AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2018

Skandal bei Nobelpreis-Akademie "Er griff mir einfach zwischen die Beine"

Die Schwedische Akademie, die den Nobelpreis für Literatur verleiht, steckt tief in den Folgen einer Missbrauchsaffäre. Was ist passiert?

Ehepaar Frostenson, Arnault 2015
Charles Hammarsten / picture alliance / IBL Schweden

Ehepaar Frostenson, Arnault 2015

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Das Gebäude, in dem einmal die Börse von Stockholm war, ist ein zweigeschossiger altrosa Klotz in der Mitte der Altstadt. Jeden Donnerstag um 17 Uhr treffen sich hier die Mitglieder der Schwedischen Akademie zur ihrer Sitzung, anderthalb Stunden lang beraten und diskutieren sie, über den Literaturnobelpreis und viele andere Preise und Stipendien, danach gehen sie gemeinsam essen. Donnerstags gibt es in Schweden meistens Erbsensuppe und Pfannkuchen.

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Heft 16/2018
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Heute aber ist alles anders. Heute herrscht Ausnahmezustand in der Altstadt, und die Journalisten, die am Seiteneingang warten, brauchen Sensationen. Die Mitglieder der Akademie kommen einzeln und bahnen sich ihren Weg an den Journalisten vorbei. Es solle über das Schicksal der Ständigen Sekretärin der Akademie abgestimmt werden, heißt es. Die vielleicht bekannteste kulturelle Institution der Welt wankt. Am Abend wird bekannt, dass die Ständige Sekretärin, Sara Danius, von allen Ämtern zurücktritt. Auch die Frau, die in vielem ihre Kontrahentin war, Katarina Frostenson, verlässt die Akademie.

Was ist passiert? Drei Mitglieder haben am Freitag vor einer Woche ihren Rückzug bekannt gegeben, wobei die Mitglieder eigentlich auf Lebenszeit ernannt und Rücktritte nicht vorgesehen sind. Es geht um Vorwürfe von sexuellem und finanziellem Fehlverhalten gegen den Ehemann von Frostenson, der unter anderem Töchter und Frauen von Mitgliedern der Akademie jahrelang belästigt haben soll. Es ist ein Beben, das eine zentrale Institution des schwedischen Kulturlebens erschüttert und die Welt der Literatur überhaupt. Im schwedischen Königreich sind die Mitglieder der Akademie so etwas wie Aristokraten, sie stehen in symbolischer Hinsicht sogar über dem König, so wollte es 1786 der Gründer der Akademie, König Gustaf III.

Recht ruhig und geordnet und auch geheimnisumwittert ging es deshalb meistens zu, in den vergangenen 232 Jahren. Aber heute ist nichts ruhig.

Anlass für den Streit waren interne Ermittlungen unter anderem wegen zweifelhafter Geldzahlungen. Es gab den Antrag, Katarina Frostenson, 65, auszuschließen, die Frau des beschuldigten Jean-Claude Arnault, 71. Eine Mehrheit von acht gegen sechs Mitglieder weigerte sich. Daraufhin zogen der Historiker und Schriftsteller Peter Englund, der viel gelesene Klas Östergren und Akademieveteran Kjell Espmark, seit 1981 Mitglied, die Konsequenz.

"Die Schwedische Akademie hat schon seit einiger Zeit ernsthafte Probleme", sagte Östergren nach seinem Rücktritt. Sie versuche, sich durch obskure Manöver aus der Affäre zu ziehen und verletze dabei nicht nur die Statuten, sondern vor allem ihre Mission, Genie und Geschmack zu fördern, sagte er weiter und schloss mit einem Zitat von Leonard Cohen: "I'm leaving the table, I'm out of the game."

Die Akademie ist damit formal handlungsunfähig. Laut Statuten müssen mindestens zwölf Mitglieder aktiv sein. Nach dem Rücktritt von Danius und Frostenson sind es nur noch elf, zwei weibliche Mitglieder lassen ihre Mitgliedschaft schon länger ruhen.

Einen "totalen Zusammenbruch" nennt das, was gerade passiert, der Kulturjournalist Björn Wiman von "Dagens Nyheter", eine "Krise der öffentlichen Sphäre". Lisa Irenius, Leiterin des Kulturteils des "Svenska Dagbladet" spricht vom Hass unter den Mitgliedern der Akademie. Und der Verleger Svante Weyler sagt, dass diese Debatte "die schlimmste, schmutzigste und niedrigste ist, die ich je erlebt habe, schlimmer als alles, was in der Politik passiert".

Festakt der Schwedischen Akademie in Stockholm 2011
Henrik Montgomery/AFP

Festakt der Schwedischen Akademie in Stockholm 2011

Der Streit, der schon eine Zeit lang schwelte, ist also eskaliert, er hat die stillen Zimmer lange verlassen und findet nun auf der Weltbühne statt. Es geht nicht um Gut gegen Böse, es geht nicht um Modern gegen Traditionell, meint Weyler. Es geht allein um Macht. "Es wäre komisch", sagt er, "wenn es nicht so tragisch wäre."

Wenn es ein Roman wäre, und so wirkt es manchmal, dann mischten sich hier Elemente des 18. Jahrhunderts mit denen des 21. Jahrhunderts, die Form des Briefromans, in dem Depeschen hin und her gehen und von Intrigen, Sex, Ambition, Ruhm und Rache die Rede ist, mit einer Öffentlichkeit, in der alles zum Material und jeder zum Autor wird und ein Tweet eine eigene Realität erschafft. Es ist ein kulturelles Schauspiel auf mehr als eine Weise, ein Kampf der Worte und der Welten, der hier stattfindet, es ist eine alte Zeit, die gegen eine neue steht, es geht um so etwas wie die Erhabenheit der Literatur, was schon immer eine Illusion war, und dennoch, der Nobelpreis hatte eine Aura von göttlicher Notwendigkeit, nach der die gebildete Öffentlichkeit sich so sehr sehnt, dass jeden Oktober begierig darauf gewartet wird, bis weißer Rauch über Stockholm aufsteigt.

Oder, wie es Katarina Frostenson sagen würde, die Frau, um die sich der Streit wenigstens teilweise dreht: "Sei in etwas, im Gelenk des Kiefers, in der Wange / wo es sticht. Schneegestöber früh, alles wirbelt durcheinander / in den Sinnen."

Frostenson, schreibt Gedichte, Theaterstücke, Libretti, auf Deutsch erschienen ihre Lyrikbände "Die in den Landschaften verschwunden sind" (1999) und "Sprache und Regen" (2016). Die Schärfe des Streits, die Beleidigungen, der Hass, all das erklärt sich eigentlich nur aus der Anspannung, die im Zuge der #MeToo-Debatte entstanden ist.

Die ganze Affäre begann damit, dass im November 2017 bekannt wurde, dass der Ehemann von Frostenson, der Fotograf und Impresario Jean-Claude Arnault, jahrelang Frauen sexuell belästigt oder missbraucht haben soll, zum Teil in Wohnungen, die die Akademie finanzierte.

Es waren damals 18 Frauen, die in der Zeitung "Dagens Nyheter" berichteten, wie Arnault seine zentrale Position im schwedischen Kulturleben ausgenutzt haben soll. Er betrieb das Forum, ein Kulturzentrum, eine Art "Wohnzimmer", so nannten es Mitglieder der Schwedischen Akademie, finanziert weitgehend durch öffentliche Mittel. Sein Verhalten war das eines Donald Trump oder Harvey Weinstein oder, so scheint es, vieler Männer mit Macht.

"Er griff mir einfach zwischen die Beine", so berichtete die Schriftstellerin Gabriella Håkansson von einem Übergriff Arnaults im Jahr 2007 auf einer Party, ihr damaliger Freund, der Autor Thomas Engström stand in der Nähe und wurde Zeuge. "Ein Pussygriff. Es war, als ob er nach etwas graben würde. Der Angriff kam aus dem Nichts, wir hatten nicht geflirtet, es hatte keine Berührung gegeben. Da war einfach seine Hand in meinem Schritt."

Håkansson gab Arnault eine Ohrfeige, der verließ den Raum, und alle, die den Vorfall beobachtet hatten, schüttelten den Kopf und sagten, dass Arnault nicht ganz bei Verstand sei. Dabei hatte es System: Arnault, so schilderten es die Frauen, benutzte seine Macht, um Frauen sexuell zu bedrängen, er zwang sie zum Oralsex, er bezeichnete sie als "Krebsgeschwür", das ausgemerzt werden müsse, nachdem sie ihre sexuelle Beziehung mit ihm beendet hatten.

Keine der Frauen ging damals zur Polizei, aus den verschiedensten Gründen, die Opfer von sexueller Gewalt so oft davon abhalten, sich zu Wort zu melden. Es war die typische Situation von Wissen und Nicht-wissen-Wollen. Seit 1997 wurde mindestens ein Mitglied der Akademie von einem Vorfall unterrichtet, Sture Allén, der in einer anderen Abstimmung gegen den Ausschluss von Frostenson gestimmt hatte.

Gegenüber der schwedischen Presse spricht Arnault von Hexenjagd und Dummheiten. Es war eben ein "old boys network", so nennt es Björn Wiman, alte Freunde, die sich nicht gegenseitig verraten. "Alle sagten damals, als die Sache mit den 18 Frauen bekannt wurde, es hätten doch alle gewusst", sagt Wiman. Der Schock, wie es die Regel ist bei den #MeToo-Enthüllungen, war gleichzeitig gewaltig und von Zweifeln getragen. Die Wucht der Wahrheit war da, die Scham über die Verdrängung wohl auch.

Gerade in Schweden, das sich als besonders emanzipierte Gesellschaft sieht, was in vielem stimmt und in manchem auch nicht. "Ich mag die schwedische Selbstwahrnehmung nicht, immer die Guten zu sein", sagte vor Jahren Klas Östergren, dessen Bücher auch auf Deutsch erschienen sind, etwa der Roman "Porträt eines Dandys" (2011), der in den Achtzigerjahren spielt und von einem Land erzählt, das sozialdemokratische Bescheidenheit durch Profitgier und postmoderne Spielereien ersetzt.

Das speziell Schwedische an der #MeToo-Debatte war dabei, dass sie in vielem offener, ambitionierter, anders geführt wurde als in den meisten anderen Ländern. Es waren vor allem die kollektiven Bekenntnisse erst von vielen Hunderten Schauspielerinnen, dann von Hunderten Rechtsanwältinnen, dann von Frauen in vielen anderen Berufsgruppen, die die Debatte prägten. Es ging mehr um systemische Missstände als um die Vergehen Einzelner. #MeToo wurde als Chance gesehen, ein gesellschaftliches Gespräch über sexuellen Missbrauch und Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu führen.

Auch in Schweden gab es Enthüllungen über Einzelne und tragische Ereignisse - der Selbstmord des Theaterleiters Benny Fredriksson etwa sorgte im März für Bestürzung, er war mit der auch in Deutschland bekannten Opernsängerin Anne Sofie von Otter verheiratet, im Dezember hatte die Zeitung "Aftonbladet" über Vorwürfe von mehr als 40 Frauen berichtet, die ihm einen autoritären und manchmal diktatorischen Führungsstil vorwarfen.

Aber der Streit um die Schwedische Akademie hat deshalb so eine andere Dimension, weil es um noch mehr geht als um Sex und Geld. Es geht um die Kriterien und das Verhalten jener Menschen, die in vielem, ob man das will oder nicht, der Goldstandard der Literatur sind. Es geht um Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Selbstgerechtigkeit, Einsicht und Offenheit, es geht um ethische und moralische Kriterien, die sie selbst bei ihrer Auswahl so oft mit ins Spiel bringen.

"Es geht um Ehre", sagt Lisa Irenius, "das ist die Grundlage dieser Akademie, die ja eine Art aristokratische Institution ist." Mit anderen Worten: Die Reputation des Nobelpreises ist grundsätzlich bedroht.

Und es hilft dabei nicht, dass sich die Fraktionen in diesem Machtkampf mit Beleidigungen kaum zurückhalten. Besonders Horace Engdahl teilt hart aus, ein Kritiker und Literaturprofessor, von 1999 bis 2009 selbst Ständiger Sekretär und, wie allgemein bekannt, ein enger und alter Freund Jean-Claude Arnaults, gegen den, das wurde diese Woche bekannt, die Justiz erst einmal nicht wegen Finanzvergehen ermitteln wird.

Er sei "bestürzt über die Rauheit der Schlacht", so drückte Engdahl sich aus und beschimpfte dann ein Mitglied der Jury dafür, dass sie immer noch stolz ihre Moral vor sich her trage - gemeint war der bisherige Tiefpunkt der Akademie, als Mitglieder ebenfalls ihren Rückzug erklärt hatten, 1989, als sich die Akademie weigerte, Salman Rushdie gegen die Fatwa der Iraner explizit in Schutz zu nehmen. Wie damals hätten sich auch die Renegaten von heute "in die Arme der Medien" gestürzt, ihre Schweigepflicht gebrochen und damit mehr Schaden angerichtet als "die eine oder andere Nobelpreisentscheidung, die ein paar Tage zu früh bekannt wird", wie er recht lässig anfügte.

Seine Nachfolgerin, Sara Danius, bezeichnete er als die schlechteste Ständige Sekretärin in der mehr als 200-jährigen Geschichte der Akademie - der zurückgetretene Kjell Espmark reagierte darauf, indem er sagte: "Das ist das Falscheste und Schändlichste, was ich in meinem Leben gelesen habe. Er hat kein Stückchen Ehre mehr in seinem Körper."

Der König, so hieß es vergangene Woche, unterstütze eine Satzungsänderung, wonach ein Ausscheiden von Mitgliedern der Akademie möglich sein soll - was dazu führen könnte, dass die verbliebenen Mitglieder sich selbst in der Minderheit als funktionsfähig erklären und neue Mitglieder aufnehmen könnten. "Ein Witz" sei das, sagt Björn Wiman, der König habe keine Ahnung und kein Interesse, was Kultur oder Literatur angeht. Vor ein paar Jahren war er selbst wegen sexueller Eskapaden in den Schlagzeilen.

Völlig unklar bleibt bei alldem, mit welchem Grad an Glaubwürdigkeit die Akademie in Zukunft ihre Preise und Stipendien und speziell den Nobelpreis vergeben will. "Es wäre das Beste gewesen, wenn die, die mit Arnault in Verbindung stehen, schon im Dezember zurückgetreten wären", sagt Lisa Irenius. Aber nun ist zu viel Zeit verstrichen. Eigentlich, sagt sie, wäre es das Beste, wenn die ganze Akademie aufgelöst und neu zusammengesetzt würde.

Und Svante Weyler mutmaßt schon, es werde in diesem Jahr wohl nur vier echte Schriftsteller geben, die über den wichtigsten Literaturpreis der Welt entscheiden, die anderen verbleibenden Mitglieder wären alle Literaturwissenschaftler.

Einen Vorschlag hat er als Weg aus der Krise: "Wenn sie den Preis an Philip Roth vergeben, dann ist all das hier rasch wieder vergessen."



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