AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2018

Neue Therapie Hoffnung im Kampf gegen Neurodermitis

Ein Arzt auf Fehmarn befreit Kinder von ihrer chronischen Hautkrankheit. Wie schafft er das?

Patient Liam, Eltern
Lars Berg / DER SPIEGEL

Patient Liam, Eltern

Von


Paul hatte die längste Anfahrt zum Arzttermin: Er legte mit seinen Eltern mehr als tausend Kilometer zurück, von Wien aus. Auch Liam aus Telgte (425 Kilometer) war viele Stunden unterwegs; für Til aus Geltorf in Schleswig-Holstein waren es immerhin nur 139 Kilometer zur Ostseeinsel Fehmarn.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 8/2018
Die Schwäche der Volksparteien - die schwache Republik

Die drei Kinder, die heute zwischen eineinhalb und fünf Jahre alt sind, einte das gleiche Schicksal: Schon als sie Babys waren, wurde ihre Haut rau, rissig und wund, im Gesicht, an Armen und Beinen, später fast am ganzen Körper. Die Stellen nässten und entzündeten sich. Die Kinder kratzten sich blutig, auch nachts. An Schlaf war kaum zu denken, an ein normales Familienleben mit Ausflügen und Treffen mit Freunden bald auch nicht mehr - die Jungs litten unter schwerer Neurodermitis.

Ihre Eltern einte die Hoffnung auf Peter Liffler.

Liffler, 77, leitet die Kinderklinik Bellevue in Petersdorf auf Fehmarn, ein Häuschen mit Appartements für vier Patienten und deren Eltern. Hier fühlt sich niemand wie im Krankenhaus. In Lifflers Behandlungszimmer stehen Möbel aus hellem Holz; über der Wickelkommode, auf der er zu Beginn jedes Kind untersucht, hängt eine bunte Clownsmarionette.

Den größten Teil seines Berufslebens hat Liffler auf Fehmarn Kinder mit atopischen Leiden behandelt, also mit allergischem Schnupfen, Asthma und mit Neurodermitis, der Krankheit von Paul, Liam und Til.

Er könnte sich zur Ruhe setzen und öfter, als das bisher möglich war, mit Frau und Hund im Kanu durch schwedische Gewässer paddeln, so wie im vergangenen Sommer. Doch Liffler hat noch zu tun. Er muss seine Nachfolger einarbeiten, die ab Frühjahr 2019 im geplanten Klinikneubau weitermachen sollen; das Grundstück ist schon gekauft. Und er will beweisen, dass seine Behandlungsmethode eine wissenschaftliche Basis hat.

Mediziner Liffler
Philipp Schmidt / DER SPIEGEL

Mediziner Liffler

Neurodermitis ist die häufigste chronische Erkrankung bei Kindern. In Industrieländern wie Deutschland und Österreich sind bis zu 15 Prozent der Vorschulkinder betroffen - die meisten zwar nicht so schwer wie Lifflers Patienten, doch auch in den leichteren Varianten ist die Krankheit oft Vorbote von lebenslangen Hautproblemen, von allergischem Schnupfen oder Asthma.

Hatten Mediziner lange angenommen, Neurodermitis sei ein Kinderleiden, das von selbst verschwinde, so zeigen neue epidemiologische Studien, dass die Krankheit rund fünf bis zehn Prozent der Erwachsenen betrifft.

Zudem hat sich in den vergangenen 30Jahren die Zahl der Erkrankten stetig erhöht - mit weitreichenden Folgen für die Gesundheitssysteme. "Schwere Neurodermitis kann durchaus das Leben verkürzen", sagt Eva Peters. Die Hautärztin leitet am Universitätsklinikum Gießen das Labor für Psychoneuroimmunologie und forscht zugleich an der Berliner Charité zum Thema Haut und Psyche: "Die Patienten müssen ja dauerhaft mit Entzündungen kämpfen."

Und gerade die schweren Fälle scheinen häufiger zu werden, hat Liffler beobachtet: "Solche Ausprägungen, wie ich sie heute regelmäßig sehe, hatte ich vor 20 Jahren nie." Es sind Kinder, die mit kaum einem Fleckchen heiler Haut zu ihm kommen, die meisten haben auch schwere Allergien gegen gängige Lebensmittel wie Milch, Ei oder Getreide.

Und sie haben Eltern am Rande des Zusammenbruchs.

"Ich war ein Wrack", erinnert sich Petra Indir-Bauer, Pauls Mutter, "ich konnte nicht mehr klar denken." Das Schlimmste sei gewesen, ihrem Kind nicht helfen zu können, sagt sie. Daheim in Österreich war die Familie von Arzt zu Arzt gezogen, doch nach jeder Behandlung, etwa mit Kortisoncremes, kam die Krankheit zurück, teils heftiger als vorher. Weil viele Nahrungsmittel Pauls Haut verschlechterten, war die Familie bald ziemlich allein. "Wenn im Haus meiner Eltern für die Familie gekocht wurde, saßen wir zu dritt im Obergeschoss und haben unser eigenes Essen gegessen", sagt sie. "Der Paul hat ja nichts vertragen."

Einmal, im Sommer, fuhr Indir-Bauer mit ihrem Sohn zu einem Arzt, quer durch Wien mit der U1. Paul trug T-Shirt und kurze Hosen. "Die ganze Fahrt über gab es vorwurfsvolle Blicke", sagt die Betriebswirtin. "Paul sah auch wirklich aus, als hätten wir ihn in heißes Wasser getaucht."

Liams Eltern wiederum litten vor allem unter seinen Kratzanfällen. "Nachts ist er jede Stunde schreiend aufgewacht", sagt seine Mutter Cynthia Hennig, "am Tag hat er sich gekratzt, wenn er müde war, Hunger hatte oder etwas haben wollte." Alles habe sich darum gedreht, das Gekratze zu verhindern. "Ein Arzt sagte mir, mit fünf Jahren hat sich das ausgewachsen", erzählt Hennig. "Aber was nützt das, wenn man ein einjähriges Kind hat und einfach nur schlafen will?"

Til aus Geltorf war sieben Monate alt, als seinen Eltern klar war, dass es so nicht weitergehe. "Die Fasern seiner Kleidung hingen in den Wunden fest", sagt Doreen Schürmann, seine Mutter. "Und abends hat immer einer von uns an seinem Bett gesessen und seine Händchen festgehalten, bis er im Tiefschlaf war - damit er nicht alles aufkratzt." Bis zu zwei Stunden dauerte das. Die Schürmanns haben noch zwei Kinder, Töchter, vier und sieben Jahre alt. Der Kinderarzt schickte Til und seine Mutter nach Fehmarn.

Wer dort Hilfe sucht, muss sich auf Peter Lifflers Konzept einlassen. Bewilligt wird die stationäre Behandlung nur von privaten Krankenversicherungen, bei manchen Patienten allerdings zahlen, weil sie die Erfolge sehen, nachträglich auch gesetzliche Versicherungen.

Am Anfang der mehrwöchigen Liffler-Kur steht eine ausführliche Allergiediagnostik. Fast all seine Patienten reagieren überempfindlich auf bestimmte Stoffe. Je nach Grad der Allergien entwerfen der Pädiater und sein Team eine Spezialdiät, mit der sich die Kinder nach und nach an die Nahrungsmittel gewöhnen. In schwereren Fällen werden ihnen die Bestandteile über Monate nur stark verdünnt und tröpfchenweise verabreicht - so kann das Immunsystem lernen, zum Beispiel Milcheiweiß oder Getreide zu tolerieren.

Foto von Mutter Hennig, Kind Liam während der Behandlungszeit
Lars Berg / DER SPIEGEL

Foto von Mutter Hennig, Kind Liam während der Behandlungszeit

Für die Haut gibt es Salben, Seeluft und Verbände - mitunter sind die Kinder nahezu von Kopf bis Fuß verpackt, kleine Mumien in Creme und feuchtem Mull. "Als seine große Schwester Til das erste Mal so gesehen hat, hat sie geweint", sagt Doreen Schürmann. Alle sechs Stunden müssen die Wickel gewechselt werden. Kortison und Antibiotika, sagt Liffler, brauche die solcherart versorgte Haut nicht.

Die Haut steht ohnehin nicht allein in Lifflers Fokus. Den weit größeren Anteil an der Neurodermitis hat für ihn das seelische Gleichgewicht. Und zwar, das ist das Überraschende an seinem Ansatz, das der Eltern.

Oft handle es sich bei Mutter oder Vater um hochsensible Menschen, das hat Liffler über Jahre mithilfe psychologischer Fragebogen ermittelt. Seine These: Solche Menschen nehmen alle Lebensereignisse intensiver wahr als andere - eine Dauerbelastung, die zu Veränderungen im Immunsystem führen kann. Die Eltern entwickeln Atopien, die Anlage also zu allergischen Reaktionen, die sie wiederum an die Kinder weitergeben.

In einer Gesellschaft wie unserer, so Lifflers Theorie, in der Stress, Ablenkung und Leistungsdruck und damit die äußeren Reize zunehmen, wachse auch die Gefahr, dass sich die Hypersensibilität in Form einer Krankheit Bahn bricht. Für ihn ist das die Erklärung für die Zunahme der schweren atopischen Erkrankungen. Vor Kurzem hat er eine wissenschaftliche Arbeit, in der er die These mit seinen Patientendaten untermauert, zur Veröffentlichung eingereicht.

Auch seine Therapie baut darauf auf. "Ich desensibilisiere auf allen Ebenen", sagt der Arzt. So müssen die Eltern bei ihm lernen, die Kinder mit ihrer Sorge nicht zu erdrücken. "Viele Mütter sind am Anfang gar nicht von den Kindern zu trennen", sagt Liffler. "Sie denken zum Beispiel, ein so krankes Kind kann nur im Elternbett schlafen." Doch die Kinder spürten die Verzweiflung der Mutter, und dieser gleichsam mitgefühlte Stress mache sie noch kränker.

Deshalb erzieht er die Eltern zu Krankheitsmanagern ihrer Kinder: "Wir bringen den Eltern die richtige Hautpflege bei und wie sie ihr Kind selbst abhören können", sagt er. "Je sicherer sie sich fühlen, desto ruhiger wird das Kind." Ziel ist ein Alltag, in dem nichts vermieden werden muss.

Am Anfang heißt das für die Familien: Regeln, Regeln, Regeln. "Wir mussten Liam immer zur selben Zeit ins Bett bringen und zu festen Zeiten essen", sagt Mutter Hennig, "das war schon anstrengend." Sensible Eltern, kranke Kinder - ist es wirklich so einfach? Ob sich Lifflers Beobachtung auch bei größeren Fallzahlen bestätigen ließe, müsste sich zeigen. Sein Therapiekonzept entspricht nicht der Leitlinienmedizin, und in der Psychologie ist umstritten, ob es hochsensible Menschen überhaupt gibt oder ob es sich um eine Modediagnose handelt.

Mutter Schürmann, Sohn Til auf Fehmarn
Philipp Schmidt / DER SPIEGEL

Mutter Schürmann, Sohn Til auf Fehmarn

Doch was Liffler beobachtet, fügt sich in die Erkenntnisse eines wachsenden Forschungsfeldes an der Schnittstelle zwischen Seele und Immunsystem. In der Dermatologie erlebt es gegenwärtig eine Renaissance. Schon in den Siebzigerjahren glaubten Mediziner an ein Zusammenspiel von psychischen Faktoren und der Entstehung von Hautkrankheiten, doch die damals vermutete "Neurodermitis-Persönlichkeit" entdeckten sie nicht. So geriet der Ansatz in Vergessenheit.

Bis Fachleute wie Eva Peters ihn vor Kurzem wiederentdeckten: "Wir wissen heute, dass es Zusammenhänge zwischen hoher psychischer Belastung und Hautkrankheiten gibt", sagt sie, "und dass die Patienten enorm davon profitieren, wenn das berücksichtigt wird." Der Bedarf an psychologischer Betreuung dermatologischer Patienten, sagt sie, sei "riesig".

Kein Wunder: Die Haut ist das größte Organ des menschlichen Körpers. In der Embryonalentwicklung entsteht sie aus derselben Zellschicht wie das Nervensystem. Haut und Schleimhäute sind die erste Abwehrlinie, die der Organismus Krankheitserregern entgegensetzt - in der Haut siedeln zahlreiche Immunzellen, stets bereit, hoch potente Abwehrstoffe in die Blutbahn zu schwemmen. Wie genau diese Zellen mithilfe einer Armada molekularer Botenstoffe kommunizieren, ist noch nicht abschließend enträtselt.

So wichtig die Immunfunktion der Haut ist, so verheerend wirkt es sich aus, wenn sie aus dem Ruder läuft. "Wir verstehen immer besser, wie psychischer Stress das Immunsystem verändern kann", erklärt Peters.

So setzte die Forscherin Mäusen, bei denen zuvor eine neurodermitisähnliche allergische Erkrankung ausgelöst wurde, mit unangenehmem Lärm unter Dauerstress und stellte fest, dass sich in der Haut der Tiere daraufhin eine bestimmte Art von Nervenfasern vermehrten. Diese produzieren einen Botenstoff, der die Ausschüttung von Histamin anregt. Die Folgen sind Juckreiz, Rötung und Quaddeln auf der Haut.

Nun hatte Peters den Beweis: Kein Krankheitskeim, sondern reines Unbehagen hatte dazu geführt, dass die Mäusehaut ihr Abwehrsystem in Stellung brachte.

In ihren Labors in Gießen und Berlin will Peters nun weitere molekulare Akteure des Stresssystems erforschen, die bei Neurodermitis, aber auch bei Schuppenflechte oder Hautkrebs eine Rolle spielen.

Psychische Anspannung kann offenbar über Generationen weitergegeben werden - das haben Pränatalforscher in den vergangenen Jahren immer wieder beobachtet. Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft stark gestresst waren, haben ein höheres Risiko, Asthma oder Neurodermitis zu entwickeln, als Altersgenossen, bei denen das nicht der Fall war.

"Auch nach der Geburt kann sich Stress von der Mutter aufs Kind übertragen", sagt Peters. Sie rät Eltern neurodermitiskranker Kinder, ein Schulungsprogramm zu besuchen: Von Ärzten, Psychologen und Ernährungsberatern lernen sie dort, den Alltag besser zu meistern. Ähnlich geht auch Inselarzt Liffler vor, wenn er die Eltern seiner Patienten zu Kompetenz und Gelassenheit anhält.

Paul, Liam und Til waren inzwischen ein zweites Mal auf Fehmarn, um den Erfolg der Behandlung zu kontrollieren. Den Kindern geht es gut; ihre Haut ist gesund, beinahe so, als hätten sie nie Neurodermitis gehabt. Am Faschingswochenende war Paul mit seinen Eltern Ski fahren, zum ersten Mal in seinem Leben. "Es war herrlich!", schwärmt seine Mutter. "Wir hatten den Schnee unter den Füßen und waren endlich frei im Kopf."



© DER SPIEGEL 8/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.