AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2017

Strategien gegen Ärztemangel Hallo, spricht da der Tele-Doktor?

Was tun gegen den Ärztemangel auf dem Land? In Modellprojekten lassen sich die Patienten jetzt von Sensoren und Kameras überwachen. Ersetzt der Computer den Besuch beim Facharzt?

Neu­ro­lo­ge Fink: Bun­te Kur­ven
Marcus Simaitis/ DER SPIEGEL

Neu­ro­lo­ge Fink: Bun­te Kur­ven

Von und


Hendrikus van Baak leidet an Morbus Parkinson. Vor sechs Jahren fing sein linker Fuß an, unkontrollierbar zu zucken. Inzwischen zittern auch andere Gliedmaßen, und das Sprechen fällt dem 72-Jährigen zunehmend schwer.

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Heft 30/2017
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Heilbar ist die Krankheit, die bestimmte Gehirnzellen absterben lässt, nicht. Medikamente können sie lindern und den Verlauf verzögern. Doch die Dosierung ist schwierig, viele Arztbesuche sind notwendig, oft sogar Krankenhausaufenthalte, um herauszufinden, welche Medikamente die richtigen und wann sie einzunehmen sind.

Seit Kurzem trägt van Baak ein graues Kästchen wie eine Uhr am Handgelenk, das die Therapie erleichtern soll. Es ist nur vier mal vier Zentimeter groß, Sensoren messen darin die Bewegungen, zeichnen Reaktionen auf die Medikamente auf und erstellen Diagramme über mehrere Tage. Was sich im Körper des Patienten abspielt, wird auf dem Rechner der Kölner Uniklinik in bunten Kurven dargestellt. "Wir bekommen so komprimiert ein komplettes Bewegungsbild des Patienten in seinem Alltag, sehen, wie er auf Medikamente reagiert", sagt Chefneurologe Gereon Rudolf Fink. Das helfe bei der Therapie, spare Zeit.

Fink kennt nicht nur solche Daten, manche seiner Parkinson-Patienten sieht er auch regelmäßig - auf einem Video. Der Neurologe und sein Team betrachten Aufnahmen von Betroffenen aus Deutschland, die noch nie einen Fuß auf das Gelände der Uniklinik gesetzt haben. Bei den Patienten wird zu Hause eine Kamera installiert, die sie selbst an- und abstellen können. Sie demonstrieren ihre Beweglichkeit, gehen einfach hin und her oder absolvieren bestimmte Übungen. Die Spezialisten in Köln werten die Videos aus und schicken sie mit Vorschlägen zur Therapie oder Medikamentengabe an die jeweiligen Hausärzte oder vor Ort niedergelassenen Neurologen.

Telemedizin gilt mittlerweile als Schlüsseltechnik in einem Gesundheitswesen, das kaum noch in der Lage ist, die Gesellschaft flächendeckend zu versorgen. Der Ärztemangel auf dem Land ist enorm. Nicht nur Hausarztpraxen verschwinden, auch Ärzte für Kinderheilkunde, Neurologie, Gynäkologie und Psychiatrie sind in manchen Regionen kaum zu finden. Staatliche Förderprogramme sollen Abhilfe schaffen, doch gebracht haben sie bislang wenig: Junge Mediziner machen lieber Karriere in der Forschung und in großen Unternehmen, gerade Ärztinnen arbeiten gern in großen Kliniken, mit planbarer Zeit für die Familie.

Messgerät zum Erfassen von Parkinson-relevanten Daten
Marcus Simaitis/ DER SPIEGEL

Messgerät zum Erfassen von Parkinson-relevanten Daten

An der Universität Siegen geht man darum einen anderen Weg. Ihr Rektor Holger Burckhart setzt auf Chips und Algorithmen. "Digitale Medizintechnik kann helfen, die knappen Arztressourcen bei einer steigenden Zahl von alten und multimorbiden Patienten besser einzusetzen", sagt er. In Siegen gibt es dazu zwei ambitionierte Projekte. Ab 2018 sollen Busse mit jeweils zwei Medizinern regelmäßig aufs Land fahren, eine Praxis auf Rädern. Ausgestattet mit modernstem Gerät, können die Ärzte im Bus Diagnosen stellen und behandeln; bei komplizierten Fällen werden sie Daten an Fachärzte übermitteln und die Therapie besprechen. Das zweite Projekt wendet sich an medizinische Laien, die ähnlich wie Rettungshelfer Kurse absolvieren. Sie würden mit leicht zu bedienender Medizin- und Labortechnik ausgestattet. Mit solchen Notfall-Kits könnten sie Patientendaten erheben, die dann an Ärzte übertragen würden.

Aber was, wenn einer der Laienhelfer etwas falsch macht? Wenn ein Patient stirbt, weil die Freiwilligen den Ernst der Lage nicht erkannt haben? Uni-Chef Burckhart räumt ein, dass Mediziner und Studierende noch nicht vorbereitet seien auf das digitale Zeitalter - weder praktisch noch inhaltlich, oder ethisch. Zum Wintersemester startet in Siegen darum ein Modellstudiengang Medizin in Kooperation mit den Universitäten Bonn, Köln, Mainz und Rotterdam. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe wird das Modellprojekt mit Steuergeld unterstützen. Angehende Ärzte sollen dort alle Möglichkeiten der digitalen Medizin studieren und in Krankenhauspraktika vertiefen.

Messgerät zum Erkennen von Stürzen
Marcus Simaitis/ DER SPIEGEL

Messgerät zum Erkennen von Stürzen

Eines gibt es schon: einen Fingerring, der beim Sturz seines Trägers automatisch per Bluetooth Hilfe holen kann. "Wir müssen etwas finden, das bei älteren Menschen Akzeptanz findet", sagt Rainer Brück, Professor für Medizinische Informatik in Siegen. Einen Ring würde auch seine Mutter tragen, einen Notrufknopf dagegen nicht. Bei dementen Patienten kann sich Brück die Sensoren sogar in den Stützstrümpfen vorstellen, solange eine gute Datenübermittlung gewährleistet sei.

Die neue Medizin soll die Effizienz verbessern. Aber ist sie auch empathisch? Das Gespräch mit dem Arzt ist wichtig für den Patienten. Und kann sich der Arzt wirklich ein Bild von seinem Patienten machen, wenn er ihn nicht in seinem Sprechzimmer erlebt?

In anderen Ländern hat die ausschließliche persönliche Betreuung längst gegen die Technik in der Medizin verloren. Im dünn besiedelten Lappland nutzen die Kranken bereits lokale Gesundheitszentren, wo ihre Daten per Telemedizin erhoben werden. Im amerikanischen Bundesstaat Missouri gibt es ein Krankenhaus mit 300 Mitarbeitern, ohne ein einziges Bett. Selbst Schlaganfallpatienten werden per Computer behandelt.

Wie es mit der medizinischen Versorgung in Deutschland weitergeht, haben jüngst rund 8000 Wissenschaftler, Ärzte, Patientenvertreter und Krankenkassen auf einem Kongress in Berlin diskutiert. Das Thema: "Science-Fiction in der Medizin".



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hadriani 29.07.2017
1. Ärztemangel
ich kann mich an eine Zeit erinnern ... so um 1985 - 1992, damals wurde von einer ständigen Ärzteschwemme geredet, in Deutschland werden zu viele Mediziner ausgebildet. Nach dem Studium gab es Ärzte die arbeitslos waren (!!!) und deshalb ins Ausland gingen oder andere Aufgaben wahrnahmen. Zu dieser Zeit war Deutschland noch nicht wiedervereinigt. Es gab die BRD und die DDR. In der BRD lebten ca. 60 Millionen Menschen und es standen ca. 220000 Ärzte zur Verfügung und wir hatten eine Ärzteschwemme. Heute leben in Deutschland ca. 80 Millionen Menschen und gegenwärtig sind in Deutschland ca. 370000 tätig (nachzulesen in den aktuellen Ausgaben des Ärzteblattes). Davon ca. 187000 allein in den Kliniken .... Und nun haben wir einen Ärztemangel. Es ist richtig, es sind Ärzte für den gesamten Verwaltungskram notwendig, genannt Dokumentation. Dies könnte auch teilweise delegiert werden. Die nachwachsende Generation von Ärzten hat auch eine andere Einstellung zu Arbeit und Familie, das ist legitim. Und natürlich die Patienten ...
chalchiuhtlicue 30.07.2017
2.
Das Problem ist, dass viele Kliniken immer noch Arbeitszeitmodelle wie vor 40 Jahren haben und geltendes Arbeitszeitrecht missachten (max. 12 Stunden am Stück, max. 48 Stunden per Woche, als Ausnahme 60 Stunden per Woche für kurze Zeit mit sofort darauf folgendem Freizeitausgleich) und/oder ihre Mitarbeiter - Ärzte wie auch Pflegepersonal! - mit einer nicht zu bewältigenden Menge an Arbeit zuschütten. Leider gibt es kaum mehr Momente, in denen man sich als Arzt mal Zeit für den Menschen vor einem nehmen kann. Der Job besteht fast nur noch aus Hetzen, Hetzen, Hetzen ... Das schadet den Patienten und den Ärzten. Ärzte müssen heute in der Hälfte der Zeit, die sie vor 20 Jahren, als ich mit diesem Beruf begann, zur Verfügung hatten, die gleiche Anzahl an Untersuchungen und Behandlungen durchführen. Und dabei müssen sie immer stärker mit strukturellen Problemen kämpfen, die sich durch Einsparungen im Gesundheitswesen ergeben: Bettennot während Grippe/Norovirus-Saison, genereller Mangel an Intensiv-Betten, Patienten, die von Hausärzten und ärtzlichem Bereitschaftsdienst an den Rettungsdienst oder direkt ans Krankenhaus abgeschoben werden, obwohl eine Behandlung durch Hausarzt oder ärztl. Bereitschaftsdienst ausreichend gewesen wäre etc. Dass Ärzte (immer noch) ins Ausland abwandern, nach Skandinavien oder GB/Irland, ist da kein Wunder, denn dort ist die sog. "work-life balance" erheblich einfacher und besser und die Bezahlung ist auch meist besser (teils sogar deutlich). Solange sich in diesem Bereich nichts tut, wird es in der BRD einen Ärztemangel geben.
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