AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2017

Morrisseys Weltbild "Die Person, die als Opfer bezeichnet wird, ist lediglich enttäuscht"

Morrissey lobpreist das Brexit-Referendum, verteidigt Kevin Spacey und Harvey Weinstein und bezeichnet Berlin als "Vergewaltigungshauptstadt" - wegen der offenen Grenzen. Im Ernst?

Musiker Morrissey: "Alle sind müde"
Juliane Liebert/ DER SPIEGEL

Musiker Morrissey: "Alle sind müde"

Ein Interview von Juliane Liebert


Ob der Brite Steven Patrick Morrissey, 58, der sich als Musiker nur Morrissey nennt, nun Genius ist oder Schrat, Selbstdarsteller oder cholerischer Poet, wird sich wohl nie endgültig klären lassen. Ganz sicher ist der Mann aus Manchester, der in den Achtzigerjahren als Sänger der Popband The Smiths berühmt wurde, ein großer Exzentriker des Pop. Ob Konzert oder Interview, er pflegt die Pose der Diva. Das Treffen fand anlässlich seines neuen Albums "Low in High School" in Los Angeles statt; es wurde sehr kurzfristig anberaumt und dann mehrfach verschoben, Herrschaftsgesten wollen gepflegt sein. Schließlich ist Morrissey doch bereit zu sprechen. Der Fotograf allerdings wird von einem seiner Manager rüde des Raums verwiesen: "Get out of my hotel!" Das Polaroidfoto machte die Interviewerin.


SPIEGEL: Mr Morrissey, in Ihrem neuen Song "Spent the Day in Bed" empfehlen Sie, keine Nachrichten mehr zu sehen. Ein ernst gemeinter Vorschlag?

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Heft 47/2017
Mitten in Deutschland - Hetze und Einschüchterung im Namen Erdogans

Morrissey: Ja. Die Menschen sollten damit aufhören um ihrer eigenen geistigen Gesundheit willen. Sie müssen aufhören. Die Nachrichten sind nur noch Social Engineering, und dabei geht es um Kontrolle und nicht um Information. Es gibt keine Nachrichten mehr. Nur noch Kontrolle.

SPIEGEL: Das klingt nach Trumps Fake News, aber Sie haben sich gerade bei einem Konzert gegen Trump ausgesprochen.

Morrissey: Trump hat so viel Aufmerksamkeit bekommen, erst recht im Vergleich zu anderen Kandidaten - Bernie Sanders zum Beispiel. Obwohl die Medien sagten, er werde nicht gewinnen, jeden Tag, alle Überschriften: Trump, Trump, Trump, Trump! Die amerikanischen Medien haben Trump geholfen, ja, sie haben ihn erst erschaffen. Ob sie ihn kritisieren oder über ihn lachen, das ist ihm egal, er will nur sein Bild und seinen Namen sehen. Die amerikanischen Medien haben sich selbst ins Bein geschossen. Seitdem er an der Macht ist, hat er die Welt erschöpft. Er grapscht nach allem wie ein kleines Kind. Er ist kein Anführer. Er ist ein Ungeziefer. Ein riesiges Ungeziefer.

SPIEGEL: Denken Sie, dass er wiedergewählt werden wird?

Morrissey: Ich hätte nie damit gerechnet, dass er überhaupt gewählt würde. Ich war auch während der Anschläge auf das World Trade Center hier in Los Angeles, und die Stadt stand still. Die Menschen waren starr vor Schock. Keine Autos auf den Straßen. Es war die gleiche Atmosphäre wie bei der Bekanntgabe von Trumps Wahl. Es war, als ob die Welt geendet hätte. Wiederwahl? Kann sein, ich habe kein Vertrauen in die politische Elite mehr.

SPIEGEL: Wenn hier ein Knopf wäre, und wenn Sie daraufdrückten, Trump tot umfiele - würden Sie ihn drücken oder nicht?

Morrissey: Würde ich, für die Sicherheit der Menschheit. Hat nichts mit meiner persönlichen Meinung zu seinem Gesicht oder seiner Familie zu tun, aber im Interesse der Menschheit würde ich drücken.

SPIEGEL: Aus deutscher Sicht gab es vergangenes Jahr zwei Ereignisse, von denen die Menschen glaubten, sie würden nicht eintreten. Trump - und der Brexit. Aber den Brexit heißen Sie gut, ist das wahr?

Morrissey: Das ist nicht wahr. Der Ausgang des Brexit-Referendums fasziniert mich, weil er ein Sieg für die Demokratie war. Das Volk hat Ja gesagt. Obwohl Westminster Nein gesagt hat. Die politische Elite und das Establishment haben Nein gesagt. Nein, nein, nein, wir bleiben in der EU. Und die Öffentlichkeit hat die Medien ignoriert und selbst entschieden, darum ist der Brexit sehr wichtig. Er ist der größte demokratische Sieg in der Geschichte der britischen Politik seit vielen, vielen Jahren. Ob man den Brexit an sich gutheißt, ist eine andere Sache, aber ich war sehr stolz auf die Briten, dafür, dass sie die BBC ignoriert haben, Sky News ignoriert haben, die immer sagten: Wenn wir die EU verlassen, werden wir alle sterben.

SPIEGEL: Ist der Song "Jacky's Only Happy When She's Up on the Stage" tatsächlich ein Pro-Brexit-Song? Man sagt, Jacky stehe für den Union Jack.

Morrissey: Das ist die Idiotie, mit der ich leben muss. Die Journalisten behaupten, ich würde etwas sagen, was ich gar nicht sage. Der Song ist nicht politisch. Das ist absoluter Unsinn, und sie entschuldigen sich niemals bei mir. Sie wollen einfach negativ sein.

SPIEGEL: Ein anderes Lied vom neuen Album heißt "The Girl from Tel-Aviv Who Wouldn't Kneel", das Mädchen, das niemals kniet.

Morrissey: Ich liebe diese Stadt. Der Rest der Welt meint es nicht gut mit Israel. Aber die Menschen dort sind sehr großzügig und freundlich. Man sollte niemals ein Volk nach seiner Regierung beurteilen. Es ist sehr selten, dass die Regierung die Wünsche des Volkes widerspiegelt. Auf jeden Fall nicht in England. Auf jeden Fall nicht in Amerika. Vermutlich auch nicht in Deutschland.

SPIEGEL: Was halten Sie von der antiisraelischen BDS-Bewegung? Also insbesondere von Künstlern, die aus politischen Gründen nicht in Israel auftreten?

Morrissey: Ich bin dagegen. Wenn ich in Russland spiele, singe ich nicht für Putin. Ich singe für die Leute da. Es ist absurd und engstirnig. Politisch korrekt zu sein ist inkorrekt. Es ist absurd. Es bedeutet, die Redefreiheit zu verbieten. So klingt die BDS-Bewegung für mich.

SPIEGEL: Sie setzen sich seit Jahrzehnten für Tierrechte ein. Wenn es in Ihrer Hand läge, was würden Sie ändern?

Morrissey: Ich würde das Schlachthaus verbieten. Ich war noch nie in meinem Leben wählen. Ich habe noch nie meine Stimme für irgendeine politische Partei abgegeben. Ich hebe meine Stimme für die Partei auf, die das Schlachthaus abschafft. Tiere sollten frei geboren werden und ihr Leben leben dürfen. Sie sollten nicht als Sklaven geboren werden. Ich verstehe nicht, warum irgendwer glaubt, Tiere verdienten es, zerhackt zu werden. Wenn du erlaubst, dass das Schlachthaus weiterhin existiert, sagst du: Der Holocaust ist großartig. Auschwitz war fantastisch. Lasst uns damit weitermachen. Es ist exakt dasselbe. Wenn du mir nicht glaubst, geh in ein Schlachthaus.

SPIEGEL: Da wir hier in Hollywood sind: Haben Sie die Debatten um Harvey Weinstein, Kevin Spacey und #MeToo verfolgt?

Morrissey: Bis zu einem gewissen Punkt, ja, aber dann wurde es zu einem Theaterstück. Auf einmal sind alle schuldig. Jeder, der mal zu jemand anderem gesagt hat "Ich mag dich", wird auf einmal wegen sexueller Belästigung beschuldigt. Man muss diese Dinge in die richtigen Relationen setzen. Wenn ich jemandem nicht mehr sagen kann, dass ich ihn mag, wie soll er es jemals wissen? Natürlich gibt es extreme Fälle, Vergewaltigung ist ekelhaft, jeder physische Angriff ist abstoßend. Aber wir müssen es im Verhältnis sehen. Sonst ist jeder Mensch auf diesem Planeten schuldig. Wir können nicht permanent von oben herab entscheiden, was man tun darf und was nicht. Denn dann sitzen wir alle in der Falle. Manche Menschen sind ohnehin schon sehr ungeschickt, wenn es um Romantik geht. Sie wissen nicht, was sie tun sollen, und dann wirkt ihr Verhalten aggressiv.

SPIEGEL: Was halten Sie davon, dass Spacey, eine der Hauptfiguren in einem Film, kurz vor dem Starttermin ersetzt wird?

Morrissey: Das finde ich lächerlich. Soweit ich weiß, war er mit einem 14-Jährigen in einem Schlafzimmer. Kevin Spacey war 26, der Junge 14. Da fragt man sich doch, wo die Eltern des Jungen waren. Man fragt sich, ob der Junge nicht ahnte, was passieren könnte. Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber ich war in meiner Jugend niemals in Situationen wie dieser. Nie. Mir war immer klar, was passieren könnte. Wenn man sich im Schlafzimmer von jemandem befindet, muss man sich bewusst sein, wohin das führen kann. Darum klingt das alles für mich nicht sehr glaubwürdig. Mir scheint es so, als sei Spacey unnötig attackiert worden.

SPIEGEL: Soll das auch für die Schauspielerinnen gelten, die mit Weinstein ins Hotelzimmer gingen?

Morrissey: Die Leute wissen genau, was passiert. Und sie spielen mit. Hinterher ist es ihnen peinlich, oder es gefiel ihnen nicht. Und dann drehen sie es um und sagen: Ich wurde attackiert, ich wurde überrascht, ich wurde in das Zimmer gezerrt. Aber wäre alles gut gelaufen und hätte es ihnen eine große Karriere ermöglicht, würden sie nicht darüber reden. Ich hasse Vergewaltigungen. Ich hasse Übergriffe. Ich hasse sexuelle Situationen, die jemandem aufgezwungen werden. Aber in sehr vielen Fällen betrachtet man die Umstände und denkt sich, dass die Person, die als Opfer bezeichnet wird, lediglich enttäuscht ist. In der gesamten Geschichte der Musik und des Rock 'n' Roll gab es Musiker, die mit ihren Groupies geschlafen haben. Wenn man die Geschichte durchgeht, ist fast jeder schuldig, mit Minderjährigen geschlafen zu haben. Warum nicht gleich alle ins Gefängnis werfen?

SPIEGEL: David Bowie hat laut Aussage der Betroffenen eine 15-Jährige entjungfert. Auch das eine Bagatelle?

Morrissey: Das war damals absolut üblich.

SPIEGEL: Waren Sie je in solch einer Situation?

Morrissey: Nein.

SPIEGEL: Weder auf der einen noch auf der anderen Seite?

Morrissey: Nein. Niemals, niemals, niemals.

SPIEGEL: Ist Provokation ein wichtiges Element Ihrer Kunst?

Morrissey: Was ist Provokation? Stimulation?

SPIEGEL: Sagen Sie manche der provokanteren Dinge nur, um sich gegen bestimmte Strömungen in der derzeit allgemeinen Weltanschauung zu stellen?

"Das politische Leben fällt überall auseinander. In gewissem Sinne freut mich das."

Morrissey: Ja, ich meine, man muss die Debatte öffnen. Genauso wie man Israel nicht boykottieren sollte. Man muss sich zusammensetzen und den Menschen zuhören. Man kann nicht sagen, ich hör dir nicht zu, du bist nicht meiner Meinung, also hast du unrecht. Das ist auch das Problem mit einem großen Teil der britischen Presse. Sie reden gern mit mir, aber dann drucken sie ein Interview, in dem sie eben nicht schreiben, was ich gesagt habe. Das ist falsch, denn es ist meine moralische Sicht, nicht ihre. Provokation ist ein zu starkes Wort, aber ich bin für Klartext.

SPIEGEL: Was ist die letzte Lüge über Sie?

Morrissey: Dass "Jacky" ein Song über den Brexit wäre. Aber so ist die britische Presse. Das ist die "Loony Left", die verrückte Linke, die sind so extrem. Sie sind inzwischen wie das "Dritte Reich". Sie lassen sich nicht beeinflussen, und man darf keine andere Meinung mehr haben. Es ist sehr, sehr langweilig, und es ist ziemlich gefährlich. Die Menschen sind heute besessen davon, wo sie politisch stehen. Sie sind engstirnig. Seien es die Rechten oder die Linken. Ich bin nicht politisch, ich bin apolitisch, aber ich bin ein menschliches Wesen, das in der jetzigen Welt existiert. Alles, was wir tun, hat auch mit Politik zu tun. Aber wie gesagt, ich habe noch nie in meinem Leben irgendeine Partei gewählt.

SPIEGEL: Ja, das sagten Sie.

Sänger Morrissey in Mexiko-Stadt, März 2017: Jedem Land seine Geschichte
Picture Alliance/ AP

Sänger Morrissey in Mexiko-Stadt, März 2017: Jedem Land seine Geschichte

Morrissey: Theresa May ist absurd. Donald Trump ist absurd. Sie haben keinen Sinn dafür, wie man Menschen führt. Wenn sie sprechen oder dich ansehen, weißt du, sie haben keine Ahnung davon. Theresa May hat keine Ahnung, was sie tun soll. Es ist sehr traurig. Das politische Leben fällt überall auf der Welt auseinander. In gewissem Sinne freut mich das, denn schon die Idee von Präsidenten und Ministerpräsidenten erscheint mir extrem altmodisch. Die Vorstellung, dass eine einzige Person, sei es eine Vater- oder eine Mutterfigur, uns vor allem Übel rettet, ist ziemlich absurd.

SPIEGEL: Sie meinen, die Welt geht gerade durch die Pubertät?

Morrissey: Ja! Die Menschen sind das Establishment leid. Alle sind müde. Wir glauben niemandem mehr. Wir glauben nicht mehr an die alten Machtstrukturen. Die Armen bleiben arm, egal was passiert. Die Militarisierung der Welt ist überholt, sie funktioniert nicht. Wenn wir also politische Figuren sehen, die nach politischen Figuren der Fünfziger modelliert sind, mit Krawatte, schönen Schuhen und gutem Anzug, dann ist es ein sehr altmodisches Prinzip. So ist die Welt nicht. Es gibt immer mehr Menschen wie mich auf der Welt, wir sind viele. Wir wollen das nicht mehr, weil es uns unglücklich macht. Es ist vorbei.

SPIEGEL: Was ist die Rolle der Musik in dieser Konstellation?

Morrissey: Musik ist das absolut Wichtigste. Der Schlüssel zum Überleben. Musik wird jetzt zensiert, sie wird kontrolliert, damit sie nur noch Unterhaltung ist. Trotzdem werden alle, die etwas zu sagen haben, einen Weg finden, das zu tun. Musik ist unser einziger Freund.

SPIEGEL: Was denken Sie über die Situation in Deutschland?

Morrissey: Jede Sekunde, die ich je in Deutschland verbracht habe, war mir ein Privileg. Deutschland war mir ein Freund. Ich bin nicht besonders begeistert von der EU, aber das ist nicht wichtig. Ich will jedoch kein Teil eines deutschen Imperiums sein. Und ich denke nicht, dass England Teil eines deutschen Imperiums sein sollte.

SPIEGEL: Sie halten die EU für ein deutsches Imperium?

Morrissey: Ja. Und so denken viele Menschen. Vielleicht ist das der Grund, warum die Menschen für den Brexit gestimmt haben. England konnte keine Entscheidungen mehr treffen, ohne sich an Deutschland zu wenden.

SPIEGEL: Also denken Sie, Angela Merkel ist die Mutter Europas?

Morrissey: Nun, sie ist klug genug, nicht viel zu sagen. Sie bleibt still, was sehr interessant ist. Aber ich bin traurig, dass Berlin die Vergewaltigungshauptstadt geworden ist.

SPIEGEL: Die was? Hauptstadt der Vergewaltigung?

Morrissey: Ja, ja! Wegen der offenen Grenzen. Viele Menschen denken, es war ein Fehler von Angela Merkel, dass sie am Anfang sagte: "Kommt, kommt alle her!" Und dann: "Huch, huch, doch nicht!"

SPIEGEL: Sie sind also dagegen, Flüchtlinge aufzunehmen?

Morrissey: Okay, reden wir über den Multikulturalismus. Ich will, dass Deutschland deutsch ist. Ich will, dass Frankreich französisch ist. Wenn man versucht, alles multikulturell zu machen, hat man am Ende gar keine Kultur mehr. Alle europäischen Länder haben viele, viele Jahre für ihre Identität gekämpft. Und jetzt werfen sie sie einfach weg. Ich finde das traurig.

SPIEGEL: Aber Sie leben in den USA, die in ihrer jetzigen Form entstanden sind, weil Menschen von überallher kamen.

Morrissey: Jedes einzelne Land hat seine Geschichte von Revolutionen und Befreiung. Andere Länder haben nicht deine Geschichte. Es ist nicht einfach, das zu verbinden. Wenn Menschen einwandern, bringen sie ihre Religion und ihre Sitten mit und versuchen, die zu etablieren. Und da beginnt die Verwirrung.

SPIEGEL: Also sagen Sie, jeder sollte bleiben, wo er ist?

Morrissey: (lacht laut) Nein. Aber ich denke, jedes Land sollte seine Identität bewahren. Millionen Menschen sind für die deutsche Identität gestorben. Wenn Sie meinen, sie hätten Respekt verdient, dann müssen Sie ihr Land beschützen.

SPIEGEL: Mr Morrissey, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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