AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2017

Gastbeitrag von "New York Times"-Autor über Trump Animalische Intuitionen, teuflische Energie

Donald Trumps Anziehungskraft auf Millionen Amerikaner hält an; seine Wiederwahl ist wahrscheinlicher als eine Amtsenthebung. Was bedeutet das für Europa?

Donald Trump
AFP

Donald Trump

Ein Essay von Roger Cohen


Roger Cohen, 62, ist ein vielfach ausgezeichneter Autor und Kolumnist der "New York Times". Als Sohn jüdischer Einwanderer aus Südafrika wuchs er in London auf und studierte in Oxford. Seit den Achtzigerjahren schreibt er für amerikanische Zeitungen.

Seit zehn Monaten ist Donald Trump nun Präsident, und die Welt ist nicht untergegangen. Der nukleare Konflikt mit Nordkorea hat kein Armageddon ausgelöst. Dass dies als Erfolg angesehen werden muss, zeugt davon, wie beunruhigend Donald Trumps erratische Kriegslust gewesen ist. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ist zu dem Schluss gekommen, die Europäer müssten nun "unser Schicksal in unsere eigene Hand" nehmen. Weithin herrscht Bestürzung. Die Nachkriegsordnung, ihres amerikanischen Ankers beraubt, droht zu zerbrechen.

Das ist keine Überraschung. Trumps Wahl war, wie Großbritanniens perverse Flucht aus der Europäischen Union, Ausdruck einer Jag-das-System-in-die-Luft-Stimmung. Die Dutzenden Millionen Amerikaner, die Trump wählten, wussten um seinen Jähzorn, dennoch waren sie bereit, auf ihn zu setzen - um das alte System zu sprengen.

Der Präsident, der immer noch agiert wie der aufhetzerische Anführer einer Massenbewegung, ist ein ultimativer Provokateur. Er erschüttert die Überzeugungen einer globalisierten liberalen Elite. Wachsende Ungleichheit und grenzenlose Straffreiheit für die Mächtigen machten eine Erschütterung gewiss notwendig.

Aber die Frage bleibt: Wie gefährlich ist Trump für die Welt und die amerikanische Republik?

Ein Lager sagt: nicht sehr. Trotz all des präsidialen Geredes und der wütenden GROSSBUCHSTABEN-Twitterei im Morgengrauen ist von der Mauer an der Grenze zu Mexiko nichts zu sehen; die Nato gilt nicht mehr als "obsolet"; die Ein-China-Politik wurde nicht abgeschafft; das Atomabkommen mit Iran ist noch in Kraft, trotz Trumps unerhörter Weigerung, es zu zertifizieren. Die Botschaft der USA in Israel steht nach wie vor in Tel Aviv; und das Nordamerikanische Freihandelsabkommen gibt es auch noch. Selbst Trumps Entscheidung, aus dem Pariser Klimavertrag auszusteigen, wurde noch nicht umgesetzt. Vielleicht haben Verteidigungsminister James Mattis und Herbert Raymond McMaster, der Nationale Sicherheitsberater, Trumps Draufgängertum Grenzen gesetzt.

Vielleicht haben sie seine geschichtslose Ignoranz neutralisiert. Trumps "America First" mag ein Slogan von eindeutig faschistischer Herkunft sein, aber er wird die Welt nicht auf den Kopf stellen. Ich wünschte, ich könnte das glauben - aber ich zweifle. Ein Desaster spielt sich gerade ab, das schwerwiegende Konsequenzen für Menschlichkeit und Anstand haben wird. Amerikas Wort, die Grundlage globaler Sicherheit seit mehr als sieben Jahrzehnten, ist eine rasch an Wert verlierende Währung.

Trump wird in den kommenden Monaten voraussichtlich noch launischer werden. Die Ermittlungen Robert Muellers zu möglichen Absprachen zwischen dem Kreml und Trumps Wahlkampfteam haben bereits zur Anklage gegen den ehemaligen Wahlkampfmanager, Paul Manafort, geführt. Und Krieg war schon immer eine großartige Ablenkung von innenpolitischen Schwierigkeiten.

Russlands Präsident Wladimir Putin und Chinas Xi Jinping sind angetreten, die Lücke zu füllen, die Trump ihnen lässt. Das ist unvermeidbar. Die Botschaft von Trumps Weißem Haus ist eine des Rückzug aus globaler Verantwortung - sei es für die Umwelt, die Stabilität in Europa oder das Schicksal des Nahen Ostens.

Wenn der Nukleardeal mit Iran funktioniert, Trump aber beschließt, ihn zu zertrümmern, weil Iran sich nicht über Nacht in eine freundliche Macht verwandelt hat - warum um alles in der Welt sollte dann irgendeine andere Nation einen Vertrag mit diesem mal lockenden, mal abweisenden Amerika schließen?

Was mich am meisten an den Beschimpfungen entsetzt hat, die in den vergangenen Wochen zwischen Trump und dem nordkoreanischen Führer hin- und herflogen, war das unmögliche Unterfangen, zwischen den beiden zu unterscheiden. Der Präsident hat sich auf das Niveau eines zu Wutanfällen neigenden Despoten hinabbegeben.

Trump schwor, Nordkorea "komplett zu zerstören", er nannte Kim Jong Un einen "Raketenmann auf Selbstmordmission". Die USA, so verkündete er, seien "gesichert und geladen". Kim wiederum bezeichnete Trump als "Schurken", "Gangster" und "dotard" - das letzte Wort ist seit dem 17. Jahrhundert nicht mehr in Mode. Amerikaner suchten eilig ihre Wörterbücher heraus, um zu entdecken, dass ein "dotard" ein seniler Narr ist.

Wenn sich zwei dünnhäutige Männer mit Atombomben, Animositäten und mysteriösem Haar gegenseitig Beleidigungen an den Kopf werfen und einer von ihnen der Präsident der USA ist, dann gibt es keinen Anlass für Trost. Kriege beginnen auf unvorhergesehene Weise; bei nuklearen Provokationen geschehen Unfälle. Man kann das alles als verstörende Aufregung in Asien abtun, wenn man will. Aber in Wahrheit geschieht etwas Tiefgreifenderes.

Die USA haben oft Erwartungen enttäuscht. Ken Burns' bemerkenswerte Dokumentation über den Vietnamkrieg erinnerte unlängst daran. Genau wie Abu Ghuraib oder Guantanamo. Aber es gelang Amerika immer wieder, sich neu zu erfinden und Ideen mit Leben zu füllen. Die Idee, dass wir ein Rechtsstaat sind; dass das Gesetz allen Amerikanern, unabhängig von ihren Meinungen oder ihrem Glauben, Rechte und Verantwortung verleiht. Und dass dieses Gesetz Kontrollen, "checks and balances", geschaffen hat, die dazu dienen, unsere Freiheit, unsere Demokratie und unseren Anstand zu sichern, jene Werte also, die wir in die Welt hinaustragen in der Überzeugung, dass sie, wenn sie auch nicht immer das Beste ermöglichen, doch zumindest das Schlimmste verhindern können.

Trennt man die USA von diesen Prinzipien, bleibt nicht viel übrig. Amerikas Führungsanspruch wird auf Dauer hohl, wenn er seiner moralischen Komponente beraubt wird. Die Bundesrepublik Deutschland, ins Leben gerufen unter amerikanischer Führung, weiß dies womöglich besser als jede andere Nation. Trump scheint sich all dessen nicht bewusst zu sein. Er verachtet Prinzipien. Worte strömen aus seinem Mund, die nichts bedeuten, denn wenn ein Mann ohne Moral versucht, eine Nation zu Größe zu ermahnen, vermittelt er nur erbärmliche, beinah komische Heuchelei.

Präsident Trump hat noch keinen Autokraten kennengelernt, der nicht seine Sympathie geweckt hätte, und keine multilaterale Organisation, die von seiner Verachtung verschont geblieben wäre. Der saudische König, Rodrigo Duterte von den Philippinen und Wladimir Putin sind für ihn in Ordnung. Merkel im "bösen, bösen Deutschland" ist es nicht. Ich höre, dass Merkel und Trump kaum miteinander sprechen. Das ist besorgniserregend. Deutschland ist das wichtigste Land in Europa und einer der wichtigsten Verbündeten der USA. Meine größte Sorge ist, dass Trump tatsächlich denkt, die Nachkriegsordnung sei nur ein Mittel gewesen, um Amerika abzuzocken. Er glaubt, wenn überhaupt, an Putins Macho-Autoritarismus und an Einflusssphären für Großmächte.

Wir sollten uns nichts vormachen, was Trumps autokratische Tendenzen angeht. Er ist nicht harmlos. Die Liberalen haben einen hohen Preis dafür bezahlt, dass sie bei der vergangenen Wahl der Wahrheit nicht ins Gesicht geblickt haben. Das Trump-Phänomen, seine Anziehungskraft auf Millionen Amerikaner, hält an. Es will verstanden werden in einer Zeit, in der Millionen anderer Amerikaner Trump für einen untauglichen Präsidenten halten - für einen Scharlatan, Betrüger und notorischen Lügner.

Ich habe einen Großteil meines Lebens als Korrespondent in anderen Ländern verbracht. Bricht man von New York aus auf zu einer Reise ins Trump-Land, fühlt man sich ebenso - wie ein Korrespondent im Ausland.

Hier ist eine Stimme aus dem Trump-Land: "Die Leute müssen sich entscheiden, ob sie ihr Zuhause heizen, Essen oder eine Krankenversicherung kaufen wollen - und du willst, dass sie sich Gedanken machen über das Überleben des Planeten oder die Probleme von Transsexuellen? Ich will nicht, dass illegale Einwanderer uns die Jobs wegnehmen. Ich mag keine Liberalen, die bei Whole Foods einkaufen und auf mich herabschauen, weil ich zu Walmart gehe. Ich will nicht, dass Gott und Gewehre aus dem Land verbannt werden. Weiße Leben sind auch wertvoll. Wir haben unseren moralischen Kompass verloren. Darum brauchen wir den aufrichtigen Trump - um Dinge in Bewegung zu bringen und unser Land zurückzubekommen."

Ich will mein Land zurück! Das ist der universale Schrei der globalen Bewegung rechter Reaktionäre. Es ist Trumps "America First". Es ist der Brexit. Es sind Marine Le Pens Nationalisten gegen die Globalisten. Es ist Deutschlands nationalistische AfD, die sich fast hundert Sitze im Bundestag schnappt. Es erklärt das Modewort des Augenblicks: Souveränität. Trump benutzte dieses Wort mehr als 20-mal in seiner Rede vor der Uno im September.

Hinter alldem steckt ein mächtiges Gefühl: Angst. Das war Trumps große Intuition - und er hat animalische Intuitionen, verbunden mit teuflischer Energie. Er erkannte, unterstützt von Stephen Bannon, dass viele amerikanische Ängste verschmolzen werden konnten zu einer nationalistischen Kampagne: demografische Angst (das Ende der weißen Mehrheit Amerikas). Ökonomische Angst (die Verwerfungen der Globalisierung). Kulturelle Angst (die urbane Elite, die Gewehre und Gott aus dem Land jagen will). Urangst (das Durchdrehen der Weißen angesichts eines schwarzen Präsidenten). Fremdenangst (die Horden der Einwanderer). Angst vor nationalem Niedergang (der Aufstieg Chinas und die endlosen Kriege nach 9/11). Angst vor der Zukunft (die Automatisierung und das Ende der Arbeit). Angst vor Terrorismus (der Dschihadist unter uns); Angst davor, seine Meinung zu sagen (die liberale Tyrannei des politisch Korrekten).

Nimm all das, gib die mächtige, aufrüttelnde Kraft von Fox News und Breitbart dazu, verpacke es in eine mächtige Portion wütenden Nationalismus und Eliten-Bashing - das Ergebnis ist eine siegreiche Guerilla-Offensive.

Man musste es nur sehen. Die Liberalen in ihrer Arroganz sahen es nicht, bis es zu spät war. Sie sehen immer noch nicht - genauso wenig wie die meisten Europäer -, dass viele smarte, anständige Amerikaner Trump unterstützen. Selbst nach der Manafort-Anklage bleibt Trumps Wiederwahl wahrscheinlicher als sein Impeachment. Ich würde die Wahrscheinlichkeit des Ersten auf 25 Prozent beziffern, jene des Zweiten auf 10 Prozent.

Und doch, er ist gefährlich. Trump hat die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge bereits verwischt. Er hat die Justiz angegriffen und die freie Presse.

Ich hatte kürzlich ein erschreckendes Erlebnis. Trump hatte gelogen, wie so oft. In diesem Fall ging es um zwei Anrufe, einen vom Präsidenten Mexikos und einen vom Leiter der Pfadfinder. Diese angeblichen Gratulationsanrufe hatte es nicht gegeben, sie waren reine Erfindung. Auf die Frage, ob Trump gelogen habe, antwortete die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Sarah Huckabee Sanders: "Ich würde nicht sagen, dass es eine Lüge war."

Ich erinnere mich daran, dass ich mit den Achseln zuckte. Dieses Achselzucken war das Beängstigende. Auf diese Weise zementieren Autokraten - oder Möchtegern-Autokraten - ihre Macht. Sie zermürben dich. Sie ziehen dich in ein Loch hinab. Sie wollen, dass du den großen Führer verkünden hörst, 2 + 2 = 5, und mit den Achseln zuckst.

Kürzlich twitterte der Präsident: "Bei all den Fake News, die von NBC und den Sendergruppen kommen - ab wann ist es angemessen, ihre Lizenz infrage zu stellen? Schlecht fürs Land!"

Das ist Putins Terrain. Das ist Erdogans Terrain. Wir wissen noch nicht, wie weit der Präsident zu gehen bereit ist, um Kritiker zum Schweigen zu bringen, die seinen Patriotismustest nicht bestehen, während er seine Unterstützer dazu aufruft, dem Fanatiker in ihnen freien Lauf zu lassen. Aber Sonderermittler Mueller und früher oder später die Kampagne zur Wiederwahl werden Trump in Versuchung bringen, sehr weit zu gehen.

Vor zwei Jahrzehnten lebte ich in Berlin und sah die Hauptstadt zurückkehren, nach dem Aufenthalt im faden Bonn. Berlin war eine Baustelle. Kräne zogen das Neue hoch, aber die Vergangenheit - eine ständige Mahnung an das vereinte Deutschland - war nicht ausgelöscht. Es war die Vollendung eines Wunders: Deutschland vereinigt, innerhalb der Nato, seine Grenzen nicht mehr umstritten.

Ich überquerte manchmal die polnische Grenze. Ich musste mich kneifen, an dieser kaum sichtbaren Grenze, um mich daran zu erinnern, dass dies, in Timothy Snyders Worten, "blutgetränkte Erde" war, die letzte Ruhestätte von Millionen. Nun aber, nur Jahrzehnte später, erstreckte sich vor mir eine Ruhe, die Nato und Europäische Union und Staatskunst ermöglicht hatten.

Nichts davon wäre möglich gewesen ohne die transatlantische Allianz, ohne die Berliner Luftbrücke und den Marshallplan, ohne die USA als eine europäische Macht - ohne alles also, was Trump zu verachten scheint.

Nicht nur die Deutschen genossen, was Helmut Kohl einmal die "Gnade der späten Geburt" nannte. Auf eine Art tat das jeder Nachkriegseuropäer. Wir erliegen dem Erinnerungsverlust auf eigene Gefahr. Es ist an den Jungen, das 21. Jahrhundert zu gestalten. Das ist richtig und natürlich. Die Grundsätze des vergangenen Jahrhunderts und seine Machtstruktur können nicht in Stein gemeißelt sein.

Dennoch sollten wir nicht vergessen, aus welchem Horror die Pax Americana erwuchs. Wenn Merkel und der französische Präsident, Emmanuel Macron, einen eigenen europäischen Weg ausarbeiten - wie sie es tun sollten in der Trump-Ära -, müssen sie darauf achten, die Bindung zu Amerika zu bewahren, in der Hoffnung auf bessere Tage. Sie müssen sich entschieden für die Werte aussprechen, die Trumps Amerika aufgegeben hat.

Senator John McCain, ein großer Freund Europas, hat die wohl beste Antwort auf Trump gegeben: "Wir leben in einem Land, das aus Idealen entstand, nicht aus Blut und Boden. Daheim sind wir die Hüter dieser Ideale, in der Ferne ihre Vorkämpfer. Wir haben viel Gutes getan in der Welt. Diese Führungsrolle hatte ihren Preis, aber wir sind unvergleichlich mächtig und wohlhabend geworden, indem wir sie übernahmen. Wir haben eine moralische Verpflichtung, unsere gerechte Sache fortzuführen, und wir würden mehr als Schande über uns bringen, täten wir es nicht. Wir werden keinen Erfolg haben in einer Welt, in der unsere Führerschaft und unsere Ideale fehlen. Wir würden es nicht verdienen."

Amen.



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