AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2018

Kaminabend mit Christian Lindner Wie ein Düsseldorfer Unternehmer den FDP-Chef unterstützt

Gerd Kerkhoff lädt Politiker zu Kaminabenden ein - mit FDP-Chef Christian Lindner kam er darüber ins Geschäft.

Firmenchef Kerkhoff: "Da habe ich gesagt: Wie geil ist das denn?"
Johannes Arlt / DER SPIEGEL

Firmenchef Kerkhoff: "Da habe ich gesagt: Wie geil ist das denn?"

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Am 13. November 2017 steuerten die Sondierungsgespräche auf ihren Höhepunkt zu, als Christian Lindner nach Hamburg reiste. Ein Abendempfang mit Bankern und Managern stand auf dem Programm, ein Termin wie gemacht für den eloquenten FDP-Chef. Im vornehmen Anglo-German Club an der Außenalster erfuhren die erlesenen Gäste aus erster Hand, woran es noch haperte in den Gesprächen mit Union und Grünen.

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Heft 21/2018
Wie Verbrecher und Heilige eine Weltmacht schufen

Den Abend veranstalteten die HypoVereinsbank und ein Unternehmer aus Düsseldorf, Gerd Kerkhoff. Er bezahlte das Honorar des Parteichefs. Wie viel Lindner genau erhielt, blieb geheim.

Wenige Tage nach dem Besuch in Hamburg scheiterte eine Jamaika-Bundesregierung an Lindner, der die Sondierungen platzen ließ. Das nahmen ihm viele Anhänger übel. Doch seiner Popularität bei Geldgebern schadete es offenkundig nicht: Der Fraktionschef hielt seit der Wahl im September mindestens 13 Vorträge und kassierte dafür locker 77.000 Euro. Nur wenige Abgeordnete schafften es, in so kurzer Zeit so viele Honorare einzustreichen wie er.

Parlamentarier müssen ihre Nebeneinkünfte auf der Website des Bundestags veröffentlichen, wenn auch nur ungefähr: von Stufe 1 (von 1000 Euro bis 3500 Euro) bis Stufe 10 (mehr als 250.000 Euro). Seit Kurzem sind fast alle Nebentätigkeiten online einsehbar. Der SPIEGEL und das Portal Abgeordnetenwatch haben sie analysiert. Beim Verhältnis zwischen Christian Lindner und Gerd Kerkhoff lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Der Unternehmer spendete an die FDP und heuerte Lindner seit 2011 mindestens siebenmal als Redner an. Auch der Termin in Hamburg taucht bei Lindners Nebentätigkeiten auf, merkwürdigerweise ohne den Mitveranstalter HypoVereinsbank. Allein für diesen Vortrag bezahlte Kerkhoff dem FDP-Vorsitzenden ein Honorar der Stufe 3, also bis 15.000 Euro. Das Geld floss aber auch in die andere Richtung: Als Lindner Fraktionschef im Landtag von NRW war, beauftragte die Fraktion Kerkhoff mit einem Gutachten.

Die Geschichte dieser Verbindung gewährt einen Einblick in die recht geschlossene Welt der politischen Salons und Kaminabende. Reiche Menschen bezahlen Politiker, um mit ihnen in vertrauter Runde zu diskutieren. Die Frage ist, was sie sich davon versprechen.

In der vergangenen Woche empfängt Gerd Kerkhoff zum Gespräch am Düsseldorfer Firmensitz. Die Kerkhoff Group residiert auf vier Etagen im Düsseldorfer Zentrum. Sie berät Unternehmen und Behörden beim Einkauf. Gute Kontakte zu Politikern können da nicht schaden.

Auf den Fluren zu Kerkhoffs Büro hängen viele Urkunden. Der Berater wurde als "Hidden Champion" und "Top Consultant" ausgezeichnet, die Wirtschaftspresse feierte ihn als "Sparfuchs der Nation". Kerkhoff, 60, trägt orangefarbene Socken und zieht in seinem Chefzimmer fortwährend an einer E-Zigarette.

Seit 2008 veranstalte er gemeinsam mit seiner Frau die Kaminabende, sagt Kerkhoff. Auf die Idee sei er gekommen, als er selbst mal beim Kaminabend eines Managers gewesen sei. Der Gast damals hieß Guido Westerwelle: "Da habe ich gesagt: Wie geil ist das denn?"

Die Salons finden in seinem Haus in Rottach-Egern am Tegernsee oder in der Kerkhoff Lounge im Dachgeschoss der Firmenzentrale statt. Dort oben gibt es zwar keinen Kamin, dafür Ruhe und einen freien Blick über die Rheinmetropole.

Es existiert ein Büchlein, das Kerkhoff an potenzielle Abendgäste verschickt hat: "Das Buch der kleinen und großen Taten". Darin wirbt er damit, die Gäste bekämen die Chance, in einem "kleinen, illustren Kreis" mit 12 bis 15 Leuten zu diskutieren. "Sie als Ehrengast und Kompetenzträger können Ihre Erfahrungen und Ihr Fachwissen an einem Kaminabend präsentieren. So können Sie prüfen, wie Sie von Ihrer Zielgruppe (Multiplikatoren) wahrgenommen werden."

Die Broschüre listet auf, wer schon alles als Redner aufgetreten ist: Bischof Franz-Josef Overbeck, der Philosoph Richard David Precht, Helmut Kohls Sohn Walter und viel Politprominenz - Karl-Theodor zu Guttenberg, Markus Söder, Joschka Fischer, Gerhard Schröder, Christian Wulff, Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier.

Wie kommt man an diese Leute?

Kerkhoff erklärt es so: "Wenn Herr Gabriel hier war, dann sagt man dem: Ich würde gern mal den Herrn Steinmeier haben. Dann spricht der Herrn Steinmeier an. Dann fragt Herr Steinmeier, ist das eine gute Veranstaltung? Und dann hat der gesagt, das war supernett bei den Kerkhoffs im Wohnzimmer. Dann kam Herr Steinmeier. Dann hat man zwei Ansprechpartner. Dann tauscht man die Karten aus."

Neben den Gästen kämen Mitarbeiter, Kunden und Freunde zu den Kamingesprächen. Was besprochen werde, bleibe vertraulich: "In solchen Runden entstehen natürlich superspannende Diskussionen mit Menschen, die in ihrem Job erfolgreich sind. Es sind intellektuelle Zirkel, die losgelöst über ein Thema sprechen."

Er sei sehr an Politik interessiert und habe mal Journalist werden wollen, sagt Kerkhoff, sich dann aber für den Beruf seiner Eltern entschieden: Betriebswirt. Die Kaminabende helfen auch dem Geschäft. "Das ist für mich ein Hebel, die Beziehungen zu meinen Kunden zu halten", sagt Kerkhoff. Große Konkurrenten wie McKinsey und Roland Berger säßen überall in den Führungsetagen: "Wenn Sie sich als Mittelständler dagegen behaupten wollen, können Sie das ohne ein Netzwerk nicht machen."

FDP-Vorsitzender Lindner: Informationen aus erster Hand
DPA

FDP-Vorsitzender Lindner: Informationen aus erster Hand

Vor einigen Jahren bewarb sich Kerkhoff um einen Auftrag der Uno. Die Vereinten Nationen wollten ihren Reinigungsservice optimieren. Kerkhoff wandte sich an den damaligen Uno-Botschafter Thomas Matussek. Die beiden verstanden sich gut. Matussek habe sich danach für ihn verwendet, sagt Kerkhoff, "wie sich Botschafter für Anwender ihres Landes immer verwenden". Seine Beratungsfirma bekam den Auftrag. Später lud er Matussek zum Kaminabend ein.

Als Sigmar Gabriel 2009 zum SPD-Parteivorsitzenden gewählt wurde, organisierte Kerkhoff ein Dinner mit Mittelständlern. Kerkhoff wurde Berater des SPD-Politikers. Einige Jahre später, Gabriel war nun Wirtschaftsminister, reiste Kerkhoff mit ihm nach Vietnam. Als Teilnehmer einer Wirtschaftsdelegation saß er im Regierungsflieger nach Fernost.

Kerkhoff sagt dazu, er glaube nicht, dass seine Teilnahme an Wirtschaftsdelegationen davon abhänge, dass er jemanden zum Kaminabend einlade. Die Bewerbungen würden über den Bundesverband der Deutschen Industrie laufen, wo er im Förderkreis sitze.

Ab 2011 suchte Kerkhoff die Nähe zu Christian Lindner. Damals lag die FDP am Boden. Lindner warf als Generalsekretär hin und ging zurück nach NRW. Für Kerkhoff ein Grund, den Politiker zum Kaminabend einzuladen. Er sagt: "Ich wollte den Menschen näher kennenlernen. Okay? Das ist so. Es ist für einen jungen Mann nicht der leichteste Schritt, aus dem großen repräsentativen Berlin zurück nach Düsseldorf zu gehen. Das fand ich spannend."

Bei der Landtagswahl 2012 in NRW holte die FDP mit Lindner als Spitzenkandidat 8,6 Prozent, damals ein Erfolg. Die Bande zwischen Kerkhoff und den Liberalen wurden allmählich enger. Im Bundestagswahljahr 2013 spendete Kerkhoff der Partei 13.756,40 Euro. Im Sommer 2015 erstellten Berater Kerkhoffs eine Studie im Auftrag der FDP-Landtagsfraktion. Thema: "Einkaufspotenziale in der Beschaffung des Landes Nordrhein-Westfalen". 5000 Euro überwies die Fraktion dafür an Kerkhoff.

Noch wichtiger dürfte der Imagegewinn gewesen sein. Kerkhoff und Lindner präsentierten die Studie gemeinsam im Landtag. Die wichtigste Forderung machte Karriere: Kerkhoff empfahl die Einführung einer "zentralen Einkaufsstelle" für die Landesbehörden. Die FDP-Fraktion übernahm sein Anliegen fast wortgleich in einem Parlamentsantrag.

Zwei Jahre später, als die FDP in die Landesregierung einzog, stand die Einführung eines "zentralen Bedarfs- und Beschaffungsmanagements" im Koalitionsvertrag mit der CDU. Kerkhoff sagt: "Ich will nicht bestreiten, dass ich aus meinen Netzwerken mal einen Ansatzpunkt verfolge. Wir haben die Studie auf Bitten von Christian Lindner erstellt und öffentlich präsentiert, weil er die Einsparpotenziale bei der Beschaffung des Landes zeigen wollte. Dafür gab es 5000 Euro. Das war's. Heute bin ich null involviert bei dem Thema."

Lindner lässt über seinen Anwalt Christian Schertz ausrichten, zwischen Aufträgen der FDP-Fraktion im Landtag von NRW und seiner freiberuflichen Tätigkeit bestehe "kein Zusammenhang". Er erfülle "alle Verpflichtungen zur Transparenz von vergüteten Tätigkeiten neben seinem Abgeordnetenmandat". Bei dem Abendempfang 2017 in Hamburg sei ihm die Kerkhoff-Gruppe als Vertragspartner und Veranstalter erschienen.

Auf die Anfrage des SPIEGEL erklärte Schertz, Lindner habe "vorsorglich" die HypoVereinsbank gegenüber dem Bundestag als "Mitveranstalter" angezeigt.

Mittlerweile haben die Liberalen auf Bundesebene ihr Comeback geschafft. Gerd Kerkhoff sitzt im neu geschaffenen FDP-Wirtschaftsforum, das die Parteispitze berät. "Ich bin ein liberaler Mensch. Gleichzeitig möchte ich, dass es in dieser Republik vorangeht. Lindner ist dafür ein Aushängeschild", sagt Kerkhoff.

Der FDP sei er nicht böse, dass Jamaika gescheitert sei. Christian Lindner gehöre die Zukunft - und die halte seine Firma auch fest im Blick, so Kerkhoff: "Wir sind eine Beratungsgesellschaft, die andere Unternehmen frisch machen soll. Da liegt es in der Natur der Sache, dass man sich eher zu einem Politiker hingezogen fühlt, der frischer und unverbrauchter ist als ein 78-jähriger Politiker, der noch vier Wochen hat."

In diesem Jahr war Lindner zweimal zu Gast beim Kaminabend im Hause Kerkhoff. Wieder floss ein Honorar der Stufe 3 in die Kasse des FDP-Chefs. Kerkhoff hatte auch Cem Özdemir angefragt, der 2012 schon mal beim Kaminabend war. Aber Lindner sagte schneller zu.



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