AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2018

Nordkorea und Südkorea Er will nur spielen

Viele Südkoreaner leiden unter der Angst vor Kim Jong Uns Atombombe, zudem zweifeln sie am eigenen Wirtschaftsmodell und der Demokratie. 

Machthaber Kim auf dem Berg Paektu
AFP PHOTO/KCNA VIA KNS

Machthaber Kim auf dem Berg Paektu

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Es gibt einen Ort in Südkorea, an dem die Kriegsgefahr real erscheint. Pyeongtaek heißt er, gelegen südwestlich von Seoul. Und eine Stadt in dieser Stadt, das ist Camp Humphreys, der größte Stützpunkt der USA auf der koreanischen Halbinsel. Er erstreckt sich fast bis zum Horizont, sogar eine Zuganbindung hat er, ein Großteil der rund 28.500 US-Soldaten im Land ist hier stationiert, immer wieder starten und landen Kampfflugzeuge.

Camp Humphreys, so viel ist sicher, würde eine zentrale Rolle in einem neuen Koreakrieg spielen. Einem Krieg, der für Südkorea verheerend wäre und der vor allem durch die Äußerungen von US-Präsident Donald Trump in den vergangenen Monaten nicht mehr unmöglich erscheint.

Woo Seung Yeop lebt in Pyeongtaek, er hat die Gefahr eines Krieges also ständig vor Augen. Vielleicht gehört er deshalb zu den wenigen Südkoreanern, die eine Eskalation nicht nur fürchten, sondern sich auch darauf vorbereiten. Als Treffpunkt hat Woo einen Ort am Fluss vorgeschlagen, von dem aus man einen guten Blick auf Camp Humphreys hat. Er parkt sein Auto und öffnet den Kofferraum. Darin liegt ein Rucksack mit all dem, was man braucht, um die ersten Tage zu überleben: kalorienreiche Trockennahrung, Fischkonserven, Schutzkleidung, Feueranzünder und einiges mehr. Zu Hause hat Woo Wasser und Lebensmittel für einen Monat eingelagert, außerdem hat er fünf Gasmasken gekauft.

Woo ist 44 Jahre alt, er ist das, was man einen "war prepper" nennt: Er bereitet sich auf einen Krieg vor. Und nicht nur das, er hat seine Angst mittlerweile zum Beruf gemacht, er berät als Experte für zivilen Katastrophenschutz Behörden und Privatleute; ja, er hat diesen Beruf quasi erfunden. Bis vor einigen Jahren arbeitete Woo noch bei einer IT-Firma. Doch dann fiel ihm auf, dass seine Landsleute die Gefahr durch den Norden kaum ernst nehmen.

Woo wundert sich über seine Landsleute, über ihre Naivität. Sie leben im Schatten eines Diktators, der mit seinem "Atomknopf" prahlt, der sechs Nukleartests durchgeführt hat und alle paar Monate Raketen abfeuert, aber sie wollen über die Folgen einer militärischen Auseinandersetzung nicht nachdenken. "Im Kriegsfall wäre unsere Bevölkerung einer Attacke weitgehend schutzlos ausgeliefert", sagt er.

Vor allem Seoul sei kaum vorbereitet. Bei den Schutzräumen handle es sich häufig um Tiefgaragen, oft ohne Vorräte an Lebensmitteln, Gasmasken, Wolldecken. Woo berichtet von einer U-Bahn-Station, in der nur 40 Gasmasken gelagert worden seien. Doch dann hätten Beamte selbst diese entfernen wollen. Ihre Begründung: Falls ein Feuer ausbreche, würden Massen von Fahrgästen sich um die paar Gasmasken reißen, Panik würde ausbrechen.

"Es ist fast unmöglich, in Südkorea objektiv über Zivilschutz zu reden", sagt Woo. Frühere konservative Regierungen hätten die Angst vor dem Norden bewusst angeheizt und Kriegshysterie verbreitet, die Linksliberalen dagegen die Gefahren oft tabuisiert. Dazwischen gebe es kaum etwas.

Zumindest derzeit sieht es so aus, als müsse der "war prepper" Woo seine Vorräte zum Glück nicht antasten. Denn nachdem Kim in seiner Neujahrsansprache dem Süden Gespräche angeboten hatte, ging alles ganz schnell: Erst nahmen Pjöngjang und Seoul eine Hotline in Betrieb, die seit knapp zwei Jahren abgeschaltet war. Am Dienstag dann einigten sich hochrangige Vertreter beider Seiten im Grenzort Panmunjom darauf, dass der Norden Sportler, Funktionäre und Unterstützer zu den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang entsendet.

Die beiden Koreas wollen jetzt erst mal jubeln. Bei der Eröffnungsfeier in Pyeongchang könnten sie gemeinsam ins Stadion einziehen, unter einer Flagge.

Sogar US-Präsident Donald Trump, der den Atomstreit in den vergangenen Monaten erst angeheizt und jüngst geprahlt hatte, er besitze einen "viel größeren" Atomknopf als Kim, zeigte sich friedfertig. Er nahm den Vorschlag von Südkoreas Präsident Moon Jae In an, gemeinsame Militärübungen während der Spiele auszusetzen. Sogar ein Telefonat mit Kim, sagte er, sei möglich.

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Das ist ein Triumph für Moon. Er hatte sein Amt im Mai mit dem Versprechen angetreten, das Gespräch mit dem Norden zu suchen. Doch sowohl Trump als auch Kim ließen den Entspannungspolitiker auflaufen: Trump warf dem Süden "Appeasement" vor, Kim ignorierte ein Gesprächsangebot. Nun jedoch will Moon die Olympischen Spiele nutzen, sie würden "zu einer Fanfare des Friedens auf der koreanischen Halbinsel", verkündete er.

Erleichterung weicht der Angst vor dem Krieg. Der Dialog bedeutet eine Atempause für alle Seiten. Doch wie es weitergehen soll, das weiß noch immer niemand. Die geopolitische Ausgangslage hat sich völlig verändert seit früheren Annäherungsversuchen. Der Norden ist eine Atommacht, er fordert die USA direkt heraus. Und Washington hält an seiner Vorbedingung für direkte Gespräche fest: Erst müsse Kim auf sein Atomprogramm verzichten. Das hieße jedoch, dass Kim jene Waffe aus der Hand geben müsste, von der das Überleben seines Regimes abhängig ist - und daran glaubt niemand.

Lee Soo Hyuk hofft trotzdem, dass die Winterspiele "einen Ausgangspunkt bieten, um die Beziehungen zwischen Norden und Süden aus ihrem diplomatischen und sicherheitspolitischen Dilemma zu befreien". Lee gehört der Regierungspartei an, er empfängt in seinem Abgeordnetenbüro in Seoul. Der frühere Vizeaußenminister und Chefunterhändler bei den Sechsergesprächen zwischen den USA, China, Russland, Japan und den beiden Koreas gilt als Veteran der Koreadiplomatie.

Mit dem Treffen in Panmunjom wurde wahr, worauf Lee lange gehofft hatte. Es kam ihm vor, "als habe sich eine Tür für die Wiederherstellung der Beziehungen geöffnet." Er spricht viel von Frieden und davon, dass Nordkorea die Winterspiele "letztlich dazu nutzen will, sich als ein Mitglied der internationalen Gemeinschaft zu präsentieren."

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Gleichwohl ist Lee nicht naiv, er hat lange genug mit den Nordkoreanern verhandelt. Er weiß, wie oft Pjöngjang Vereinbarungen gebrochen hat. Er sagt: Niemand erwarte ernsthaft, dass ein Dialog das Problem der nuklearen Bedrohung auf einen Schlag lösen könne. Aber der Austausch könne dazu beitragen, "ein Umfeld zu schaffen, in dem ein Dialog zwischen Nordkorea und den USA beginnen kann". Und wenn dieser Dialog erst einmal begonnen habe, davon ist er überzeugt, wären neue Sechsergespräche über das nordkoreanische Atomprogramm möglich.

In Südkorea bleiben viele Experten misstrauisch gegenüber dem Norden, sie argwöhnen, dass Kim einen Keil zwischen die USA und ihre Verbündeten Südkorea und Japan treiben will. Angesichts ständig verschärfter und zunehmend wirksamer Sanktionen, an denen sich auch China und Russland beteiligen, bleibe dem isolierten Regime zudem nicht viel anderes übrig, als mit dem Süden ins Gespräch zu kommen.

Zudem wird Kim vermutlich noch Monate brauchen, um sein Raketenprogramm zu perfektionieren. Militärexperten bezweifeln, dass seine Langstreckenraketen bereits die schwierigste Anforderung erfüllen: den unversehrten Wiedereintritt des Atomsprengkopfes in die Erdatmosphäre. Der Diktator könnte daher auf Zeit spielen. Und am Ende noch gefährlicher für die Welt sein.

Die Gefahr einer Eskalation ist also nicht gebannt.

Vor allem Seoul würde in die Schusslinie geraten. Die Millionenstadt liegt nur rund 50 Kilometer von der Demarkationslinie am 38. Breitengrad entfernt. Es würde reichen, wenn Kim mit Artillerie angriffe - Hunderttausende könnten sterben.

Park Won Soon, 61, will über ein solches Szenario nicht sprechen. Kein Wunder, er ist der Bürgermeister und regiert 10 Millionen Einwohner, insgesamt beeinflusst er den Alltag von 25 Millionen Menschen, zählt man die Randgebiete der Stadt dazu. Das ist rund die Hälfte der Bevölkerung Südkoreas. Park ist so etwas wie ein Schattenpräsident.

Bürgermeister Park
Wieland Wagner / DER SPIEGEL

Bürgermeister Park

Der Bürgermeister zeigt lieber, wie modern seine Stadt ist. Er deutet auf einen riesigen Flachbildschirm, der an der Wand seines Amtszimmers im Rathaus hängt. Mit der Hand wischt er über den Monitor. Mithilfe elektronischer Datenerfassung sowie Liveaufnahmen Tausender Überwachungskameras kann er hier sehen, ob gerade ein Wohnungsbrand gelöscht wird oder ob das Abwasser reibungslos fließt. Auch die aktuellen Luftwerte leuchten auf.

Park, grauer Anzug, ohne Krawatte, präsentiert sich als zupackender Stadtvater. Und doch wirkt er hilflos. Gegen die eigentliche Gefahr, einen kriegerischen Konflikt auf der Halbinsel, kann er nichts machen.

"Stellen Sie sich vor, es würde auch nur eine kleine Bombe auf Seoul abgeworfen", sagt er - um dann das Szenario gleich für unwahrscheinlich zu erklären: "So ein Angriff hätte desaströse Folgen nicht nur für Südkorea, sondern auch für China und Japan. Die Spannungen in der Region würden zunehmen." Auch für die US-Wirtschaft wäre das nicht gut. "Deshalb glaube ich nicht, dass die USA etwas unternehmen werden, was gegen ihre eigenen Interessen verstößt."

Wie würde der Bürgermeister handeln, wenn der Diktator plötzlich doch Raketen auf Seoul abfeuerte, wie der Norden es ja so oft angedroht hat? Park windet sich ein wenig. Er verweist darauf, dass im Ernstfall zunächst die Regierung zuständig wäre. "Aber als Bürgermeister von Seoul bin ich natürlich verantwortlich für die Sicherheit und das Leben meiner Bürger."

Das heißt, Park müsste die zivilen Maßnahmen koordinieren, von der Kommandozentrale im Keller seines Rathauses aus. "Wenn so ein Fall eintritt, können wir unsere Schutzräume und U-Bahn-Schächte nutzen, um den Schaden zu begrenzen." Mehr will er dazu aber nicht sagen.

Was man im Gespräch mit Park und vielen seiner Landsleute spürt: dass sie versuchen, die Möglichkeit eines Krieges auszublenden. Und dass sie ganz andere Sorgen als Nordkorea haben. Die Stimmung ist nicht zu vergleichen mit der des Sommers 1988, damals feierten die Südkoreaner mit den Olympischen Spielen von Seoul den Aufstieg zur Industrienation und den Sieg über die Militärdiktatur. Diesmal ist von Vorfreude wenig zu spüren.

Das Land ist immer noch dabei, seine jüngste Staatskrise aufzuarbeiten. Im Zuge der monatelangen "Kerzen-Demonstrationen" erzwangen die Bürger vor rund einem Jahr den Sturz der konservativen Präsidentin Park Geun Hye. Sie sitzt im Untersuchungsgefängnis bei Seoul und ist wegen Korruption und Machtmissbrauch angeklagt. Auch der Vizechef des Samsung-Konzerns, einer der mächtigsten Männer des Landes, wurde festgenommen und wegen Bestechung in erster Instanz zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Zudem leidet die elftgrößte Volkswirtschaft der Welt unter Abstiegsängsten.

Nordkoreanische Eiskunstläufer Ryom Tae Ok, Kim Ju Sik
DPA

Nordkoreanische Eiskunstläufer Ryom Tae Ok, Kim Ju Sik

Die Bevölkerung altert extrem schnell, denn die Geburtenrate ist mit 1,17 Kindern pro Frau sehr niedrig. Damit steht auch das industrielle Erfolgsmodell in Zweifel. Es ist darauf ausgerichtet, dass die Bevölkerung wächst - und damit auch die Nachfrage nach immer neuen Waren. Vor allem junge Südkoreaner verlieren die Hoffnung. Das Land hat die höchste Selbstmordrate unter den OECD-Ländern.

Südkorea, das ist ein zutiefst verunsichertes Land. Es zweifelt an seinem Wirtschaftsmodell, an seinen Eliten, an seinen gesellschaftlichen Strukturen, an seiner Demokratie. Das wäre, auch ohne die Nordkoreakrise, schon ziemlich viel.

Wenn es irgendwo ein bisschen Aufbruchsstimmung geben sollte, dann wohl dort, wo die Olympischen Winterspiele ausgetragen werden.

In Gangneung an der Ostküste des Landes sollen die Eishockey- und die Eiskunstlauf-Wettbewerbe stattfinden. Die Stadien sehen von Weitem aus wie Ufos, die in der sonst eher flachen Stadt gelandet sind. Im Sommer zieht Gangneung die Hauptstadtbewohner an, die sich an kiefernbewachsenen Stränden vergnügen. Im Winter geht es hier eher ruhig zu, selbst in diesen Tagen vor den Winterspielen.

Jin Sola ist 28, sie lebt in Gangneung. Eigentlich wollte sie Journalistin werden, doch dann sank vor fast vier Jahren die Fähre "Sewol" mit über 300 Passagieren, die meisten davon Schüler. Das Unglück offenbarte eine Mischung aus Behördenversagen, Korruption und Ignoranz, die viele Südkoreaner verstörte, auch Jin. "Der 'Sewol'-Fall hat mir gezeigt, wie schwach und unzuverlässig unsere Medien sind. Da entschloss ich, etwas zu tun, womit ich Menschen tatsächlich helfen kann."

So kehrte Jin aus Seoul in ihre Heimatstadt zurück. Sie macht nun eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin und jobbt an einem Informationsstand im neuen Bahnhof von Gangneung. Hier endet die extra für die Spiele gebaute Schnellzugtrasse, die die Region mit Seoul und dem Flughafen Incheon verbindet.

Auszubildende Jin, Freund
Wieland Wagner / DER SPIEGEL

Auszubildende Jin, Freund

Vor dem Bahnhof grüßen ein Tiger und ein Bär, die olympischen Maskottchen. Etwas weiter entfernt ragen die Austragungsstätten der Winterspiele empor, darunter auch die Arena, in der demnächst die beiden Eiskunstläufer aus Nordkorea auftreten sollen, die einzigen Sportler aus dem Norden. Für das Großereignis wurden neue Hotels gebaut, eines davon überragt einen malerischen See, der direkt am Küstenstreifen liegt und bislang den freien Blick auf das Meer ermöglichte. Doch diese Aussicht wird nun durch den bombastischen Neubau versperrt.

Jin kann sich nicht für die Winterspiele begeistern. "Mit dem Geld für die neuen Stadien hätte man lieber dauerhafte Arbeitsplätze schaffen sollen", sagt sie. Gangneung gehört zu den strukturschwachen Regionen, junge Menschen wandern in die Hauptstadt ab. Seit Jahren schrumpft die Bevölkerungszahl, derzeit leben hier noch knapp 214.000 Menschen.

Wenn man durch Gangneung geht, scheint Nordkorea weit weg, obwohl die Stadt an der Ostküste liegt und relativ nah an der Demarkationslinie zum Norden. Einige Abschnitte des Strandes waren noch bis vor Kurzem mit Stacheldraht abgesperrt, um eine Invasion abzuwehren. Gerade erst wurden sie entfernt. Schon bald werden Norden und Süden hier friedlich aufeinandertreffen. Zumindest für die Zeit der Spiele.



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