekrallt worden, sieht man ja hier (zeigt eine Narbe). Früher hätte ich sie totgeschlagen.

SPIEGEL: Und heute?

Klaus G.: Die picke ich auch mal bei Gelegenheit, aber ich schlage sie nicht tot. Also, ich habe mich geändert.

Aus dem Urteil: Da am Fahrzeug wiederholt Reparaturen auftraten, kaufte G. einen neuen Ford. Bei der Bestellung war der Angeklagte fast bargeldlos. Um zu Geld zu kommen, entschloss er sich zu einem neuen Raubüberfall auf die Sparkasse in Neuhaus. Gegen 12:00 Uhr betrat der Angeklagte die Sparkasse. Zwischenzeitlich kamen kurz hintereinander die Kunden Oskar Seidel und Frau Gretel Lang. Letztere hatte ihr kleines Kind dabei. Während der Sparkassenangestellte das Wechselgeld auf den Tisch legte, zog der Angeklagte die Pistole aus der Jacke. Der Firmenbote Oskar Seidel erkannte die Situation offenbar überhaupt nicht und griff mit seiner rechten Hand in Brusthöhe in seinen Mantel hinein. G. hob die P38 mit der rechten Hand bis auf Augenhöhe, zielte auf Seidel und gab drei Schüsse ab. Seidel wurde von zwei Schüssen getroffen, brach zusammen und blieb am Boden liegen. Von der Beute bezahlte G. bei Lieferung des neuen Autos 4000 Mark in bar. Der Restbetrag ging in anderen Anschaffungen auf.

SPIEGEL: Haben Sie manchmal Angst vor sich selbst?

Klaus G.: Nein. Ich habe auch nicht Angst vor mir, dass ich plötzlich auf einen losgehe und den mit dem Messer bearbeite. Im Gefängnis gab es ja überhaupt keine Messer, außer so abgerundete, und bei mir zu Hause, wenn ich in die Küche runtergehe, da haben alle Messer 18 Zentimeter lange Klingen, ein Messer nach dem anderen. Und wenn ich dann so ein Messer in der Hand habe, da habe ich keine Angst vor mir.

SPIEGEL: In damaligen Gutachten über Sie steht, Sie seien ausgesprochen egozentrisch und litten unter abnormer psychopathischer Erregbarkeit, Gefühlskälte und abstrusen Verhaltensweisen.

Klaus G.: Stimmt nicht. Ist verkehrt. Alles überzeichnet.

SPIEGEL: Würden Sie denn sagen, dass Sie krank sind?

Klaus G.: Nein.

SPIEGEL: Aber Menschen bringt man doch nicht einfach so um.

Klaus G.: Ja, eben, das ist ja das, womit ich öfters selber Probleme habe. (lacht)

SPIEGEL: Können Sie verstehen, dass man erschrickt, wenn Sie so einen Satz sagen und dann lachen?

Klaus G.: Ja, kann ich verstehen. Aber mein Leben kann sich nicht nach den Vorstellungen anderer abspielen, mein Leben lebe ich für mich und wie ich es denke. Ich würde sonst ja am laufenden Band nur manipuliert werden. Ich kann nicht anders sein, als ich bin.

Täter G. im Englischen Garten in München: "Ich bin gerne unter Menschen"
Sven Döring / DER SPIEGEL

Täter G. im Englischen Garten in München: "Ich bin gerne unter Menschen"

Klaus G. steht auf, als habe er die vergangene Stunde auf diesen Moment gewartet. Er geht aus dem Restaurant und bleibt einige Minuten lang weg. Sein Auto hat er um die Ecke geparkt, weil er fürchtet, wir könnten uns das Modell und das Nummernschild merken. Als er zurückkommt, trägt er in der Hand zwei Gemälde, die er mit einer Plastikplane schützt. Er stellt sich die Bilder auf die Oberschenkel, als er sich hinsetzt.

Klaus G. hat zwei Fotografien abgemalt, mit Öl auf Leinwand, handwerklich gut, er hat im Gefängnis einen Kurs für Malerei belegt. Eines der Bilder zeigt einen Bergsee, das andere einen Bergwald, zwei Motive, die man schnell vergessen würde, wüsste man nicht, dass ein Mörder die Farben angerührt und den Pinsel geführt hat.

Klaus G. sagt, ein Bekannter von ihm verkaufe seine Bilder über die Internetplattform Ebay, und falls man Interesse habe, ein Bild koste 75 Euro. Er streicht mit der Handfläche über den Rahmen.

SPIEGEL: Was ist gut in Ihrem jetzigen Leben?

Klaus G.: Dass ich die Freiheit genießen kann. Ich war schon immer ein Naturfreund, und ich wollte Revierförster werden. Aber das hat meine Mutter nicht zugelassen. Das hat mich aus der Bahn geworfen. Im Gefängnis aber gibt es keine Bäume. Sind alle weggekommen aus Sicherheitsgründen. Ich musste mich auf einen Schemel stellen, um aus dem Fenster sehen zu können. Aber da gab es tagsüber nur die Mauer und nachts nur gelbes Sicherheitslicht, keine Sterne. Manchmal gehe ich jetzt nachts einfach raus, weil ich es kann.

SPIEGEL: Haben Sie während Ihrer langen Zeit im Gefängnis jemals daran gedacht, sich das Leben zu nehmen?

Klaus G.: Mal kurz, aber das hätte nichts eingebracht.

SPIEGEL: Wie haben Sie die Jahre denn verbracht?

Klaus G.: Da hat eins das andere ergeben. Den Knast machen Sie nicht, der Knast wird mit Ihnen gemacht. Sie sind da nur ein kleines Rädchen. Am Anfang habe ich immer gedacht, irgendwann wird es mir gelingen, dass ich ausbreche. Ich war recht sportlich. Ich konnte schnell laufen, und wenn ich von einer Mauer runtergesprungen wäre, vier, fünf Meter, das hätte ich locker geschafft. Aber man hat besonders auf mich achtgegeben. Mehr als auf jeden anderen, Tag und Nacht. Ich habe mich dann aufs Geigenspiel verlegt, in Straubing habe ich mich ein bisschen mehr vervollkommnet. Am liebsten Operetten. "Zigeunerbaron", das alles. "Fledermaus". Jawohl. Und es war auch immer so, ja, ich habe mir auch gedacht: Mein Leben darf doch nicht nur aus Kriminalität bestehen, nein. (lacht)

SPIEGEL: Woraus bestand es noch?

Klaus G.: Ich hatte insgesamt vier Wellensittiche, ja? Und manche waren so zahm, mit denen konnte ich auf der Schulter, wenn sie gesessen haben, aus dem offenen Fenster rausschauen, die sind nicht weg. Die waren so zutraulich zu mir gerade.

SPIEGEL: Ihren Lieblingswellensittich haben Sie Puppi genannt.

Klaus G.: Ja, wie wir beide zusammengekommen sind, habe ich ihn erst immer fliegen lassen, dass er sich mal beruhigt, ja? Der Vogel. Und dann bin ich auf der Bettstatt gelegen, und er ist auf dem Bauch gelandet, zack, zack, zack, raufgestiegen und so, dann hat er mich in die Lippe gebissen. Da habe ich schon gewusst: Hoppla, das ist ein zahmer Vogel, das ist kein wilder mehr. Der muss nicht mehr zahm gemacht werden, der ist bereits zahm. Dann hat Puppi Gift gefressen und ist kaputtgegangen. Das war natürlich für mich auch sehr erschütternd. Da war ich schon sehr mitgenommen. Also auf den menschlichen Bereich bezogen: als wenn ein guter Freund dann stirbt. Ja. Die Schwanzfedern, die habe ich mir aufgehoben in einer speziellen Tüte.

Aus dem Urteil: Um seine Finanzlage zu verbessern und zu neuen Waffen zu kommen, entschloss er sich, im Waffengeschäft Hannwacker in Nürnberg, Geld und Waffen zu entwenden. Unmittelbar nach Betreten des Ladenraumes begann der Angeklagte mit der Suche nach Geld und Waffen. Während dieser Tätigkeit kam Frau Hannwacker aus den rückwärtigen Räumen des Geschäfts und rief sofort ihren Sohn Helmut. Zwischen ihm und dem Angeklagten kam es jetzt zu einem Handgemenge. Unterdessen gelang es G., seine P38 zu ergreifen. Sofort gab er aus dieser Waffe Schüsse auf Frau Hannwacker ab. Helmut Hannwacker brach in der Nähe seiner Mutter zusammen. Mit seiner PPK-Pistole brachte der Angeklagte beiden darüber hinaus noch je einen Kopfschuss bei. Im Ladenraum entnahm er der Ladenkasse einen geringen Geldbetrag. Anschließend verließ er das Waffengeschäft durch die Eingangstüre.

Im Übrigen sei er wegen des zunächst nicht bestandenen Abiturs auf die Menschen schlecht zu sprechen gewesen. An dem Gelingen seiner Pläne habe er nie gezweifelt; denn wenn ein intelligenter Mensch etwas plane, gehe die Sache schon in Ordnung. Auch sei nach Durchführung der Taten kein bedrückendes Gefühl aufgekommen. Solange er nicht erwischt werde, brauche er sich auch nicht als Täter zu fühlen.

SPIEGEL: Wie sind Sie freigekommen?

Klaus G.: Ich hatte einen guten Willen. Und viele haben es mir nicht gegönnt, die Beamten nicht und die Mitgefangenen auch nicht. Trotzdem bin ich zum Insassensprecher gewählt worden. Weil ich in allem immer korrekt war.

SPIEGEL: Haben Sie das alles auch aus Trotz geschafft, weil Sie am Ende derjenige sein wollten, der da rausgeht?

Klaus G.: Zum Teil haben Sie da auf alle Fälle recht.

SPIEGEL: Weil Sie gewinnen wollten?

Klaus G.: Ja.

SPIEGEL: Und, haben Sie gewonnen?

Klaus G.: Wenn ich denke, dass ich 50 Jahre im Knast gesessen habe, müsste ich mich als Verlierer anschauen. Aber weil ich doch noch mal rausgegangen bin, sehe ich mich als Gewinner an. Also ich kann nicht sagen, ich bin ein Loser, bin ein Loser-Typ, nein, wenn ich denke an die anderen, die vor Neid gelb geworden sind im Gesicht!

SPIEGEL: Sie waren nie verheiratet, haben nie eine Familie gegründet. Ihre Mutter starb, während Sie in Haft waren. Ihr letzter lebender Verwandter ist Ihr Bruder. Er ist jetzt 79 Jahre alt. Haben Sie Kontakt?

Klaus G.: Mit dem habe ich seit mehr als 50 Jahren nicht mehr gesprochen. Er hat mir nie verziehen, dass ich den Familiennamen beschmutzt habe. Ein Dutzend Mal stand ich vor seinem Haus. Er hat nie aufgemacht. Ich habe ihm öfter geschrieben, aber er hat nie geantwortet. Wir bleiben wohl unversöhnt.

SPIEGEL: Was würden Sie ihm sagen, wenn Sie ihn treffen würden?

Klaus G.: Da würde ich ihm sagen: Vergiss mal das Ganze, wir sind Brüder, ja? Und denke nicht mehr an das, denke lieber daran, wenn du dich mit mir versöhnst, wenn du dann mal stirbst und so weiter, das würde dir der Herrgott hoch anrechnen.

SPIEGEL: Sie sind religiös?

Klaus G.: Ich hatte ungefähr nach 25 Jahren Haft das Gefühl, dass mir der Herrgott vergeben hat. Aus Gnade. So lange hat es gedauert.

SPIEGEL: Aus christlicher Sicht haben Sie das fünfte Gebot gebrochen: "Du sollst nicht töten."

Klaus G.: Auch so eine Schuld kann einem verziehen werden. Ich glaube, dass ich in den Himmel komme.

SPIEGEL: Warum glauben Sie das?

Klaus G.: Weil ich sehr gottesfürchtig bin. Die christliche Religion ist auf die Vergebung der Sünden ausgerichtet, also kriege ich eine Chance. Ich glaube, dass Gott mich mit offenen Armen empfangen wird.

SPIEGEL: Schlafen Sie gut?

Klaus G.: Ich schlafe meistens traumlos.

SPIEGEL: Ihr Vater hat Ihnen zur Geburt einen Brief geschrieben von der Front. Er schrieb: "Ich wünsche dir, mein lieber Junge, dass du groß, stark und kräftig zur Freude deiner Eltern aufwächst. Ich wünsche dir ein tapferes, edles Herz. Ich wünsche dir einen starken, schöpferischen Geist. Ich wünsche dir ein arbeitsreiches, erfolgreiches, gesegnetes Leben. Ich wünsche dir, mein lieber Klaus, dass dein Leben ein einziger Sonntag ist."

Klaus G.: Das waren sehr gute Wünsche. Es hat sich leider anders zugetragen.

Als er die Zeilen seines Vaters hört, nickt Klaus G. bei jedem Satz, als würde er den Inhalt bestätigen oder als wünsche er sich, dass es schnell vorbeiginge. Er hat es eilig jetzt. Schon vor einer Viertelstunde hat er sich seine Regenjacke noch im Sitzen angezogen. Er hat drei Stunden lang geredet und zwei Radler getrunken, nicht mehr, er muss ja noch Auto fahren. Als er den letzten Satz seines Vaters hört, nickt Klaus G. noch einmal. "Dass dein Leben ein einziger Sonntag ist."

Er trinkt aus, legt die Plastikplane um seine beiden Bilder und reicht zur Verabschiedung die Hand. Dann geht er, ein freier Mann.

Im Video: Wie spricht man mit einem Mörder?

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