AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2018

Olympionikin sucht leibliche Eltern Mama, erkennst du mich?

Lee Mee Hyun wurde als Kleinkind von Amerikanern adoptiert. Nun tritt sie in ihrem Geburtsland bei Olympia an - und hofft, ihre leiblichen Eltern zu finden.

Olympiateilnehmerin Lee
Hauke-Christian Dittrich / DER SPIEGEL

Olympiateilnehmerin Lee

Von Thilo Neumann


Der Weg zu den eigenen Wurzeln misst für Lee Mee Hyun 617 Meter. So lang ist der olympische Slopestyle-Parcours von Pyeongchang, eine Hindernisabfahrt für Skifahrer mit waghalsigen Sprüngen. Diesen Samstag wird Lee, 23, dort am Start stehen, auf ihrer Jacke die südkoreanische Flagge. Auf ihren Ski wird sie über Metallgeländer balancieren und akrobatische Übungen in der Luft zeigen. TV-Kameras werden ihr Gesicht einfangen und filmen, wie sie das Urteil der Preisrichter erwartet.

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Heft 8/2018
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Es könnte der Moment sein, der Lee Mee Hyuns Leben für immer verändern wird, unabhängig von der Punktzahl, die ihr zugesprochen wird. Es könnte der Moment sein, in dem zwei Menschen, vor einem Fernseher irgendwo in Südkorea, die Augen, die Nase, das Lächeln dieser Frau wiedererkennen werden, als Teil ihrer selbst: Lees Eltern.

Mehr als 20 Jahre lang hat die Sportlerin die beiden nicht mehr gesehen, nun soll Olympia dabei helfen, Vater, Mutter und Tochter Lee wieder zusammenzuführen. "Diese Bühne bedeutet eine große Chance für mich", sagt sie.

Lee Mee Hyun, eine zierliche Frau mit Sidecut-Frisur und kindlichem Lachen, ist ein Adoptivkind. Eine Familie im US-Bundesstaat Pennsylvania nahm das Mädchen aus Jinju auf, als es ein Jahr alt war; fortan hörte Lee Mee Hyun auf den Namen Jacqueline Gloria Kling.

Wie ihr ging es vielen anderen. Ab Mitte der Fünfzigerjahre wurden über 200.000 südkoreanische Kinder ins Ausland adoptiert, über die Hälfte von ihnen in die USA. Der Koreakrieg hatte viele Jungen und Mädchen zu Waisen gemacht, ihr Schicksal erregte die Aufmerksamkeit der westlichen Welt. Harry Holt, ein Farmer aus Oregon, holte 1955 acht koreanische Waisenkinder zu sich, es ist der erste bekannte Fall. Für Holt wurden eigens amerikanische Gesetze geändert. Es begann ein Exodus, der jedes Jahr Tausende ins Ausland brachte, auch noch lange nach dem Koreakrieg.

Unverheiratete und partnerlose Mütter entgingen durch die Freigabe ihrer Kinder zur Adoption der gesellschaftlichen Ausgrenzung, andere sahen sich aus finanziellen Gründen gezwungen, sich von ihrem Nachwuchs zu trennen. Agenturen übernahmen die Vermittlung der Kinder, die Entwurzelung und Weitergabe von jungen Koreanern wurde zum Geschäftsmodell.

Aus welchem Grund sich Lee Mee Hyuns Eltern von ihrer Tochter trennten, weiß die Freestyle-Skifahrerin nicht. Aus den Dokumenten ihrer Adoptiveltern erfuhr sie nur wenig, ihren Geburtsnamen etwa, den Namen ihrer Mutter, ihre Krankenakte kurz vor der Adoption.

"Ich war wohl zwölf Jahre alt, als ich nach den Unterlagen gefragt habe", sagt Lee diese Woche im Athletendorf von Pyeongchang, eingehüllt in einen dicken weißen Parka mit "Team Korea"-Aufdruck. Sie sei neugierig gewesen, habe stetig mehr über ihre Ursprünge erfahren wollen, 11.000 Kilometer weit weg von dem Ort ihrer Kindheit, den Bergen von Pennsylvania. Dort stand Lee zum ersten Mal auf einer Schneepiste, ihr Adoptivvater war Skilehrer, das Mädchen talentiert. Vor allem das spektakuläre Freestyle-Fahren gefiel ihr, sie entwickelte sich zu einer ambitionierten Nachwuchssportlerin.

Die Leistungen von Jackie Kling, wie sie sich nun nannte, wurden auch vom südkoreanischen Skiverband KSA registriert. Noch im Jugendalter sei sie erstmals von einem KSA-Mitarbeiter angeschrieben worden: Willst du für uns fahren? Lee ließ die Antwort offen. Der Verband aber zeigte sich hartnäckig: Etwa einmal pro Jahr habe sie eine neue Nachricht aus Südkorea erhalten.

2014, Lee hatte die Highschool in den USA beendet, stand vor einer ungewissen Zukunft, kam das Angebot der KSA: finanzielle Sicherheit und die Chance auf die Olympischen Winterspiele in Südkorea. Lee sagte zu. Wenig später fuhr sie bereits die Skipisten von Bokwang hinab, dort, wo dieser Tage die olympischen Freestyle-Wettkämpfe stattfinden.

Ihre Rückkehr nach Südkorea sei vor allem sportlich motiviert gewesen, erzählt Lee. Doch in ihrem Geburtsland intensivierte sie auch die Suche nach ihren leiblichen Eltern. Sie kontaktierte die Agentur, die ihre Adoption Mitte der Neunzigerjahre abgewickelt hatte. Ohne Erfolg. "Man sagte mir, der Herr, der damals meinen Fall verwaltet hatte, sei verstorben", sagt Lee, andere Mitarbeiter hätten ihr nicht weiterhelfen können. Die Brücke in die Vergangenheit schien unwiderruflich gekappt.

Auch ohne Wissen über die eigenen Vorfahren näherte sich die junge Frau langsam ihren Ursprüngen an. Ende 2015 wurde aus der Amerikanerin Jacqueline Kling wieder die Südkoreanerin Lee Mee Hyun, der neue Pass war eine Voraussetzung für den Olympiastart unter der Flagge ihres Heimatlandes. Nun vertritt sie das Land ihrer Vorfahren bei den Winterspielen, sie ist Koreas einzige Starterin im Ski-Slopestyle. Erreicht sie dort die Ziellinie, werden Millionen Landsleute ihr Gesicht präsentiert bekommen. Vielleicht auch ihre Eltern. "Ich glaube, die Wahrscheinlichkeit, dass sie mich nicht sehen werden, ist gering", sagt Lee, "aber die Gefahr besteht natürlich." Es könnte die letzte Chance sein, Familie Lee wieder zu vereinen. Gelingt sie, wäre es bereits die zweite märchenhafte Zusammenführung im südkoreanischen Freestyle-Team.

Toby Dawson schmunzelt, wenn er auf die Parallelen zu seiner eigenen Geschichte angesprochen wird. "Ich versuche, Mee Hyun auf ihrem Weg zu unterstützen", sagt Dawson, 38. Er steht in einer Hotellobby unweit der olympischen Freestyle-Anlage, Mitarbeiter bitten ihn um Selfies und Autogramme. Der Trainer der südkoreanischen Buckelpistenfahrer ist eine nationale Berühmtheit: Bei Olympia in Turin holte er 2006 Bronze, allerdings für die USA, als Adoptivsohn eines Skilehrerpaars aus Colorado. Im Alter von drei Jahren war er im Gedränge eines Marktes seiner südkoreanischen Heimatstadt Busan verloren gegangen, im Waisenhaus gelandet, außer Landes gebracht worden.

Nach dem Medaillengewinn von Turin riss sich Dawson im Jubel seinen Helm vom Kopf, zeigte der Weltöffentlichkeit sein Gesicht. Auch er war auf der Suche nach seiner Familie. Tatsächlich meldeten sich im Anschluss mehrere Personen, die vorgaben, Dawsons Eltern zu sein. Per DNA-Abgleich ließ sich schließlich Dawsons Vater ermitteln, ein Mann aus Busan, von dem der Sohn das runde Gesicht und das schelmische Lächeln geerbt hat.

Das erste Treffen der beiden geriet zur nationalen Attraktion. "Ich wurde auf eine Bühne geführt, vor mir standen vielleicht 200 Kameras", sagt Dawson. Dann wurde sein Vater in den Raum geführt. Die erste Begegnung nach einem Vierteljahrhundert, erleuchtet im Blitzlichtgewitter. "Wir fühlten uns beide extrem unwohl damit, uns unter diesen Bedingungen zu treffen", sagt Dawson, "aber in Korea liebt man nun mal diese herzschmelzenden Geschichten."

Freestyle-Skifahrer Dawson, Vater bei Wiedersehen 2007
REUTERS

Freestyle-Skifahrer Dawson, Vater bei Wiedersehen 2007

Dawson blieb amerikanischer Staatsbürger und verzichtete darauf, seinen Geburtsnamen Kim Bong Seok wieder anzunehmen. Dennoch taugte seine Biografie für Höheres: 2011 konnte das Bewerbungskomitee Pyeongchangs ihn dazu bewegen, bei der Wahl des Olympiagastgebers für 2018 eine Rede zu halten. Spiele in Südkorea, sagte Dawson damals, würden das Leben zukünftiger Generationen in Korea verbessern und ihnen "dieselbe Chance geben, die ich hatte, als ich nach Amerika kam". Augenzeugen berichten von Tränen der Rührung bei IOC-Mitgliedern, Pyeongchang bekam den Zuschlag.

Nach dieser Entscheidung zog Dawson nach Südkorea, übernahm einen Trainerposten bei den Freestylern. Seine Sprachkenntnisse reichen noch immer nur für einfache Unterhaltungen, das meiste hat er sich selbst über das Internet beigebracht. Den harten Akzent seines Vaters versteht er nur schwer. "Wir schreiben uns lieber Textnachrichten", sagt Dawson.

In seinen ersten Jahren sei er mehrmals von Taxifahrern des Wagens verwiesen worden, weil sie dachten, er würde sie auf den Arm nehmen, wenn er mit Händen und Füßen zu erklären versuchte, wo er hinwollte - ein Koreaner, der vorgibt, die Sprache nicht zu können, wo gibt es denn so was? "Ich bin zunächst Amerikaner, aber einer mit koreanischen Wurzeln", sagt Dawson.

Lee Mee Hyun, die Dawsons Geschichte nun wiederholen könnte, fällt eine Antwort auf die Frage nach der eigenen Identität sichtlich schwerer. Zweimal setzt sie neu an, dann sagt sie: "Ich glaube, ich kann die koreanische Kultur voll annehmen, nur die Sprache stellt ein Hindernis dar." Ähnlich wie bei Dawson ist ihr koreanischer Wortschatz begrenzt, in Restaurants bekomme sie von Kellnern oft Sprüche zu hören. "Ich muss daran arbeiten, um mich ganz als Koreanerin zu fühlen."

Ob dieser Satz Sinn ergebe, fragt sie unsicher und grinst dabei. Was aus Jackie Kling geworden sei, ihrem amerikanischen Ich? "Die gibt es noch. Meine Freunde scherzen oft, dass nur Mee Hyun berühmt wurde und Jackie weiter das Mädchen aus Pennsylvania ist." Sie kichert.

Dann erhebt sich die junge Frau, die Vorbereitung auf den Wettkampf steht an. Zum Abschied reicht sie die rechte Hand, ihr Handgelenk umfasst sie dabei mit der Linken - eine koreanische Geste der Höflichkeit. Es ist der Handschlag der Südkoreanerin Lee Mee Hyun.



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