AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2017

Mossul nach dem IS Die Stunde der Vergeltung

Nach drei Jahren Terror ist Mossul vom IS befreit. Doch finden die Menschen ihren Frieden? In den Ruinen sucht ein Bibliothekar nach verbrannten Schriften - und ein Major nach Menschen, die für sein Leid bezahlen sollen.

Christian Werner/ DER SPIEGEL

Von und Christian Werner  (Fotos)


Sein Leben sei nicht so wichtig, sagt der Bibliothekar von Mossul, er sei nur da, um die Bücher zu schützen. Er ist mit einem Auto gekommen, das Einschusslöcher aufweist und dem die Scheiben hinten fehlen. "Der Krieg", sagt er entschuldigend. Nasser Hajjar ist ein kleiner Mann, leicht untersetzt, er trägt ein kariertes Hemd mit kurzen Ärmeln, er redet leise, und man merkt ihm an, dass er nicht häufig unter Menschen ist. Er bittet einzusteigen, und wenn jemand fragt, so solle man nicht sagen, man sei Journalist, sondern nur ein Gast, der zum Essen eingeladen ist. Schweigend fährt er durch die zerstörten Straßen Mossuls. Drüben auf der anderen Seite des Flusses wird noch gekämpft, steigen die Rauchwolken der Luftschläge in den Himmel, hört man die Detonationen der Granaten. Der Bibliothekar wirkt so, als denke er an etwas anderes.

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Heft 30/2017
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Dann fängt er an zu erzählen, von einem alten Buch, der letzten Kopie einer Biografie von Saladin, dem größten aller Helden der islamischen Welt, einer Ausgabe des 18. Jahrhunderts, die Seiten brüchig von der Zeit. Saladin, sagt Dr. Hajjar, stehe für eine Zeit, in der Moral und Herrschaft noch kein Widerspruch waren. Es stand in seiner Bibliothek, und obwohl er auch die Werke von Dante, Shakespeare, Nietzsche, Orwell oder Goethe kannte und liebte, dieses Buch war sein liebstes. Und die Frage, die den Bibliothekar nachts wachhielt, war, ob es verbrannt ist, in den Feuern des Krieges, oder ob es jemand gefunden hat. Wenn nur dieses Buch bleibe, sagt er, wenn nur dieses Buch überlebe, dann sei alles gut.
Der Major ist leicht zu finden. Seine Polizeistation liegt östlich der Ruinen von Ninive, in dem besetzten Haus eines Dichters. Es riecht hier nach Männerschweiß, verbranntem Plastik und Zementstaub. Major Hazim Farih arbeitet seit drei Jahren immer kurz hinter der Front. Er habe 25 IS-Kämpfer eigenhändig erschossen, sagt er, mehrere Hundert gefangen genommen, und er ist viermal verwundet worden, zweimal durch eine Mine, einmal von einem Selbstmordattentäter und einmal durch den Splitter einer Granate. Auf seiner Uniform prangt ein Stern, wenn seine Männer in sein Büro treten, dann schlagen sie die Hacken auf den Boden. Und wenn er auf Patrouille fährt und seine schusssichere Weste anzieht, braust eine Kolonne hinter ihm her. Sein Schreibtisch ist groß, und über ihm hängt das Wappen seines Landes.
Er sucht die letzten Verbündeten des "Islamischen Staates", die sich in der Stadt verstecken, die Schlangen, wie er sie nennt. Erst wenn die Stadt von den Schlangen gesäubert sei, sagt er, werde alles gut. Eine davon, einen Gefangenen, werden sie ihm gleich bringen.

Major Farih bittet die Gäste aus Deutschland, Platz zu nehmen, sie sollen Zeugen des Verhörs werden.

Der Major und der Bibliothekar, sie kennen sich, sie waren Kommilitonen, sie haben beide zur selben Zeit im selben Haus studiert, der Major Arabische Literatur, der Bibliothekar Geschichte. Der Major hat im ersten Stock studiert, der Bibliothekar im Erdgeschoss. Der Major wollte immer Dichter werden, er musste dann Geld verdienen und ist Polizist geworden. Der Bibliothekar wollte immer ein Held werden, so wie Saladin oder Hektor, der Heerführer Trojas. Er wurde dann Bibliothekar. Sie sind beide gleich alt, um die 50 Jahre, sie hatten die gleichen Möglichkeiten, sie haben unterschiedliche Entscheidungen getroffen. Der eine sucht nach Ideen, der andere nach Verrätern. Der eine hat Angst, der andere weiß gar nicht mehr, was das ist. Der eine denkt, der andere kämpft. Der eine sucht das Gute, der andere glaubt, das Böse zu besiegen.


Im Video: Das wertvollste Buch Mossuls
Der Bibliothekar Nasser Hajjar liest einen kurzen Ausschnitt aus der Biografie von Saladin.

OHNE

Draußen liegt Mossul, eine Stadt nach drei Jahren Zerstörung. Jetzt im Juli erhitzt sich die Luft tagsüber auf über 50 Grad, und der heiße Wind weht Asche durch die Straßen. Der Westen der Stadt ist von den Luftschlägen der Bomber zerstört, Moscheen sind explodiert, die Brücken gesprengt, die Gassen der Altstadt, durch die sich die Humvees schlängeln, zu Trümmern gebrochen.

Die letzten IS-Kämpfer haben sich mit ihren Familien in ein paar Häuserblocks am Tigris verschanzt. Wer in die Nähe fährt, zur Nuri-Moschee, wo die Überlebenden registriert werden, sieht Flüchtlinge, die den Ruinen entsteigen. Grau sind ihre Gesichter. Kinder tragen ihre verwundeten Geschwister auf dem Arm, Frauen blicken einen an, als ob sie wüssten, dass es nie wieder gut wird, Männer sieht man keine.

Die Soldaten weichen zurück. 17 Frauen haben sich in den letzten Tagen in die Luft gesprengt, Selbstmordattentate sind die letzte Waffe des IS.

"Wasser", ruft eine, "bitte." Ein Soldat stellt ihr eine Flasche auf den Boden, dann weicht er zurück. Ausgehungerte Kinder liegen auf den Tragen der Sanitäter, und jedes, das gefragt wird, sagt, sein Vater sei lange tot. Lügen, sagen die Soldaten, die, die jetzt noch herauskommen, seien Kinder von IS-Kämpfern.

Drei Jahre lang haben die Terroristen in der Stadt geherrscht. Sie haben die Sklaverei eingeführt, mit dem Versprechen, eine neue Welt der Vergangenheit zu gründen. Dafür mussten sie die Freiheit töten, die Ungläubigen, die Abweichler. Dafür mussten sie Bücher verbrennen.

Der Bibliothekar lebt zurückgezogen, mit seinem Sohn, in einem zweistöckigen Haus mit kleinem Garten, in dem ein Maulbeerbaum steht. Er führt in sein Wohnzimmer, lehnt sich auf seinem Sofa zurück und fragt, ob man Tee trinken möchte. Er reicht Baklava und Butterkekse. Er selbst nimmt nichts. Er hat sich drei Jahre lang eingesperrt in diesem Zimmer, in dem er jetzt empfängt. Ein kleines Zimmer, mit Gittern vor dem Fenster, in dem man nur das Rotieren des Ventilators hört. Er habe nachgedacht, sagt er. Und gelesen. Er hatte Angst. Angst um sich, Angst um seine Familie, Angst um seine Bücher. Manchmal lag er nachts wach und lauschte nach draußen, ob sie kommen, um ihn zu holen. Er, der den Geruch von Buchseiten so liebte, lud sich jetzt Texte auf seinen Computer, weil ihm Papier zu gefährlich erschien. Ein Mann in seinem Gefängnis, angestrahlt vom Licht des Computers. Wartend.

Der Major hat nie daran gedacht, die Stadt zu verlassen. Er hatte eine Freundin in der Altstadt, die ihn immer noch lächeln lässt, später bekam er zwei Söhne. Er schrieb gern Gedichte, und er lieh sich ein Buch aus, in der Bibliothek, über die Kunst des Dichtens. Er vergaß, es zurückzubringen, und jetzt gibt es die Bibliothek nicht mehr.

Als die Terroristen die Stadt vor drei Jahren erreichen, erholt sich der Major von einer Verletzung im Krankenhaus von Arbil. Alle Polizisten und ihre Familien werden vom IS gejagt, die meisten umgebracht. Seinen Bruder, seinen Neffen und sechs Cousins nimmt der IS fest, als Geiseln. Der Major hofft, Mossul befreien zu können, bevor sie sterben. Im September 2015, als türkische Bodentruppen den Irak erreichten, bringt der IS alle Geiseln um. Seinen Bruder ertränken sie. Seinen Neffen sprengen sie in die Luft. Die anderen erhängen sie. Major Farih schaut sich seitdem oft Bilder an, von zwei kleinen Brüdern, die einander im Arm halten. Er sagt, sein Schmerz sei so tief in ihm, dass man es seinem Gesicht nicht ansehe. Er hat jetzt nur noch ein Ziel: Vergeltung.

Als die Terroristen die Stadt vor drei Jahren erreichen, bringt der Bibliothekar seine Familie ins Auto. Er will nach Arbil flüchten. Die Straßen sind verstopft, er braucht für vier Kilometer neun Stunden. Dr. Hajjar denkt an die 150.000 Emigranten, die infolge der Französischen Revolution flüchteten, er hat das unterrichtet. Er denkt an die palästinensischen Flüchtlinge, die 1948 nach dem ersten ararabisch-israelischen Krieg glaubten, sie kommen nach zwei, drei Monaten wieder zurück, und deren Nachfahren immer noch warten. Er will lieber zu Hause sterben, als ein Leben lang davon zu träumen. Er dreht um.

Artilleriefeuer tönt von draußen, durch den Garten, in das Zimmer seines Hauses. Der Bibliothekar lauscht. "Das gilt nicht uns", sagt er. Er hat Geschichte studiert und gelehrt. Die Französische Revolution. Die Renaissance. William Shakespeare. Leonardo da Vinci. Christopher Marlowe. Als er jung war, erzählt er, habe er lange Abende am Ufer des Flusses verbracht. Das Wasser floss den Tigris hinab, die Männer rauchten, die Frauen lachten, und die Kinder spielten in den Parks. Mossul war nicht irgendeine Stadt, sondern die Stadt der Bücher. Hier, am Kreuzungspunkt der Karawanen, wurden sie gehandelt. Hier gab es eine der ersten Bibliotheken der Welt, die Bibliothek des Assurbanipal, mehr als 2000 Jahre alt, die alles Wissen zwischen Himmel und Erde vereinen sollte. In der Altstadt gab es die Straße der Buchhändler. Es gab öffentliche Bibliotheken und Privatbibliotheken in vielen Häusern. Und es gab die Universitätsbibliothek, das Herz der Stadt, die Heimat des Bibliothekars.

Die Bibliothek war ein moderner Bau, vier Stockwerke, etwa eine Million Bücher, Atlanten, Zeitschriften. Hier, im ersten Stock, über den Zettelkästen, hatte der Bibliothekar sein Büro. Manchmal ließ er sich nachts einschließen und las, einfach so, aus Genuss. So wie er zwischen den Regalen hin und her ging, war er wie eine Biene, so beschreibt er es, die von Nektar zu Nektar flog. Lesen war immer sein Trost. Dann verbrannte der "Islamische Staat" die Bücher der Bibliothek, und die Koalition des Westens warf bunkerbrechende Bomben auf ihr Dach, weil sie vermutete, dass im Keller Sprengminen gebaut werden. Heute sieht die Bibliothek aus wie ein Friedhof für Papier, die Regale sind von der Hitze durchgebogen, und die Zettelkästen sind zu Gerippen geschmolzen. Es knirscht leise, wenn man die Gänge hinabgeht, als ginge man durch Schnee.


"Ein Labor der Grausamkeit"
Die Studentin Tahany über die Zeit in Mossul unter IS-Herrschaft und ihre Bemühungen, die verschollenen Bücher der Stadt wieder zu finden.

CHRISTIAN WERNER / ZEITENSPIEGEL / DER SPIEGEL

Bücher brennen, seitdem es sie gibt. Der Papst ließ Luthers Schriften verbrennen und Luther die Schriften des Papstes. Neonazis verbrennen noch heute das Tagebuch der Anne Frank. Orthodoxe Juden verbrennen das Neue Testament. Amerikaner verbrennen Korane. Muslime verbrennen "Die satanischen Verse". Die Nazis verbrannten 1933 Tausende Bücher von unerwünschten Autoren. "Aus diesen Trümmern wird sich siegreich erheben der Phönix eines neuen Geistes", sagte Goebbels am Feuer, selbst promovierter Germanist. Der "Islamische Staat" aber ist vielleicht der größte Bücherverbrenner von allen. Seine Sittenpolizei, die Hisba, durchsuchte systematisch Häuser nach Büchern, sie schloss Buchhandlungen und plünderte die Bibliotheken. Ihre Helfer verbrannten alles, was sie finden konnten, bis auf den Koran, sowie Wörterbücher und medizinische Fachliteratur, solange sie keine Bilder enthielt. Jedes andere Buch galt als feindlich. Jedes Buch eine Idee, das ihnen den Krieg erklärt hatte. Jedes Buch eine geladene Waffe.

Der Bibliothekar las viele Sprachen, in vielen Büchern, aber um den IS zu beschreiben, sagt er, müsse erst noch eine eigene Sprache gefunden werden. Es gebe keine Wörter für den Schmerz, den er bereitet hat. Man müsse an die Anfänge der Sprache zurückdenken, an etwas Rohes, Gewalttätiges, eine Sprache aus Stein. Seine Schwester, die erst vor Kurzem befreit wurde, aß Katzen während der Terrorherrschaft. "40 Dollar eine Katze", wirft sein Sohn ein. Sie tranken das dreckige Wasser aus dem Fluss. Kinder warteten auf Eltern, die nicht zurückkamen, und Eltern warteten auf Kinder. Dr. Hajjar hörte die Bomben, die in der Nachbarschaft seiner Schwester fielen. Und las.

Er las Dantes "Göttliche Komödie", den ersten Teil, das "Inferno". Eine Welt, in der die Hölle durch den Sturz Luzifers auf die Erde entstand. In der der Teufel die Brudermörder zermalmt, die Freundesverräter, die Landesverräter. Im Feuer brennen die Verführer, Schmeichler, Wahrsager, Bestechlichen, Heuchler, Diebe und Zwietrachtstifter. Draußen verbrannten sie Menschen, stießen Homosexuelle von Dächern, lehrten Kinder das Exekutieren und befahlen Vätern, ihre eigenen Töchter auszupeitschen. Während er las, merkte er, dass die Hölle hier war. In seiner Heimat. Um ihn herum. Kurz vor seinem Haus. Und seine Bücher waren wie eine Barriere vor dem Bösen. Er schlief auf ihnen, er aß zwischen ihnen, er schichtete sie um sein Bett auf. Dann las er, als ob Buchstaben das Böse vertreiben könnten.

In den Videos, die der Major auf seiner Facebook-Seite in den letzten drei Jahren gepostet hat, sieht man die Bilder des Krieges vorbeiziehen, Drohnen, die Bomben abwerfen, zerschossene Fenster der Humvees, die brennenden Ölquellen. Major Farih steht vor seinen Männern und redet von den Helden der Polizei, den Ratten in der Stadt und der Hilfe seines Gottes. "Vorwärts, vorwärts", rufen seine Männer, "wer keinen tötet, der ist kein Mann." Der Major sieht zufrieden aus.

Der Bibliothekar las "Warten auf Godot" und verstand zum ersten Mal sein Land. Er las von Männern, die unter einem kahlen Baum sitzen und warten. Iraker, sagt er, hätten immer gewartet. Darauf, dass der irakisch-iranische Krieg endet. Darauf, dass das Embargo nach dem Krieg gegen Kuwait aufgehoben wird. Darauf, dass die Amerikaner abziehen. Die Schiiten warten seit Jahrhunderten auf den Erlöser, den Mahdi. Und nun warten sie auf das Ende des "Islamischen Staates". Im Warten liegt Hoffnung, sagt der Bibliothekar, doch es entbindet vom Handeln. Wer wartet, der zähle die Stunden und Minuten, nur um sie nicht zu leben. Der Bibliothekar sagt, er warte darauf, dass das Töten aufhört.

Im Zimmer des Majors wartet ein Gefangener auf sein Verhör. Es ist ein Dozent der Universität, ein Kugelschreiber steckt noch in seiner Brusttasche. Ein glatzköpfiger, schwitzender Mann, der angestrengt lächelt. Er soll ein Drohnenbauer für den IS gewesen sein, sagen die Polizisten, die ihn hereinführen. Ein Beamter legt Major Farih einen Aktenvermerk des Denunzianten vor. Der Gefangene ist Sunnit, der Major Schiite. Beide sind verdammt, sich zu hassen in diesem Land.

Der Mann glaubt noch, dass sie ihm nichts tun, er glaubt an seine Unschuld. "Wieder eine Schlange", sagt der Major. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück, knöpft sich den obersten Knopf seiner Uniformjacke auf und trommelt mit dem Zeigefinger langsam auf dem Tisch. "Haben Sie etwas dagegen, wenn ich rauche?", fragt er den Gefangenen und grinst. Der schüttelt stumm den Kopf.

Bi­blio­the­kar Ha­jjar mit al­ter Sa­la­din-Bio­gra­fie: War­ten auf Go­dot und das Ende des Krie­ges
Christian Werner/ DER SPIEGEL

Bi­blio­the­kar Ha­jjar mit al­ter Sa­la­din-Bio­gra­fie: War­ten auf Go­dot und das Ende des Krie­ges

Der Major fragt: "Sie arbeiten an der Universität?"
"Ja, am Institut für Maschinenbau."
"Sie sind geflohen?"

"Ja, Herr Major."
"Warum sind Sie geflohen?"
"Weil mein Haus bombardiert wurde."
"Warum sind Sie zurückgekommen?"
"Ich wollte nach meinem Haus sehen."
"Nein", sagt der Major langsam, "es gibt noch einen anderen Grund."

Der Gefangene zittert jetzt. Der Major lässt ihn warten, raucht, er schaut auf den Fernseher, dort läuft eine Modenschau.

Das Werk, das den Bibliothekar am meisten erschütterte, war "1984" von George Orwell. Die totale Überwachung. Die Kontrolle der Vergangenheit. Die Hasswoche. Die Propaganda. Die Folter. Die Unperson. Gedankenverbrechen. Das Zwiedenken. Als der Bibliothekar das Werk las, wurde ihm heiß. Er dachte: Wie kann etwas, das jetzt gerade passiert, in einem alten Buch stehen? Nur die Methoden der Folter, sagt Bibliothekar Hajjar, die beherrscht der "Islamische Staat" besser, als George Orwell es sich ausdenken konnte.

Im Zimmer des Major rutscht der Gefangene auf dem Sofa hin und her. Der Polizist neben ihm herrscht ihn an. "Als wir dich zu Hause besucht haben, hast du deinen Frauen gesagt, sie sollen ihre Gesichter bedecken, als ob wir Juden wären."

"Wir sind eine fromme Familie. Wir bedecken unsere Gesichter seit 20 Jahren."

Major Farih steht auf.
"Selbst wenn man jeden IS-Kämpfer vor mir umbringen würde, würde es mein Herz nicht beruhigen. Der IS hat Menschen in Käfigen verbrannt. Du hast es gesehen!"

"Habe ich nicht!"
"Die ganze Welt hat es gesehen."
"Nein, ich nicht. Ich schwöre! Ich kann kein Blut sehen!"
"Du bist unschuldig?"
Der Gefangene nickt stumm.
"Jeder wird für seine Taten büßen!", sagt der Major. Dann nähert er sich dem Gefangenen.

Eine Welt ohne Bücher, sagt der Bibliothekar, wäre eine Welt ohne Wissen und ohne Fortschritt und ohne Erinnerung. Der Bibliothekar denkt noch an ein anderes Buch, Ray Bradbury, "Fahrenheit 451". Es geht um eine Feuerwehr, die Bücher verbrennt. Menschen, die Bücher besitzen und lesen, sind Staatsfeinde, die verfolgt werden. Bradbury schreibt: "Ein Buch ist eine geladene Pistole im Haus nebenan. Verbrenn es. Wer weiß, wen der Belesene sich als Zielscheibe aussuchen könnte. Mich vielleicht?" Natürlich gibt es gefährliche Bücher, sagt der Bibliothekar, "Das Kapital" war gefährlich, "Mein Kampf" war gefährlich. Voltaires Werke waren gefährlich für die Mächtigen.

Wer nun in Mossul ein Buch besaß, war ein Sünder. Wer sich für ihre Ideen begeisterte, ein Gedankenverbrecher. Wer Bücher schmuggelte, befand sich in Lebensgefahr. Und doch wurden sie geschmuggelt, unter Autositzen, in Gemüsetaschen, in Frauenkleidern, auf USB-Sticks, die man in die Hosennaht einnähte. Falls man irgendwie an Strom und Internet kam, lud man sie sich herunter und sammelte sie. Einige Buchliebhaber hatten Hunderte Bücher auf ihren Festplatten. Für viele war es die einzige Verbindung zur Außenwelt, eine Tür zur Welt der Ideen. Einige kamen so erst zum Lesen.

Der Bibliothekar möchte etwas zeigen. Seine Bücher, die Überlebenden. Er erhebt sich, geht die Stufen nach oben. Hinter einer Tür warten sie, in einem vollgestopften, staubigen Raum. Er dreht sich zu seinem Sohn um und sagt: "Hol Saladin." Sein Sohn bringt eine alte, unscheinbare Mappe. Dr. Hajjar öffnet sie und holt vorsichtig ein Buch aus dem 18. Jahrhundert hervor. Es handelt von einem großmütigen Herrscher, der keinen Unterschied macht zwischen Juden, Christen und Muslimen. Er fängt an zu lesen.

Ma­jor Fa­rih mit kon­fis­zier­ten Bü­chern in sei­ner Po­li­zei­sta­ti­on: "Je­der wird für sei­ne Ta­ten bü­ßen"
Christian Werner/ DER SPIEGEL

Ma­jor Fa­rih mit kon­fis­zier­ten Bü­chern in sei­ner Po­li­zei­sta­ti­on: "Je­der wird für sei­ne Ta­ten bü­ßen"

Der Major geht nah an den Gefangenen heran und sagt: "Du kannst jetzt gehen. Du stehst unter Arrest." Zwei Polizisten führen ihn ab. War er schuldig? Der Major sagt: "Im Kopf war er schuldig." Ein Gedankenverbrecher. Er winkt einem Adjutanten: "Bringt mir zu Essen." Langsam reißt er sich Streifen vom Fladenbrot ab und stopft sie sich in den Mund. Er möchte jetzt über Gedichte reden. Er hat Arabische Literatur studiert, 1984 war das, und er schreibt immer noch Gedichte, nach Feierabend. Manchmal, wenn er seine Brille nicht findet, diktiert er sie einem Untergebenen. Er zitiert eines.
"Sei, was Du willst,
und sammle Höflichkeit,
das ist wahrer Reichtum."

Der Major sagt, er sei zu Hause nicht so zornig, er versuche, seine Kinder vom Krieg fernzuhalten. Er werde auch das Buch zurückgeben, das er einst ausgeliehen habe, wenn es wieder eine Bibliothek gebe. Sein Ziel sei es, jeden Tag an einer schöneren Welt zu arbeiten.

Der Bibliothekar kennt aus seinen Büchern den Dom von Florenz und den Louvre in Paris, die British Library und die Bibliothèque Nationale. Aber er war nie da. Ein Leben lang hat er den Westen studiert, aber er hat ihn nie gesehen. Aber er denkt jetzt manchmal, vielleicht ist es gut so. Ein Freund von ihm hat die Pyramiden gesehen und war enttäuscht, sie waren kleiner als in seiner Vorstellung. Vielleicht wäre er auch enttäuscht. Das ist sein Trost. Wenn der Bibliothekar wählen könnte, wie er sterben wolle, dann würde er den Tod des muslimischen Gelehrten al-Dschahis wählen, der von seinen eigenen Bücherregalen erschlagen wurde. Eine Lawine von Büchern, die ihn unter sich begräbt, das wäre ein schöner Tod.

Der Bibliothekar sagt, er habe Hoffnung. Er habe beobachtet, wie bei den Rückzugsgefechten des IS auf dem Nachbargrundstück eine Palme brannte, die jedes Jahr viele Früchte trug. Die Palme blühe jetzt wieder, sagt er. Und seine Studenten gehen durch die Asche der alten Bibliothek. Sie suchen nach Büchern im Staub.

Kriegs­kin­der in ei­nem Feld­la­za­rett in Mos­sul: Kei­ne Spra­che für den Schmerz
Christian Werner/ DER SPIEGEL

Kriegs­kin­der in ei­nem Feld­la­za­rett in Mos­sul: Kei­ne Spra­che für den Schmerz

Da ist Jasir, der Nietzsche zu Hause versteckte, dem der IS drohte, er werde sich noch wünschen, verbrannt zu werden, und der nun immer noch nachts aufsteht, sich gegen die Haustür lehnt, aus Angst vor seinen Verfolgern.

Da ist Tahany, die Kant versteckt hat, und zwischen den Sprengfallen des IS nach Büchern suchte, weil sie meint, jedes Buch, das die Luftschläge und das Feuer überstanden habe, verdiene es, zu leben. Sie fand Saladin.

Da ist Ali, der Dostojewski und die Bibel in einem Abflussrohr versteckte, und der sagt, sie alle würden nie mehr still sein.

Da ist Rafal, die ihre eigenen Bücher versteckte. Sie fing mit dem Schreiben an, nachdem sie ihre Freundin zur Sittenpolizei begleitete und zusah, wie deren Vater ihr 30 Schläge geben musste, weil sie schlecht über den IS gesprochen hatte.

Da ist Khalid, der 2000 Bücher auf seinen Computer lud, um atmen zu können, wie er sagt, und der während der IS-Herrschaft den Glauben an Gott verlor und nun den Atheismus betrachtet wie einen gerade entdeckten Schatz.

Flücht­lin­ge beim Ver­las­sen des um­kämpf­ten Wes­tens von Mos­sul: Alte Sie­ger wer­den neue Ver­lie­rer
Christian Werner/ DER SPIEGEL

Flücht­lin­ge beim Ver­las­sen des um­kämpf­ten Wes­tens von Mos­sul: Alte Sie­ger wer­den neue Ver­lie­rer

Der Major hat wenig Hoffnung. "Make Mossul great again" hat jemand mit Kreide auf ein rußiges Straßenschild geschrieben, am Stadteingang. Aber diese Stadt, sagt er, werde nie wieder groß werden. Für jeden Verbrecher, den er findet, kommen drei neue. Die Schlangen, die er sucht, sind vielköpfig, und aus jedem abgeschlagenen Kopf wuchern neue Köpfe hervor.

Es ist eingetreten, wovor alle gewarnt haben. Die Gedemütigten rächen sich. Die alten Sieger werden zu neuen Verlierern. Der Kampf zwischen Sunniten und Schiiten wird nicht aufhören.

Es ist nach Mitternacht, und Major Farih sagt, er sei müde. Sein Schlafzimmer ist im Erdgeschoss, und er lädt die Gäste ein, im Zimmer nebenan zu schlafen.

Nachts im Haus hört man die Türen sich öffnen und unten im Keller die Schreie eines Gefolterten. Es klingt so, als ob viele schwere, stumpfe Schläge auf einen wehrlosen Körper niedergehen. Ein Mann fleht um sein Leben. Dann schließt sich sacht die Tür zum Keller.



insgesamt 4 Beiträge
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MichaelJaps 28.07.2017
1. Warum erst jetzt?
Die internationale Aufregung über "unmenschliche Zustände" in Mossul nach der Befreiung durch das irakische Militär gibt zu denken. Drei Jahre lang habne sie dort ohne jeden internationalen Protest der interessierten Kreise den Menschen Köpfe abgeschnitten. Die Christen totgeschlagen. Frauen vergewaltigt. Gefangene bei lebendigem Leibe verbrannt. Verwundete i Massengräbern lebendig verscharrt. Die Liste des Horrors ist unendlich. Und nun, nach dem die Mörder vertrieben sind, kommen die internationalen Wohltäter und Freunde des Humanismus und spielen sich auf. Gehts noch?
Oberleerer 29.07.2017
2.
Zitat von MichaelJapsDie internationale Aufregung über "unmenschliche Zustände" in Mossul nach der Befreiung durch das irakische Militär gibt zu denken. Drei Jahre lang habne sie dort ohne jeden internationalen Protest der interessierten Kreise den Menschen Köpfe abgeschnitten. Die Christen totgeschlagen. Frauen vergewaltigt. Gefangene bei lebendigem Leibe verbrannt. Verwundete i Massengräbern lebendig verscharrt. Die Liste des Horrors ist unendlich. Und nun, nach dem die Mörder vertrieben sind, kommen die internationalen Wohltäter und Freunde des Humanismus und spielen sich auf. Gehts noch?
Weil die militärischen Kräfte immer am Limit sind, das liegt in der Natur der Sache. Wenn eine Seite deutlich überlegen wäre, kann man in einem Handstreich die Stadt übernehmen. Hier aber mußte Putin erstmal den Erdogan überzeugen, daß er sich gegen den IS wenden soll und statt irakischem Öl nun von Russland kompensiert wird. Alle anderen Konfliktparteien sind vermutlich für die Bevölkerung ähnlich problematisch. Die Soldaten sind auch nur ein Schnitt der dortigen Bevölkerung: verhaftet in ihren religösen und ethnischen Rollen. Wenn man sich noch erinnert, wie trickreich Mossul übernommen wurde ist auch klar, daß es praktisch keine einsetzbaren irakischen Soldaten mehr gab. Die letzten Truppen hatten zu tun, schnell aus der Stadt zu fliehen. Der IS ist kein Haufen wilder Sandalenkrieger. Ehemalige, gut ausgebildete Offiziere von Saddam haben sich hier zusammengetan und kämpften nicht primär für einen Herrscher, sondern für ihr eigenes Überleben.
elveda 30.07.2017
3. Die Einen erobern die Stadt in Stunden, die Anderen pulverisieren sie
Zitat von MichaelJapsDie internationale Aufregung über "unmenschliche Zustände" in Mossul nach der Befreiung durch das irakische Militär gibt zu denken. Drei Jahre lang habne sie dort ohne jeden internationalen Protest der interessierten Kreise den Menschen Köpfe abgeschnitten. Die Christen totgeschlagen. Frauen vergewaltigt. Gefangene bei lebendigem Leibe verbrannt. Verwundete i Massengräbern lebendig verscharrt. Die Liste des Horrors ist unendlich. Und nun, nach dem die Mörder vertrieben sind, kommen die internationalen Wohltäter und Freunde des Humanismus und spielen sich auf. Gehts noch?
"...Internationale Wohltäter und Freunde des Humanismus." Das muss wie Hohn in den Ohren der Einwohner klingen, die nun seit Monaten zusehen müssen, wie diese "internationalen Wohltäter und Freunde des Humanismus" ihre Stadt "befreien", indem sie die Stadt zu einem Sandkasten zerbomben, so wie auch Kobane und viele andere Städte. Gibt es Ihnen nicht zu denken, dass die eine Seite Mossul in Stunden eroberte, die andere diese Stadt hingegen seit Anbeginn der Luftangriffe systematisch zerstört? Und wenn selbst diese Offensichtlichkeit Ihnen nicht die Augen öffnet, so dann doch der Bericht von einem "Befreier", der Jagd auf die Kinder der IS-Soldaten macht, selbst auf Vierjährige: http://www.sueddeutsche.de/medien/arte-doku-wenn-ich-diesem-kind-begegne-toete-ich-es-1.3560985 Film: http://www.arte.tv/de/videos/071376-000-A/ashbal-die-kindersoldaten-der-terrormiliz
mitch72 02.08.2017
4.
>>Da ist Khalid, der 2000 Bücher auf seinen Computer lud, um atmen zu können, wie er sagt, und der während der IS-Herrschaft den Glauben an Gott verlor und nun den Atheismus betrachtet wie einen gerade entdeckten Schatz.
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