AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2016

Unterwegs mit Navid Kermani Eine Reise entlang am Riss

Die erste Etappe beginnt in Schwerin, die Route geht nach Osten. Schriftsteller Navid Kermani begibt sich auf eine Reise durch eine sich verändernde Welt. Was er erlebt bei Flüchtlingen, AfD-Treffen und beim Besuch in Auschwitz beschreibt er hier.

AfD-Mann Kalbitz in Schwerin: Am Ende ist von Boateng bis Schießbefehl alles abgeräumt
Milos Djuric/ DER SPIEGEL

AfD-Mann Kalbitz in Schwerin: Am Ende ist von Boateng bis Schießbefehl alles abgeräumt


Sehr geehrter Herr de Jesus Fernandes, sehr geehrter Herr Kalbitz,

mein Mitarbeiter Florian Bigge hat mir zunächst die Zusage für ein Gespräch und die Teilnahme an der Veranstaltung der AfD am 28. August übermittelt und anschließend Ihre Absage. Ich melde mich jetzt selbst einmal, um kurz mein Anliegen zu skizzieren. Ich bin Schriftsteller und möchte eine lange Reise unternehmen: von Ostdeutschland nach Polen und Litauen und von dort über Weißrussland, die Ukraine über Russland und den Kaukasus bis hinunter nach Iran, gewissermaßen entlang des Risses, der sich gegenwärtig in Europa neu auftut (wobei solche Formulierungen immer auch provisorisch sind, deshalb reise ich ja, um die Wirklichkeit zu erfahren). Die Tagespolitik interessiert mich nicht, vielmehr die grundlegenden sozialen und kulturellen Entwicklungen innerhalb einer Gesellschaft, wie sie sich im täglichen Leben abzeichnen.

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Heft 40/2016
Von den Nürnberger Prozessen bis heute: Die Suche nach der gerechten Strafe

Wie bei allen meinen Reportagen geht es nicht darum, die eine Wahrheit zu verkünden, sondern verschiedene Sichtweisen und Erfahrungen kennenzulernen und nebeneinander stehen zu lassen, auch im Widerspruch. Dabei muss mein Anspruch als Reporter grundsätzlich der sein, dass sich der Dargestellte ungeachtet meines eigenen Urteils auch wiederfindet in der Darstellung - und bis jetzt hat sich in den 20 Jahren, seit ich Reportagen schreibe, keiner meiner Gesprächspartner verunglimpft gefühlt, geschweige denn prozessiert oder Ähnliches.

Sicher gibt es auch Debattenbeiträge von mir, aber in den Reportagen beschränke ich mich weitgehend auf die Beschreibung und möchte ich gerade dann Menschen verstehen, wenn sie anderer Meinung sind als ich selbst. Immer nur mit Gleichgesinnten zu sprechen wäre nicht nur langweilig; als politische Haltung wäre es auch verheerend für unser politisches Gemeinwesen.

Deshalb bitte ich Sie, Ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken und mich an der Veranstaltung in Schwerin teilnehmen zu lassen. Ich würde mit offenen Augen und Ohren kommen und versuchen zu begreifen, was Sie umtreibt, was Sie bewegt, was Ihre und die Erfahrungen Ihrer Wähler sind; und wenn Sie nach meinen Erfahrungen und Einschätzungen fragen, dann werde ich mir alle Mühe geben, umgekehrt mich begreiflich zu machen, sodass ein Gespräch entsteht. Die ganzen Denk- und Sprech- und Kennenlernverbote gehen mir, salopp gesagt, auch ganz schön auf die Nerven - man muss doch reden, wenn man sich in einer Gesellschaft nicht die Köpfe einschlagen will.

Mit besten Grüßen aus Köln, Navid Kermani

Erster Tag

"Gibt es denn überhaupt keine Probleme?", frage ich ungläubig die Frau, die auf dem Dreesch, der größten Plattenbausiedlung Schwerins, die Sonntagsschule für syrische Kinder leitet.

"Nein", antwortet die Frau, "nicht wirklich." Ab und zu mal ein unschönes Wort wegen ihres Kopftuchs, aber was sei das schon gegen das, was sie in Syrien durchgemacht hätten, im Krieg, sie und ihre Familie. Das Kind, das sie im Bauch trage, werde in Frieden geboren.

40 Jahre alt ist Ghadia Ranah und war bereits in Syrien Lehrerin von Beruf. Jetzt ist sie für 136 syrische Kinder verantwortlich, die jedes Wochenende im Sozialzentrum der Siedlung Unterricht auf Arabisch erhalten, um den Bezug zur Heimat nicht zu verlieren. Die Kinder aber, das habe ich schon erfahren, als ich sie in der Pause auf dem Spielplatz befragte, die Kinder denken überhaupt nicht daran zurückzukehren. Ich konnte es kaum fassen, wie gut sie bereits Deutsch sprechen, acht, neun Monate hier und verwendeten bereits den Konjunktiv, um zu erklären, wie ihr Alltag aussähe, wenn sie noch immer in Syrien lebten, keine Schule, keine Spiele draußen, Angst vor Bomben, Panzern, Kämpfern. Hier in Deutschland seien alle zu ihnen nett.

Navid Kermani
DPA

Navid Kermani


Navid Kermani, Sohn iranischer Einwanderer, hat Sachbücher und literarische Reisereportagen aus Krisengebieten veröffentlicht, auch für den SPIEGEL: 2014 reiste er durch den Irak, 2015 entlang der Balkanroute der Flüchtlinge. Vor Kurzem erschien sein neuer Roman "Sozusagen Paris". Jetzt führt ihn seine Fahrt in die Außenbezirke der westlichen Welt. Der erste Reiseabschnitt endet in der umkämpften Ukraine. Der SPIEGEL veröffentlicht Navid Kermanis Reportage in den kommenden Ausgaben in einer vierteiligen Serie.


Kaum hat meine Reise begonnen, bemerke ich bereits meine Scheuklappen: Meine Idee war, mit den Flüchtlingen selbst zu sprechen, bevor ich nachmittags höre, wie bei der AfD über sie gesprochen wird. Natürlich nahm ich an, wer weiß wie schreckliche Zustände kennenzulernen, als Zeitungsleser stellt man sich Ostdeutschland schließlich als Strafe für jeden Flüchtling vor: ausländerfeindliche Nachbarn, überforderte Behörden, Isolation, womöglich Übergriffe. Tatsächlich treffe ich auf gut aufgelegte Helfer, strebsame Flüchtlinge und Kinder, die begeistert von Deutschland sind. Und als würde mir die Willkommensgesellschaft ausgerechnet in der Plattenbausiedlung einen Werbefilm vorführen, sprechen praktisch alle bereits hervorragend Deutsch.

Es habe sich unter den Syrern herumgesprochen, erklärte mir einer der freiwilligen Lehrer, dass die Verhältnisse in Schwerin besonders günstig für Flüchtlinge seien. Wie bitte? Ja, nach zwei, drei Monaten bekomme man hier schon seine Papiere und könne arbeiten, vielleicht noch nicht in dem gelernten Beruf, noch nicht als Apotheker oder Ingenieur, aber etwa als Übersetzer bei der AWO oder auf dem Bau. Außerdem würden die Flüchtlinge nicht in Heimen untergebracht, bei so viel leer stehenden Wohnungen, die Sprachkurse seien nicht überfüllt, und auch Schlangen vor den Ämtern kennten sie in Schwerin nicht. Demnächst böte der Verein, den die Syrer gegründet haben, interessierten Nachbarn kostenlosen Arabischunterricht an, und auch in der Kleingartensiedlung hätten sie schon ausgeholfen, um ihre Dankbarkeit zu zeigen.

So einfach sei es mit den Nachbarn dann doch nicht, berichtet Claus Oellerking, der in seinem früheren Leben selbst Schuldirektor war und auf dem Dreesch die Flüchtlingshilfe mitgründete. Die Syrer seien schon sehr speziell, Mittelschicht, hoch motiviert, gute Ausbildung, da gehe die Eingewöhnung natürlich schneller als bei den Problemfällen, die es unter den Flüchtlingen natürlicherweise auch gebe, erst recht, wenn der Zustrom völlig unkontrolliert sei, weil es keine regulären Fluchtmöglichkeiten gebe.

Einerseits hätten die meisten Bewohner der Plattenbausiedlung selbst einmal ihre Heimat aufgegeben, als Vertriebene, als Russlanddeutsche oder als Arbeiter, die nach Schwerin zogen, als in den Siebzigerjahren die Fabriken gebaut wurden. Entsprechend sei die Bereitschaft zu helfen durchaus ausgeprägt, gerade bei den Älteren - anfangs hätte sich die Flüchtlingshilfe kaum retten können vor Geschenken. Andererseits hätten viele Deutsche hier den Eindruck, abgehängt worden zu sein, die plötzliche Arbeitslosigkeit, als die Industriebetriebe nach der Einheit dichtmachten, eine karge Rente oder Hartz IV, die Zahl der Single-Haushalte überproportional hoch, das Alter vierzig aufwärts, zu wenige Kinder, dazu die Versorgungsmentalität noch aus der DDR - und nun zögen Hunderte Syrer in die Siedlung ein, junge Männer und vor allem junge Familien, die ihr Leben entschlossen in die Hand nähmen, nachdem sie es so glücklich gerettet hätten, und vielleicht auch etwas temperamentvoller seien, andere Sitten hätten, eine andere Sprache sprächen, dazu die Kopftücher. Natürlich erzeuge das Ablehnung, wenn auch eher still. Gewalt gebe es auf dem Dreesch so gut wie nicht, egal was die Zeitungen über den sogenannten Brennpunkt schrieben, nicht einmal Graffiti oder demolierte Spielplätze. Aber ob jemand zum Arabischunterricht komme oder auch nur zum Internationalen Grillen - da ist Herr Oellerking mal gespannt.

Durch die blumengeschmückte Altstadt, in der jeder Ziegel sorgsam restauriert scheint, fahre ich an den großen Plakaten der AfD vorbei, die vor der "Zerstörung Deutschlands" warnen. Kaum habe ich den holzgetäfelten Festsaal des Restaurants Lindengarten betreten, in dem die Partei zum "Thema: Rente bei Kaffee und Kuchen" einlädt, höre ich eine Frau klagen, dass deutsche Mädchen "entweiht" würden. Das geht ja schon mal gut los, denke ich und schaue mich um. Etwa 50, vielleicht 60 Menschen stehen in dem Saal oder sitzen bereits an den Tischen, die an die beiden Längswände gerückt sind, als solle die Mitte frei bleiben zum Tanz. Nichts Außergewöhnliches an ihnen, keine Embleme, keine Glatzen, keine Stiefel, auch das Alter bunt gemischt. Als ich mich an einen der Tische setze, werden mir ungefragt ebenfalls Kaffee und Kuchen gereicht.

Nicht Hass, Furcht ist es, die aus den Sätzen spricht, Furcht, dass sie Verlierer sind im eigenen Land

Zunächst stellen sich die Direktkandidaten für die Landtagswahl vor, die alle versichern, ganz normale Bürger zu sein. Am häuslichsten gibt sich die blonde Dame, die bis vor Kurzem einen Escort-Service für arabische Kunden betrieb, wie wohl jeder im Saal weiß, weil sie deswegen von der Landesliste gestrichen worden ist. Im Kreisverband hat sie sich dennoch als Direktkandidatin durchgesetzt und lächelt nun auf den Plakaten, die auch in Dreesch hängen, in Trachtenkleidung oder hoch oben von einem Pferd. Der Redner, Andreas Kalbitz, stellvertretender Fraktionschef in Brandenburg, soll am rechten Rand der AfD stehen, Burschenschafter; auch Verbindungen zu einem rechtsextremen Verein sagt ihm die Lügenpresse nach. Ich selbst habe ihn bereits am Telefon kennengelernt, als er mich nach meiner Mail anrief, da wirkte er - sorry, meine lieben linken Freunde, das schreiben zu müssen - kein bisschen aggressiv.

Auch in seiner Rede betont Kalbitz ein ums andere Mal, dass man natürlich differenzieren müsse - allerdings folgt dann keine Differenzierung, vielmehr die nächste pauschale Aussage über die Systemparteien, die Medien und die Asylanten. Auch die Fallbeispiele zeigen strikt nur eine Seite der Wirklichkeit: der Plattenbau in seinem Wahlkreis, der für die Flüchtlinge saniert würde, während die Deutschen weiter in ihren verfallenen Wohnungen hausten, die 200 Millionen jährlich, die zur Angleichung der Renten im Osten fehlten, während für den Asylwahnsinn 90 Milliarden Euro bereitgestellt würden, die 12.000 Euro Rente der Rundfunkintendantin und die Hilflosigkeit der Behörden im Umgang mit schwarzfahrenden Flüchtlingen, die in Berlin jetzt kostenlose Fahrscheine erhielten, während Rentner und Hartz-IV-Bezieher ihre Sozialtickets kaufen müssten. Und so weiter: die Friedensrichter, Parallelgesellschaften sowie unsere deutschen Frauen, die sich nachts nicht mehr auf die Straße trauten, aber natürlich müsse man differenzieren. Ausgangspunkt für jedes Argument ist die Rente: In Würde altern möchte jeder, gleich, wo er sonst politisch steht. Und die Schlussfolgerung ist jedes Mal: Irgendwer bekommt das Geld, das euch im Alter fehlt. Offen gesagt, kommt mir das ein bisschen zu simpel vor, so einfach gestrickt sehen die Zuhörer gar nicht aus.

Schweriner Veranstaltungsort Lindengarten: "Zerstörung Deutschlands"
Milos Djuric/ DER SPIEGEL

Schweriner Veranstaltungsort Lindengarten: "Zerstörung Deutschlands"

Erst in der Fragestunde geht mir auf, was die AfD aus dem Stand auf 20 Prozent bringen wird - nicht wegen dem, was sie sagt, sondern dem, was hier Menschen endlich sagen dürfen. Jeder im Lindengarten hat eine eigene Sorge, der eine seine Rente, der andere die private Krankenversicherung, die er im Alter nicht mehr kündigen darf, ein weiterer die Fremden im Straßenbild, schließlich die hohen Gebühren im Kleingartenverein, und alle lesen die gleichen Bücher, die vor dem Islam warnen. Nicht Hass, Furcht ist es, die aus den Sätzen spricht, Furcht, dass sie Verlierer sind im eigenen Land und wie nach der Wende alles über sie hereinbricht. Das hier ist nicht die NPD; ein Skinhead würde hier mehr auffallen und wahrscheinlich mehr stören als jemand mit schwarzen Haaren wie ich. Das hier sind tatsächlich ganz normale Bürger mit ganz normalen Berufen oder zu geringen Renten, soweit ich nach der Veranstaltung mit ihnen ins Gespräch komme, Handwerksmeister, Computerfachleute, selbst ein ehemaliger Wahlbeobachter der OSZE mit internationaler Erfahrung; ein etwas älterer Herr, der es zuletzt bei den Piraten versucht hat, sieht mit seinem langen Bart mehr wie ein Hippie aus. Allenfalls Andreas Kalbitz hat etwas, nein, nicht von einem Nazi, sondern mit kleiner runder Brille, blondem Schnurrbart und der schneidigen Diktion mehr etwas Wilhelminisches. Und dieses Deutschland, das alte Deutschland, das nationalbewusst war, aber nicht von Adolf Hitler ins Verderben getrieben, ist es vielleicht am ehesten, was für einen Burschenschafter ein Bezug wäre, als alles noch seine Ordnung hatte.

"Wir wollen, dass alles so bleibt", sagt mir ein junger Mann mit Trekkinghose, der genauso freundlich, neugierig ist wie alle anderen, die nach der Veranstaltung mich ansprechen statt umgekehrt ich sie. "Sie können sich wünschen, was Sie wollen", erwidere ich, "Sie können für Ihre Vorstellungen kämpfen - aber ich kann das genauso, Sie haben kein Vorrecht vor mir." Da fällt ihm die Kinnlade herunter, dieser Punkt, dass der, dessen Eltern zugezogen sind, das gleiche Recht haben soll wie ein Einheimischer, das leuchtet ihm nicht ein. Dem Herrn, der früher bei der OSZE war, freilich schon, und sofort ergibt sich eine Diskussion unter den Anhängern der AfD selbst. Sogar das Recht auf politisches Asyl wird nun verteidigt und wiederholt daran erinnert, dass Deutschland ein Einwanderungsgesetz benötige, so stehe es schließlich auch im Parteiprogramm. Nur wie im Herbst, so chaotisch, das gehe doch nicht, sind sich alle einig, auch mit Herrn Oellerking von der Flüchtlingshilfe Schwerin.

Als sich der Saal leert, setze ich mich zu Kalbitz an den Tisch; er ist erschöpft, die Hitze, die vielen Auftritte im Wahlkampf, jetzt auch noch eine Erkältung im Anflug - er wäre an einem sonnigen Sonntag auch lieber bei seiner Familie, bei seinen drei Kindern, aber zu sehr treibe ihn die Passivität der Menschen um, die Resignation, die geringe Wahlbeteiligung - mit der AfD führe man die Leute zurück in die Politik, gebe ihnen eine Stimme, darüber müsse sich doch jeder Demokrat freuen. Komme es ihm denn nicht selbst etwas absurd vor, wenn die AfD groß plakatiere, dass Deutschlands Zerstörung drohe? In Deutschland wisse man schließlich, was Zerstörung bedeute, und wenn man es vergessen habe, könne man sich die Bilder aus Syrien oder dem Irak anschauen. Aber hier in der schmucken Altstadt von Schwerin, im holzgetäfelten Veranstaltungssaal - Deutschlands Zerstörung? Ehrlich gesagt, wüsste ich gerade nicht, welches Land so viel sicherer, wohlhabender und freier sei, Schweden vielleicht oder Norwegen.

Der Slogan sei nicht von ihm, sagt Kalbitz, und drücke außerdem nur eine Sorge aus, kein bereits eingetretenes Faktum. Ach so?, frage ich. Ja, natürlich, beteuert Kalbitz, eine Sorge, kein Faktum, und beginnt dann im Gespräch tatsächlich eine Differenzierung nach der anderen, die im Vortrag nur eine Ankündigung blieb. Plötzlich gibt es nicht mehr nur die Silvesternacht, sondern die wirklich Verfolgten, die selbstverständlich ein Recht auf Asyl hätten, nicht nur die Terroranschläge, sondern auch die vielen gut integrierten Muslime. Am Ende ist von Boateng bis Schießbefehl all das abgeräumt, was am meisten provoziert, und bleibt mehr oder weniger nur das Minarettverbot als Alleinstellungsmerkmal, obwohl Kalbitz mir nicht recht begreiflich machen kann, wie sich Menschen mit einem Land identifizieren sollen, wenn sie nicht auch mit ihrem Glauben heimisch werden.

Syrische Flüchtlingskinder auf dem Dreesch in Schwerin: Begeistert von Deutschland
Milos Djuric/ DER SPIEGEL

Syrische Flüchtlingskinder auf dem Dreesch in Schwerin: Begeistert von Deutschland

Genau dieser Vorwurf ist der AfD oft gemacht worden: dass ihre Vertreter provozieren, um anschließend zu beteuern, es sei alles nicht so gemeint; die Grenzen dessen, was noch als skandalös gelte, werde so Stück für Stück nach hinten versetzt. Aber da ich Andreas Kalbitz gegenübersitze, wüsste ich tatsächlich nicht zu sagen, ob der echt ist, der in seiner Rede Flüchtlingshelfer wie Claus Oellerking als "Kuscheltierwerfer" verhöhnt, oder jener, der kein Problem mit einem türkischstämmigen Vizekanzler hätte, wenn er gut integriert sei - Cem Özdemir lehne er aus rein politischen Gründen ab. Neulich hätten ihn ein paar kroatische Geschäftsleute angesprochen und gesagt, dass sie eigentlich alles gut fänden, was die AfD vertrete, aber die Partei schlecht unterstützen könnten, weil sie doch gegen Ausländer sei. Irgendwie habe er den Eindruck - der wohlgemerkt ganz falsch sei! - dennoch nachvollziehen können, meint Kalbitz und wünscht mir eine gute Weiterreise.

Zweiter Tag

Sind die Züge nach Osten immer so leer? Peinlich es zu gestehen, aber ich war noch nie in Polen; tief im Westen Deutschlands geboren und aufgewachsen, schauten wir immer nach Frankreich, Italien, die Vereinigten Staaten; selbst den Orient kannten wir besser als den Osten des eigenen Landes. Jetzt fährt der Zug über die Oder, die noch ein richtiger Fluss zu sein scheint, nicht so verbaut und begradigt, die Ufer sich selbst überlassen. Keine 30 Sekunden in Polen, und schon sieht der Osten urwüchsig aus wie in den Büchern von Andrzej Stasiuk. Aber klar, die Plattenbauten kommen auch sofort, 30 Sekunden später.

In Posen verpasse ich fast den Zug nach Breslau, weil ich mich bei aller Reiseerfahrung am Bahnhof nicht zurechtfinde und niemanden verstehe, dem ich mein Ticket hinhalte. Und dann bleibe ich zu allem Überfluss an der Bahnhofsbäckerei zu lang stehen: Wenn ich etwas für typisch deutsch hielt, war es das Vollkornbrot, und nun geht mir auf, dass die Polen oder jedenfalls die Posener das Brot genauso dunkel backen und Deutschland kulinarisch mehr dem Osten angehört als dem Westen oder gar dem Süden Europas, der erst in den letzten Jahrzehnten in die deutsche Küche eingezogen ist. Nicht die Weißwurst-, sondern die Weißbrotgrenze ist es, die den Kontinent historisch teilt. Vor den Weltkriegen hätte man Mitteleuropa gesagt und legten deutsche Intellektuelle Wert darauf zu erklären, was ihr Land vom Westen trennt. Als ich endlich wieder im Zug sitze, wundere ich mich, dass selbst in der ersten Klasse kein Sitz frei ist, als ob die Polen sich nur innerhalb des Landes bewegten.

In Breslau erklärt mir der Leiter des Willy Brandt Zentrums, der Historiker Krzysztof Ruchniewicz, Helmut Kohl sei in Polen weitaus beliebter als das Vorbild meiner westdeutschen, friedensbewegten Generation. Richtig, Brandt habe zwar die Oder-Neiße-Grenze anerkannt, aber später die antikommunistische Opposition nicht unterstützt und sich bei dem Polenbesuch 1985 geweigert, den Friedensnobelpreisträger Lech Wasa zu treffen. Würde ich mich auf dem Platz vor der Synagoge umhören, wo wir in einem der Cafés sitzen, wüsste kaum jemand etwas mit dem Namen des Bundeskanzlers anzufangen, und das wären die Gebildeten. Von dem Kniefall hatte 1970 schließlich kaum ein Pole gehört, merkt Ruchniewicz an; das Foto wurde ein einziges Mal in einer jüdischen Zeitung und danach nur retuschiert oder zur Hälfte veröffentlicht - Brandt ohne Knie.

Überhaupt, so elementare Tatsachen, die man nicht im Kopf hat, wenn man ein paar Kilometer westlich aufgewachsen ist - dass ausnahmslos jeder Breslauer eine Zuwanderungsgeschichte hat und es 1945 zu einem vollständigen Bevölkerungsaustausch kam, alle 600.000 Deutsche vertrieben wurden oder genau genommen mehr, weil Schlesien als Luftschutzkeller Deutschlands galt und viele Flüchtlinge aus den Westgebieten hier lebten. Die Juden wurden gleich zweimal vertrieben, nein, dreimal: das erste Mal von den Deutschen in die Züge gepfercht, die nach Auschwitz, Theresienstadt oder Majdanek fuhren; die wenigen Juden, die in Breslau überlebt hatten, nach dem Krieg als Deutsche; schließlich diejenigen, die mit den anderen Polen in die Stadt umgesiedelt wurden, wiederum als Juden. Man weiß das alles nur vage, weil wir im Schulunterricht, wenn überhaupt, nur verschämt über die Gebiete sprachen, die nicht mehr deutsch sind. Aber auch in Polen selbst, bemerkt Ruchniewicz, erinnere man sich der eigenen Vergangenheit nur schemenhaft und sehe Polen immer nur als Opfer. Zumal die neue konservative Regierung jedes Wort vermeide über die Vertreibung der Juden, geschweige denn der Deutschen.

Ich versuche mir vorzustellen, wie die Polen, die ihrerseits zum größten Teil aus der heutigen Ukraine vertrieben worden waren, in Breslau eintrafen, wie sie die eilig verlassenen Wohnungen der Deutschen betraten, die Kleiderschränke und Schubladen öffneten, wie der Schuster nach einer Schusterwerkstatt Ausschau hielt, der Arzt sich eine passende Praxis suchte, in den Schulen vielleicht noch die Zeichnungen der vorigen Klassen hingen, der Kittel des Hausmeisters, der Hut des Direktors, mit deutschem Etikett - und wenn er dem neuen Direktor passte? Man denkt, das Leben kann gar nicht weitergehen, wenn eine Stadt alle ihre Bewohner und mit den Bewohnern ihre Geschichte verliert, und dann sieht es ein paar Jahrzehnte später doch so aus, als hätten niemals andere Menschen in Breslau gelebt.

Krzysztof Ruchniewicz erzählt, wie einmal deutsche Vertriebene in dem Dorf seiner Frau in der Nähe von Habelschwerdt vorfuhren, eine weitverzweigte Familie oder vielleicht auch mehrere Familien im Bus. Die deutsche Großmutter, die sich ein ums andere Mal nach den Preisen für Immobilien erkundigte, wurde jedes Mal von ihren Töchtern nach hinten gezogen und schließlich in den Bus gedrängt. Der Bus drehte eine Runde, bevor er wieder vor dem Hause der Schwiegereltern anhielt. Jemand reichte ein kleines Präsent aus der Tür, ein Päckchen Kaffee, bevor der Bus davonfuhr. "Das war ein seltsames Gefühl", sagt der Leiter des Willy Brandt Zentrums, "ganz komisch: Hätten wir ihnen auch etwas geben müssen, fragten wir uns - aber wofür?" Als ich abends eine Mail an Andreas Kalbitz schicke, um mich für die freundliche Aufnahme zu bedanken, grüße ich - zugegeben etwas naseweis, aber manchmal sind die Finger schneller als der Verstand - "aus Breslau, wo nicht die Weltoffenheit, sondern der Nationalismus dazu geführt hat, dass kein Deutscher mehr hier lebt".

Dritter Tag

Der Vorgang, der mich ohne Wenn und Aber zum Deutschen macht, dauert keine Sekunde. Aufgrund des Andrangs kann man Auschwitz nur in einer Gruppe besuchen, muss sich vorher anmelden, am besten online, und sich für eine Sprache entscheiden, Englisch, Polnisch, Deutsch et cetera. Die Prozedur ist nicht viel anders als auf einem Flughafen: Die Besucher, die meisten mit Backpacks, kurzen Hosen oder anderen Signalen, auf der Durchreise zu sein, halten den Barcode hin um einzuchecken, erhalten einen Aufkleber für ihre Sprache und laufen eine Viertelstunde vor Beginn ihrer Führung durch eine Sicherheitsschleuse. In einer engen Halle verteilen sie sich auf zu wenige Sitzbänke, bis ihre Gruppe aufgerufen wird. Nachdem ich das Ticket unter einen weiteren Scanner gehalten habe, stehe ich von einem auf den anderen Schritt im Konzentrationslager, vor mir die Baracken, die Wachtürme, die Zäune, die jeder von Fotos, Dokumentationen, Filmen kennt.

Die Gruppen haben sich bereits gesammelt, obwohl die Führer noch nicht gekommen sind. Während die israelischen Jugendlichen - oder bilde ich mir das nur ein? - etwas lauter und selbstbewusster sind, drücken sich die Deutschen - nein, das bilde ich mir nicht nur ein - stumm an die Mauer des Besucherzentrums. Und dann klebe ich den Aufkleber auf die Brust, auf dem schwarz auf weiß ein einziges Wort steht: deutsch. Das ist es, diese Handlung, dann wie ein Geständnis der Schriftzug auf meiner Brust: deutsch. Ja, ich gehöre dazu, nicht durch die Herkunft, durch blonde Haare, arisches Blut oder so einen Mist, sondern schlicht durch die Sprache, damit die Kultur. Ich gehe zu meiner Gruppe und warte ebenfalls stumm auf unsere Führerin. Im Tor, über dem "Arbeit macht frei" steht, stellen sich nacheinander alle Gruppen zu einem bizarren Foto auf, außer unserer.

Auschwitz fügt sich in die Reihe der europäischen Top-Besucherziele ein und bietet die obligatorischen Stellplätze für Selfies

Die dreistündige Führung ist so angelegt, dass sich der Schrecken kontinuierlich steigert, von den Wohntrakts über die verschiedenen Hinrichtungsstätten und die Folterkammern bis in die Gaskammern hinein, an deren Wände sich tief die Kratzer der Fingernägel abzeichnen. Dass nach Auschwitz kein Gedicht mehr geschrieben werden könne, ist so häufig missverstanden, verlacht, abgetan worden; dabei hat Adorno selbst sich nach dem Krieg vehement für die avancierte Poesie eingesetzt. Im Krematorium bekommt der Satz eine natürliche Evidenz, nicht als Bannstrahl, sondern als Ausdruck der unmittelbaren Empfindung - wie soll Zivilisation nach so etwas überhaupt noch weitergehen, was hat sie für einen Wert? Und gerade als wir meinen, die Dimensionen des Lagers einigermaßen zu erfassen, werden wir mit dem Bus ein paar Kilometer nach Birkenau gefahren, dessen Ausmaße schier unübersehbar sind.

Die Wege der einzelnen Besuchergruppen kreuzen sich immer wieder, aber zu Wartezeiten vor den verschiedenen Gebäuden kommt es trotz des Andrangs so gut wie nie. Ziemlich routiniert fügt sich Auschwitz in die Reihe der europäischen Top-Besucherziele ein und bietet die obligatorischen Stellplätze für Selfies. Natürlich habe ich ständig das Gefühl des Unangemessenen, ohne zu wissen, wie man die Massen anders durch das Lager schleusen könnte. Es gibt nun einmal keinen touristischen Umgang mit der industriellen Vernichtung von Menschenleben, der angemessen wäre. Gern möchte ich einmal aus der Gruppe ausbrechen, möchte allein sein und den Kopfhörer ablegen, so hilfreich die Erklärungen unserer Führerin sind. Nur muss sich jeder halbwegs an die Ordnung halten, damit sie nicht zusammenbricht. Und man muss sich doch wünschen, dass Auschwitz von möglichst vielen Menschen besucht wird.

Führung der deutschen Gruppe durchs Konzentrationslager Auschwitz: Die Geschichte tragen
Milos Djuric/ DER SPIEGEL

Führung der deutschen Gruppe durchs Konzentrationslager Auschwitz: Die Geschichte tragen

Am hinteren Ende des Konzentrationslagers Birkenau entdecke ich die israelischen Gruppen zu einer Versammlung vereint, mehrere Hundert Jugendliche in weißen T-Shirts mit ihren Betreuern auf einer Freilichttreppe. Breitschultrige Wachleute, die wohl ebenfalls mitgeflogen sind, sorgen dafür, dass kein Außenstehender zu nah herantritt. Einzelne Jugendliche treten vor eine große Israelflagge, um Lieder zu singen oder Texte zu rezitieren. Am Ende steht ein gemeinsames Gebet.

Als die Jugendlichen Richtung Ausgang marschieren, komme ich mit einigen ins Gespräch. Acht Tage dauere die Reise, die zu den wichtigsten Stätten der europäischen Judenvernichtung führt. Sie sei nicht obligatorisch, werde aber bezuschusst und von den meisten Israelis gegen Ende ihrer Schulzeit einmal absolviert.

"Und macht das etwas mit euch?", frage ich etwas ungeschickt.

"Natürlich macht das etwas mit uns", antwortet ein junges Mädchen, 17 oder 18 Jahre alt: "Vorher war der Holocaust nur eine Schullektüre wie andere. Ehrlich gesagt hat mich das nicht mehr interessiert als Mathematik. Aber hier wird es für uns real." Die ersten drei, vier Tage sei es noch eine fast normale Klassenfahrt gewesen, da habe sie das alles ehrlich gesagt gar nicht richtig kapiert. Aber dann habe es irgendwann Klick gemacht, und sie habe begriffen, wo ihre Wurzeln lägen, wie wenige ihrer Vorfahren überlebten und welche Rettung Israel sei.

"Ich begreife einfach, was es bedeutet, Jüdin zu sein, Israelin zu sein; das war mir vorher gar nicht richtig bewusst." Als die Jugendlichen ihrerseits fragen, was Auschwitz mit mir gemacht habe, erzähle ich vom Aufkleber, auf dem nur das eine Wort steht: "deutsch". Es fällt ihnen schwer nachzuvollziehen, dass ich mich in dem Moment schuldig fühlte, oder vielleicht nicht schuldig, aber doch den Tätern zugehörig, nicht den Opfern. Ich versuche ihnen zu erklären, was für mich der Kniefall bedeutet, muss allerdings erst einmal referieren, wer Willy Brandt war. Die Geschichte zu tragen, von ihrer Last auf die Knie zu sinken, ist keine Frage der persönlichen Täterschaft - Brandt hat gegen Hitler gekämpft -, sondern der Verantwortung für den Ort, an dem man nun einmal lebt.

Auschwitz, wendet einer der Jugendlichen ein, Auschwitz verpflichte doch jeden Menschen, egal welchem Land er angehöre. Erst recht wundert er sich, als ich erwähne, dass meine Eltern nicht einmal deutsch sind. In Auschwitz sei auf Deutsch gemordet worden, antworte ich; alle Befehle, alle Dienstpläne, selbst die Gebrauchsanweisungen auf den Chemikalien seien deutsch. Wer diese Sprache spreche, als Schriftsteller gar von ihr, mit ihr, dank ihr lebe, verstumme instinktiv, wenn er die Aushänge der damaligen Lagerleitung - "Ihr seid hier in einem deutschen Konzentrationslager" - lese. Und er begreife, warum heute keines der heutigen Hinweisschilder auf Deutsch stehe. In Gedanken füge ich hinzu, dass der Satz über die Gedichte, die nach Auschwitz nicht mehr geschrieben werden können, für die deutsche Literatur noch einmal eine andere, eigene Bedeutung hat.

Die Jugendlichen fragen, warum sie keine einzige deutsche Schulklasse angetroffen hätten. Die Jahreszeit, die Entfernung, irgendeinen Grund werde es geben, antworte ich. Wenn Auschwitz selbst für sie nur eine Schullektüre gewesen sei, könnten sie sich vorstellen, wie das in deutschen Klassen sei, erst recht, da heute so viele Jugendliche aus anderen Ländern stammten. Das mache es natürlich noch leichter, Auschwitz nicht als Teil der eigenen Geschichte zu sehen.

Ich denke zurück an meinen Besuch in Schwerin, die zuversichtlichen Flüchtlinge und die aufgebrachten deutschen Bürger: Wer sich gegen ein völkisches Verständnis der Nation wendet, kann die historische Verantwortung nicht ethnisch engführen.

Es folgt: Navid Kermani reist aus Krakau über Warschau durch das ehemalige Ostpreußen in Richtung Litauen.

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Von den Nürnberger Prozessen bis heute: Die Suche nach der gerechten Strafe


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Seite 1
mattis80 02.10.2016
1. Wow!
Großartig, heilsam.
demokritos2016, 02.10.2016
2. Auch
Er ist wirklich gut, aber könnte es sein , dass SPON "seinen" Favoriten als Bundespräsident befördert?
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