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Ausgabe 10/2018

Legale Jagd Warum Skandinavier Wölfe töten

In Schweden und Norwegen ist die Jagd auf Wölfe erlaubt. Ein Vorbild für Deutschland?

Jäger, erlegter Wolf in Norwegen: Dörfler gegen Städter, Tradition gegen Moderne
Picture alliance/ Blickwinkel/ DPA

Jäger, erlegter Wolf in Norwegen: Dörfler gegen Städter, Tradition gegen Moderne

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Anfang Februar bezeugte der Deutsche Bundestag die Geburt eines modernen Fabelwesens: Die Rede war vom neuen bösen Wolf, jenem blutrünstigen Geschöpf, das nicht Rotkäppchen und Großmutter, dafür aber kleine Jungs und Mädchen auf dem Schulweg und im Kindergarten verschlinge.

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Heft 10/2018
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Sie wisse von "auffälligen Wölfen", so die niedersächsische CDU-Abgeordnete Silvia Breher, "die sich den Kindern bei uns im Waldkindergarten in Goldenstedt oder woanders immer wieder nähern". Karsten Hilse von der AfD warnte: "Wölfe laufen immer öfter seelenruhig durch Dörfer und an Bushaltestellen vorbei, an denen nur wenige Stunden zuvor Kinder auf ihren Schulbus warteten."

Wer würde angesichts solcher Gefahren nicht wollen, dass, wie FDP-Mann Karlheinz Busen im grauen Jägerjanker forderte, die Verbreitung "eines so großen Raubtieres sorgfältig begleitet" wird?

Wie sich der Liberale aus dem Münsterland so eine Begleitung womöglich vorstellt, lässt sich alljährlich in Teilen Skandinaviens beobachten. In der norwegischen Provinz Hedmark kreisten Anfang Januar rund hundert Jäger ein Wolfsrudel ein - im Schnee sind Pfotenspuren leicht zu finden - und schossen zwei Tiere. 42 Wölfe, so hatte es Norwegens Regierung festgelegt, durften getötet werden.

Schweden hat für diese Saison Jagdlizenzen für 22 Graupelze erteilt. Für die alljährliche Wolfsjagd registrieren sich stets mehrere Tausend Jäger.

Noch scheint Vergleichbares in Deutschland undenkbar - auch wenn bei uns inzwischen viel mehr Wölfe leben als in Norwegen (siehe Grafik). Doch falls CDU und SPD im März ihre geplante GroKo-Neuauflage starten, könnte es sein, dass gefährliche Zeiten für Canis lupus anbrechen. Man wolle, heißt es im Koalitionsvertrag, eine "notwendige Bestandsreduktion herbeiführen" - und jene Wölfe beseitigen, "die Weidezäune überwunden haben oder für den Menschen gefährlich werden".

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Das klingt pragmatisch. Nur: Nach EU- und Bundesnaturschutzrecht kommt die Wolfsjagd erst infrage, wenn ein sogenannter günstiger Erhaltungszustand erreicht ist - gemeint ist: dass es genug Tiere gibt, um den Bestand dauerhaft zu sichern, was in Deutschland nicht der Fall ist.

Und selbst wenn sie möglich wäre: Auch eine regulierte Jagd kann den Dauerzwist um den Wolf wohl nicht beenden. Das zeigen die Beispiele skandinavischer Staaten und auch anderer Länder, in denen die Beutegreifer getötet werden dürfen.

Kaum einer weiß das besser als John Linnell, Biologe am Norwegischen Institut für Naturforschung in Trondheim. Seit 30 Jahren untersucht er das Zusammenleben von Mensch und Raubtier. In freier Wildbahn ist er Wölfen unter anderem in Alaska und im Yellowstone-Nationalpark begegnet, in Spanien und in Indien. In Turkmenistan pirschte er sich einst bis auf 50 Meter an ein Rudel heran, das die Mittagshitze unter einem Pistazienbaum verdöste.

Gefressen wurde er nicht. "In Europa hat es in den letzten 40 Jahren keine tödlichen Wolfsangriffe auf Menschen gegeben", sagt der Forscher, der 2002 für die in Fachkreisen "Linnell-Report" genannte Studie Wolfsattacken der vergangenen 450 Jahre auf Menschen ausgewertet hat.

Das beruhigt nicht jeden. In Ländern wie Norwegen, Schweden, Finnland und eben auch Deutschland seien Wölfe ein explosives Thema, sagt Linnell: "Politiker und Wolfsgegner machen den Menschen Angst, um sie zu manipulieren", so der Wissenschaftler. "Das ist zynisch und schmutzig, aber der Trick wird oft angewandt, einfach weil er so gut funktioniert."


Im Video: Wölfen auf der Spur
Seit Jahren filmt Sebastian Koerner Wölfe in der Lausitz - gut getarnt, aber ohne Angst.

Weit mehr als Luchs oder Bär diene der Wolf als Projektionsfläche für Sorgen und Konflikte: Dörfler gegen Städter, Tradition gegen Moderne, Jäger gegen Tierschützer. In den Debatten, so Linnell, sei nicht nur der reale, sondern immer auch der "politische Wolf" gemeint. So entstehen Mythen wie die vom Waldkindergarten und von der Bushaltestelle. Kein Wolf ist dort tatsächlich auf Kinder getroffen, doch allein die Vorstellung nährt bei vielen Menschen tief verwurzeltes Grauen.

Und wer als Schäfer ohnehin um sein Auskommen kämpfen muss, dem mag es als Zumutung erscheinen, wenn er einem findigen Raubtier ausgeklügelte Zaunsysteme entgegensetzen oder Hunde anlernen soll zum Schutz der Herden. Die Wolfsfans in der Großstadt, sagen viele Weidetierhalter, freuten sich von fern über die Rückkehr der Wildnis - die Last zu tragen überließen sie der Landbevölkerung.

John Linnell ist kein Jagdgegner. Er und seine Kollegen wollen wissen, was helfen kann, damit Menschen ihren Frieden machen mit den wilden Nachbarn - und was eher nicht. Ihre Erkenntnisse:

  • Der Mensch geht vor: "Wenn ein Wolf aggressives Verhalten zeigt, muss er schnell getötet werden", sagt Linnell, "darauf sollten alle vorbereitet sein, die das zu entscheiden haben." Die Gefahr einer Wolfsattacke auf Menschen sei zwar winzig, sagt der Wissenschaftler, "aber ein Angriff ist etwas, was keiner von uns möchte".
  • Die Lösung liegt zwischen den Maximalforderungen. "Es wird immer Menschen geben, die den Wolf ganz loswerden wollen, und andere, die erbittert gegen jeden Abschuss protestieren", sagt Linnell. Auch das umsichtigste Wolfsmanagement könne die Lager nicht einen.
  • Legale Jagd verhindert Wilderei nicht. Seit der Rückkehr der Wölfe wurden in Deutschland 27 Exemplare illegal getötet; die Dunkelziffer, vermuten Experten, liege weit höher. Fast nie wird ein Täter erwischt. "Wilderei wird es immer geben", sagt Wissenschaftler Linnell. Guillaume Chapron von der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften kam in einer Studie zu dem Schluss, dass genehmigte Abschüsse sogar zu mehr Wilderei führen können.
  • Ein toter Wolf macht seine Artgenossen nicht beliebter. Wenn Menschen einzelne Wölfe töten dürften, würden sie toleranter gegenüber den lebenden - so lautet ein Argument vieler Jagdbefürworter. In Finnland und in den USA beispielsweise werden Abschüsse damit gerechtfertigt. Dafür mangele es an wissenschaftlichen Belegen, sagt Yaffa Epstein, Rechtswissenschaftlerin an der schwedischen Universität Uppsala.

Mit dem Forschungsprojekt "Claws & Laws" will die Juristin den Dialog zwischen Artenschutz und Rechtswissenschaft in Gang bringen. Wölfe interessieren sie besonders, denn, so Epstein: "Sie sind ständig Gegenstand von Rechtsstreitigkeiten."

In der Europäischen Union sind Wölfe eine streng zu schützende Art. Auch in Norwegen, das nicht zur EU gehört, unterliegen sie der Berner Konvention. Wölfe stehen auf der Roten Liste als eine vom Aussterben bedrohte Art und genießen höchstmöglichen Schutzstatus im Bundesnaturschutzgesetz.

Dass Länder wie Schweden und Norwegen die Wolfsjagd dennoch gestatten, liegt an einer Reihe von Ausnahmeregelungen - und einer eher freien Interpretation von Bestandszahlen, Gesetzen und Gefahren.

So dürfen in Schweden jene Wölfe getötet werden, von denen ein Risiko für Menschen und Nutztiere ausgeht. Diese sogenannte Schutzjagd ist auch außerhalb der Jagdsaison erlaubt. Die Lizenzjagd wiederum rechtfertigen die Schweden damit, dass mit rund 300 Wölfen ein günstiger Erhaltungszustand erreicht sei. Ganz Lappland - und damit ein großer Bereich des Landes - ist wolfsfreie Zone; dort betreiben Teile der samischen Bevölkerung die traditionelle Rentierzucht.

Norwegen addiert einfach einen Teil der schwedischen Wölfe zu den eigenen - ohne die Grenzgänger wäre die Wolfspopulation viel zu klein, um Tötungen zu erwägen, schon gar nicht in dem Ausmaß, wie die Norweger sie in dieser Saison gestatteten: Sie genehmigten ihrer Jägerschaft den Abschuss von rund drei Vierteln der rein norwegischen Population. Das ist hoch umstritten: Im vergangenen November gab ein Osloer Gericht einer Klage des World Wide Fund for Nature statt und stoppte vorübergehend die Wolfsjagd.

In Deutschland wünschen sich die künftigen Koalitionäre eine regelmäßigere Bewertung des Wolfsvorkommens. Sie wollen wissen, so Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD), "wann wir einen gesunden Erhaltungszustand haben - und wann wir am Ende auch über Jagdrecht und Entnahme reden können".

Ganz gleich, wie der Streit ums Jagen ausgeht, die Zeit, glaubt Wissenschaftler Linnell, arbeite für den Wolf. "Wir Westeuropäer brauchten uns über viele Jahrzehnte nicht um Wölfe zu kümmern", sagt er. "Wir müssen uns erst wieder an sie gewöhnen - psychologisch und praktisch."

In Süd- und Osteuropa oder in Indien, wo die grauen Räuber nie ausgerottet waren, hat er das ganz anders erlebt: "Die Nutztierhalter dort mögen die Wölfe nicht", sagt der Biologe, "doch für sie sind sie Teil der Natur - wie Wind, Regen und der Wechsel der Jahreszeiten."



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