AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2018

Beate Zschäpe und Susann E. Ihre beste Freundin

André und Susann E. gelten als engste Vertraute der mutmaßlichen NSU-Rechtsterroristen. Er ist im Prozess vor dem Münchner OLG angeklagt. Sie nicht. Warum?

Ehepaar André, Susann E.: "Germanische Bräuche"

Ehepaar André, Susann E.: "Germanische Bräuche"

Von und


Am 416. Verhandlungstag nimmt Susann E. im NSU-Prozess endlich dort Platz, wo viele sie seit Langem gern sähen: auf der Anklagebank.

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Heft 18/2018
Kopftuch, Kreuz, Kippa: Das deutsche Ringen um Identität - der Glaube und sein Missbrauch

Wenige Wochen zuvor hatte sie einen Zettel von der Zuschauertribüne hinuntersegeln lassen. Sie wolle als Beistand neben ihrem Mann sitzen dürfen, beantragte sie darauf beim Gericht. Neben André E., einem der wichtigsten mutmaßlichen Unterstützer des Terrornetzwerks "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU).

Das Ehepaar sieht sich nur noch selten. Seit André E. im September im Saal A 101 des Münchner Oberlandesgerichts überraschend festgenommen wurde, treffen sich beide nur noch alle 14 Tage im Gefängnis Stadelheim.

Entsprechend groß ist die Wiedersehensfreude im Gericht. Die beiden sind sich der Aufmerksamkeit im Saal bewusst, sie strahlen demonstrativ. Sie küssen sich kurz, umarmen sich lange, küssen sich erneut. Sie streichelt seinen Nacken, er ihren Oberschenkel.

Susann E., 36, war eine enge Freundin von Beate Zschäpe, der Hauptangeklagten. Deren Anwälte begannen in dieser Woche mit ihren Plädoyers. Es geht darum, welche Verantwortung Zschäpe für die Mordserie ihrer Gefährten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos trägt. Susann E. steht bis heute in Zschäpes Schatten. Sie gilt als Nebenfigur, ohne Gewaltpotenzial, ohne Insiderwissen. Zu Recht?

Doch der 416. Verhandlungstag ist für E. eine Art Probesitzen. Sie weiß, dass auch sie Angeklagte in diesem Verfahren sein könnte. Die Bundesanwaltschaft ermittelt seit Jahren gegen sie. Der Vorwurf: Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Allerdings: Einen "hinreichenden Tatverdacht" konnten die Bundesanwälte bisher nicht erkennen.

Aber war E. wirklich nur die ahnungslose Gattin, die desinteressierte Hausfrau, eine nette Freundin, die Zschäpe jahrelang besuchte, um ihr ein bisschen Gesellschaft zu leisten? Oder war sie verlässliche Komplizin, eine Frau, die dem NSU-Trio im Untergrund half und so dessen Verbrechen möglich machte?

Tatsache ist: Gemeinsam mit ihrem Mann André hielt E. in den fast 14 Jahren, in denen Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos in Verstecken lebten, Kontakt zu den dreien. So eng wie niemand sonst.

Susann und André E. sind ein auffälliges Paar, nicht nur wegen der Tattoos, die beide tragen. Susann E. ist schmal und groß, ihr Mann untersetzt und kräftig.

Seit Juni 2005 sind sie verheiratet, und es ist offensichtlich, dass beide von Anfang an eine rechtsextremistische Gesinnung teilten. Das zeigte sich sogar im Schlafzimmer, wie später Durchsuchungen ergaben: Ermittler fanden dort eine Büchse mit der Aufschrift "Nationale Sozialisten Zwickau" und "spendet für Propaganda und Schulung".

Im Wohnzimmer hing ein mit Bleistift gezeichnetes, gerahmtes Porträt der beiden verstorbenen Freunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, gleich über dem Fernseher zwischen Fotos der Kinder von Susann und André E. In Sütterlin steht unter dem Bild der beiden Toten: "Unvergessen".

Auf dem Familiencomputer stießen die Fahnder auf Entwürfe für Weihnachtskarten - verziert mit Hakenkreuzen. Zudem fanden sie Ordner mit den Namen "Hitlersbilder" und "Nazibilder". Darunter die Einladung zu einer völkischen Vortragsveranstaltung über "Artengemeinschaften und germanische Bräuche" mit anschließendem "völkischen Tanz" und alten "HJ-Liedern, wie es sich für Nationalsozialisten gehört".

André E. war nach Ansicht der Bundesanwaltschaft ein Mitwisser, der über die Taten des NSU informiert war und Wohnmobile mietete, mit denen Böhnhardt und Mundlos zwei Banküberfälle in Chemnitz und den ersten von zwei Sprengstoffanschlägen in Köln verübten. Ein Komplize, der für die untergetauchten Freunde Bahncards beschaffte, konspirative Wohnungen organisierte, seine Personalien zur Verfügung stellte.

Und seine Ehefrau? Ihr Name war einer von mindestens elf, die Zschäpe als Alias benutzte. Unter Susann E.s Namen hat das Trio ab Sommer 2008 jedes Jahr den Stellplatz "M86" auf dem Campingplatz "Wulfener Hals" auf Fehmarn gemietet sowie Bahncards bestellt.

Kontakte im NSU-Umfeld

Im Leben von Beate Zschäpe spielte das Ehepaar E. eine besondere Rolle, Susann E. war offenbar ihre engste Freundin. Fast jeden Donnerstag soll E. die untergetauchte NSU-Frau in der Frühlingsstraße in Zwickau besucht haben, oft gemeinsam mit ihren beiden Söhnen. Zu Aufführungen ihrer Kinder nahm "Sus", wie sie sich im Freundeskreis nennen lässt, Zschäpe mit.

Zahlreiche Details zeigen, wie vertraut die beiden Frauen miteinander umgingen. In der Zusammenschau fällt es schwer, sich vorzustellen, dass E. in all den Jahren nichts bemerkt hat.

Es gibt Zeitungsfotos, die Susann E. mit einer Videokamera in der Hand auf einem Volksfest in Zwickau zeigen, daneben Zschäpe mit Sonnenbrille. Eine andere Aufnahme bildet einen Cocktailabend mehrerer Frauen im März 2010 ab. Zschäpe habe sich an diesem Abend als "Liesl" ausgegeben, erinnert sich eine Freundin, die dabei war.

In der Wohnung des untergetauchten Trios hingen Bilder der Familie E. Ein Foto zeigte Zschäpe mit Susann E. im Arm. Auch SMS-Nachrichten des Ehepaars E. belegen, wie eng die Bande waren: wie oft sie das Trio herumchauffierten, sich austauschten, gemeinsam zu Abend aßen.

Die Ermittler sind überzeugt: Susann E. musste wissen, dass das Trio einerseits über keine legalen Einnahmequellen verfügte, andererseits keine Geldprobleme hatte.

Ein Vorfall aus dem Januar 2007 legt nahe, dass die Personalien der E.s den drei Freunden die Existenz im Untergrund retteten. Ohne Susann und André E. hätte die Terrorzelle damals auffliegen können. In einem Mehrfamilienhaus in der Zwickauer Polenzstraße gab es einen Wasserschaden. Die Untergetauchten wohnten im Erdgeschoss. Die Polizei vermutete, dass in diesem Zusammenhang aus einer Wohnung etwas gestohlen worden war. Am 9. Januar klingelte ein Beamter, Beate Zschäpe öffnete - und gab sich als Susann E. aus. Sie solle auf dem örtlichen Polizeirevier erscheinen, sagte der Beamte.

Mundlos-Böhnhardt-Porträt aus der Wohnung der E.s: Zwischen den Fotos der Kinder

Mundlos-Böhnhardt-Porträt aus der Wohnung der E.s: Zwischen den Fotos der Kinder

Es muss ein Schock für Zschäpe gewesen sein. Sie lief Gefahr, dass ihre wahre Identität bekannt würde. Zwei Tage später kam André E. mit seiner Frau Susann ins Revier und machte eine Aussage zum Wasserschaden. Heute sind sich die Ermittler sicher: Es war Zschäpe, die sich als E.s Ehefrau ausgab. Was der Polizist damals übersah: Der vorgelegte Ausweis enthielt zwar den Namen Susann E., doch weder die Ausweisnummer noch das Geburtsdatum stimmten, auch die Unterschrift passte nicht.

Für eine innige Vertrautheit spricht auch Zschäpes Verhalten, nachdem sie vom Tod ihrer Verbündeten Mundlos und Böhnhardt in einem Wohnmobil in Eisenach erfahren und ihr geheimes Versteck in der Frühlingsstraße angezündet hatte.

Zschäpe rief an jenem 4. November 2011 als Erstes André E. an, viermal von 15.19 bis 15.34 Uhr; die längste Verbindung dauerte eine Minute und 27 Sekunden. Um 15.30 Uhr schrieb André E. eine SMS an seine Frau. Deren Inhalt ist unbekannt, entgegen ihrer Gewohnheit löschten beide diese Nachricht von ihren Handys.

André E. soll Zschäpe dann aufgelesen und herumgefahren, seine Frau soll ihr Kleidung zur Verfügung gestellt haben. Noch in der Nacht wurden aus einer Telefonzelle am Bahnhof in Glauchau von 2.57 bis 3.45 Uhr fünfmal Anschlüsse von André und Susann E. angewählt - vermutlich von Zschäpe, die auf der Flucht war. Die längste Verbindung dauerte 18 Sekunden, ob ein Gespräch zustande kam, ist ungeklärt. Für die Ermittler ist es jedoch ein Indiz für die intensive Verbindung zwischen den Terroristen im Verborgenen und der Familie im realen Leben.

Das Trio hatte im Untergrund oft öffentliche Fernsprecher genutzt. Auch Mundlos' und Böhnhardts Eltern rief Zschäpe aus Telefonzellen an, um ihnen mitzuteilen, dass die beiden nicht mehr am Leben seien.

Beate Zschäpe stellte sich am 8. November 2011 in Jena der Polizei. Was sie damals trug, liegt heute in der Asservatenkammer. Beweisstück 5.1, eine braune Tchibo-Jacke, Größe 36/38, mit beigefarbenem Futter, stammt von Susann E. Ein weiteres Indiz, dass sie Zschäpe auf der Flucht geholfen hat.

Das spektakuläre Ende des NSU, der Tod der beiden Männer im Wohnmobil, Zschäpes Festnahme, all das machte damals bundesweit Schlagzeilen. Für Politik und Gesellschaft war es ein Schock, dass rechtsextreme Terroristen jahrelang unerkannt im Untergrund leben konnten, dass neun Migranten und eine Polizistin sterben mussten - und die Behörden den mutmaßlichen Tätern nicht auf die Spur gekommen waren.

Volksfestbesucherinnen Susann E., Zschäpe 2011: "Ich verbrachte gerne Zeit mit ihr"
Stefan Patzer/ Der Planitzer

Volksfestbesucherinnen Susann E., Zschäpe 2011: "Ich verbrachte gerne Zeit mit ihr"

Susann und André E. konnten damals noch einige Tage unbehelligt weiterleben. Doch dann schlug die Polizei zu.

Die Spezialeinheit GSG9 hatte André E. am 24. November 2011 um 6.29 Uhr im brandenburgischen Mühlenfließ nahe Potsdam auf dem Gehöft seines Zwillingsbruders Maik überrascht, festgenommen und nach Karlsruhe zum Generalbundesanwalt geflogen. André E. hatte sich mit seinen beiden Söhnen dorthin zurückgezogen, unter dem Sofa, auf dem er schlief, lagen 3835 Euro in bar, darunter 267 Fünf-Euro-Noten. Typisch für Wechselgeld in Sparkassen, untypisch für einen Privathaushalt.

Am selben Morgen um 6.30 Uhr stürmte ein Großaufgebot von Polizeibeamten das Zuhause der Familie E. in Zwickau und erwischte Susann E. mit ihrem mutmaßlichen Liebhaber, dem Gesinnungsgenossen Patrick G., auf dem Sofa im Wohnzimmer. "Eine Durchsuchung der Personen war aufgrund der Antreffsituation nicht erforderlich. Frau E. und Herrn G. wurde ermöglicht, sich anzuziehen", heißt es im Ermittlungsbericht. Bei der Vernehmung auf dem Revier zwei Monate später betonte Susann E., dass der Einsatz "übertrieben" gewesen sei. "Sie hätten auch klingeln können, ich hätte Ihnen geöffnet."

Zehn Stunden lang durchsuchten die Ermittler damals die Wohnung der Familie E. und ihr gepachtetes Grundstück im Kleingartenverein "Heimattreue". Anschließend ließ sich Susann E. von Patrick G. nach Brandenburg zu ihrem Schwager fahren, um ihre Kinder abzuholen.

Ermittler, Nebenkläger und Prozessbeobachter glauben zu wissen, warum das Ehepaar die untergetauchten Terroristen schützte und unterstützte. Zahlreiche Details deuten darauf hin, dass es nicht allein Freundschaft gewesen sein kann, sondern auch die gemeinsame rechtsextremistische Überzeugung.

Die menschenverachtende Gesinnung von André E. ist bekannt. Er ließ sich rassistische, verfassungsfeindliche Statements in die Haut stechen, sie reichen vom Schriftzug "Blut und Ehre", dem Motto der Hitlerjugend, bis zu einem SS-Totenkopf und den Initialen "AH", mutmaßlich für Adolf Hitler, umrahmt von einem Lorbeerkranz.

Ohne Susann und André E. hätte die Terrorzelle auffliegen können.

Susann E. lernte den Beruf der Hauswirtschafterin, übte ihn aber nie aus. Eine zweite Ausbildung als Fleischfachverkäuferin in einer Supermarktkette brach sie wegen Schwierigkeiten mit ihrem Vorgesetzten ab. Sie jobbte in einem Fitnessstudio und bezog danach Arbeitslosengeld II.

Sympathie für die Welt der Rechtsextremen hegt sie offenbar seit vielen Jahren. Schon als Teenager hörte sie die Musik und las Bücher und Zeitschriften, die Neonazis mögen. Sie trug einen "Reenie"-Haarschnitt mit langem Pony und ansonsten rasiertem Kopf, wie es unter braunen Skinhead-Mädchen üblich ist.

Später, in den Jahren 2003 und 2004, nahm sie an Veranstaltungen der "Germanischen Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung e.V." teil. Auch André E. und dessen Zwillingsbruder Maik, eine schillernde Figur der ostdeutschen Neonazi-Szene, besuchten die Treffen des völkischen Vereins. Bei einer anderen Gelegenheit war sie in eine Schlägerei von Neonazis verwickelt, die das Lokal "Big Twin" in Zwickau gestürmt hatten.

Und heute? Vor Gericht erscheint Susann E. in gestreifter oder gepunkteter Bluse, mit Brille und rosafarbener Brosche, statt Reenie-Frisur trägt sie die dunklen Haare offen, die Nägel sind lackiert. Von ihren großflächigen Tätowierungen, verteilt über den gesamten Körper, sieht man nur die auf beiden Handrücken.

Komplett verbürgerlicht hat sich das frühere Skin-Girl aber nicht. Ins Oberlandesgericht lässt sich Susann E. meist von Karl-Heinz S. begleiten, einem bekannten Münchner Neonazi, einst Führungsfigur der "Kameradschaft Süd". Er wurde wegen Mitgliedschaft in einer rechtsterroristischen Vereinigung verurteilt, damals ging es um einen geplanten Sprengstoffanschlag auf die Münchner Synagoge 2003.

Beate Zschäpe hat unterdessen vor Gericht versucht, ihre alte Weggefährtin so gut es geht zu schonen: "Susann E. war ab 2006 für mich eine gute Freundin. Ich verbrachte gerne Zeit mit ihr und ihren Kindern. Persönliche Themen über unser Zusammenleben oder Dinge, die mich belasteten, wurden von mir nie angesprochen."

Eine eher oberflächliche Frauenfreundschaft, so wollen beide ihre Beziehung verstanden wissen. In einer SMS-Nachricht schrieb Susann E. 2010 - sie hatte damals gerade eine Krise mit ihrem Ehemann André überwunden - über ihren jüngsten Kontakt zu "Liese" alias Beate Zschäpe. "Liese hat eben angerufen und ich hab ihr gesagt, dass das Traumpaar E. wieder vereint ist, ey, die hat mir einen Tinitus verpasst, die hat geschrien vor Freude total..."

Wie beste Freundinnen eben reden. Als hätte es die Verbrechen des NSU nie gegeben.



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