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Ausgabe 15/2018

Annäherung zwischen Nord und Süd Koreanisches Tauwetter beflügelt die Wirtschaft

Von einer Annäherung könnten die Ökonomien der beiden koreanischen Staaten profitieren: Der Norden liefert Arbeitskräfte, der Süden zahlt mit Devisen. Steht ein gemeinsamer Industriekomplex vor der Wiedereröffnung?

Nordkoreanischer Soldat an der innerkoreanischen Grenze: Im globalen Wettbewerb zählen vor allem die Kosten
AFP/ Getty Images

Nordkoreanischer Soldat an der innerkoreanischen Grenze: Im globalen Wettbewerb zählen vor allem die Kosten

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Lee Hee Gun, 63, zeigt auf ein großes Bild hinter seinem Schreibtisch in seiner Firma Nain. Zu sehen ist ein hellbraunes Fabrikgebäude mit drei Etagen und großen Fenstern. "Das war mein Lebenswerk", sagt Lee, "mein ganzer Stolz." Rund 550 Arbeiter fertigten dort noch vor rund zwei Jahren Büstenhalter, T-Shirts und Unterhosen für westliche und heimische Textilmarken.

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Heft 15/2018
Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt

Von seiner Fabrik ist dem südkoreanischen Unternehmer nur das Bild geblieben. Das Werk liegt knapp eine Autostunde nördlich von Seoul, doch dazwischen verläuft die Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea, die wohl am schärfsten bewachte Grenze der Welt.

Lees Werk befindet sich in Kaesong, einem gemeinsamen Industriekomplex der beiden Koreas. Kaesong war einst ein Symbol für die Annäherung zwischen Nord und Süd, es galt als eine Art Testlabor für die ersehnte Wiedervereinigung der geteilten Nation. Und das könnte es jetzt wieder werden, nachdem das Experiment bereits gescheitert schien.

Der Komplex wurde 2004 eröffnet, in einer Phase des politischen Tauwetters. Rund 54.000 Nordkoreaner malochten dort für 124 Firmen aus dem Süden, sie stellten Billigprodukte her, Textilien, Schuhe, außerdem Autoteile und Haushaltsgeräte. Auf diese Weise konnten die Firmen auch gegen chinesische Konkurrenten bestehen. Den Strom für Kaesong lieferte der Süden.

Die Südkoreaner zahlten Niedriglöhne von durchschnittlich rund 165 US-Dollar pro Monat - inklusive Überstunden. Das war rund ein Zehntel dessen, was für vergleichbare Tätigkeiten im Süden bezahlt wird. "Die Qualität der Ware war so hoch wie im Süden", sagt Lee. Er verweist auf einen weiteren Vorteil gegenüber anderen Billigstandorten in Asien: "Unsere Manager und die nordkoreanischen Arbeiter sprachen dieselbe Sprache."

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Das Arrangement kam beiden Seiten zugute: Der reiche Süden lieferte das Know-how für Produkte, die viel zu arbeitsintensiv waren, um sie in einer alternden und gereiften Industrienation noch profitabel herstellen zu können. In Kaesong konnten Bosse wie Lee Fertigungen nahe der Heimat halten, die sonst nach China und Südostasien hätten ausgelagert werden müssen. Und der verarmte Norden kassierte dringend benötigte Devisen.

Doch im Februar vor zwei Jahren stoppte die damalige konservative Regierung in Seoul das gemeinsame Projekt. Nach dem vierten Atomversuch und einem erneuten Raketentest des Nordens wollte sie nicht länger riskieren, dass das Kim-Regime Einnahmen aus Kaesong für die nukleare Aufrüstung missbrauchen könnte.

Innerhalb eines Tages mussten die südkoreanischen Firmenchefs ihre Fabriken schließen. "Alles ging Hals über Kopf, wie auf der Flucht", berichtet Lee. Zwei seiner Mitarbeiter und ein Fahrer durften nur einen einzigen Lkw mit dem Nötigsten beladen, bevor sie in den Süden abzogen. Den Großteil der Produktion und die Maschinen mussten sie zurücklassen.

"Mir wurde damals heiß und kalt", sagt Lee, "von einem Tag auf den anderen verlor ich praktisch meine Existenz." Ein Fünftel der Kaesong-Firmen habe seit dem Abzug Bankrott gemacht oder stehe kurz davor. Mit Mühe disponierte Lee um, einen Teil seiner Textilien lässt er nun von einer Fabrik in Vietnam fertigen. Allerdings muss er dortigen Arbeitern mindestens hundert Dollar mehr pro Monat zahlen. "Die Kosten in Vietnam steigen ständig", klagt er, "viele Firmen ziehen bereits weiter nach Indonesien." Dort sind die Löhne kaum höher als in Nordkorea und die Arbeitsbedingungen oft ebenfalls erbärmlich. Im globalen Wettbewerb der Billiganbieter jedoch zählen vor allem die Kosten.

Dieser Tage schöpft Lee wieder Hoffnung, dass er und andere Bosse zu ihren Fabriken in Kaesong zurückkehren könnten. In seinem Büro - es liegt in Ilsan nördlich von Seoul - hat Lee den Fernseher laufen. Aufmerksam verfolgt er die Nachrichten, sie handeln davon, wie Nord und Süd sich seit Jahresanfang so nahe kommen wie lange nicht mehr. Am 27. April wollen Präsident Moon Jae In und Diktator Kim sich im Grenzort Panmunjom treffen, zum ersten Nord-Süd-Gipfel seit fast elf Jahren. Voraussichtlich im Mai will US-Präsident Donald Trump einen Gipfel mit Kim abhalten.

Dann könnte auch die sogenannte Sonnenscheinpolitik wiederbelebt werden, jene Entspannungspolitik, die das Kaesong-Projekt erst möglich gemacht hatte. Präsident Moon versprach bereits vor seiner Wahl im Mai 2017, auf die Wiedereröffnung von Kaesong hinzuarbeiten.

Kaesong sollte ursprünglich nur der Anfang sein für den Versuch, beide Koreas wirtschaftlich Stück für Stück wieder zusammenzuführen. "Wir brauchen viele weitere Kaesongs", sagt Lee Kwan Sei. Der einstige stellvertretende Wiedervereinigungsminister lehrt an der Kyungnam-Universität bei Seoul. Er plädiert dafür, nicht allein Kaesong neu zu eröffnen, sondern weitere gemeinsame Industriezonen in Nordkorea zu schaffen. Sie würden dazu beitragen, das Gefälle zwischen Nord und Süd auszugleichen. Der Norden erwirtschaftet pro Kopf lediglich ein Bruttoinlandsprodukt zwischen 700 und 2000 US-Dollar - der Süden kommt dagegen auf rund 30.000.

Unternehmer Lee: Von seiner Fabrik blieb ihm nur ein Bild
Jean Chung/ DER SPIEGEL

Unternehmer Lee: Von seiner Fabrik blieb ihm nur ein Bild

Der Professor verweist auf das Vorbild der deutschen Wiedervereinigung: Die sei auch deshalb möglich geworden, weil West und Ost bereits in der Zeit der Teilung wirtschaftlich kooperiert hätten.

Textilunternehmer Lee hat in seiner Fabrik erlebt, wie Manager aus dem Süden und Arbeiter aus dem Norden sich näherkamen, wirtschaftlich, menschlich und kulturell. "Als die Nordkoreaner bei uns anfingen, sahen sie meist viel ärmer aus als wir." Nach und nach hätten sie sich dann den Landsleuten aus dem Süden angeglichen. Aus der Sicht des Chefs waren das Fortschritte. An dem krassen Gefälle zwischen dem wohlhabenden Süden und dem bitterarmen Norden änderte sich aber kaum etwas.

Bis Kaesong wiedereröffnet wird, könnte indes viel Zeit vergehen. Noch gelten die Sanktionen, welche die Vereinten Nationen als Reaktion auf das Atomprogramm von Diktator Kim verhängt und ständig verschärft haben. Solange Kim nicht seine nuklearen Ambitionen aufgibt, bestünde weiter Gefahr, dass er dafür Einnahmen aus Kaesong abzweigen würde. Denn die nordkoreanischen Arbeiter in der gemeinsamen Zone mussten einen Teil ihrer Löhne an das Regime abführen; die Höhe des Anteils ist nicht bekannt, dürfte jedoch nicht unerheblich sein.

Fabrikbesitzer Lee hält es allerdings für unsinnig, den Industriekomplex mit dem Atomprogramm in Verbindung zu bringen. "Kaesong ist schon zwei Jahre lang geschlossen", sagt er. "Hat Nordkorea deshalb etwa aufgehört, sein Atomprogramm voranzutreiben?"

Seiner Ansicht nach braucht der Süden gemeinsame Industriezonen mindestens so dringend wie der Norden. Sonst drohe der elftgrößten Volkswirtschaft auf Dauer die völlige industrielle Aushöhlung. Um zu zeigen, was er meint, führt Lee in eine kleine Produktionshalle, sie liegt neben seinem Büro. Hier lässt er Prototypen für Modekollektionen fertigen, rund 30 Frauen sitzen an Nähmaschinen. Viele Beschäftigte sind über 40, mehrere Plätze sind unbesetzt. "Wir finden einfach nicht genügend Arbeitskräfte", sagt Lee. "Wenn das so weitergeht, muss ich die Fertigung in diesem Jahr aufgeben."

Südkorea kämpft mit ähnlichen strukturellen Schwierigkeiten wie Japan, das einstige industrielle Vorbild. Die Bevölkerung altert extrem schnell, die Jugend findet häufig keine attraktiven Jobs. Auch Großkonzerne wie Samsung lassen Smartphones und Computer zunehmend in Niedriglohnländern wie Vietnam fertigen. Die in Südkorea verbliebenen Industrien werden oft autoritär gemanagt, 2015 gingen 450.000 Arbeitstage durch Streiks verloren - rund 30-mal so viele wie in Japan. Schiffswerften und Autobau leiden unter zu hohen Kapazitäten und zu geringer Produktivität. Im Februar kündigte US-Autobauer General Motors an, eines seiner drei Werke im Süden zu schließen.

Kein Wunder, dass Unternehmer wie Lee noch einmal versuchen möchten, ihr Know-how mit der billigen und willigen Arbeitskraft des Nordens zu verbinden - wie eben in Kaesong. "Gemeinsam wären wir Koreaner unschlagbar", glaubt er. Ob eine geteilte Nation auf diese Weise zusammenfinden kann, muss sich indes noch zeigen.

Nur: Selbst nach Aufhebung der Sanktionen könnte der Industriekomplex nicht von heute auf morgen wieder in Betrieb gehen. Investoren würden nur nach Kaesong zurückkehren, sagt Lee, wenn der Norden auf Beschränkungen verzichtete, unter denen die Firmen bereits vor ihrem Abzug gelitten hätten: So durfte er in der Enklave kein Internet benutzen, mit der Außenwelt konnte er nur per Telefon und Fax kommunizieren. Untersagt war es den Südkoreanern auch, Mobiltelefone oder Zeitungen in die Zone hineinzubringen. "Wer kann unter solchen Bedingungen heutzutage Geschäfte betreiben?", fragt Lee. Als lästig empfand er zudem die Grenzkontrollen bei der Ein- und Ausreise, sie dauerten jeweils 20 Minuten, manchmal länger.

Bevor Kaesong neu starten könne, müssten die Regierungen in den Hauptstädten Seoul und Pjöngjang den Unternehmern vor allem eines garantieren, verlangt Lee: dass sie in der gemeinsamen Zone ungestört produzieren könnten, unabhängig von der aktuellen politischen Lage. Noch einmal will er seine Fabrik nicht verlieren.



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