AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2017

Tibet Die abenteuerliche Nazi-Expedition in den Himalaja

Im Jahr 1938 brach eine SS-Expedition nach Tibet auf, angeblich um dort nach einer blond gelockten "Wurzelrasse" zu suchen, den "Ur-Ariern". Nun liegen neue Details zu dem Forschungsabenteuer vor.

Gayokang, Expedition mit dem Minister des Königs von Tharing
Ernst Schäfer/Bundesarchiv

Gayokang, Expedition mit dem Minister des Königs von Tharing

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Das Naturkundemuseum Berlin mit seinem berühmten Tyrannosaurusskelett in der Schauhalle gilt als Schatztruhe der Mutter Erde, als Sammlung von Rang. Besonders kostbar sind 3500 Vogelmumien, die in hohen Schubladenschränken liegen. Erbeutet hat sie vor rund 80 Jahren ein SS-Offizier auf dem schneebedeckten Dach der Welt.

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Heft 13/2017
Dramatische Zeiten in einer wundervollen Stadt

"Am Südhang des Himalaja driftet der tropische Subkontinent Indien gegen das eisige Zentralasien", erklärt die Kustodin Sylke Frahnert. "Durch das Aufeinandertreffen dieser Ökozonen haben sich dort völlig verschiedene Tierwelten vermischt." Regelmäßig pilgern Taxonomen und Genetiker nach Berlin. Zehn unbekannte Vogelunterarten wurden in der Sammlung bereits entdeckt.

Wenn nur ihre dunkle Vorgeschichte nicht wäre. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war der Zoologe Ernst Schäfer mit Runen am Rucksack in den Priesterstaat Tibet vorgerückt. Dort erlegte er trotz des Verbots der Regierung die Piepmätze - geräuschlos mit einem kleinen Katapult.

Die deutsche Expedition 1938/39 gilt als eine der umstrittensten Beutezüge der modernen Naturwissenschaft. Schäfers Team vermaß Menschenköpfe, saß in Zelten aus Yakhaaren und trank mit Würdenträgern ostpreußischen Kümmelschnaps auf Ex. Die Einheimischen nannten das Saufspiel "trockene Tasse". Was wollten die Nazis in Tibet?

7000 Samenproben, darunter von Wildblumen und Getreidesorten, brachten die Rückkehrer mit (die liegen heute im Leibniz-Institut für Pflanzengenetik in Gatersleben). Auch hatten die Männer Holzmasken und seltsame Möbel im Gepäck, dazu 17500 Meter abgedrehten Film sowie einen Brief des tibetischen Regierungschefs an den "erhabenen Herrn Hitler".

Warum das Schreiben nie ankam (und heute in der Bayerischen Staatsbibliothek liegt), ist ebenso rätselhaft wie die ganze Expedition.

Im Auftrag des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, heißt es, habe der Trupp nach einer blond gelockten "Wurzelrasse" gesucht - den Ur-Ariern. Auch sei es um kälteresistente Pferderassen für die Kriegswirtschaft gegangen.

Der britische Geheimdienst, der den Anmarsch der Deutschen quer durch Britisch-Indien argwöhnisch beäugte, tippte dagegen auf Spionage. Der Historiker Wolfgang Kaufmann wiederum sieht es so: Die Nazis hätten jene Zone erkunden wollen, in der nach einem zukünftigen Krieg die Interessensphären der vermeintlichen Siegermächte Japan und Deutschland aufeinanderprallen würden.

Nun liegt ein Buch vor, das die wahren Hintergründe der Mission beleuchtet (Peter Meier-Hüsing: "Nazis in Tibet - Das Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer". Theiss; 288 Seiten; 24,95 Euro).

Der Bremer Religionswissenschaftler Peter Meier-Hüsing hat dazu Archive und Originaldokumente gesichtet. Sein Befund: Der Aufbruch ins Schneeland war keine streng geplante geheime Kommandoaktion des Totenkopfordens, sondern die auf Zufällen beruhende Trophäenjagd eines schillernden Forschers und Abenteurers.

Ein "exzellenter Schütze" und Trapper sei Schäfer gewesen, besessen von der Einsamkeit der Wildnis und angeekelt von den "weichen Polstern" der Zivilisation, so der Autor. Britische Kolonialbeamte nannten ihn "kraftvoll, launisch, gelehrt", aber auch "eitel bis zur Kindlichkeit".

All diese Talente waren früh ausgebildet. Schon als Teenager schoss der Sohn eines Aufsichtsratsvorsitzenden Böcke im Odenwald. Mit 19 studierte er Zoologie. Dann geriet er an den US-Millionär Brooke Dolan II. Der Snob plante eine Expedition ins kaum erforschte Westchina und suchte einen tüchtigen Begleiter.

Im Jahr 1931 tauchten die beiden jungen Männer ins ferne Bambusdickicht ab, wo der Deutsche so treffsicher durchs Biotop schlich, dass sich in den Koffern bald seltene Tierbälge stapelten, darunter ziegenartige Gorale, Seraue und Takine. Auch erlegte er einen Panda - eine Premiere.

Die Academy of Natural Sciences in Philadelphia war von seinem zoologischen Beutezug so begeistert, dass sie Schäfer zum Mitglied erhob.

Wieder daheim, schrieb der junge Ornithologiestudent sich sein Abenteuer wortgewaltig von der Seele, landete damit einen Bestseller und trat 1933 in die SS ein. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, mit dem "Yankee" Dolan bald erneut dem Lockruf der Wildnis zu folgen. Diesmal ging es für fast zwei Jahre ins unberührte Quellgebiet des Jangtsekiang.

Seinen 26. Geburtstag feierte der Jungstar der Zoologie bei Whiskey und Golfspiel auf der Prachtranch der Dolans. Die Amerikaner umwarben den Indiana Jones der Tierkunde. Gleichzeitig suchten deutsche Gönner, darunter der NSDAP-Auslandspressechef Ernst Hanfstaengl und der Generalkonsul von Shanghai, im Nazistaat nach Geldgebern - Schäfer plante eine eigene Expedition nach Tibet.

Das Reich des Dalai Lama glich damals einer abgeschotteten Festung. Es war ein Land der Sehnsucht, voller biologischer Geheimnisse. Zwar hatten die Briten Tibet zwangsweise geöffnet: Im Jahr 1903 marschierten sie mit 3000 Soldaten ein und mähten die teils noch mit Speeren bewaffneten Ponyreiter der Einheimischen mit Maschinengewehren nieder. Dennoch blieb das Gebiet halb autonom, sperrte sich gegen den Fortschritt und verbat Ausländern den Zutritt.

Als SS-Anführer Himmler von dem kühnen Expeditionsplan hörte, bekundete er sofort Interesse. Im Frühling 1936 kabelte er über den Atlantik: "Rückkehr in die Heimat erbeten." Schäfer gehorchte.

Später nannte er das Bündnis mit dem Architekten des Holocaust seinen "größten Fehler". Er habe sich im "hohlen Zahn des Raubtieres einnisten" wollen. Buchautor Meier-Hüsing wirft ihm ungeheuren Geltungsdrang und "Opportunismus" vor.

Der faustische Pakt mit der SS brachte den jungen Gelehrten alsbald auch in den Dunstkreis von Himmlers Forschungsgemeinschaft "Ahnenerbe", deren Mitglieder die "Welteislehre" verfochten. Ihr zufolge gab es einst eine "nordisch-atlantische Urkultur", die durch einen Mondabsturz vernichtet wurde. Reste der Superrasse hätten nur im Himalaja überlebt.

Ausgedacht hatte sich den Stuss der ehemalige k. u. k. Oberst Karl Maria Wiligut, der sich als Inkarnation des germanischen Gottes Thor fühlte. Als Schäfer den Scharlatan in dessen Villa in Berlin-Dahlem besuchte, stieß der wirre Prophezeiungen aus - wohl im Opiumrausch.

Es ist dieser Aspekt der Tibetmission, den rechte Esoteriker später kräftig weitersponnen. In Heilsromanen und auf Nazi-Websites tritt der Zoologe noch heute als Gralssucher im braunen Strumpf auf.

Höhepunkt des Unfugs war ein "Buddha aus dem Weltraum", der vor einigen Jahren auftauchte. Auf der Skulptur prangt ein rückwärts gedrehtes Hakenkreuz - in Fernost ein Glückssymbol. Die Figur sei 1000 Jahre alt und stamme aus Schäfers Missionsbeute, hieß es. Eine Analyse des Stuttgarter Instituts für Planetologie ergab, dass das Idol aus dem eisenhaltigen Chinga-Meteoriten gefertigt wurde, der vor über 10000 Jahren zwischen Sibirien und der Mongolei niederging.

Astraler Werkstoff - ein verblüffendes Resultat. Doch bald folgte die Enttäuschung. Das Ausgangsmaterial ist zwar außerirdisch, doch der Buddha selbst stammt von einem modernen Fälscher. Offenbar hat ein Unbekannter versucht, dem Objekt eine dramatische Herkunftslegende anzudichten, um so seinen Wert zu steigern.

Mit den historischen Fakten hat solcher Hokuspokus wenig zu tun. Die Expedition sei "unsinnigerweise mystifiziert" worden, urteilt Meier-Hüsing. Mit Himmlers Ur-Arier-Gefasel habe der Missionsleiter "rein gar nichts" anfangen können. Zeitweise war der Präsident des Ahnenerbes über Schäfer so verärgert, dass er aus dem Projekt aussteigen wollte.

Himmler übernahm letztlich zwar die Schirmherrschaft und erhob per Federstrich die ganze Mannschaft zu SS-Offizieren. Geld aber gab er fast keins.

Die Runen am Tropenhelm der Abenteurer reichten dennoch aus, um die Briten in Alarm zu versetzen. Als die "Wikinger der Wissenschaft" im April 1938 losfuhren, besaßen sie keine Einreisepapiere für Britisch-Indien. Das Empire blockte.

Ullstein Bild

Doch der Expeditionsleiter verließ sich auf seine flinke Zunge. In Kalkutta angekommen, hastete er 36 Stunden mit der Bahn durchs Land und erbat beim Vizekönig Indiens Lord Linlithgow eine Audienz. Dort gab er sich "dermaßen pathetisch und unterwürfig", wie es in einer Notiz der Kolonialbehörde heißt, dass man Hilfe versprach.

Auch in London drehte sich das diplomatische Karussell. Der englische Admiral Sir Barry Domvile, ein Antisemit und Freund Himmlers, intervenierte beim britischen Premierminister Neville Chamberlain persönlich. Der gab schließlich grünes Licht im Geiste des Appeasements.

Das ausgestellte Visum galt jedoch nur für das Fürstentum Sikkim, einem Winzland im Hochgebirge. Was tun? Die Deutschen saßen in Indien auf Tonnen von Ausrüstung fest.

DER SPIEGEL

Ohne auf eine weitere Genehmigung zu warten, stapften sie los. Es war bereits Juni, als sie in Darjeeling mit Ochsenkarren und Reittieren starteten. Wassergesättigte Wolken aus der Tiefebene Bengalens stauten sich an den Himalajakämmen. Über verschlammte Pisten zog die Karawane in die Gipfelwelt der Achttausender.

Am Kongra La war dann vorerst Schluss. Jenseits des Passes in 5130 Meter Höhe lag Tibet, das Land der faunischen Verheißung. Den SS-Globetrottern blieb nichts anderes übrig, als grenznah ein Basislager aufzuschlagen.

Abends lag der Chef oft schwermütig im "Führerzelt" und las Goethes "Faust". Seine trübe Stimmung war dem Umstand geschuldet, dass er vor Expeditionsbeginn, im November 1937, bei der Entenjagd im Kahn gestrauchelt war. Dabei hatte sich ein Schuss gelöst, der seine Frau tödlich in den Kopf traf.

Die Tanzmusik, die aus dem heimlich mitgeführten Kurzwellenempfänger aus Berlin herüberknarzte, konnte die Stimmung des Anführers kaum aufhellen. Hinzu kam eintönige Kost: "Nudeln, immer nur Nudeln".

Dann aber bot sich eine Chance. Ein tibetischer Verwalter von jenseits der Grenze besuchte das windzerzauste Camp der Deutschen. Schäfer umschmeichelte den Mann, er reichte Tee und Gebäck, gab ihm Gummistiefel, Bahlsen-Kekse und eine Luftmatratze. Im Gegenzug erbat er mit Engelszunge ein Visum für Lhasa.

Und tatsächlich: Nach Wochen des Warten erlaubte Tibets Ministerrat dem "Meister der hundert Wissenschaften", für 14 Tage die abgeriegelte Hauptstadt des Lamaismus zu besuchen - allerdings ohne wissenschaftliche Geräte. Auch sei es nicht gestattet, "Vögel und Säugetiere zu töten", hieß es in der Erlaubnis.

Am 22. Dezember 1938 betraten die SS-Männer das verbotene Hochland wie Pioniere auf dem Weg ins paradiesische Shangri-la. Heiligabend hängten sie sich selbstgebasteltes Lametta an den Weihnachtsbaum. Nach Silvester fiel die Temperatur auf minus 35 Grad. In den Zelten wurde Yakdung verfeuert. Ihre technische Ausrüstung hatte der Trupp trotz des Verbotes mitgenommen.

400 Kilometer ging es nun durch Schneesteppen, Frost und Hagelstürme. Als Lhasa auftauchte, wirkten die Deutschen wie Landstreicher. "Sie hatten blondes Haar, blaue Augen und dreckige, ungepflegte Bärte", notierte ein Tibeter.

In dem heiligen Ort lebten damals 25000 Menschen. Etwa ebenso viele rot berockte buddhistische Mönche wohnten in den drei umliegenden Staatsklöstern. Im Zentrum erhob sich der gewaltige Potala, der Regierungssitz - ein Bauwerk wie von einem anderen Stern.

Ernst Schäfer/Bundesarchiv

Anders als die auf Pomp und steife Etikette bedachten britischen Beamten vor Ort gaben sich die Leute aus Berlin auch nach dem ersten Bad hemdsärmelig und locker. Ihre Trinkfreude war schnell Stadtgespräch. Reihum luden sie Tibets Notabeln zu Partys ein. Während aus dem Grammophon deutsche Lieder klangen, floss das Changbier in Strömen.

"Als Gesandtschaft der arischen Herrenrasse auf der Suche nach vergessenen Cousins im Osten" hätte sich das Team nicht aufgespielt, schreibt Meier-Hüsing. Was offiziell Begegnung von "östlichem und westlichem Hakenkreuz" hieß, sei in Wahrheit eine "alkoholgeschwängerte Festsause" gewesen.

Zugleich aber sammelten und forschten die Deutschen emsig. Sie erlegten Säugetiere und Vögel, führten geomagnetische Messungen und ethnologische Studien durch. Betrunkene Priester filmten sie ebenso wie Tibets "Himmelsbestatter" beim Zerteilen von Leichen, die hernach Geiern vorgeworfen wurden. Einige Rituale begleitete die Crew so aufdringlich mit der Kamera, dass sie fast gelyncht wurde.

Jan Philip Welchering/DER SPIEGEL

Vor allem der Anthropologe Bruno Beger tat sich unrühmlich hervor. Er vermaß mit Zirkel, Schädelzange und Unterkieferwinkelmesser die Körper der Einheimischen. Auch schmierte er Probanden Negocollmasse zur Schädelabformung aufs Gesicht.

In britischen Dossiers wird den Deutschen rüpelhaftes Benehmen vorgeworfen. Schäfer sei ein "Priester des Nazismus". Doch in dem Urteil schwingt auch Neid mit.

Der Gescholtene jedenfalls stieg in der Gunst immer höher. Als Meister der "anbiedernden Deklamationen" (Meier-Hüsing) gelang es ihm sogar, den amtierenden Radreng Rinpoche zu umgarnen und den Besuch im Priesterstaat auf sechs Monate zu strecken.

Aus einem SS-Aktenvermerk von Ende 1939 ergibt sich, dass Schäfer dem Regenten auch heimlich Waffen anbot. Was da genau ablief, ist bis heute unklar.

So endete die Mission drei Wochen vor Kriegsausbruch als seltsame Mischung aus Spionage, Zechgelage und zoologischem Beutezug der Extraklasse. Neben den über 3000 Vogelbälgen brachte die Gruppe 2000 Eier in die Heimat mit, dazu 400 Schädel und Felle von Säugetieren, auch Reptilien, Amphibien, mehrere Tausend Schmetterlinge, Heuschrecken, 2000 ethnologische Objekte, Mineralien, topografische Karten, 40000 Schwarz-Weiß-Fotos.

Vieles von diesen Schätzen schlummert bis heute in den Archiven. Wegen ihrer Nazinähe gelten sie als verpönt.

Mit dem Zoologen Schäfer verhält es sich ebenso. Im Falle eines rechtzeitigen Wechsels in die USA wäre er dort wahrscheinlich in die Ruhmeshalle der Großentdecker aufgestiegen. In Deutschland reichte es nur zur braunen Selbstbesudelung und einem mühsamen Freispruch beim Entnazifizierungsverfahren.

Am Ende schrieb der Mann für die Jagdpostille "Wild und Hund".

Bundesarchiv


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ede-wolff 27.03.2017
1. Trockene Tasse
Das ist kein Name für ein "sonderbares Trinkspiel", sondern der chinesische Trinkspruch (gan bei), analog unserem "Prost". Für Weicheier gibt es die Variante "Halbe Tasse" (ban bei).
mickt 28.03.2017
2. Interessante Aspekte … aber
eigentlich ist die ganze Sache doch schon wissenschaftlich aufgearbeitet – schon vor einiger Zeit, oder? Soweit mir bekannt, sind auch die wichtigsten und international renommiertesten Forschungen zum Thema online zugänglich. Von daher stellt sich die Frage warum oder wer braucht so ein Buch und vor allem was daran ist neu? Soweit ich es verstehe, scheint es hier vor allem auch um ein Portrait des Menschen Ernst Schäfer zu gehen. Das ist sicher eine gute Idee und könnte sich lohnen. Gut finde ich zudem, dass Peter Meier-Hüsing nicht die alten Verschwörungstheorien um die Expedition wiederholt sondern sie als widerlegt abzulehnen scheint. Trotzdem, zumindest dieser Artikel versucht ist auch verzerrend und geht ins Sensationsheischende. (Ich hoffe das Buch ist nicht so geschrieben.) Ein paar Beispiele: 1) Das Abstract zum Artikel ist ziemlich irreführend: "Im Jahr 1938 brach eine SS-Expedition nach Tibet auf, angeblich um dort nach einer blond gelockten "Wurzelrasse" zu suchen, den "Ur-Ariern". Nun liegen neue Details zu dem Forschungsabenteuer vor." Das primäre Ziel der Expedition war nicht die U-Arier zu finden. Die Ziele wurden vom Zoologen Schäfer bestimmt – auch wenn Himmler sich da rein mischen wollte. Die Gründe für Schäfers Forschung (die er gegenüber der DFG formulierte), beinhalteten geographische, ethnologische und botanische Ziele. Lediglich Bruno Beger hatte ein anthropologisches Programm, dessen Ansatz und Fragen zwar kontrovers war aber auch jenseits nationalsozialistischer Zirkel debattiert wurde (ob Indo-Eurpopäer aus Zentral-Asien stammen). Die Schädelvermessungen waren damals eine anerkannte anthropologische Methode. Der Satz "Vor allem der Anthropologe Bruno Beger tat sich unrühmlich hervor. Er vermaß mit Zirkel, Schädelzange und Unterkieferwinkelmesser die Körper der Einheimischen. Auch schmierte er Probanden Negocollmasse zur Schädelabformung aufs Gesicht." macht einfach keinen Sinn. Beger tat was Anthropologen zu der Zeit taten. Näheres dazu siehe zB die Forschung von Historikerin und Tibetologin Isrun Engelhardt hier in Englisch: http://info-buddhism.com/Tibet-1938-1939-Ernst-Schaefer-Expedition-Engelhardt.html (es gibt einen knappen Artikel von ihr auch in Deutsch zum Thema: http://info-buddhismus.de/Ernst-Schaefer-Tibetexpedition-Engelhardt.html ) 2) "ein SS-Offizier auf dem schneebedeckten Dach der Welt" Nun, an erster Stelle war Schäfer Forscher, der sich aber kompromittierte, indem er um erfolgreicher zu sein, der SS beitrat (wie Heinrich Harrer und viele andere Menschen zu der Zeit eben auch.) Aber SS-Offizier, da kommt halt gleich das Schaudern … Muss das sein? 3) "einen Brief des tibetischen Regierungschefs an den 'erhabenen Herrn Hitler'." – auch schön gruselig. Problem, die Formulierung war Standard im diplomatischen Protokoll gegenüber ausländischen Regierungschefs. Zudem waren 1938/39 im fernen Tibet sicher noch keine Verbrechen des Herrn Hitlers bekannt!
mickt 28.03.2017
3. Noch einige Fakten zum Inhalt des Artikels…
- Im Brief des Kashags stand nichts davon, dass er keine wissenschaftlichen Geräte nach Tibet mitnehmen sollte. - Schäfer hat keine Waffen mit nach Tibet genommen - Die Aussage "Warum das Schreiben nie ankam (und heute in der Bayerischen Staatsbibliothek liegt), ist ebenso rätselhaft wie die ganze Expedition" gibt eher Rätsel über den Kenntnisstand des Autors auf, denn die Sache wurde bereits aufgeklärt und zwar in "Mishandled Mail: The Strange Case of the Reting Regent’s Letters to Hitler", Engelhard, Isrun, Zentralasiatische Studien (ZAS) 37 (2008), 77-106. – Einfach mal den Titel der Arbeit googeln ;-)
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