AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2017

Zwischen Nord- und Südkorea An der gefährlichsten Grenze der Welt 

Die Feindseligkeiten wachsen, doch noch immer leben Menschen in der entmilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea. Wie geht es ihnen dort? Ein Besuch.

Südkoreanische Grenzsoldaten: Ein kleiner Zwischenfall könnte eine Eskalation auslösen
REUTERS

Südkoreanische Grenzsoldaten: Ein kleiner Zwischenfall könnte eine Eskalation auslösen

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Tiefgrün leuchten die Reisfelder, Zikaden zirpen, ein Reiher gleitet durch die Luft. Und dann schallen wie immer aus Nordkorea die Propagandalieder herüber. Die Demarkationslinie ist nur einen halben Kilometer entfernt. Aber Krise? Kriegsgefahr? "Bitte keine Fragen zu Nordkorea", sagt Kim Dong Gu, Bürgermeister von Daeseong, der einzigen südkoreanischen Siedlung in der entmilitarisierten Zone, an der wohl bestbewachten, gefährlichsten Grenze der Welt.

Kim ist 48 Jahre alt, er ist in Daeseong aufgewachsen. Er betont, dass die Lage hier durchaus friedlich und normal sei. Dabei kann an dieser Grenze, rund 50 Kilometer nördlich der Hauptstadt Seoul, schon zu relativ entspannten Zeiten von Normalität keine Rede sein. Um zu ihren Häusern zu gelangen, müssen die 197 Dorfbewohner strenge Kontrollen passieren. Ihre Felder, die direkt an der Demarkationslinie liegen, dürfen sie nur in Begleitung von bewaffneten Soldaten bestellen.

Schon die Jüngsten üben regelmäßig im Kindergarten und in der Schule, wie sie bei einem Angriff aus dem Norden möglichst schnell in den unterirdischen Bunker rennen, der sich vor dem Gemeindehaus befindet. Gasmasken liegen bereit. Die Fenster der Häuser sind mehrfach verglast, als Schutz vor dem Lärm der Lieder, mit denen Nordkorea sie rund um die Uhr beschallt.

Doch in diesen Tagen, in denen Präsident Donald Trump und Nordkoreas Diktator Kim Jong Un wüste Drohungen ausgetauscht haben, fühlt sich die Gefahr nicht nur in Daeseong unmittelbarer an als sonst. In ganz Südkorea hallt der jüngste Krieg der Worte zwischen Washington und Pjöngjang ungewöhnlich laut nach.

Südkoreas Präsident Moon Jae In warnte am Donnerstag Nordkorea vor dem Überschreiten einer "roten Linie". Dies wäre der Fall, sollte das Land "erneut eine Interkontinentalrakete abschießen und diese mit einem Atomsprengkopf bewaffnen". Es waren Worte, die aufhorchen ließen. Schließlich kamen sie von einem Staatschef, der nach seiner Wahl im Mai angetreten war, Norden und Süden zu versöhnen. Er hatte Pjöngjang sogar vergebens humanitäre Gespräche angeboten.

Zugleich betonte Moon, Amerika habe ihm versichert, vor jedweder Handlung eine Genehmigung in Seoul einzuholen. Das Verhältnis zur Schutzmacht USA ist angespannt, Moon hatte zuvor gedroht, dass "niemand über eine Militäraktion auf der koreanischen Halbinsel entscheiden darf, ohne dass Südkorea zugestimmt hat". So scharf hat sich noch kaum ein südkoreanischer Präsident geäußert.

Moons Hinweis auf die nationale Souveränität macht deutlich, wie sehr die Südkoreaner inzwischen Amerika misstrauen. Wieder einmal fühlen sie sich existenziell bedroht - und fürchten, dass die Großmächte sich über sie hinwegsetzen könnten, wie es in der Geschichte schon mehrfach geschehen ist. Von China wurde Korea einst bevormundet, von Japan als Kolonie unterworfen, von den USA und der Sowjetunion schließlich geteilt. Und nun könnte der Süden im Konflikt um das Nuklearprogramm zerrieben werden.

Zwar haben sich die Kriegsängste zunächst beruhigt, die Trump vergangene Woche mit seiner Feuer-und-Zorn-Tirade angeheizt hatte, nachdem US-Verteidigungsminister James Mattis und Außenminister Rex Tillerson eine Bereitschaft zum Dialog mit Pjöngjang signalisierten. Und vor allem, nachdem Diktator Kim Jong Un verkünden ließ, er wolle "das törichte und dumme Verhalten der Yankees noch ein wenig länger beobachten", bevor er eine Entscheidung über den Abschuss von vier Raketen in Richtung der US-Basis Guam treffe. Damit ist Kim der vorläufige Gewinner dieser Eskalation, er hat erreicht, was er wollte: Er wird ernst genommen, der Grundstein für künftige Verhandlungen auf Augenhöhe mit Amerika ist gelegt.

Diktator Kim mit Militärs: Pjöngjang ist der vorläufige Gewinner der jüngsten Krise
KCNA / REUTERS

Diktator Kim mit Militärs: Pjöngjang ist der vorläufige Gewinner der jüngsten Krise

Doch die Gefahr eines Krieges auf der Halbinsel ist nicht gebannt. Bereits nächste Woche findet ein groß angelegtes Manöver der Armeen Südkoreas und der USA statt, und Experten sind besorgt, dass schon ein kleiner Zwischenfall eine Eskalation auslösen könnte. Denn der Westen kann zwar mithilfe von Satelliten weitgehend alles sehen, was sich auf der Halbinsel bewegt - die Nordkoreaner jedoch haben diese Fähigkeit nicht, sie könnten so aus Unwissenheit überreagieren.

Und auch der nächste Raketentest oder gar ein sechster Atomversuch sind nur eine Frage der Zeit.

"Kim verwendet all seine Energie darauf, das Nuklearprogramm voranzutreiben", sagt Ko Young Hwan. Nur so glaube der junge Diktator, seine Herrschaft absichern zu können. "Daran wird sich nichts ändern, solange Kim Jong Un lebt." Ko ist Vizepräsident des Instituts für Nationale Sicherheitsstrategie, der Denkfabrik des Geheimdienstes in Seoul. Kaum einer kennt Nordkorea so gut wie Ko, war er doch einst ein Diplomat Pjöngjangs, bevor er in den Süden übergelaufen ist.

Jetzt wertet Ko alle Informationen aus seiner einstigen Heimat aus. Fast klingt Bewunderung mit, wenn er über Kims Fähigkeit spricht, seine Raketentechniker zu motivieren. "Er zahlt ihnen viel Geld, behandelt sie vorzüglich. Ausdrücklich ermutigt er sie, auch Fehler zu riskieren."

Der entscheidende Durchbruch für ihre jüngsten Testerfolge - den Abschuss von zwei Interkontinentalraketen im Juli - gelang Kims Technikern indes möglicherweise mit äußerer Hilfe. Laut dem Raketenexperten Michael Elleman vom International Institute for Strategic Studies sei die Antriebstechnologie dieser Interkontinentalraketen so komplex, dass Nordkorea sie nicht selbst entwickelt haben könne. Sie stamme vermutlich, so Elleman, aus Beständen einer Rüstungsfabrik in der Ukraine, möglicherweise auch aus Russland. Die Ukrainer streiten dies ab.

Der Experte Ko will sich dazu nicht konkret äußern. Er verweist aber auf eigene Erkenntnisse, wonach Nordkorea seit Langem, insbesondere seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, gezielt Know-how sowie Rüstungsexperten aus Russland einkaufe.

Um Kim zu Gesprächen über ein Ende der nuklearen Aufrüstung zu bewegen, sieht Ko nur eine friedliche Möglichkeit: China müsse die Rohöllieferungen stoppen oder drosseln, mit denen es Nordkorea versorgt, die rund 90 Prozent des Bedarfs im Norden decken. Im Zuge der jüngsten Sanktionen hat Peking zwar die Einfuhr von Kohle, Eisenerz, Blei und Meeresfrüchten aus Nordkorea gestoppt; Öl darf es jedoch weiter nach Nordkorea liefern. "Aber nur wenn China den Ölhahn zudreht, wäre Kim bereit zu verhandeln."

Solange es aber keine Gespräche gibt, solange das Regime in Pjöngjang nicht ernsthaft unter Druck gerät, wird Kim Jong Un weiter aufrüsten, er wird seine Raketentechnologie perfektionieren wollen - und dafür muss er erneut Tests durchführen lassen. Ein Ende der Krisen und Konflikte zwischen der jüngsten Atommacht und der Weltmacht ist nicht in Sicht.

Welche Folgen das geopolitische Kräftemessen hat, kann man auch im südkoreanischen Dorf Soseong besichtigen. Hier wird derzeit das US-Raketenabwehrsystem THAAD installiert, zwischen Reisfeldern und Apfelbäumen. Für die rund hundert Einwohner ist seither nichts mehr wie zuvor. Polizisten haben Straßensperren errichtet, Friedensaktivisten sind aus dem ganzen Land angereist.

"Wir wollen hier kein THAAD", sagt Park Jae Bong, 84, der früher Bauer war. "Wir wollen in Frieden leben." Zwei Einheiten des Systems wurden bereits auf einem ehemaligen Golfplatz in Stellung gebracht, vier weitere sollen demnächst angeliefert werden. Wegen der Radarstrahlen bangen die Dorfbewohner um ihre Gesundheit. Das Argument des US-Militärs, das System solle lediglich Südkorea vor Raketen aus dem Norden schützen, lässt Park nicht gelten. "Wegen THAAD werden wir am Ende doch nur selbst zum Ziel möglicher Angriffe."

Dann berichtet der Alte, wie er im Koreakrieg von 1950 bis 1953 von nordkoreanischen Soldaten aus Soseong verschleppt worden sei. "Stundenlang mussten wir marschieren, ohne Essen, überall an den Wegesrändern lagen Leichen, ich konnte kaum atmen vor Gestank." Es sind solche furchtbaren Erinnerungen, die jetzt wieder wach werden, nicht nur bei dem Bauern Park, sondern bei vielen Südkoreanern.

Das US-Raketenabwehrsystem wird auch von Peking entschieden abgelehnt, mit der Begründung, das Radar des Systems sei in der Lage, bis tief nach China hinein zu spionieren. Ein südkoreanischer Konzern, der den Golfplatz für die Stationierung von THAAD zur Verfügung stellte, wurde in China mit einem Kaufboykott bestraft. Auch viele chinesische Touristen meiden Südkorea seither.

Der Konflikt zwischen den Großmächten bringt Präsident Moon in eine heikle Lage. Im Wahlkampf hatte er zugesagt, die THAAD-Stationierung prüfen zu lassen. Doch angesichts der jüngsten Provokationen des Nordens gab er dem Druck der USA nach. Man wolle sich beeilen, damit das System bis Jahresende installiert werden könne, versprach Seouls Verteidigungsminister im Parlament.

An der Demarkationslinie zum Norden blickt der Bürgermeister von Daeseong noch einmal über die Reisfelder. Er hoffe, sagt er, dass die Grenze die Menschen im Norden und Süden nicht ewig trennen werde. Vor vier Jahren hat er Deutschland besucht, erzählt er, "dort habe ich Hoffnung geschöpft für unser geteiltes Land". Dann kehrt er zurück in sein Gemeindehaus, vor dem der Bunker aufragt.

Zwischen Krieg und Frieden: Wieland Wagner über das Dorf Daeseong, das in der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea liegt

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EMU 21.08.2017
1. Moon vereinfacht
Natürlich bestimmt Moon über die Verteidigungsstrategie seines Landes, aber die USA werden niemanden "konsultieren", wenn sie von Nordkorea direkt angegriffen werden, z.B. indem Raketen in Richtung Guam abgeschossen werden.
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