AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2018

Krankenpfleger Niels Högel Der Jahrhundertmörder

Der Krankenpfleger Niels Högel tötete mehr Menschen als alle anderen Serientäter in der Bundesrepublik. Wer ist der Mann, der wegen 97-fachen Mordes angeklagt ist?

Florian Bayer/ DER SPIEGEL

Von , und


"Er arbeitete umsichtig, gewissenhaft und selbstständig. In kritischen Situationen handelte er überlegt und sachlich richtig."
Zeugnis, Klinikum Oldenburg, 2002

Niels Högel will auspacken. Zehn Jahre und elf Monate lang haben die Ermittler auf diesen Tag gewartet. Sie haben große Schaubilder vorbereitet: Patientendaten, Befunde, Todeszeiten, die Dienste des Krankenpflegers. Die Notizen sollen Högel helfen, sich an die einzelnen Morde zu erinnern. So viele sind es, dass es schwerfällt, den Überblick zu behalten.

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Heft 16/2018
Berechtigte Sorge, übertriebene Angst - die Fakten zur Debatte um Islam und Heimat

Zwei Kameras zeichnen die Vernehmung in der Polizeiinspektion Oldenburg auf, eine für die Nahaufnahme, die andere für die Totale. Im Raum nebenan sitzen ein medizinischer Gutachter und Beamte der Sonderkommission "Kardio" vor einem Bildschirm, um auf Ungereimtheiten und Widersprüche zu achten.

Um zehn Uhr führt ein Justizbeamter Högel herein und nimmt ihm die Handschellen ab. Högel trägt ein dunkles Hemd und weiße Turnschuhe, die schwarzen Haare sind kurz geschnitten. Er setzt sich neben seine Anwältin an einen runden Tisch. "Alles, was ich sagen kann, werde ich sagen", verspricht er. Soko-Chef Arne Schmidt und Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann bieten ihm Wasser und Kaffee an. Der Ton ist freundlich.

So beginnt am 25. Mai 2016 ein Verhör, an dessen Ende das Geständnis eines Jahrhundertmörders stehen wird.

Högel spricht zögerlich mit ruhiger, tiefer Stimme. Er beginnt Sätze, unterbricht sich, überlegt, spricht weiter. "Das zu akzeptieren, dass das also wirklich vielfach, also meistens auf meine Kappe geht", das sei so "weit weg von einem selber".


Im Video: Serienmörder - "Er meinte, er muss Gott spielen"
Niels Högel löschte mehr Menschenleben aus als jeder bekannte Serienemörder in Deutschland. Auch Matthias Corssen wurde sein Opfer, doch er hatte Glück und überlebte. Seine Geschichte erzählt er im Video.

Anfangs räumt der Krankenpfleger nur ein, einigen Patienten auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst, das heute Josef-Hospital heißt, tödlich wirkende Mittel gespritzt zu haben. Er tut das, was er jahrelang getan hat: zugeben, was sich nicht mehr leugnen lässt, alles andere abstreiten. Doch nach und nach bricht er sein Schweigen.

Er erzählt, wie er sich immer wieder in die Zimmer von Patienten geschlichen habe, wenn die anderen Schwestern und Pfleger in der Küche oder im Teeraum gesessen hätten. Seine tödliche Routine: Alarm ausschalten, Herzmittel spritzen und schnell raus, "in eine ganz andere Ecke oder Gegend" der Station. Wenn ein Herz aufhörte zu schlagen und nach 30 Sekunden der Signalalarm wieder ansprang, kam Högel wie zufällig dazu und übernahm die Reanimation. Darin war er gut. Dafür lobten ihn alle, stellten ihn auf ein "Podest", wie er sagt. Es gab ihm ein "gutes Gefühl".

Viele Menschen mussten für sein "gutes Gefühl" sterben. Nicht nur in Delmenhorst. Irgendwann räumt Högel ein, dass er schon in Oldenburg getötet hatte. Dort hatte er in den Städtischen Kliniken gearbeitet, bevor er nach Delmenhorst kam.

An mehr als 30 seiner Opfer kann er sich in der Vernehmung erinnern. An Hero van S. zum Beispiel, der im ersten Nachtdienst starb, nachdem Högels Tochter zur Welt gekommen war. Er habe die "Euphorie" nach der Geburt aufrechterhalten wollen, sagt Högel, diese "Hochstimmung", dieses "Glücklichsein". Dem 84-Jährigen spritzte er das Medikament Gilurytmal, der Wirkstoff Ajmalin führte zu Herzkammerflimmern. Der Kreislauf von Hero van S. kollabierte. Högel versuchte, den schwer kranken Mann zu reanimieren. Ohne Erfolg. Er starb um 1.32 Uhr. Danach fuhr Högel zu seiner Frau und dem Neugeborenen nach Hause.

Es habe ein neues Leben begonnen, und er habe ein Leben beendet, sinniert der Soko-Chef Schmidt. Eine größere Kluft könne es nicht geben. "Natürlich nicht", antwortet Högel. Aber so "tiefgründig" habe er nicht gedacht. Darum sei es ihm auch nicht gegangen.

Die Ermittler vernehmen Högel sechs Tage lang, insgesamt 30 Stunden. Am Ende kommen sie auf eine ungeheuerliche Zahl: 103. So viele Taten glauben sie dem Krankenhausmörder sicher zuordnen zu können. Der Todespfleger aus Niedersachsen löschte demnach mehr Menschenleben aus als jeder bekannte Serienmörder in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Ab Herbst muss sich Högel, heute 41 Jahre alt, vor Gericht verantworten. Damit die Angehörigen seiner vielen Opfer Platz finden, wird nicht in einem Gerichtssaal verhandelt, sondern in den Weser-Ems-Hallen, wo sonst Stars wie Vanessa Mai auftreten. 120 Nebenkläger mit 17 Anwälten haben sich zu dem Prozess angekündigt.

Die Staatsanwälte werfen Högel vor, 97 Menschen heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen getötet zu haben; wegen sechs Taten ist er bereits zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Akten der Ermittler, die Untersuchungen der Mediziner, die Aussagen der Zeugen und die Gutachten zu den Exhumierungen füllen Regalwände. Die Beamten der Soko haben auf 67 Friedhöfen 134 Leichen ausgegraben, sogar in Polen und in der Türkei ließ die Staatsanwaltschaft verstorbene Patienten exhumieren. Rechtsmediziner untersuchten die Überreste der Leichen auf Spuren von Medikamenten, mit denen Högel getötet hatte.

Wer ist dieser Mensch, der fünfeinhalb Jahre lang, von Anfang 2000 bis Mitte 2005, immer und immer wieder tötete? Der selbst vor einem Freund nicht haltmachte und ihn offenbar nach einem Verkehrsunfall beinahe ins Jenseits spritzte?

Sogar in seiner allerletzten Spätschicht tötete Högel wohl noch, dabei hatte ihn eine Schwester zuvor erwischt. Renate R., 67, starb am 24. Juni 2005 um 19.05 Uhr. Ärzte und stellvertretende Pflegedienstleitung hatten Högel diese eine Schicht weiterarbeiten lassen, da er danach ohnehin in Urlaub ging. Sie hatten darauf verzichtet, ihn zu suspendieren, wohl um Aufsehen zu vermeiden.

Es stellen sich also auch Fragen nach der Mitschuld der Krankenhäuser, der Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger. Es gab viele Indizien und Verdachtsmomente. Aber niemand rief die Polizei. Auf den Intensivstationen in Oldenburg und Delmenhorst machten die Kollegen makabre Scherze über den "Todes-Högel", weil immer wieder Patienten starben, wenn er Dienst hatte. Laut einer Zeugin hieß es auf der Station: "Da kommen Niels und sein schwarzer Schatten" oder "Niels und der Sensenmann".

Wegen des Vorwurfs "Totschlag durch Unterlassen" werden sich im Anschluss an den Högel-Prozess zwei Ärzte und zwei leitende Pflegekräfte aus Högels Delmenhorster Zeit vor Gericht verantworten müssen. Zudem wird gegen zwei damals verantwortliche Ärzte und den ehemaligen Geschäftsführer des Klinikums in Oldenburg ermittelt. Die Mordserie des Krankenpflegers wird die Justiz wohl noch Jahre beschäftigen.

Niels Högel kehrt nach seinem Geständnis in seine Zelle auf Station B3 der Justizvollzugsanstalt Oldenburg zurück: 9,9 Quadratmeter, Holzmöbel, Flachbildfernseher, nicht brennbarer Vorhang, separates WC.

Die grüne Stahltür öffnet sich jeden Morgen um sechs Uhr zur "Lebendkontrolle". Högel muss sich durch Rufen oder Winken bemerkbar machen, damit die Vollzugsbeamten wissen, dass er lebt. Duschen, Frühstück, Arbeiten in der Werkstatt, eine Stunde Hofgang. Um 20 Uhr schließt sich die Stahltür wieder hinter dem Häftling. Das ist der Tagesablauf.

An den Alltag hinter Gittern gewöhnte sich der Krankenpfleger, der inzwischen seit neun Jahren im Gefängnis sitzt, rasch. Er besuchte einen "Naikan"-Kurs, eine japanische Meditationsform zur Selbsterkenntnis, belegte vier Seminare in Musikmeditation und zwei Schriftsteller-Lehrgänge.

Immer wieder aufs Neue: den Schlauch zum Intubieren durch Mund und Kehlkopf bis mitten in die Luftröhre einführen. Defibrillator aufsetzen. Stromschlag. Wumm.

Ex-Gefangene erzählen, Högel sei beliebt unter den Häftlingen. "Wir haben uns kennen- und schätzen gelernt", sagt Lars T. Er hatte wie Högel Krankenpfleger gelernt und saß in Oldenburg eine Strafe wegen Internetbetrug ab. T., inzwischen aus der Haft entlassen, ist so etwas wie Högels inoffizieller Sprecher. Er besucht ihn im Gefängnis und telefoniert mit ihm. Högel sei durchaus bereit, "sich zu öffnen und mit Journalisten zu sprechen", sagt T., aber erst nach dem Mordprozess.

Anfangs saß Högel nur wegen einer Tat im Gefängnis, der aus jener Nacht, als ihn seine Kollegin auf frischer Tat erwischte. Dieter M., 63, wurde reanimiert und verstarb erst am Folgetag. Högel wurde 2008 wegen "versuchten Mordes" verurteilt und musste für siebeneinhalb Jahre ins Gefängnis. Dabei war längst klar: Das konnte nicht alles gewesen sein. Angehörige anderer Opfer forderten weitere Ermittlungen.

Doch es sollte noch Jahre dauern, bis der Pfleger erneut vor Gericht stand. Wegen zweifachen Mordes, zweifachen versuchten Mordes sowie gefährlicher Körperverletzung verurteilte ihn das Landgericht Oldenburg im Februar 2015 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe und stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Ein höheres Strafmaß gibt es nicht.

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Um Strafe geht es jetzt eigentlich nicht mehr. "Wir haben eine Verantwortung gegenüber jedem einzelnen Opfer", sagt Arne Schmidt, der Leiter der Soko "Kardio", die inzwischen aufgelöst wurde. Selbst wenn es für Angehörige schwer sei, nach zehn Jahren von der Polizei zu hören, dass ein enger Verwandter mutmaßlich ermordet worden sei und Gräber hätten geöffnet werden müssen. "Es hilft nichts", sagt Schmidt. "Es geht um die Ermordeten selbst. Sie verdienen Gerechtigkeit."

Niels Högel bestritt die Taten über Jahre und schwieg vor Gericht. Erst gegen Ende des zweiten Prozesses, Anfang 2015, gestand er dem Gerichtsgutachter Konstantin Karyofilis, häufiger getötet zu haben, als ihm vorgeworfen wurde. Högel räumte zunächst rund 30 Todesfälle auf der Intensivstation in Delmenhorst ein, bei denen er nachgeholfen hatte. Als Karyofilis dem Gericht diese Nachricht mitteilte, war das eine Sensation. Die Ermittlungen standen wieder ganz am Anfang.

Die Reanimationen hätten dem Pfleger einen "Kick" gegeben, weil er sie so gut beherrschte. Die Menschen hinter den Patienten, die auf der Intensivstation an Schläuchen und Geräten hingen, habe der Angeklagte dabei aus dem Blick verloren, trug Karyofilis im Gerichtssaal vor.

Wie man jetzt weiß, erzählte Högel auch dem Gerichtspsychiater nur die halbe Wahrheit. In krakeliger Handschrift verfasste er im Gefängnis einen Brief an Karyofilis. Ihm sei "klar geworden, dass ich die ganze Zeit über mit einer Riesenlüge gelebt habe", notierte Högel im Juli 2016. "Ich schäme mich sehr." Es falle ihm immer schwerer, "mit dieser Last" umzugehen. "Ich versuche jeden Tag, jeden Abend, mir Erinnerungen hervorzurufen, aber es gelingt mir nicht. Am schlimmsten sind die Träume. Alle erwarten Aufklärung von mir, ich erwarte es ja auch von mir selbst."

Högel klagt: "Die Menschen denken, ich halte aus taktischen Gründen alles zurück." Und: "Es tut mir sehr weh, wenn ich lesen muss, ich wäre ein Lügner." An die Taten im Klinikum Oldenburg habe er wirklich keine Erinnerung gehabt. "Die Zeit aus Oldenburg war einfach nicht da." Ob Karyofilis ihm nicht helfen könne, sich zu erinnern.

Vielleicht verrät dieser Brief mehr über Högel, als der Verfasser beabsichtigt. Während draußen das Entsetzen groß ist, weil immer mehr Taten bekannt werden, sorgt sich der Serienmörder im Gefängnis darum, er könne für einen Lügner gehalten werden. Mitgefühl für die Opfer und deren Familien äußert er nicht.

Wer in Wilhelmshaven nach Niels Högel fragt, hört Geschichten über einen netten Jungen. "Es ist mir unbegreiflich, wie aus diesem unkomplizierten Schüler ein Mörder werden konnte", sagt Högels ehemaliger Lehrer Atto Ide. Sechs Jahre lang begleitete Ide den Jungen auf der IGS Wilhelmshaven, einer der ersten Integrierten Gesamtschulen Niedersachsens.

Högels Eltern hatten sich für das besondere pädagogische Konzept entschieden: ein individueller Lernweg, der sich nach der Entwicklung des einzelnen Schülers richtet. Bis zum Ende der achten Klasse erhielten die Schüler damals Lernentwicklungsberichte, erst dann Zeugnisse mit Zensuren. Der Lehrer erinnert sich genau an den schlanken und sportlichen Jungen, der mit seinem dunklen, lockigen Haar "irgendwie niedlich" aussah, "ganz anders, als er sich vor Gericht darstellte".

Niels sei weder Außenseiter noch Einzelgänger gewesen, habe "immer einen flotten Spruch auf den Lippen" gehabt, erinnert sich der Lehrer. "Ich hätte erwartet, dass jemand, dem Menschenleben nichts wert zu sein scheinen, in der Schule ein auffälliges Kind gewesen sein müsste. Niels war das nicht. Ganz und gar nicht." Eine Mitschülerin erinnert sich an den "liebenswerten, lustigen Kerl", der durch seine dunklen, buschigen Augenbrauen aus der Masse der Jungen herausstach. "Einige Mädchen waren in Niels verliebt", auch sie habe eine Zeit lang für ihn geschwärmt.

Eine Geltungssucht, die ihn zu der Mordserie getrieben haben soll, sei damals nicht zu erkennen gewesen, sagt Wilfried Sippel, der von der Fünften bis zur Zehnten Högels Klassenlehrer war. "Der Junge war gut integriert und anerkannt, Jungs wie Mädchen mochten ihn." Ein "angenehm unauffälliger Typ" sei er gewesen. Högels Eltern - der Vater Krankenpfleger, die Mutter Rechtsanwaltsgehilfin - habe er als sehr sympathisch wahrgenommen, sagt der Lehrer, "ich hatte den Eindruck, bei Högels herrsche ein vernünftiges, harmonisches Familienverhältnis".

Nach dem Realschulabschluss folgte Högel dem Vorbild des Vaters, wurde ebenfalls Krankenpfleger. Beim WSC Frisia spielte Högel Fußball, im Mittelfeld und im Sturm. Er "war lustig", heißt es überall. Er habe Bier getrunken und eine Freundin gehabt. "Ganz normal halt, ein nettes Paar", sagt einer.

Wenn man Freunde, Mitschüler und Lehrer reden hört, deutete nichts darauf hin, dass aus dem netten Niels ein Mörder werden könnte. Es führt kein Weg von dem Högel davor zu dem Högel danach.

Seinen ersten Mord beging der Krankenpfleger laut den Ermittlungen am 7. Februar 2000, ein halbes Jahr nach seinem Arbeitsantritt in den Städtischen Kliniken Oldenburg. Zuerst verabreichte Högel seiner Patientin eine Spritze mit dem Wirkstoff Lidocain, dann reanimierte er sie. Anderthalb Stunden später starb Elisabeth S., eine herzkranke Frau von 77 Jahren, auf der herzchirurgischen Intensivstation.

Florian Bayer/ DER SPIEGEL

Die Station ist mit Türen aus Milchglas verschlossen, Besucher müssen auf einen Klingelknopf drücken. Man geht durch einen Vorraum, dann einen Gang an der Zentrale der Station vorbei, bis man in einen langen, schmalen Raum gelangt.

Hier finden beim Schichtwechsel die Übergaben statt, hier saß Niels Högel mit seinen Kollegen zusammen. Schwestern und Pfleger berichten von ihren Patienten. Högel sagte oft wenig zu den Kranken, für die er verantwortlich war. "Bett eins - alles okay", "Bett zwei - ruhige Nacht". Die Patienten, erzählen ehemalige Kollegen, hätten Högel nicht besonders interessiert.

Zunächst merkte niemand, dass Högel nachgeholfen hatte, bevor er Patienten gekonnt ins Leben zurückholte. Immer wieder aufs Neue: den Schlauch zum Intubieren durch Mund und Kehlkopf bis mitten in die Luftröhre einführen, Defibrillator aufsetzen. Stromschlag. Wumm. Noch ein Stromschlag. Wumm. Irgendwann schlägt das Herz dann wieder im Takt - oder eben nicht.

Für einen Körper ist jede Reanimation eine Qual, ein letzter brutaler Akt, ihn ins Diesseits zurückzuholen, wenn das Leben bereits aufgegeben hat.

Wenn jemand in Oldenburg in den Krankenakten der Toten nach Auffälligkeiten gesucht hätte, wären ihm vielleicht die vielen merkwürdigen Kaliumwerte aufgefallen. Auf der Hightech-Intensivstation für Herzpatienten wurden die Blutwerte fortlaufend gemessen und dokumentiert. Wohldosiert lässt Kalium das Herz im Rhythmus schlagen. Eine Überdosis kann zu einem Herzstillstand führen. Högel manipulierte den Kaliumspiegel.

Einige Patienten der Kardio-Intensivstation reanimierte er laut den Ermittlungen der Polizei nicht nur einmal, sondern mehrmals. Bei der Herzpatientin Ursula J. löste er am 28. Februar 2001 einen Kollaps aus, um sie danach wiederzubeleben. Am 2. März wiederholte der Pfleger die Tortur. Als Högel Anfang März 2001 ein weiteres Mal an ihr Bett kam, spritzte er ihr Gilurytmal. Den folgenden Kreislaufzusammenbruch überlebte sie trotz Wiederbelebungsversuch nicht mehr. In der exhumierten Leiche fanden sich Rückstände des Wirkstoffs Ajmalin.

Mehrere Kollegen schöpften Verdacht. Eine Mitarbeiterin der Intensivstation sagte der Polizei, sie habe in einer Nacht, als sechs Patienten zu reanimieren gewesen seien, Högel mit einer Spritze in der Hand am Bett eines Patienten getroffen. Auf die Frage, welches Medikament er verabreichen wolle, habe er geantwortet: "Xylocain." Ein Mittel, mit dem er laut Anklage immer wieder tötete.

Eine Krankenschwester, mit der Högel kurzzeitig liiert war, sagte der Polizei, sie habe ihn nach zwei Vorfällen gefragt, ob er irgendetwas gemacht habe. Sie habe ein ungutes Gefühl gehabt und Högel gebeten, von ihren Patienten wegzubleiben.

Die Aussagen der Klinikmitarbeiter in Oldenburg gleichen denen aus Delmenhorst, wo Högel im Anschluss weitermordete. Viele tuschelten, niemand zeigte ihn an. Warum? Högel selbst formuliert es in seiner Befragung so: "Weil dieser Tatvorwurf oder dieses Geschehen so überdimensional ist, so unglaublich, dass keiner das irgendwie denken wollte."

Der Chefarzt der kardiologischen Intensivstation ließ von dem damaligen Stationsleiter eine Strichliste anfertigen: wer Dienst hatte, wenn Menschen reanimiert wurden. Bei den meisten Mitarbeitern fanden sich ein, zwei oder drei Striche. Zwei Mitarbeiter waren bei neun Wiederbelebungen dabei. Niels Högel: 18 Striche.

Als die Ermittler den Chefarzt auf die Liste ansprachen, sagte er, es habe plausible Erklärungen für Högels Anwesenheit gegeben und keine Hinweise, dass er Patienten bewusst schädige. Laut einer Zeugenaussage soll der Chefarzt aber alle Oberärzte auf Högel aufmerksam gemacht haben: Man solle ein Auge auf ihn haben. Auch die Pflegedienstleiterin und der Stationsleiter seien angesprochen worden.

Dokumente belegen, dass die damalige Führungsspitze des Oldenburger Klinikums sich intensiv mit dem Verdacht gegen Högel befasst hat. In einem Vermerk hielt Högels Stationsleiter fest: Er habe mit der Geschäftsleitung, dem Personalchef, dem Chefarzt der Station sowie der Pflegedienstleitung darüber beraten, die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Die Runde sei jedoch zu dem Schluss gekommen, dass Beweise fehlten. "Die Gefährdung der Abteilung, ja des gesamten Klinikums ist nicht zu akzeptieren aufgrund von Verdachtsmomenten und vielen Zufällen", notierte der Stationsleiter.

Auch der Betriebsrat befasste sich mit dem Verdacht. Eine Besprechung mit dem damaligen Klinik-Geschäftsführer hatte den Vorwurf zum Thema, Högel führe Notfälle vorsätzlich oder fahrlässig herbei. Der Betriebsrat wandte ein, dass dies auch versehentlich passiert sein könne. Laut dem Vermerk antwortete der Klinikchef: Das halte er für nahezu ausgeschlossen.

Zudem fielen der Klinik hohe Kaliumwerte bei Patienten auf. Zeugen berichten von einer eigens anberaumten Abteilungssitzung mit dem Chefarzt. Die Ursache blieb aber ungeklärt. Högel konnte sich in seiner Vernehmung an das Treffen erinnern. Er habe damals gedacht: "Die Luft wird dünn. Die kommen mir langsam auf die Schliche."

Die Intensivstation zählte mehr als 20 Reanimationen an einem einzigen Wochenende im September 2001. Schließlich musste Högel in die Anästhesie wechseln, wo er weniger anrichten konnte. Als es dort bei einem Patienten zu einem Herzstillstand kam, holte er zwei Lernschwestern dazu, um ihnen zu zeigen, was er draufhatte. Der Chef der Abteilung drohte dem Pfleger in einem Personalgespräch, nur noch abseits der Patienten eingesetzt zu werden. Wahlweise könne er bei vollem Gehalt zu Hause bleiben, wenn er zum Ende des Jahres kündige.

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Högel wählte die Kündigung. Zu diesem Zeitpunkt, so glaubt die Staatsanwaltschaft, hatte er 35 Morde begangen. Die Klinik, in der viele mindestens eine böse Ahnung hatten, schrieb ihm noch ein gutes Zeugnis. Von der Todesliste und den Verdachtsmomenten sollte die Polizei erst mehr als zehn Jahre später erfahren.

Moralisch trage das Klinikum die "größere Verantwortung", sagt der Oldenburger Polizeipräsident Johann Kühme, "weil die Verantwortlichen die Morde in Delmenhorst hätten verhindern können".

Ein Krankenhaus, insbesondere eine Intensivstation, ist eine Umgebung, die das Morden erleichtert - und die Aufklärung erschwert: Patienten und Kollegen begegnen dem Mörder arglos und vertrauensvoll, tödliche Medikamente sind in der Regel leicht verfügbar. Trotzdem können Kliniken viel tun. Durch etliche Schutzmaßnahmen, sagt die Expertin Beatrice Yorker von der California State University in Los Angeles, ließe sich die Zahl der Serienmorde in Gesundheitseinrichtungen senken. Die Krankenhäuser könnten zum Beispiel penibel kontrollieren, wie viele Packungen welcher Medikamente an wen ausgegeben werden.

Auf der Intensivstation in Delmenhorst, wo Högel im Dezember 2002 seinen Dienst begann, waren die Kontrollen besonders lax. Niemand reagierte, als plötzlich viel mehr Menschen starben. Es dauerte wohl nur wenige Tage, bis Högel wieder gemordet haben soll. Schon eine Woche nach seinem Dienstantritt kam ein Patient zu Tode - nachdem Högel ihn reanimiert hatte.

Die Intensivstation liegt im ersten Stock, 14 Betten in neun Zimmern. Die Kollegen wunderten sich, dass der ehrgeizige Pfleger hier arbeiten wollte. Högel fügte sich in Delmenhorst gut ein, er war beliebt, vor allem bei den Ärzten. "Es hat Spaß gemacht, mit ihm zusammenzuarbeiten", sagt ein damaliger Assistenzarzt. Medizinisch kompetent sei Niels Högel gewesen und meistens guter Laune. "Er kannte jedes Gerät in- und auswendig. Alles klappte bei ihm wie am Schnürchen, ohne Diskussionen."

Nur zwei Dinge seien an ihm negativ aufgefallen: "Die Patienten hat er nicht wirklich als Menschen wahrgenommen, sie waren fast wie Gegenstände für ihn", erinnert sich der damalige Assistenzarzt. Einen dicken Patienten nannte er "Wal". Die Kranken waschen, ihnen den Mund befeuchten, das beschränkte er aufs Nötigste. "Und er war geradezu süchtig danach zu reanimieren."

Auf der Intensivstation stehen zwei hellblaue Reanimationswagen, einer rechts, einer links vor den Patientenzimmern. Daneben auf fahrbaren Edelstahltischen die Defibrillatoren. Högel benutzte die Apparate oft und gern. Mit Vorliebe arbeitete er nachts. Wenn sie zur Frühschicht kam und leere Betten auf dem Flur standen, dachte die stellvertretende Stationsleiterin laut ihrer Zeugenaussage: "Oh, was ist jetzt passiert, ist Niels wieder da?"

Irgendwann sei jedes Mal, jeden Tag jemand gestorben, den Högel versorgt hatte. Dass der Kollege Menschen umbringt - dieser Verdacht sei von Anfang an da gewesen. Eine Intensivschwester bat ihre Kollegen, Högel nicht zu ihren Patienten zu lassen. "Nicht, dass sie morgen nicht mehr da sind."

Im Dezember 2004 wurde der Pfleger beinahe erwischt. Marga G., 56, erlitt einen Herzstillstand, musste reanimiert werden. Die Frau überlebte. Einem Arzt berichtete sie, dass ein Pfleger ihr eine Spritze gegeben habe. Daraufhin sei es ihr schlecht gegangen. Sogar "krüdelige" Ohren waren der Frau aufgefallen; Högel hat ein auffälliges Ohr. Der Pfleger sei dann noch mal bei ihr gewesen und habe gesagt, er dürfe so etwas gar nicht tun, da er dafür ins Gefängnis komme.

Schon damals hat Marga G. nach ihrer Aussage einem Arzt diesen Vorfall mitgeteilt. Er ist einer der beiden nun angeklagten Mediziner.

Die Sterberate stieg mit Högels Dienstbeginn rapide an. Zuvor verstarben pro Jahr durchschnittlich 84 Patienten auf der Station. In den Jahren 2003 und 2004 gab es 177 und 170 Todesfälle. Mehr als doppelt so viele Tote - und niemand stellte Fragen. Wie konnte das sein? Auch der hohe Verbrauch des selten eingesetzten Medikaments Gilurytmal machte niemanden stutzig. Die Leitung stufte vielmehr die Anforderungen für die Bestellung in der Krankenhausapotheke am 13. April 2004 herunter. Das machte es Högel noch leichter.

"In jedem Krankenhaus wird es für unmöglich gehalten, dass ein Pfleger oder ein Arzt tötet", sagt Karl Beine, Psychiatrieprofessor an der Universität Witten/Herdecke, der sich viel mit Patiententötungen befasst hat. "So etwas sieht man im Fernsehen oder liest es in der Zeitung. Aber es passiert nicht im eigenen Krankenhaus."

Kliniken seien Schutzräume, sagt Beine. "Wir treffen dort auf Berufsgruppen, von denen wir überhaupt nicht erwarten, dass sie so etwas tun. Das macht uns arglos." Zudem sähen die Mordvorgänge aus wie normale medizinische Handlungen, das mache sie schwer erkennbar. So schleiche sich mitunter über Monate und Jahre eine Atmosphäre ein, "in der das Unglaublichste normal ist". Ein häufiges Phänomen bei Tötungsserien sei zudem, "dass alle beobachten, sich austauschen, nach oben weitergeben - und dann versickert es".

So war es auch in Delmenhorst. Schwestern und Pfleger sprachen über Högel und die vielen Todesfälle. Aber niemand sprach ihn offenbar auf den ungeheuerlichen Verdacht an.

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Wie viele Taten Högel wirklich begangen hat, wird sich niemals aufklären lassen. Die Ermittler der Soko "Kardio" identifizierten insgesamt 322 potenzielle Opfer in den beiden Krankenhäusern. Die Leichen von mehr als hundert Patienten wurden feuerbestattet. Das macht eine nachträgliche Untersuchung auf Medikamentenrückstände unmöglich. Insgesamt habe Högel wohl "zwischen 200 und 300 Menschen getötet", vermutet ein Experte, der mit dem Fall betraut war. Viele Opfer seien bei der Reanimation so geschwächt gewesen, "dass der Krankenpfleger wusste, sie würden niemals überleben".

Und wenn sie es doch schafften, versuchte es Högel manchmal erneut. "Mein Großvater war bereits einmal von Högel reanimiert worden", sagt Christian Marbach, "er hatte große Angst vor ihm. Niemand hat das damals ernst genommen." Am 22. September 2003, gegen zwei Uhr in der Nacht, kam der Mörder noch einmal. Högel habe seinen Großvater "systematisch totgequält", sagt Marbach, der sich als Sprecher einer Opferinitiative engagiert.

Ging es dem Pfleger wirklich um den Erfolg als Lebensretter? Oder verspürte er einen perversen "Kick" des Tötens?

Vor einem OP-Saal fand eine folgenschwere Besprechung statt. Högel sollte noch eine letzte Schicht weiterarbeiten.

Manchmal, sagte Högel in seiner langen Vernehmung, wenn jemand von draußen mit Notarztbegleitung auf die Intensivstation gekommen und die Situation lebensbedrohlich gewesen sei, habe er gedacht, "das fällt garantiert sowieso nicht auf". Da könne "man halt noch mal manipulieren".

Soko-Chef Schmidt: "Also Sie haben das Risiko in Kauf genommen, dass Ihre Reanimation nicht erfolgreich sein wird?"

Högel: "Genau. Am Anfang war es ja noch so, dass ich alles beherrschen wollte. Aber nachher habe ich es hingenommen, weil es dann so war."

Er habe immer die Vorstellung gehabt, sagt Högel, "das ist ein anderes Morden, ein Töten im Krankenhaus ist nicht so schlimm".

Im Mai 2005 fand der Krankenpfleger Michael F. zwei leere Ampullen Gilurytmal im Zimmer eines verstorbenen Patienten. Um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen, holte er sie vorsichtig mit einer Zange aus dem Abwurfbehälter und steckte sie in ein Tütchen, wie in einem Kriminalfilm.

"Jetzt wissen wir, was er nimmt", erzählte man sich daraufhin auf der Station. Michael F. überreichte die Ampullen der stellvertretenden Stationsleiterin Astrid W. "Zeitnah" habe sie das Tütchen an ihren Vorgesetzten weitergegeben, sagt die Krankenschwester. Das sei allerdings noch kein Beweis, habe man ihr bedeutet.

Stationsleiter Dirk F. war laut Dienstplänen im Urlaub. Es dauerte 13 Tage, bis die Nachricht bei ihm ankam. Auf der Intensivstation ging unterdessen das Sterben weiter: Die 76-jährige Irmgard P. starb am 22. Mai. Walter M., 67, folgte drei Tage später. Und am 1. Juni, ein Tag vor seinem Geburtstag, der 81-jährige Josef Z.

So wäre es wohl weitergegangen. Doch dann kam der 22. Juni 2005. Um 14 Uhr betrat eine Intensivschwester das Krankenzimmer des Patienten Dieter M., da stand Högel am Bett. Er hatte dem Mann gerade eine Spritze gegeben, einen Perfusor für die Medikamentenzufuhr auf null gestellt, den Alarm deaktiviert. Die Kollegin sah sofort, dass etwas nicht stimmte.

Ein Assistenzarzt konnte den 63-Jährigen reanimieren. Dieter M. starb am Folgetag. Es war nicht mehr feststellbar, ob der Tod auf Högels Manipulation zurückging oder auf sein Krebsleiden.

Erneut entdeckte ein Kollege leere Gilurytmal-Ampullen. Die Krankenschwester alarmierte die Stationsleitung. Eine Blutprobe des Patienten wurde ins Labor geschickt. Am nächsten Morgen informierte die Stationsleitung die beiden verantwortlichen Oberärzte über den Vorfall und den schweren Verdacht. Man vereinbarte, zunächst das Blutergebnis abzuwarten.

Am frühen Nachmittag des 24. Juni fand vor einem OP-Saal in der Delmenhorster Klinik eine folgenschwere Besprechung statt. In der sogenannten Gyn-Schleuse, wo sich die Mediziner desinfizieren und Operationskleidung anlegen, trafen sich die beiden Oberärzte und die inzwischen verstorbene stellvertretende Pflegedienstleiterin. Auch die Chefärztin war anwesend.

Inzwischen lag das Blutergebnis von Dieter M. vor: Gilurytmal positiv. Högel hatte dem Patienten ohne medizinischen Grund ein gefährliches Herzmittel gespritzt und die Geräte manipuliert.

Oberarzt K. soll in der Besprechung jedoch vor Verdachtsäußerungen und Mobbing gewarnt haben. Laut Anklage verabredete die Runde, den Kreis der Informierten klein zu halten. Da Högel am Tag darauf ohnehin in Urlaub gehen würde, sollte er noch eine letzte Schicht weiterarbeiten. So geschah es. Und so musste laut Staatsanwaltschaft auch die 67-jährige Rentnerin Renate R. noch sterben.

Renate R. sei wegen eines Oberschenkelhalsbruchs operiert worden, nachdem sie zu Hause über eine Blumenvase gestolpert sei, sagt ihr Sohn Jürgen R. Dem Gebäudemanager fällt es schwer, über den Tod seiner Mutter zu sprechen.

Ruhig sitzt er da, ein Mann Ende fünfzig, mit hochrotem Kopf und kräftigen Händen. Dann bricht es plötzlich aus ihm heraus. Wie er damals nach dem Tod seiner Mutter den Job verloren und seinen Kummer in Alkohol ertränkt habe, wie sehr sein Sohn gelitten habe, der seine Großmutter geliebt habe. Während er erzählt, kriecht die Wut in ihm hoch. Auf Högel und auf die Mitarbeiter im Krankenhaus.

"Dann macht der meine Mutter tot, und die erzählen mir, sie sei an Lungenembolie gestorben!", sagt Jürgen R. und ist außer sich. "Was sind das für Menschen? Meine Mutter könnte noch leben, wenn die den Högel in Delmenhorst nicht so lange gedeckt hätten!"

Jürgen R. will als Nebenkläger zum Prozess gegen die Beschuldigten des Delmenhorster Krankenhauses gehen. "Ich kann meine Mutter zwar nicht wiederholen", sagt er, "aber ich will, dass die Verantwortlichen bestraft werden. Alle."

Im Juli 2005 wurde Högel wegen versuchten Mordes an Dieter M. vorübergehend festgenommen. Matthias Corssen glaubte damals noch an Högels Unschuld. Er hatte den Krankenpfleger bei Einsätzen als Rettungssanitäter in Ganderkesee kennengelernt, wo Högel nebenbei gejobbt hatte.

Während des ersten Prozesses nahm sich der Fluggerätebauer Corssen hin und wieder bei Airbus frei, um an den Verhandlungen teilzunehmen. Nach dem Urteil - fünf Jahre Haft - ging Högel in Revision und wurde aus dem Gefängnis entlassen. Corssen nahm ihn bei sich auf.

Corssen erinnert sich gut daran, wie Högel abends im Dunkeln in seinem Wohnzimmer saß und James Blunt hörte: "You're beautiful". Dabei habe er eine Zigarette nach der anderen geraucht. "Ihm fehlten seine Familie und seine Tochter, jammerte er damals", erzählt Corssen. Während des Gerichtsverfahrens hatte sich Högels Frau von ihm getrennt. Mit ihm über die Tat zu reden sei unmöglich gewesen, das habe er sofort abgeblockt und beteuert: An den Anschuldigungen sei nichts dran.

Dass Corssen sich dem Krankenpfleger so verbunden fühlte, lag vielleicht auch daran, dass Högel ihm das Leben gerettet hatte - jedenfalls glaubte Corssen das damals.

In Ganderkesee hatte Corssen im Juni 2004 mit seinem Kleinwagen einen schweren Zusammenstoß. Högel saß im Krankenwagen, der zum Unfallort eilte. "Du kannst von Glück sagen, dass wir vor Ort waren", soll Högel nachher gesagt haben, "und nicht irgendwelche Amateure."

Corssen, der am Kopf verletzt war, bekam plötzlich panische Atemnot und verlor das Bewusstsein. Högel intubierte ihn, bevor ein Rettungshubschrauber ihn in die Klinik nach Oldenburg flog, wo es ihm bald wieder besser ging. In dieser Zeit kümmerte sich Högel rührend um den Freund, besuchte ihn im Krankenhaus, brachte Schokolade mit.

Das verbindet, dachte Corssen später. Es war klar, dass er Högel nicht im Stich lassen würde. Weil der Pfleger keinen Job hatte, lieh er ihm 160 Euro und organisierte einen Vorstellungstermin als Nachtportier in einem Delmenhorster Hotel. Doch Högel ging nicht hin. "Er fuhr zur Tankstelle, kaufte sich eine Flasche Wodka mit Cola und ließ sich auf einem Feldweg volllaufen", erinnert sich Corssen. Es kam zum Streit. Högel musste ausziehen.

Schließlich fuhr Corssen seinen Freund nach Wilhelmshaven, wo er bei seinen Eltern wohnen wollte. Unterwegs pumpte Högel ihn noch einmal an. Diesmal 120 Euro. "Er bat mich, kurz anzuhalten, und kaufte sich einen Funkscanner, um den Polizeifunk abzuhören."

Bis Mai 2009 lebte Högel bei seinen Eltern, arbeitete über eine Zeitarbeitsfirma im Altenheim, schließlich wurde ein zweites Urteil rechtskräftig. Högel musste ins Gefängnis.

Jahre später rief ein Kripobeamter Corssen an und erzählte, dass er wohl auch zu den Opfern des Serienmörders gehöre. Die Soko "Kardio" hatte tausend verdächtige Krankenwageneinsätze von Högel untersucht und war auf Auffälligkeiten gestoßen. Patienten kamen ohne ersichtlichen Grund intubiert in den Notaufnahmen an, wo es ihnen schon bald besser ging.

Im Fall Corssen stellte ein medizinisches Gutachten fest, der plötzliche Zustand mit "Atemstillstand und Bewusstlosigkeit" sei mit dem Verletzungsbild nicht vereinbar. "Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" sei Corssens Kollaps durch die "nicht indizierte Gabe eines Muskelrelaxanz zu erklären".

Von Amts wegen erstattete die Polizei Strafanzeige gegen Högel wegen "versuchten Mordes". Weil der Todespfleger Corssen erfolgreich reanimierte, ist er laut Staatsanwaltschaft von der Tötungsabsicht zurückgetreten. Deshalb gehe es nur um den Tatbestand der "gefährlichen Körperverletzung". Die ist verjährt.

Nur nicht für Corssen: "Zuerst sagten alle, da hast du ja Glück gehabt", sagt er, "und ich glaubte das auch." Doch irgendwann seien immer wieder diese Panikattacken gekommen, wenn er die Sirene eines Notarztwagens gehört habe. Corssen durchlebte eine schwere psychische Krise, begab sich in Behandlung. "Nichts ist mehr so, wie es mal war", sagt er. Neulich hat er sich eine Platzwunde am Kopf nähen lassen, ohne Betäubung, weil er keine Spritzen mehr ertragen kann.



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