AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2018

"Islamischer Staat" auf den Philippinen Wie ein Muslim seine christlichen Nachbarn vor den IS-Terroristen versteckte

154 Tage lang herrschte der IS über das philippinische Marawi. Nun ist die Stadt befreit, doch der Terror ist noch nicht besiegt.

Zerstörtes Stadtzentrum in Marawi: "Überall lagen tote Menschen, Hunde, Katzen"
Carlo Gabuco / DER SPIEGEL

Zerstörtes Stadtzentrum in Marawi: "Überall lagen tote Menschen, Hunde, Katzen"

Von Carsten Stormer


Wochen nachdem die letzten IS-Terroristen in den Ruinen getötet wurden, kehrt das Leben nur zögerlich in die philippinische Stadt Marawi zurück. Soldaten stehen an Checkpoints, kontrollieren Genehmigungen und Ausweispapiere. Auf einem Schild steht: "Kriegsgebiet, kein Zutritt. Eindringlinge werden erschossen."

Norodin Lucman sitzt am Steuer seines Geländewagens. Er trägt Bomberjacke und Sonnenbrille, kein Grau im Haar, er wirkt jünger als seine 61 Jahre. Im Schritttempo fährt er an geplünderten, verlassenen und verriegelten Geschäften und Häusern vorbei. An manchen Gebäuden prangen noch Graffiti, die IS-Kämpfer hinterlassen haben: ISIS Forever, I love ISIS, ISIS City steht da in Pink und Himmelblau.

154 Tage lang wehte die schwarze Flagge der Islamisten über Lucmans Heimatstadt. In jenen fünf Monaten bombte die philippinische Luftwaffe das Stadtzentrum in Schutt und Asche. Im Häuserkampf starben 165 Soldaten und Polizisten sowie 47 Zivilisten - ebenso über 900 Islamisten, unter ihnen auch ausländische Kämpfer und der lokale IS-Emir.

"Wer aber glaubt, dass mit dem Tod der Anführer der IS in den Philippinen besiegt ist, der irrt", sagt Norodin Lucman leise und zündet sich eine Zigarette an. "Die Befreiung durch die Armee ist nur das Ende vom Anfang. Der eigentliche Kampf steht uns noch bevor."

Trotz der militärischen Niederlage war die Besetzung Marawis ein Propagandaerfolg für den "Islamischen Staat": Während das "Kalifat" in Syrien und im Irak zunehmend in Bedrängnis geriet, fand der IS hier einen neuen Rückzugsort. Es ist kein Zufall, dass der Aufstieg des IS auf den Philippinen mit dessen militärischem Niedergang im Nahen Osten korreliert.

Hunderte asiatische Extremisten befanden sich auf dem Rückweg von den Schlachtfeldern des Irak und Syriens in ihre Heimatländer, bereit, den Kampf dort weiterzuführen. In Videobotschaften rief der IS Anhänger in Thailand, Indonesien, Brunei, Singapur und Malaysia dazu auf, sich den Brüdern auf den Philippinen anzuschließen.

Mindanao, die südlichste Inselgruppe der Philippinen, ist die Dunkelkammer des Archipels. Hier tobt seit mehr als 400 Jahren eine Fehde zwischen den muslimischen Einwohnern und den christlichen Siedlern und Kolonisten. Zuerst kamen die Spanier ins Land, dann die Amerikaner und später, nach der Unabhängigkeit, die Philippiner. Ihre Schiffe brachten christliche Priester, Missionare und Siedler nach Mindanao. Bis heute fühlen sich die Muslime als Fremdkörper in einem von christlichen Siedlern besetzten Land.

Seit den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts kämpfte die Moro Islamische Befreiungsfront (MILF) in einem Guerillakrieg um mehr Autonomie und eine gerechtere Verteilung von Wohlstand. Mindanao ist reich an Rohstoffen. Aber die Gewinne fließen oft ab in andere Teile der Philippinen. Gescheiterte Verhandlungen der MILF mit der philippinischen Regierung hatten Kämpfer desillusioniert und in die Arme radikalerer Gruppen getrieben. Und so fand der IS hier ideale Bedingungen vor.

DER SPIEGEL

"Willkommen in der islamischen Stadt Marawi", grüßt ein Schriftzug in Englisch und Arabisch an einem Torbogen am Ortseingang. Die Stadt ist zu gut 90 Prozent muslimisch und das islamische Herz Mindanaos. Hier steht die erste islamische Universität der Philippinen.

Norodin Lucman, ehemaliger Vize-Gouverneur der Autonomen Region Muslimisches Mindanao, studierte einst mit Osama Bin Laden Rechtswissenschaften in Saudi-Arabien. Danach ging er zurück in die Heimat, wurde Anführer einer Rebellengruppe und zog in den muslimischen Befreiungskampf. Er ist Autor von Büchern wie "Islam War on Terror" und Oberhaupt des mächtigsten Clans von Marawi. Die Leute hier rufen ihn "Datu Nur", Prinz Nur. Oder einfach nur "Norway", quasi eine Abkürzung für Sair al-Nur, arabisch für: der Weg des Lichts. Kurz: Der "Prinz des Lichts" ist einer der einflussreichsten Männer der Stadt.

Eigentlich will er an diesem Mittwochmorgen sein Haus inspizieren, das von einer Bombe getroffen worden ist. Doch er kommt nicht hin, Soldaten halten ihn auf: Sein Haus liegt im Sperrgebiet der ehemaligen Kampfzone, in der Soldaten noch immer Sprengfallen entschärfen und Leichen aus den Trümmern ziehen. "Kein Zutritt. Sorry", sagt ein Oberst.

Stattdessen fährt Lucman mit dem Wagen durch die Stadt. Überall winken ihm die Leute zu, ständig muss er anhalten und Hände schütteln. Ein alter Mann mit schlohweißem Bart umarmt ihn und drückt lange seine Hand. Vor einer Verteilungsstelle für Hilfsgüter steht eine Gruppe aufgebrachter Frauen, die ihn mit Wangenküssen begrüßen und um Hilfe bitten, weil sie seit Tagen weder Bargeld noch Nahrungsmittel bekommen.

Ehemaliger Vizegouverneur Lucman: "Das waren Jungs aus der Nachbarschaft"
Carlo Gabuco / DER SPIEGEL

Ehemaliger Vizegouverneur Lucman: "Das waren Jungs aus der Nachbarschaft"

Am Stadtrand biegt er rechts ab, lenkt seinen Wagen hoch zum Universitätsgelände, das von den schlimmsten Kämpfen verschont geblieben ist. Von hier oben hat man einen wunderschönen Ausblick auf die Stadt. Lucman zeigt auf einen kleinen roten Fleck auf der gegenüberliegenden Seite. "Das war mein Haus", sagt er.

Als der IS den Terror in seine Heimatstadt bringt, steht Norodin Lucman im Garten seines Hauses und rupft Unkraut. Es ist der 23. Mai 2017, gegen 14 Uhr fallen die ersten Schüsse. Lucman denkt in diesem Augenblick, dass sich wieder einmal Mitglieder verfeindeter Clans bekämpfen. Als Stunden später immer noch geschossen wird, Kampfhubschrauber des Militärs im Tiefflug auf das Stadtzentrum zufliegen und sich in die Schüsse das dumpfe Krachen explodierender Granaten mischt, weiß er, dass er sich geirrt hat.

Innerhalb weniger Stunden kontrollieren die IS-Anhänger fast das gesamte Stadtzentrum, überrennen Polizeistationen, besetzen Brücken und das Krankenhaus, verschanzen sich in der großen Moschee, versperren Fluchtwege und exekutieren Menschen auf offener Straße. Norodin Lucman ist, wie Zehntausende andere Bewohner, ein Gefangener in seiner eigenen Stadt.

Nur wenige Stunden nach Beginn der Belagerung verbreiten sich Gerüchte, die IS-Leute würden Christen suchen und hinrichten. Es ist der Moment, in dem sich Norodin Lucman vornimmt, so erzählt er es, den Terroristen die Deutungshoheit über seinen Glauben streitig zu machen. Am Abend klopfen die ersten zu Tode verängstigten Christen an das Tor von Lucmans Anwesen. Nachbarn, Familien mit Kindern, Angestellte, Hilfsarbeiter. Muslime und Christen. Lucman nimmt sie auf. Bald drängeln sich 74 Schutzsuchende in seinem Haus.

Wenige Tage nach Beginn der IS-Offensive, so Lucman, habe es wieder geklopft. Schwarz gekleidete, bewaffnete Gestalten auf der Suche nach Christen standen da vor der Tür. Lucman kennt einige von ihnen. "Das waren Jungs aus der Nachbarschaft, entfernte Verwandte." Die Terroristen wollen das Haus durchsuchen. Lucman stellt sich ihnen in den Weg und wirft den Männern vor, dass ihr Verhalten unislamisch sei. Zu seinem Erstaunen ziehen die Extremisten wieder ab.

Im Schatten seines Hauses tobt fortan der Krieg. Vor seinem Fenster sterben Terroristen und philippinische Soldaten. In den Straßen verwesen ihre Leichen in der Tropensonne. Bomben detonieren ständig und überall. Am elften Tag sind die Wasser- und Nahrungsvorräte aufgebraucht.

Was nun?

Am frühen Morgen des 3. Juni beschließt Lucman während seines Morgengebets, dass es besser sei, auf der Flucht zu sterben, als in seinen eigenen vier Wänden zu verhungern. Den christlichen Frauen habe er Kopftücher umgebunden, den Männern die korrekte Aussprache von "Allahu akbar" beigebracht, falls sie in eine Kontrolle geraten. Im Morgengrauen huschen 74 Menschen aus Lucmans Haus, schwenken weiße Fahnen, murmeln "Allahu akbar" und gehen mit gesenkten Köpfen aus der Kampfzone heraus.

"Überall lagen tote Menschen, Hunde, Katzen, Ratten. Der Gestank war grauenhaft", so Lucman. Unterwegs schließen sich weitere Zivilisten dem seltsamen Tross an, bald sind es 144 Menschen , unter ihnen 44 Christen. An einer Brücke, die das Ende der Frontlinie markiert, baut sich ein IS-Mann vor Lucman auf. "Ich dachte, das ist unser Ende. Ich war bereit zu sterben", erzählt Lucman mit einem Lächeln.

Der IS-Mann habe ihn lange angeschaut und dann gefragt: "Norway, was machst du denn hier?"

Da weiß er, alles wird gut. Ein Handschlag und ein gemeinsames Gebet, dann winkt der Mann den Tross durch.

Norodin Lucman ist nun ein Binnenflüchtling wie Hunderttausende andere, die vor den Kämpfen fliehen mussten. Noch immer lebt er vier Autostunden von Marawi entfernt. Als Held fühle er sich nicht, sagt er, und zitiert aus dem Koran: "Wenn aber jemand einem Menschen das Leben bewahrt, so ist es, als würde er das Leben aller Menschen bewahren."

Er sei nicht der Einzige gewesen, der Christen gerettet habe. "Viele Muslime haben ihre christlichen Angestellten, Freunde, Arbeiter beschützt. Einige von ihnen wurden dafür hingerichtet." Wofür, fragt er, solle er sich also feiern lassen? Marawi ist größtenteils zerstört. Noch immer leben Zehntausende in Flüchtlingslagern.

Die Erleichterung über das Ende der Belagerung ist der Wut auf die philippinische Regierung gewichen. Wut darüber, dass die Heimatstadt von 200.000 Menschen erst zerstört werden musste, um sie angeblich zu retten. "Viele Menschen stellen sich die Frage, ob eine christliche Stadt ebenso behandelt worden wäre", sagt Lucman. Auch deshalb habe der IS gewonnen. "Deren Ideologie lebt weiter, dies ist erst der Anfang. Wir haben gehört, dass 300 britische IS-Kämpfer auf dem Weg in die Philippinen sind, um den IS neu zu strukturieren", sagt er.

IS-Graffito in Marawi: Das Leben kehrt nur zögerlich in die Ruinen zurück
Carlo Gabuco / DER SPIEGEL

IS-Graffito in Marawi: Das Leben kehrt nur zögerlich in die Ruinen zurück

Mehr als 20 mit dem IS verbündete Terrorzellen sollen bereits in der Region operieren. In den sozialen Netzwerken werben sie mit Propagandavideos und Geldversprechen um neue Rekruten. Wer verstehen will, wie weit sich die Ideologie des IS schon verbreitet hat, muss mit dem Auto von Marawi sechs Stunden lang gen Süden fahren, in die Sümpfe rund um den Ort Datu Salibo. Auf dem Weg dorthin passiert man die Provinzstadt Cotabato. Im November rief das Militär hier die höchste Terrorwarnstufe aus. Die Stadt könnte das nächste Marawi werden, sorgt sich ein hochrangiger Offizier der Streitkräfte. Angriffe stünden unmittelbar bevor.

An den Zufahrtsstraßen der Stadt staut sich kilometerlang der Verkehr. Soldaten kontrollieren Ausweispapiere, durchsuchen Kofferräume und verteilen Flyer, auf denen die Einwohner aufgerufen werden, verdächtige Gegenstände oder Personen der Polizei zu melden. Der Vorsteher der großen Moschee von Cotabato warnt in Predigten und im Radio davor, sich von der Ideologie des IS verführen zu lassen.

Die letzten Kilometer nach Datu Salibo führen durch das Gebiet des IS-Ablegers Jamaah Mohajirin Wal Ansar des Terrorfürsten Abu Turaipe. Am Rande des 15.000-Einwohner-Ortes sitzen mit Sturmgewehren bewaffnete Männer in lecken Kanus, um das Sumpfgebiet zu inspizieren, das sie erst im Oktober dem IS entrissen haben.

Ein Mann mit Pilotenbrille stellt sich als Commander Supremo vor, 34 Jahre alt und Anführer einer Spezialeinheit der MILF. Jahrzehntelang hatte die Rebellengruppe gegen die Regierung gekämpft und mehr Autonomierechte für die Muslime gefordert. Aber aus den Feinden von einst sind inzwischen Verbündete im Kampf gegen den IS geworden.

Es ist drückend heiß, die Luft klebt wie ein nasses Laken am Körper. Aus den Sümpfen erklingt Gefechtslärm. Die philippinische Armee beschießt seit dem Morgen Stellungen des IS mit Artilleriegranaten und fliegt Luftangriffe. Commander Supremo schiebt ein Magazin in sein Sturmgewehr und sagt, man müsse sich keine Sorgen machen.

Währenddessen schöpft ein Mitkämpfer mit einer Kelle Wasser aus dem Kanu, das langsam vollläuft. Der Kommandeur gibt ein Zeichen, der Bootsführer wirft den Motor an, und das Kanu gleitet durch die seichten Liguasan-Sümpfe, bis es Minuten später an einer Bambushütte anlegt.

"Dies waren die Stellungen des IS, das ganze Gebiet hier war vermint", sagt Commander Supremo und zeigt über den Horizont. "Hier haben sie ihre Waffen gelagert und trainiert. Wenn wir sie nicht bekämpft hätten, dann wäre uns das Schicksal von Marawi gewiss gewesen. Hier haben wir einen von denen begraben", sagt Supremo und zeigt auf eine Mulde im sandigen Boden. Leichter Verwesungsgeruch steigt aus dem Grab hoch.

Wie viele getötet wurden oder fliehen konnten, weiß der Kommandeur nicht. Sie sind weg, nur das zählt. "Diese Leute beschmutzen den Islam. Wenn wir sie nicht aufhalten, wird es immer schlimmer werden. Ich trage eine Waffe, seitdem ich elf bin. Ich will nicht, dass meine Kinder dieses Leben weiterführen müssen."

80 Kilometer südlich der Liguasan-Sümpfe sitzt eine schmale, zierliche Frau auf einem Holzschemel in der Polizeistation von Palimbang, einem Ort in der Provinz Sultan Kudarat. Die 41-jährige Mari Fe Spadilla hat ihre Haare unter einem roten Kopftuch versteckt, nervös kratzt sie sich den Lack von den Fingernägeln. Mari Fe Spadilla hat Angst. Ein paar Meter entfernt stehen ihre Leibwächter.

"Ich weiß zu viel", flüstert sie.

Ihre Geschichte erzählt sie so: Am 5. Januar 2017 wurde ihr Ehemann bei einer Polizeioperation erschossen. Mohammad Jaafar Maguid, genannt "Tokboy", war der Anführer der Terrororganisation Ansar al-Khilafah Philippines (AKP) und einer der meistgesuchten Verbrecher des Landes, mitverantwortlich für den Bombenanschlag in der Hafenstadt Davao, bei dem im September 2016 14 Menschen starben. Tokboys Leute schwören dem IS die Treue, sie erpressen Schutzgelder und kämpfen auch in Marawi.

Ihr Ziel: ein islamisches Kalifat.

Mari Fe Spadilla ist die zweite von Tokboys vier Ehefrauen, sie habe von alldem nicht viel mitbekommen, behauptet sie, sie habe sich vor allem um den Haushalt und die neugeborene Tochter gekümmert und ihren Mann nur selten gesehen.

Einer der Leibwächter zeigt auf seinem Smartphone Fotos getöteter Terroristen; Philippiner, zwei Indonesier, ein Schwarzer unbekannter Herkunft - und Tokboy. Als die Witwe ihren toten Ehemann sieht, beginnt sie zu weinen. Sie habe Angst um das Leben ihrer Tochter, sagt sie. Ende September hat sie sich den Behörden gestellt, um gegen das Netzwerk ihres Mannes als Zeugin auszusagen. Seither erhält sie Morddrohungen per SMS.

Einer der größten Unterstützer der Terrororganisation ihres Mannes, so sagt sie, sei der Bürgermeister von Palimbang gewesen: "Er gab Tokboy alles, was er brauchte: Geld, Nahrungsmittel, Waffen, Sprengstoff, Munition, Schutz. Ich habe es selbst gesehen." Der Mann befinde sich zwar auf der Flucht, doch sie fürchte ihn trotzdem und fühle sich auch unter Polizeischutz nicht sicher, so die Witwe.

Sie solle sich keine Sorgen machen, beruhigt sie ihr Gastgeber Raul Supiter, der oberste Polizist der Provinz. "Bei uns bist du sicher", sagt er und zeigt wie zum Beweis stolz die Ausbeute einer Razzia gegen eine Bande von Waffenschmugglern. Dutzende Sturmgewehre, Pistolen, Hunderte Schuss Munition. Für wen die Lieferung bestimmt gewesen sei, könne er nicht sagen. Aber es läge nahe, dass die Waffen für lokale Terrorgruppen gedacht seien.

Auch Supiter glaubt, dass es keine Frage ist, ob der IS sich auf Mindanao weiter ausbreiten werde oder nicht, sondern nur, "wie schnell und wann der nächste Anschlag stattfinden wird". Als sich die Nacht über Palimbang legt, der Polizeichef gegrilltes Hühnchen und kaltes Bier servieren lässt, verschwindet Mari Fe Spadilla mit ihren Leibwächtern in der Dunkelheit. Das Einzige, was sie sich wünsche, sei ein normales Leben für ihre Tochter, hat sie zum Abschied gesagt.

Etwas ganz Ähnliches wünscht sich auch ein Junge in Marawi. Der Campus der Universität von Mindanao ist ein malerischer, friedlicher Ort, im Schatten von Akazien und Mangobäumen sitzen junge Männer und Frauen über ihren Büchern und essen Eis am Stiel. In einem verlassenen Seitenflügel der Universität löst sich während der Mittagspause eine kleine Gestalt aus einem Mauerschatten.

Muslimischer Kämpfer in Maguindanao: Fremdkörper in einem von Christen besetzten Land
Carlo Gabuco / DER SPIEGEL

Muslimischer Kämpfer in Maguindanao: Fremdkörper in einem von Christen besetzten Land

Ein Junge in einem schwarzen Kapuzenpulli setzt sich auf eine Treppenstufe und wickelt sich eine Kufija um den Kopf, das rot-weiße Tuch der Araber, bis seine Augen nur noch durch einen schmalen Sehschlitz blitzen. Er will nicht erkannt werden, die Klassenkameraden kennen sein Geheimnis nicht.

Abdul ist 13 Jahre alt, stammt aus einer sehr religiösen Familie und geht in die 8. Klasse der Highschool, die an das Universitätsgelände grenzt. Wie viele seiner Altersgenossen wurde auch er vom IS für den Kampf gegen "Ungläubige" rekrutiert. Kinder sind leicht zu verführen.

Abdul möchte seinen wahren Namen nicht nennen. Er spricht mit leiser Stimme, erzählt, wie der Lehrer seiner Koranschule ihn vor zwei Jahren für den Krieg gegen die Kuffar, die Ungläubigen, gewinnen wollte. Ein warmer Wind trägt das ausgelassene Lachen seiner Schulkameraden herbei. Abduls Vater, ein Arzt, starb vor acht Jahren an Lungenkrebs. Die Mutter, eine Lehrerin, ist mit der Erziehung des einzigen Sohnes überfordert. Ihr Einkommen reicht gerade aus, um die Familie zu ernähren.

Abu Maryam, der Lehrer, Vaterfigur und religiöse Autorität zugleich, verspricht Abdul Geld und Geschenke - Telefone und Videospiele. Und er sagt, wenn Abdul im Kampf sterbe, komme er direkt ins Paradies. Das überzeugt den Jungen. Der Lehrer nimmt Abdul und ein Dutzend anderer mit in ein Ausbildungslager südlich von Marawi. Vier Monate lang trainiert Abdul dort an den Wochenenden mit 50 gleichaltrigen Jungs. Er lernt Selbstverteidigung, Verse des Koran und Hadithe, überlieferte Aussagen des Propheten Mohammed.

"Die Ausbilder erklärten uns, wen wir töten dürfen und wer eine zweite Chance erhalten sollte", erzählt der Junge. Christen, die zum Islam konvertieren, dürfe man am Leben lassen. Andere hingegen müssten sterben. Noch heute findet Abdul nichts Falsches daran, dies sei eben Allahs Wille. Später werden die Kinder an Waffen ausgebildet, trainieren mit Sturmgewehren, Pistolen, Granaten, Panzerfäusten.

Abduls Mutter ahnt von alldem nichts, sie glaubt, ihr Sohn sei auf Ausflügen oder beim Studium des Koran. Zwei Jahre lang durchläuft Abdul die Ausbildung zum Krieger, doch die große Schlacht findet ohne ihn statt.

"Ich war daheim bei meiner Mutter, als es losging. Ich bin das einzige Kind." Es ärgerte ihn zwar, das er nicht mitkämpfen konnte, das Wissen und das Training der vergangenen zwei Jahre nicht hat anwenden können. Doch als seine Glaubensbrüder über die Heimatstadt herfallen, flößen ihm die schwarz vermummten Kameraden, die in seiner Nachbarschaft herumballern, morden und "Allahu akbar" rufen, plötzlich Angst ein.

Zum ersten Mal fragt sich der Junge, ob dieses Inferno tatsächlich Allahs Wunsch sein kann. Die Anführer des IS, seine Ausbilder und Kameraden sind nun alle tot. Abdul lebt.

"Vorerst habe ich das Interesse am Dschihad verloren", sagt er.

Er blickt auf seine Armbanduhr, die Mittagspause ist längst vorbei. Der Physikunterricht hat begonnen, den darf er nicht verpassen. Denn später will er Pilot werden. "Ich möchte die Welt sehen", sagt er, zieht sich das Tuch vom Kopf und rennt zurück ins Klassenzimmer, wo niemand sein Geheimnis kennt und er wieder ein ganz normaler Teenager ist.



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