AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2017

Rätselhafter Serienverbrecher Der Lasermann und der NSU

Ein Serientäter aus Schweden schoss in den Neunzigerjahren auf Migranten und steht jetzt in Frankfurt am Main vor Gericht. Diente er der NSU-Terrorzelle als Vorbild?

Häftling Ausonius 2015 in Stockholm bei begleitetem Ausgang
Olle Sporrong/exp/tt / picture alliance / EXPRESSEN

Häftling Ausonius 2015 in Stockholm bei begleitetem Ausgang

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Einer der gefährlichsten Serientäter Schwedens sitzt in einer Einzelzelle der Justizvollzugsanstalt Frankfurt am Main und feilt an seinem Lebenslauf. John Ausonius stellt sich seiner Vergangenheit, so erzählt es sein Anwalt. Ausonius schont sich nicht, notiert auch Details. Nein, es soll nicht nach Selbstmitleid klingen, also noch einmal von vorn. Der 64-Jährige schreibt mit der Hand, streicht, formuliert um, holt wieder aus. Ein Leben im Zeitraffer: im Untergrund, auf der Flucht, hinter Gittern.

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Heft 50/2017
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Die Zeit drängt. Was John Ausonius jetzt aufschreibt, will er im Gerichtssaal vortragen. Warum er ist, wer er ist; warum er tat, was er tat; warum er heute ein anderer ist, als er einst war. Und vor allem, warum er nicht der Mörder von Blanka Zmigrod ist.

In dieser Woche beginnt die Hauptverhandlung vor der 22. Strafkammer des Landgerichts Frankfurt am Main. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass der gebürtige Schwede heimtückisch und aus Habgier am 23. Februar 1992 gemordet hat.

Seit mehr als 24 Jahren sitzt John Ausonius wegen anderer schwerer Straftaten im Gefängnis, bis vor einem Jahr in seinem Heimatland. Dann wurde er nach Deutschland ausgeliefert.

Sechs Verhandlungstage sind für den Prozess anberaumt. Ausonius hofft auf einen Freispruch.

Er soll in jener regennassen Februarnacht im Jahr 1992, kurz nach Mitternacht, die Garderobiere Blanka Zmigrod auf deren Heimweg durch das Frankfurter Westend verfolgt und ihr im Kettenhofweg von schräg hinten mit einer Pistole in den Kopf geschossen haben, um ihr die Handtasche zu entreißen.

Tatort in Frankfurt am Main 1992
picture alliance / Jürgen Mahnke

Tatort in Frankfurt am Main 1992

Ausonius kannte die Frau. Am Tag zuvor hatte er die 68-Jährige an der Garderobe des Restaurants und Hotels Mövenpick beschimpft und ihr unterstellt, sie habe seinen Casio-Rechner, eine Art elektronisches Notizbuch, aus der Manteltasche gestohlen. Die Staatsanwaltschaft glaubt, Ausonius habe sie getötet, um an ihre Handtasche zu kommen, in der er seinen Rechner vermutete. Das Gerät ist verschwunden.

Wer Ausonius' Vergangenheit kennt, die er in diesen Tagen in Worte zu fassen versucht, entwickelt eine Vorstellung davon, warum er damals so erzürnt gewesen sein könnte, als er sein Notizbuch vermisste. Es könnte interessante Details zu seinem Doppelleben, seinem Hass, seiner Wut enthalten, die ihn zwischen August 1991 und Januar 1992 zu einem unberechenbaren Serientäter hatten werden lassen.

Ausonius jagte in diesen sechs Monaten Migranten, die er als Bedrohung wahrnahm, als Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Ausgerechnet er, Sohn eines Schweizer Einwanderers und einer Deutschen, geboren auf der schwedischen Insel Lidingö, der darunter litt, dass er mit seinen dunkelbraunen Augen und dem pechschwarzen Haar auffiel.

Ausonius lauerte seinen Opfern in Uppsala und Stockholm auf, benutzte dabei teilweise ein Gewehr mit Laserzielvorrichtung. Am 3. August 1991 schoss er auf David Gebremariam, 27, Student aus Eritrea; am 21. Oktober 1991 auf den Iraner Shahram Khosravi, 25; sechs Tage später auf einen Obdachlosen aus Griechenland, am 1. November auf einen Brasilianer. Alle Opfer wurden schwer verletzt, aber sie überlebten.

Am 8. November zielte Ausonius auf Jimmy Ranjbar, 34, aus Iran. Der Mann starb einen Tag später.

Es dauerte 75 Tage, bis Ausonius seine grausame Serie fortsetzte. Er schoss auf einen in Chile geborenen Mann, auf dunkelhäutige Männer, dann auf einen Mann aus der Türkei, schließlich auf einen weiteren Migranten. Ausonius zielte in den meisten Fällen auf den Kopf seiner Opfer, drückte häufig mehrfach ab.

Tatwaffe Revolver Smith & Wesson, verwendet bei der Anschlagsserie in Schweden
danapress

Tatwaffe Revolver Smith & Wesson, verwendet bei der Anschlagsserie in Schweden

War dieser rassistische, fremdenfeindliche Verbrecher ein Vorbild für die Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), die 10 Morde begingen, die meisten rassistisch motiviert, dazu mindestens 2 Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle? Eine Blaupause für eine der größten Mordserien im Nachkriegsdeutschland?

Auch die NSU-Terroristen zogen quer durchs Land, überfielen Migranten und töteten sie. Wie Ausonius finanzierten sie ihr Leben durch Banküberfälle; wie er setzten sie oft Fahrräder ein, um vom Tatort zu fliehen; ähnlich wie er feuerten sie meist auf den Kopf ihrer Opfer, mehr als einmal.

Als die Bundesanwaltschaft nach der Enttarnung der Terrorzelle Verbrechen prüfte, die eine Verbindung zum NSU haben könnten, stieß sie 2012 auf den Mordfall Blanka Zmigrod. Sie war Jüdin. Sie wurde aus nächster Nähe erschossen. Ihr Mörder verfolgte sie auf dem Fahrrad. Und im Visier damals war ein Mann, der bis zum Tod Blanka Zmigrods elf Mordanschläge auf Migranten verübt hatte.

Ausonius sagt, er habe keinen Kontakt zum NSU gehabt. Es könne jedoch sein, dass er unwissend für den NSU eine Leitfigur gewesen sei - mehr jedenfalls als für Anders Breivik, der am 22. Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen niedermetzelte und vor Gericht sagte: "Es sind diese Ungerechtigkeiten, die mich, den Lasermann in Schweden und den NSU in Deutschland schufen."

Das entsetzt Ausonius. Mit Breivik, der überwiegend jugendliche Teilnehmer eines Zeltlagers der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet tötete, will er nicht verglichen werden. Zu den Parallelen zum NSU sagt er: "Was könnte ich dafür, wenn die NSU-Terroristen meine Taten zum Vorbild genommen haben?" Hinweise dafür, dass sich der NSU von Ausonius inspirieren ließ, ihm nacheiferte, gibt es allerdings nicht. Im Plädoyer der Bundesanwaltschaft vor dem Münchner Oberlandesgericht tauchte sein Name nicht auf.

In seiner Gefängniszelle verfasst Ausonius nun das Unmögliche: seine Rechtfertigung für einen kaltblütigen, rassistischen Feldzug. Ausonius schreibt auf Deutsch, der Sprache seiner Mutter. Er spricht sie mit leichtem Akzent und grammatikalischen Ausrutschern. Es ist das Einzige, was ihn noch mit seiner Mutter verbindet, Kontakt zu ihr hat er nicht mehr.

Sein Vater ist tot. Zu ihm fühlte sich John Ausonius hingezogen, als Schüler half er in dessen Restaurant. Ausonius hatte gute Voraussetzungen, seine Zensuren waren stabil; er begann ein Ingenieursstudium, schmiss aber nach zwei Jahren hin; er jobbte als Taxifahrer, wurde handgreiflich und mehrmals verurteilt. Er gründete eine Firma, scheiterte, landete wegen Körperverletzung im Gefängnis und nannte sich nun nach dem römischen Dichter Ausonius.

Er habe an der Börse spekuliert, sei reich geworden, erzählt er. Dann fand er wohl Gefallen an Spielbanken, fuhr in Casinos nach Deutschland, Belgien, in die USA und verspielte sein Vermögen. Im Herbst 1990 begann er, Banken zu überfallen - um weiterzocken zu können.

Dann sei ihm die Idee gekommen, seine Verachtung für Migranten zu benutzen, um seine Banküberfälle zu verschleiern. "Ich tue der Gesellschaft etwas Gutes, indem ich Einwanderer töte und andere damit abschrecke und so dazu beitrage, dass weniger von ihnen nach Schweden kommen", sagte Ausonius 2015 in einem Interview der "Berliner Zeitung".

Bei seinem letzten Anschlag am 30. Januar 1992 beobachtete eine Frau Ausonius' Fahrzeug und gab der Polizei einen entscheidenden Hinweis. Ausonius flüchtete, landete in Dresden, dann in Frankfurt am Main. Deutschland sollte ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Südafrika sein. Es kam zu jener Begegnung mit Blanka Zmigrod im Mövenpick. Unmittelbar nach dem Tod der Frau flog Ausonius nach Johannesburg.

Im Mai kehrte er zurück nach Schweden. Am 12. Juni 1992 kam es zum filmreifen Showdown in Stockholm, als Ausonius erneut eine Bank ausrauben wollte: Er lieferte sich einen heftigen Schusswechsel mit Polizisten, bis sie ihn überwältigen konnten.

Längst war er auch im Visier der Frankfurter Ermittler. Es gibt eine Zeugin des Streits in der Garderobe. Sie ist nun auch zur Hauptverhandlung geladen. Damals war die Beweislage jedoch ebenso wenig eindeutig wie heute. Es gibt keine DNA-Spuren, keine Fingerabdrücke, keine Tatzeugen. "Wenn überhaupt, gibt es einzelne Indizien, aber keine Kette, die aufeinander aufbaut", sagt sein Anwalt Joachim Bremer. Seit 36 Jahren ist Bremer Strafverteidiger. Im Fall Ausonius hält er die Indizien für derart "wacklig", dass er im Vorfeld der Hauptverhandlung gar einen Antrag auf Nichteröffnung des Verfahrens stellte. Abgelehnt.

Angeklagter Ausonius in Stockholm 1995
AP

Angeklagter Ausonius in Stockholm 1995

Hätten Ermittler nach der Entdeckung der NSU-Zelle nicht 2012 diese Parallele entdeckt, der Mordfall im Frankfurter Westend wäre wohl nie aufgerollt worden. Offiziell wurden die Ermittlungen im Fall Zmigrod 1997 eingestellt.

Doch wer einmal gemordet hat, dem traut man vieles zu. Deshalb sitzt Ausonius in seiner Zelle und macht sich Notizen:

Was müssen das Gericht, die Schöffen, die Öffentlichkeit wissen, um beurteilen zu können, dass ein Mörder nicht immer ein Mörder ist?

Er bleibt dabei: Ja, er sei im fragwürdigen Zeitraum in Frankfurt gewesen; ja, er habe mit Blanka Zmigrod gestritten. Aber: Mit ihrem Tod habe er nichts zu tun. Dass die bei ihm nach seiner Verhaftung im Königreich gefundene Munition die gleiche gewesen sein soll, die der Mörder von Blanka Zmigrod verwendet hat? Das beweise noch gar nichts.

Ausonius, wortgewandt, will sich mit seinem Vortrag zu Beginn der Hauptverhandlung selbst verteidigen. Bremer, sein Anwalt, bestärkt ihn in diesem Vorhaben. Wenn er Ausonius im Gefängnis besucht, habe der eine lange Liste an Fragen und Überlegungen, die er besprechen wolle.

Im Mai 1995 wurde Ausonius in Schweden zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, erst fünf Jahre später gestand er alle Taten. Wenn er vom Landgericht Frankfurt verurteilt wird, wird er seine Haft in Schweden absitzen; wird er freigesprochen, auch. Dennoch steht für ihn viel auf dem Spiel: Bislang konnte er alle zwei Jahre einen Antrag auf Haftentlassung stellen, in den vergangenen sechs, sieben Jahren wurden seine Haftbedingungen stark gelockert.

Auch wenn seine menschenverachtende Jagd aus Fremdenhass nicht Gegenstand der Verhandlung sein wird: John Ausonius will auch darüber sprechen. Er will, dass man ihm glaubt.



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