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Ausgabe 49/2017

Nordkorea-Konflikt Riskiert Trump den Krieg?

Mit jedem Raketentest wird offensichtlicher: Kim Jong Uns Nordkorea ist faktisch eine Atommacht. Welche Optionen hat die US-Regierung?

Diktator Kim, Nuklearexperten
REUTERS / KCNA

Diktator Kim, Nuklearexperten

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Fast täglich werden an Japans Küste manövrierunfähige nordkoreanische Fischerboote angespült, darin ausgehungerte Seeleute, oft nur noch Leichen. Die bittere Armut, die in Teilen von Kim Jong Uns Reich herrscht, treibt sie zur gefährlichen Nahrungssuche auf die hohe See hinaus, mit Booten, die nicht mehr als primitive Kähne sind. Und über ebendiesem Meer ließ Diktator Kim diese Woche eine Interkontinentalrakete testen. "Hwasong 15" heißt das Hightechgeschoss. Nach Ansicht von Experten wäre die Rakete in der Lage, die Hauptstadt der USA zu erreichen. Die nordkoreanische Propaganda feierte den Test als Sieg.

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Heft 49/2017
Die Kleine Koalition - was sie anrichten und bewirken könnte

Damit hat sie wohl recht. Kim steht kurz davor, das Vermächtnis seines Vaters und seines Großvaters zu erfüllen: Er will das Nuklearprogramm vollenden, ungeachtet aller Sanktionen - bis er sich stark genug fühlt, mit der Supermacht USA zu verhandeln. Und zwar auf Augenhöhe.

Diesem Ziel ist Kim mit der "Hwasong 15" ein Stück nähergekommen. Die Rakete kann nicht nur hoch und weit fliegen, sie könnte auch groß genug sein, um demnächst einen Sprengkopf zu tragen - etwa eine Wasserstoffbombe, wie Kim sie wohl Anfang September unterirdisch testen ließ.
Um diese Fähigkeit unter Beweis zu stellen, könnte Kim eine Drohung seines Außenministers wahr machen und eine Atomrakete über dem Pazifik zünden. Der radioaktive Fallout einer solchen Explosion wäre katastrophal, doch Fachleute in Tokio und Seoul halten das Szenario für denkbar.

Denn mit einem Nukleartest über dem Pazifik könnte Kim seine Macht demonstrieren, ohne damit automatisch einen Vergeltungsschlag der USA zu riskieren. Termine für eine solche Eskalation gäbe es demnächst genug: Kims Neujahrsansprache, die Olympischen Winterspiele in Südkorea, den 70. Jahrestag der Republikgründung im September.

Damit wächst der Druck auf Donald Trump. Der US-Präsident musste im Nordkoreakonflikt eine steile Lernkurve hinlegen und einsehen, dass er allein ziemlich machtlos ist. Gleich nach dem Raketentest rief er in Peking an und forderte Präsident Xi Jinping auf, Kim stärker unter Druck zu setzen. Vielleicht tut Xi das sogar. Es gibt Hinweise, dass Peking die lebenswichtigen Öllieferungen nach Pjöngjang stärker drosseln könnte, falls Kim weiter provoziert. Doch Chinas Führung versteht Sanktionen eher als Mittel, Washington ruhigzustellen. Sie glaubt nicht daran, dass sie in Nordkorea etwas ausrichten kann.

Trump findet sich somit in der Position eines Bittstellers wieder. Das ist unangenehm für einen Mann, der sich bislang als großer Dealmaker inszenierte. Sein Dilemma besteht darin, dass er den Konflikt ohne Peking nicht lösen kann - mit Peking aber auch nicht. Nikki Haley, US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, forderte am Mittwoch alle Staaten auf, ihre Beziehungen mit Pjöngjang abzubrechen und ihre Botschafter abzuziehen. Explizit wurde Deutschland erwähnt, das daraufhin ankündigte, seine Beziehungen zu Nordkorea einzuschränken. Der republikanische Senator Lindsey Graham sagte, wenn die USA gezwungen seien, mit Nordkorea Krieg zu führen, "dann werden wir das tun".

Trump selbst bezeichnete Kim als ein "sick puppy", ein "krankes Hündchen", blieb ansonsten aber hinter seiner "Feuer und Zorn"-Rhetorik der vergangenen Monate zurück. "Es ist eine Situation, die wir erledigen werden", sagte er geradezu sachlich. Das könnte ein Anzeichen dafür sein, dass Washington dämmert, was mit jedem Raketentest offensichtlicher wird: Nordkorea ist faktisch eine Atommacht. Oder, wie Kim am Mittwoch verkündete: Man habe nun "endlich das große historische Ziel erreicht, die Nuklearstreitmacht zu vervollständigen".

Trumps Regierung hatte von Beginn an das Ziel verfolgt, Nordkorea nuklear zu entwaffnen, bevor man überhaupt mit Pjöngjang spricht. Das ist gescheitert. Nicht einmal bremsen konnte Washington das Nuklearprogramm. Trump hat nichts von dem erreicht, was er in Aussicht gestellt hatte. Kim dagegen arbeitet daran, seine Interkontinentalraketen so zu verbessern, dass er sie mit immer schwereren Nutzlasten und schließlich mit Nuklearsprengköpfen bestücken kann.

Die Zeit arbeitet für Kim. Er denkt strategisch, er hat ein Ziel, er braucht keine Rücksicht auf sein geschundenes Volk zu nehmen. Und er kann sich darauf verlassen, dass China und Russland die Sanktionspolitik der USA nur halbherzig mittragen werden, weil sie den Zusammenbruch des nordkoreanischen Regimes nicht riskieren wollen.

Spätestens wenn Kim eine Atomrakete über dem Pazifik explodieren lässt, wird Trump sich entscheiden müssen: Riskiert er einen Krieg, oder verhandelt er? Falls er den Dialog sucht, wird Kim sehr selbstbewusst auftreten. Er wird nicht mehr über sein Atomprogramm mit sich reden lassen, sondern höchstens darüber, ob er die Reichweite so beschränkt, dass die USA sich nicht bedroht fühlen. Der Preis für dieses Zugeständnis dürfte hoch sein.



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