AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2017

Nobelpreisträgerin Toni Morrison Die Feigheit nimmt wieder zu

Toni Morrison war die erste schwarze Autorin, die den Nobelpreis bekam. Nun blickt sie auf ihr langes Leben und die US-Geschichte zurück, auf Barack Obama und - mit Widerwillen - auch auf Donald Trump.

Toni Morrison: "Was ziehe ich an? Und: Was werde ich sagen?"
Natan Dvir/Polaris/Laif

Toni Morrison: "Was ziehe ich an? Und: Was werde ich sagen?"

Ein SPIEGEL-Gespräch von


Um Toni Morrison zu treffen, muss man nach Grand View fahren, einen kleinen Ort am Ufer des Hudson. Die Schriftstellerin wohnt in einem hellen großen Holzhaus mit mehreren Terrassen und einem langen Steg zum Fluss hin. Eine Haushälterin öffnet die Tür. Seit Morrison vor einigen Monaten gestürzt ist, bestehen ihre Verwandten darauf, dass rund um die Uhr jemand im Haus ist. "Ich wäre lieber allein", sagt sie augenrollend. Toni Morrison zu begegnen ist ein Ereignis. Über ihren grauen Rastazöpfen trägt sie an diesem Apriltag eine Strickmütze, ihren schweren Körper hat sie in einen dunklen, bequemen Hausanzug gekleidet, darüber eine Strickjacke. An einem ihrer Finger steckt ein wirklich mächtiger Brillantring. Wenn Morrison die Geistergeschichten aus ihrer Kindheit erzählt, singt und raunt sie; als sie davon spricht, wie langsam sie schreibt, sackt ihre Stimme beim O von "slow" tief ab.

Vor zwei Monaten ist sie 86 geworden. Ihr elfter Roman erscheint in diesen Tagen auf Deutsch, er trägt den Titel "Gott, hilf dem Kind". Die Sprache ist schlanker und schneller, als man es von Morrison kennt, die emotionale Tiefe des Romans reicht an ihre großen Werke heran, an "Menschenkind" und "Paradies".

In Morrisons Haus gibt es deckenhohe Regale voller Bücher, die Erinnerungen an ihr schriftstellerisches Leben finden sich auf der Gästetoilette. Fotos, auf denen sie mit Gabriel García Márquez zu sehen ist, mit Salman Rushdie und Wole Soyinka. Über dem Waschbecken hängt ein Rahmen mit einem Brief aus dem Jahr 1993, er kam aus Stockholm, der erste Satz lautet: "In ihrer heutigen Sitzung hat die Schwedische Akademie entschieden, Ihnen den Nobelpreis für Literatur zu verleihen."

SPIEGEL: Mrs Morrison, Sie haben ein langes Leben, vieles hat sich ereignet. Was haben Sie sich erträumt, als Sie noch ein Kind waren?

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Heft 17/2017
Donald Trump und Kim Jong Un riskieren den Atomkrieg

Morrison: Das war in den Dreißigerjahren, meine Familie war sehr, sehr arm, aber das waren damals alle. Wir wohnten in einem kleinen Ort in Ohio, der von der Stahlarbeit lebte. Es gab viele Einwanderer aus Europa, auch einige Schwarze, aber es war keine schwarze Gemeinde. An der Highschool gab es vor allem Lehrerinnen, die wurden von allen respektiert und genossen Ansehen, oft waren es alleinstehende Frauen. Das hat bei mir großen Eindruck hinterlassen.

Lektorin Morrison bei einer Party in New York 1974
Michael Ochs Archives/Getty Images

Lektorin Morrison bei einer Party in New York 1974

SPIEGEL: Wollten Sie Lehrerin werden?

Morrison: Ich habe ja viele Jahre meines Lebens unterrichtet, an verschiedenen Universitäten, zuletzt in Princeton. Aber damals träumte ich davon, Balletttänzerin zu sein.

SPIEGEL: Sie sollen das einzige Kind in Ihrer Klasse gewesen sein, das bei der Einschulung schon lesen konnte.

Morrison: Ja, ich war eine gute Leserin, ich konnte schon mit drei Jahren lesen.

SPIEGEL: Wer hat Ihnen das beigebracht?

Morrison: Meine Schwester, sie war vier. Aber jetzt fragen Sie mich bitte nicht, woher meine Schwester das konnte. Wir wussten, dass es Sklaven in Amerika verboten war zu lesen, dass Weiße, die Schwarzen das Lesen beibrachten, im Gefängnis landeten oder hohe Strafen erhielten, lauter beängstigende Dinge. Und ich erinnere mich daran, dass mein Großvater stets dafür gepriesen wurde, als junger Mann die Bibel fünfmal von vorn bis hinten durchgelesen zu haben. Obwohl er nur einen einzigen Tag die Schule besucht hatte. Ich habe später oft daran gedacht, wie stolz er darauf war, die Bibel gelesen zu haben. Das war in den Jahren nach 1865, für einen Schwarzen gab es zu der Zeit keine anderen Bücher. Sie sehen, das Lesen galt in meiner Familie als kühner und rebellischer Akt.

SPIEGEL: Sie hießen damals noch Chloe Wofford.

Morrison: Ja, und der Name meiner Schwester war Lois, wir waren sehr eng, wir sind es bis heute. Zwei alte Ladys, die viel miteinander reden. Damals riefen die Leute immer: Wo sind Lois und Chloe? Loisundchloe? Eine Zeit lang dachte ich, mein Name wäre Loisundchloe. Vor einiger Zeit sprachen meine Schwester und ich über die Straße, in der wir aufgewachsen sind. Lois malte einen Plan, sie zeichnete jedes Haus ein und schrieb die Namen der Leute dazu, die dort wohnten. "Die McLaughans, erinnerst du dich noch, die haben uns immer Nigger gerufen. Und der alte betrunkene Mr Sean." Ich gab die Zeichnung meinem Sohn, er ist Architekt, und bat ihn, das ins Reine zu zeichnen. Das tat er, und er suchte die Straße auf Google Maps. Aber dort ist nichts mehr, die Straße ist völlig verschwunden, keine Bäume, nichts, nur noch Gras. Das war ein Schmerz für mich. Dort spielte sich einmal mein Leben ab.

SPIEGEL: Das Erbe der Vergangenheit ist ein Kernthema Ihres literarischen Werks. Begann Ihre Begeisterung fürs Erzählen während dieser Jahre in Ohio?

Morrison: Nein, Geschichten waren für mich damals bloß Unterhaltung. Wir hatten kein Radio und erst recht keinen Fernseher, also haben wir uns Geschichten erzählt. Oder meine Mutter hat gesungen. Sie hatte die schönste Stimme, die ich je gehört habe.

SPIEGEL: Und wovon handelten diese Geschichten?

Morrison: Das waren Geistergeschichten, ich habe die bis heute im Kopf, man konnte sie etwas abwandeln oder dramatisieren, aber es waren immer die gleichen Geschichten: "Sharp my knife, sharp my knife, gonna cut my wifes, gonna cut my wifes - head off!" Und nach all dem Kopfabschneiden und Spuken hieß es: Kinder, ab ins Bett. Dann lag man da im Dunkeln. Und es war wirklich dunkel in den Dreißigerjahren in Ohio.

SPIEGEL: Das alles klingt danach, als ob Ihre Kindheit vielleicht materiell arm war ...

Morrison: ... sie war reich, an vielem. Als ich meinen ersten Job hatte - ich ging nach der Schule bei einer Lady für zwei Dollar die Woche putzen -, habe ich mich bei meinem Vater beklagt, ich fand die Lady gemein und ungerecht. Mein Vater sagte: "Geh zur Arbeit, verdiene dein Geld, und komme nach Hause. Du wohnst dort nicht." Er arbeitete damals als Schweißer, eines Tages erzählte er mir, er habe die perfekte Naht geschweißt. Und weil sie so perfekt war, hatte er seine Initialen daruntergesetzt. Ich sagte: "Daddy, niemand sieht das." Und er sagte: "Aber ich weiß, dass sie dort sind." Durch meinen Vater habe ich verstanden, dass es bei jeder Arbeit nur um einen selbst geht. Er hat mir das vorgelebt. Später, als ich Lektorin bei Random House war, hat mir das sehr geholfen.

SPIEGEL: Wie kamen Sie zur Literatur?

Morrison: Als meine Schwester mit der Highschool fertig war, bekam sie einen Job in der öffentlichen Bibliothek, sie war eine Art Assistentin. Irgendwie hat sie es hingekriegt, dass ich dort auch arbeiten konnte, ich musste die Bücher auf Wagen zu den Regalen fahren und einsortieren. Ich stand allerdings ständig herum und habe gelesen. Ich habe einfach alles gelesen.

SPIEGEL: Bevor wir weiter über Bücher reden, muss ich noch einmal auf die Sache mit Ihrem Namen zurückkommen. Als Sie aufs College gingen, haben Sie ihn von Chloe in Toni geändert. Warum?

Morrison: Niemand konnte den Namen aussprechen. Die Leute sagten Klori oder Klo. Irgendwann war ich es leid. Anthony war mein religiöser Name, und als ich aufs College kam, nannte ich mich Toni. Es war einfacher. Doch kurz vor der Drucklegung meines ersten Romans "Sehr blaue Augen" überlegte ich es mir anders. Ich rief meinen Verleger an und sagte: "Auf dem Umschlag steht der falsche Name, der Roman muss unter dem Namen Chloe Wofford erscheinen." Aber es war zu spät, das Buch war schon im Druck.

Schriftstellerin Morrison 2009: Die Erste, die Einzige, die Beste
Timothy Fadek/Polaris/Laif

Schriftstellerin Morrison 2009: Die Erste, die Einzige, die Beste

SPIEGEL: Und heute? Fühlen Sie sich mehr als Toni Morrison oder als Chloe Wofford?

Morrison: Toni Morrison ist die öffentliche Person, Toni geht hinaus und hält Reden. Aber mein richtiger Name ist Chloe - sie ist nicht so sichtbar, sehr privat.

SPIEGEL: Wie nennt Ihr Sohn Sie?

Morrison: Er sagt Ma. Aber er kennt Chloe gut. Wenn ich mit Ihnen rede, bin ich Toni Morrison.

SPIEGEL: Sie haben zwischen 1965 und 1983 als Lektorin und später als Cheflektorin für afroamerikanische Literatur für Random House gearbeitet. Hat sich der Stellenwert dieser Literatur seitdem verändert?

Morrison: Sie genießt einen deutlich höheren Rang, gerade wurde Colson Whitehead der Pulitzerpreis zuerkannt, ein außergewöhnlicher Autor. Als ich bei Random House begann und nach afroamerikanischen Talenten suchte, musste ich mir von einem Vertreter in der Konferenz anhören, dass meine Arbeit sicher verdienstvoll sei, aber dass die Bücher, die ich mache, sich "auf der anderen Straßenseite" nicht verkaufen ließen. Also musste ich mir etwas einfallen lassen. So entstand die Idee für das "Black Book", eine Anthologie mit Erzählungen und Abbildungen, mit Fotos und Historischem, wir haben alles durcheinandergemischt, traurige und lustige Sachen, rassistische und stolze Statements, die ganze schwarze Kultur, es war fantastisch.

SPIEGEL: Das Buch war Ihr Durchbruch als Intellektuelle.

Morrison: "The Black Book" war ein großer Erfolg, es flog förmlich aus den Regalen. Aber im Verlag waren sie vor der Veröffentlichung mehr als nervös, sie rieten den Mitarbeitern, nicht zur Buchparty zu kommen, die hatte ich nämlich in einem Restaurant in Harlem organisiert. Mir legte man nahe, ich sollte mich von Polizisten begleiten lassen. "Meint ihr, ich gehe mit zwei Cops an meiner Seite nach Harlem?", habe ich ihnen geantwortet. Am nächsten Tag erschienen in der "New York Times" und in der "Washington Post" Berichte über das "Black Book" und die Party; die haben sich getraut.

SPIEGEL: Es ist Ihnen noch jetzt anzumerken, wie viel Ihnen das Buch bedeutet.

Morrison: Es waren vor allem die Reaktionen, ich bekam viele Briefe. An einen erinnere ich mich gut. Er kam von einem Mann, der im Gefängnis saß, er schrieb: "Ich habe ein ,Black Book', aber ich brauche mehrere. Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir noch einige zu schicken? Ich brauche eines, um es an die Wand zu schleudern, ich brauche eines, um es im Arm zu halten, und ich brauche ein drittes, um es jemandem zu geben, den ich liebe." Das hat mir gefallen: schleudern, festhalten, teilen.

SPIEGEL: Ihren ersten Roman haben Sie mit 39 veröffentlicht. Warum so spät?

Morrison: Ich habe lange geglaubt, dass alle Geschichten schon geschrieben seien. Doch je mehr ich las, desto deutlicher wurde mir, dass mein Leben und ich in den Büchern nicht vorkamen. Die einzige Möglichkeit, dieses Buch lesen zu können, bestand darin, es selbst zu schreiben. Also tat ich es. Und das dauert bis heute. Ich bin eine 86-Jährige, die sich kaum noch bewegen kann, ich habe acht Ärzte, aber mein Kopf ist hellwach. Und solange ich es irgendwie in meinen Schreibtischstuhl schaffe und zum Computer rüberrollen kann, werde ich schreiben. Ich habe mit meinem zwölften Roman begonnen, Ende des Jahres soll ich ihn abgeben, ob ich das schaffe? Ich schreibe einfach langsam, sehr langsam, das war schon immer so.

SPIEGEL: Sie waren mehrfach in Ihrem Leben die Erste, die Einzige, die Beste: das einzige schwarze Mädchen in der Grundschulklasse, das einzige, das schon lesen konnte; die beste Highschool-Absolventin des Jahrgangs; die erste schwarze Cheflektorin bei Random House, die erste schwarze Nobelpreisträgerin. War es anstrengend, immer die schwarze Intellektuelle zu sein, die vorangeht?

Morrison: Darüber habe ich nie nachgedacht. Ich war auch Klassensprecherin, und an meiner Schule gab es kaum mehr als zehn schwarze Kinder. Ich bin also von klein auf daran gewöhnt, unter Weißen zu sein, und große Teile der Welt sind nun mal sehr weiß. Aber ich habe immer versucht, es nicht auf diese Weise zu sehen, ich habe mich bemüht, die Menschen zu sehen. Doch vielleicht haben Sie recht, vielleicht hat es mich erschöpft. Vor wenigen Tagen rief der Präsident von Princeton an und teilte mir mit, dass sie ein Gebäude auf dem Campus nach mir benennen wollen, es soll Morrison Hall heißen ... Ich sagte: "O nein, Morrison ist mein Exmann, und ich hasse ihn."

SPIEGEL: Hat er gelacht?

Morrison: Nein, er hat sich geräuspert und gesagt, das sei nun mal der Name, unter dem ich berühmt sei. Natürlich ist das eine große Ehre, aber es ist auch eine Last. Für eine Biografie, die im nächsten Herbst über mich erscheinen soll, hat meine Assistentin neulich eine Liste aller Preise und Ehrungen zusammengestellt, die ich in meinem Leben erhalten habe. Es ist eine wirklich lange Liste. Vielleicht ist es weniger eine Last als eine Verpflichtung.

SPIEGEL: Weil man von Ihnen noch immer erwartet, eine Stimme des schwarzen Amerika zu sein?

Morrison: Ich bin eine Schriftstellerin, nichts anderes möchte ich sein.

SPIEGEL: Welcher von den vielen Preisen war der wichtigste?

Morrison: Ganz klar: der Nobelpreis. Als ich davon erfuhr, schossen mir sofort zwei Fragen durch den Kopf: Was ziehe ich an? Und: Was werde ich sagen? Weil ich ja nun mal keine Wissenschaftlerin bin, sondern eine Schriftstellerin, wollte ich eine Rede halten, die etwas erzählt und die in Erinnerung bleibt. Ich habe einen Monat in meinem Apartment gesessen und darüber nachgedacht. Es blieb fast keine Zeit mehr, das Kleid auszusuchen.

SPIEGEL: Welche Ehrung hat Sie am meisten erfreut?

Morrison: Das war wahrscheinlich die Medal of Freedom, weil Barack Obama sie mir verliehen hat.

SPIEGEL: Sie haben zeit Ihres Lebens betont, dass Sie sich als Afroamerikanerin verstehen, nicht als Amerikanerin. Hat die Wahl Obamas zum Präsidenten 2008 daran etwas geändert?

Morrison: Ich war zur Inauguration eingeladen, es war ein kalter Tag, ich musste über eine Stunde anstehen, bevor ich zu meinem Platz kam. Das war anstrengend. Die amerikanische Flagge bedeutet mir nichts, ich fand sie immer aufdringlich, diese Streifen und Sterne. Doch an diesem Tag, als Obama erschien, gefiel mir die Flagge irgendwie, und die Hymnen klangen plötzlich gut und stark. Ich fühlte mich als Patriotin - für ungefähr eine Stunde. Aber es war das allererste Mal, und ich habe mich selbst darüber gewundert.

SPIEGEL: Haben Sie zu irgendeinem Zeitpunkt geglaubt, dass die Wahl Obamas das Ende des Rassismus in den USA bedeuten könnte?

Morrison: Nein. Aber mit Obama als Präsident schien sich etwas zu verändern. Als ob eine Mehrheit im Land erkannt hätte, dass Rassismus keinen Sinn ergibt. Lange brauchte dieses Land den Rassismus aus psychologischen Gründen, ich hatte die Hoffnung, dass sich daran etwas ändern würde. Aber ich habe mich geirrt. Es waren viel mehr Leute gegen Obama, als ich dachte.

SPIEGEL: Seit fast hundert Tagen ist Donald Trump der Präsident der USA.

Morrison: Müssen wir über ihn reden? Ich finde ihn gefährlich und empörend dumm. Philip Roth hat geschrieben, Trumps Vokabular würde 77 Wörter umfassen. Ich fürchte, das ist keine Ironie. In einem schwachen Moment habe ich mir gesagt, kein Mensch ist vollkommen ungebildet, narzisstisch und feige. Aber das gibt es. Er ist es. Er macht mir wirklich Angst, er hat so eine absichtsvolle Ahnungslosigkeit. Es gibt einen Roman von Herman Melville, "The Confidence-Man", der beschreibt Trump perfekt.

SPIEGEL: Wie klingt der Slogan "Make America great again" in Ihren Ohren?

Morrison: Das ist ein alter Slogan, "America first", den gab es schon mal Anfang der Vierzigerjahre, doch die meisten Amerikaner wissen das nicht. In diesem Land wird die Geschichte gern vergessen.

SPIEGEL: "Make America great again" kann man auch als rassistischen Slogan verstehen.

Morrison: Natürlich, es bedeutet nichts anderes als "Make America white again". Doch viele meiner Leute haben das nicht verstanden. Man darf allerdings auch nicht vergessen, dass Hillary fast drei Millionen Stimmen mehr hatte als er. Das alte Wahlmännersystem, das auf die Sklavenzeit zurückgeht, wurde uns zum Verhängnis. Es basiert auf der Idee, dass die Anzahl der Wahlmänner aus Sklavenstaaten und den Staaten ohne Sklaverei in etwa gleich hoch sein sollte. Sogar das Wahlsystem ist bei uns rassistisch geprägt. Sie hätten es längst abschaffen sollen.

SPIEGEL: In Deutschland läuft gerade die Dokumentation "I am not your negro" über den Schriftsteller James Baldwin in den Kinos. Darin sagt Baldwin, dass die Amerikaner gern Dummheit und Unreife mit Aufrichtigkeit verwechselten. Ist Trump ein treffendes Beispiel für Baldwins fast 40 Jahre alte Analyse?

Morrison: James Baldwin hat etwas vollbracht, das bis dahin niemandem gelungen war. Er konnte über Rassenfragen reden, ohne gehässig oder feindselig zu sein. Seine Sprache hatte etwas Erhebendes, es war eine elegante Sprache, in der er die gröbsten Anklagen erhob. Ich war gut mit seiner Schwester befreundet und hätte ihn gern bei Random House verlegt, aber er hatte schon woanders unterschrieben. In den Siebzigerjahren habe ich ihn eine Woche in Saint Paul-de-Vence besucht. Die sehr guten schwarzen Schriftsteller damals konnten wunderbar mit Weißen reden und sie überzeugen.

SPIEGEL: Aber Sie haben sich als Schriftstellerin für eine andere ästhetische Position entschieden.

Morrison: Ja, ich habe mich früh dafür entschieden, mich an niemanden zu richten. Wenn ich nur für Schwarze geschrieben hätte, wäre das so gewesen, als wenn Tolstoi nur für russische Leser geschrieben hätte.

SPIEGEL: Das große übergreifende Thema Ihrer Bücher sind die Auswirkungen der Sklaverei auf afroamerikanische Männer, Frauen und Kinder. Wie sehen Sie die Entwicklung des Rassismus in den USA?

Morrison: In den vergangenen Jahrzehnten ist die Situation viel besser geworden. Ich sage damit nicht, dass Schwarze nicht immer noch erschossen und diskriminiert würden. Aber die Grundhaltung ist eine andere, ich konnte das an meinen Studenten beobachten. Etwa zu der Zeit, als ich nach Princeton kam, Ende der Achtzigerjahre, begann sich etwas zu verändern. Mein Sohn versteht meine Haltung nicht. Aber ich weiß: Schwarze wurden in diesem Land schon immer ermordet. Nur stand das früher nicht in den Zeitungen.

SPIEGEL: Ist das ein Fortschritt?

Morrison: Ja, viele Menschen sind empört, es gibt Demonstrationen, es sind sogar Polizisten ins Gefängnis gesteckt worden, weil sie einen Schwarzen erschossen haben. Erstaunlich. Wenn Schwarze früher öffentlich gehängt wurden, dann war das für viele wie eine Karnevalsveranstaltung. Es wurden Postkarten davon verkauft. Mir fällt aber auf, dass die Feigheit wieder zunimmt. Trump hat den schrecklichen Teil Amerikas entfesselt, und in seinem Kabinett sitzen lauter Rassisten, ernst zu nehmende Rassisten, dadurch fühlen sich jene stark, die dumm, rassistisch und feige sind. Ich vermag nicht zu sagen, wohin das führt.

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Toni Mor­ri­son:
Gott, hilf dem Kind

Roman

Aus dem Eng­li­schen von Tho­mas Piltz

Ro­wohlt; 208 Sei­ten; 19,95 Euro

SPIEGEL: Sie haben in Ihren Romanen verschiedene Jahrzehnte amerikanischer Vergangenheit ausgeleuchtet. Ihr neues Buch "Gott, hilf dem Kind" spielt nun zum ersten Mal ausschließlich in der Gegenwart. Was interessiert Sie an unserer Zeit?

Morrison: Im Mittelpunkt steht ein Mädchen, das mit tief schwarzer Haut geboren wird. Seine Mutter lehnt es deshalb ab. Als das Mädchen älter wird, versucht es, die Dinge auf den Kopf zu stellen, und macht aus seiner schwarzen Haut ein Schönheitsding.

SPIEGEL: Manches daran erinnert an Ihr allererstes Buch "Sehr blaue Augen".

Morrison: Es gibt da ähnliche Fragen, denn wir betrachten Schönheit noch immer nicht unabhängig von der Hautfarbe. Meine Heldin Bride ist eine eitle Person, sie hat eine Liebesgeschichte mit einem Mann, der sie verlässt. Bride reist ihm nach. Beide sind stark mit sich selbst beschäftigt, doch dann treffen sie auf eine alte Frau, und zum ersten Mal kümmern sie sich um jemand anderen als um sich selbst. Ihre Tage verstreichen, ohne dass sie sich groß dafür interessieren, ob sie gut aussehen oder ob ihnen jemand Unrecht getan hat. Deshalb spielt das Buch in der Gegenwart, ich halte Selbstbezogenheit für ein Thema unserer Zeit.

SPIEGEL: In vielen Ihrer Bücher - auch in dem neuesten - gibt es eindrückliche Kinderfiguren.

Morrison: Als ich aufwuchs, wurden Kinder nicht ernst genommen. Wenn sie in Büchern oder Filmen vorkamen, waren sie süß oder irgendwie lustig, sie dienten der Unterhaltung. Aber Rassismus trifft auch Kinder, er verletzt und zerstört sie. Als ich mein erstes Buch schrieb, wollte ich davon erzählen.

SPIEGEL: Sie waren Mutter von zwei Söhnen.

Morrison: Einer meiner Söhne ist gestorben. Es gibt nichts Grauenvolleres. Er war Mitte vierzig, und trotzdem. Seit sechs Jahren bin ich nicht fähig zu weinen, die Gefühle sind in mir eingeschlossen. Vielleicht endet mein Buch deshalb damit, dass Bride schwanger ist. Sie erzählt ihrem Liebhaber davon. "Du hast es gehört. Ich bin schwanger, und es ist deins." "Es ist unseres", antwortet er und nimmt ihre Hand. Und das ist nun wirklich mal ein Happy End.

SPIEGEL: Mrs Morrison, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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