AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 26/2017

Risiko Magenverkleinerung Endlich nicht mehr dick - aber dafür alkoholabhängig 

Um abzunehmen, lassen sich extrem Übergewichtige den Magen verkleinern - doch viele von ihnen werden nach der Operation süchtig, nach Alkohol, Drogen oder Glücksspielen.

Übergewichtige (in New York): "Ich ersetze das Essen durch andere Dinge"
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Übergewichtige (in New York): "Ich ersetze das Essen durch andere Dinge"

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Eigentlich hätte durch die Operation alles besser werden sollen. Wie erhofft, nahm die gut verdienende Mittvierzigerin über 60 Kilogramm ab, nachdem Ärzte ihren Magen verkleinert hatten.

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Heft 26/2017
Das vergiftete Erbe des Helmut Kohl

Doch nach über zwei Jahren wurde die Amerikanerin, die an einer Studie der State University of New York teilnahm, spielsüchtig.

"Ich fühlte mich, als hätte ich meinen besten Freund verloren", berichtete sie der Studienleiterin über ihre Zeit nach der OP. "Ich vermisste das Essen. Ich hatte nicht ständig Hunger, aber ich vermisste es. Es war mir ein Trost gewesen. Deshalb ersetze ich es jetzt durch andere Dinge, die nicht gut für mich sind."

Für extrem Übergewichtige gilt eine sogenannte bariatrische Operation (von griechisch "báros" - Gewicht), bei der entweder ein Großteil des Magens mit einem Bypass umgangen oder das Organ zu einem Schlauch verkleinert wird, als die mit Abstand wirksamste Methode, um dauerhaft Gewicht zu verlieren (siehe Grafik). Für viele Betroffene ist ein solcher Eingriff sogar die letzte Hoffnung auf ein einigermaßen normales und gesundes Leben.

Große Mahlzeiten zu essen ist nach einer solchen OP kaum mehr möglich. Zucker im Übermaß wird zudem oft nur noch schlecht vertragen. Positive Folgen sind neben der Gewichtsabnahme eine Senkung des Blutdrucks und der Blutfettwerte.

Auch ein Diabetes Typ 2 bessert sich oft schon kurz nach der OP überraschend deutlich.

9225 Deutsche ließen sich 2014 laut "Barmer Krankenhaus-Report" wegen ihres Übergewichts den Magen operieren. Die Zahl der OPs hat sich in den vergangenen zehn Jahren vervielfacht. "Und es müssten viel, viel mehr sein", forderte der Nürnberger Adipositaschirurg Thomas Horbach Ende vorigen Jahres im SPIEGEL, als Gerüchte auftauchten, der damalige SPD-Chef Sigmar Gabriel habe sich einer OP zur Erleichterung des Abnehmens unterzogen. Einige Ärzte plädieren sogar dafür, solche Operationen selbst dann als Diabetes-Therapie anzuwenden, wenn der Patient überhaupt nicht an starkem Übergewicht leidet.

Doch nun zeigt sich eine Kehrseite, die Chirurgen gern ausblenden: Statt im Übermaß zu essen, entwickeln nicht wenige Patienten nach der OP eine Sucht. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der University of Pittsburgh an rund 2000 Patienten hat einen alarmierenden Befund geliefert: Innerhalb von fünf Jahren nach Anlegen eines Magen-Bypasses hatte jeder fünfte Operierte Alkoholprobleme; und jeder dreizehnte nahm illegale Drogen.

Häufig entwickelt sich die Trunksucht erst mehrere Jahre nach der Operation, wenn die meisten Chirurgen ihre Patienten längst aus den Augen verloren haben. Einzelne Operierte berichten zudem - wie die Frau aus dem Staat New York - von Spielsucht, andere von Kaufsucht.

"Eine bariatrische Operation ist kein einfacher Eingriff, nach dem die Ärzte ihre Patienten geheilt nach Hause schicken können", warnt der Mediziner Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer Krankenkasse. "Man muss immer die gesamte Persönlichkeit im Blick haben. Den OP-Erfolg allein an der Waage und am Insulinbedarf abzulesen greift zu kurz."

Neurowissenschaftler und Psychologen versuchen zu verstehen, wie es passieren kann, dass eine OP an den Eingeweiden zu einer Sucht führt. Lässt sich das Phänomen womöglich psychologisch erklären?

"Es liegt zumindest die Vermutung nahe, dass viele Patienten ihre Emotionen nach der OP nicht mehr wie vorher durch Essattacken regulieren können", sagt der Ernährungsexperte Adrian Meule vom Fachbereich Psychologie der Universität Salzburg. "Deshalb greifen sie wahrscheinlich zu anderen Suchtmitteln - vor allem zum Alkohol."

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Schon länger wird vermutet, dass Nahrungsmittel mit hohem Fett- und Zuckergehalt süchtig machen können. So gleicht das Gehirn extrem Übergewichtiger, wie Untersuchungen zeigen, dem von Kokainabhängigen. Nach der Magen-OP, so die Hypothese, ersetzen die Patienten einfach die Esssucht durch eine andere Sucht.

Vielen Wissenschaftlern reicht die psychologische Erklärung aber nicht aus. Eine andere Vermutung lautet: Durch die Magen-OP verändern sich der Abbau, die Aufnahme und damit auch die Wirkung von Alkohol im Körper. Normalerweise wird bereits durch ein Enzym im Magen damit begonnen, Wein und Schnaps zu verstoffwechseln; nur ein Teil des Alkohols gelangt in den Blutkreislauf und ins Gehirn. Bei Menschen mit Magenbypass hingegen entfacht eine größere Menge des Alkohols seine Wirkung. Statt langsam beduselt zu werden, erleben die Betroffenen einen Alkoholkick.

"Leider vertrage ich nicht mehr als drei Schlückchen Wein, dann muss ich mich hinlegen."

"Hatte zu Neujahr ein halbes Glas Weißwein und war knatter", schreibt "Molli75" in einem Adipositas-Forum im Netz. Auch "Saxana" berichtet von ihrem Alkohol-Flash: "Leider vertrage ich nicht mehr als drei Schlückchen, dann bin ich dermaßen ,dicht', dass ich mich erst mal ein halbes Stündchen hinlegen muss."

Doch auch der für viele unerwartet auftretende Alkoholkick, der mutmaßlich einen unkontrollierten Konsum fördert, kann nicht die ganze Wahrheit sein. Zumindest die Entstehung anderer Süchte muss einen anderen Grund haben. Tierexperimente deuten denn auch darauf hin, dass eine Magen-OP direkt zur Veränderung im Suchtzentrum des Gehirns führen kann.

Das erstaunliche Zusammenspiel zwischen Magen-Darm-Trakt und Gehirn zu erklären fällt in das Forschungsgebiet von Matthias Tschöp. Der Wissenschaftliche Direktor des Helmholtz Diabetes Zentrums in München ist Experte für die Kommunikation zwischen Bauch und Hirn. "Im Magen-Darm-Trakt", sagt er, "werden zahlreiche Hormone gebildet, die Signale ans Gehirn senden."

Die Zusammensetzung dieses Hormoncocktails verändere sich nach einer bariatrischen Operation dramatisch, sagt Tschöp. Das sei wahrscheinlich der Grund dafür, dass sich der Gesundheitszustand von Diabetikern sofort nach der OP verbessert - und zwar schon bevor sie stark an Gewicht verlieren. Andererseits sei von einigen dieser Hormone inzwischen bekannt, dass sie auch das Suchtzentrum des Gehirns beeinflussen.

Tschöp und seine Kollegen arbeiten derzeit daran, ein Medikament zu entwickeln, das die Zusammensetzung des Hormoncocktails im Magen-Darm-Trakt gezielt verändert. Wenn es klappt, könnte ein solches Arzneimittel eine Magenverkleinerung überflüssig machen - unter Umständen aber auch dazu führen, dass manche Patienten leichter eine Sucht entwickeln, erklärt Tschöp: "Deshalb untersuchen wir die Wirkung dieser Hormonkombinationen sehr genau."

Barmer-Chef Christoph Straub mahnt vor allem bei Magenverkleinerungen zu mehr Vorsicht. Die Entscheidung für oder gegen eine solche Operation müsse viel sorgfältiger als bisher abgewogen werden: "Wir sehen leider immer wieder, dass sich die Ärzte nicht an die Leitlinien halten."

Straub fordert zudem, bariatrische Operationen in Deutschland nur noch an den 50 dafür zertifizierten Zentren vorzunehmen - und nicht mehr in den anderen rund 300 Kliniken, die diese Eingriffe ebenfalls anbieten. An den Zentren sei nicht nur die Sterblichkeit um rund 15 Prozent niedriger, so Straub. Sie verfügten auch über ein funktionierendes Netzwerk mit Nachsorgeärzten, auf das die suchtgefährdeten Patienten angewiesen seien.

Mit solch einem Netzwerk hätte vielleicht auch der Alkoholabsturz einer Gesundheitsexpertin aus Neuseeland verhindert werden können, der unlängst im "Australian & New Zealand Journal of Psychiatry" veröffentlicht wurde: Mit Ende vierzig hatte sich die Frau einen MagenBypass legen lassen. Innerhalb eines Jahres fiel ihr Body-Mass-Index von 40 auf 32. Alles schien gut. Doch dann wurde sie befördert. Früher, sagt sie, habe sie gegen den beruflichen Stress angegessen. Das ging jetzt nicht mehr. Stattdessen fing sie an zu trinken. Irgendwann waren es vier Flaschen Wein pro Tag. Sie verlor ihren Job, musste ein halbes Jahr in die Klinik, danach zu den Anonymen Alkoholikern.

"Der Verlust des Übergewichts", sagt Straub, "macht die Patienten eben nicht automatisch zu glücklichen Menschen."



insgesamt 13 Beiträge
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Lisa_can_do 26.06.2017
1. Und?
Deutschland bzgl. Magen-Bypass/ oder -Verkleinerung mit den USA zu vergleichen: 1. Fehler. In den USA ist man, wieder mal, medizinisch deutlich weiter und operiert nicht erst ab BMI größer 40. Eine Sucht und die Abkehr davon damit zu verdammen, dass die Leute sich andere Süchte suchen und man damit ja dann auch bei der eigentlichen Sucht bleiben kann, zweiter fataler Fehler. Ja, die Summe aller Laster ist immer gleich, aber adipöse Patienten müssen lange noch psychisch betreut werden. Keine Hobby-Psychologen und/ oder Heilpraktiker, sondern Profis, Psychologen, die darauf spezialisiert sind. Und die gibt es in den USA. Und nicht in Deutschland.
deranaluest 26.06.2017
2. Ich war mal in einer Abnehmselbsthilfegruppe
in der die Magenverkleinerung hochgejubelt wurde. Allerdings war auch jemand darunter, dem das Band wieder entfernt werden musste. Dieser hat in 3 Monaten 15 Kilo zugenommen. Da war auch mir klar, dass es ein psychisches Problem ist. So lange Essen dein Freund ist, der immer da ist und dich tröstet, so lange hilft auch kein Magenband. Nur wenn man auch mit sich im Reinen ist, kann das was mit dem Abnehmen funktionieren. So lange Essen aber neben der Nährstoffzufuhr noch andere Funktionen hat wird das nix.
ruhepuls 26.06.2017
3. Logisch eigentlich...
Extremes Übergewicht hat auch fast immer einen Verhaltensaspekt, im Sinne von Ersatzbefriedigung, Stresskontrolle usw. Diese Hintergründe fallen ja nicht weg, wenn die Droge weg fällt. Viele ehemalige Raucher machen beispielsweise die Erfahrung, dass sie anschließend aufpassen müssen, dass sie nicht mehr essen, mehr Kaffee oder Alkohol trinken.
Allegorius 26.06.2017
4. Eine banale doch wichtige Erkenntnis
Im dritten Anlauf ist es mir gelungen, nicht nur 40 Kilo abzunehmen und im Bereich des Normalgewichts zu landen, sondern auch die Schokoladensucht zu überwinden und Essen als Kompensation negativer Emotionen auszuschalten. Nach den ersten beiden, zunächst erfolgreichen Anläufen, fühlte ich mich leer und einsam. Wer sich mit Essen im Übermaß füllt, trägt ein Loch in sich, das er zu füllen versucht. Sich den Baustein "Sport" und/oder "gesundes Essen" ins Leben zu holen, funktioniert nur, wenn man (auch mit psychotherapeutischer Unterstützung) bereit ist, andere Bausteine aufzugeben. Eine gesunde Psyche hat kein Problem, sich gesund zu ernähren. Später kommen sportliche Erfolgserlebnisse dazu. Nach und nach wurde ich zu einem "neuen" Menschen. Ein faszinierender Prozess.
gunpot 26.06.2017
5. Nach Lektüre diese Artikels
kann ich mir nicht die Bemerkung verkneifen, dass wir jetzt Sigmar Gabriel nach erfolgreicher Operation genauer beobachten sollten.
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