AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2017

Tierschutz Schwertwal im Goldfischglas

Als einer der letzten Zoos der Welt präsentiert ein Park auf Teneriffa noch immer umstrittene Shows mit Schwertwalen. Der Direktor behauptet, die Orcas führten ein "Luxusleben" in den Pools, Tierschützer sind empört.

Orca-Show im Loro Parque auf Teneriffa
Alamy/ Mauritius Images

Orca-Show im Loro Parque auf Teneriffa

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Oh nein! Will sich Morgan etwa schon wieder umbringen? Fast eine Minute lang liegt der Orca aus dem Loro Parque auf Teneriffa bereits neben seinem Becken auf dem Trockenen.

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Heft 8/2017
Welches Fleisch? Wie viel Fleisch? Künstliches Fleisch?

Aus ähnlichen Bildern hatten Tierschützer im vergangenen Sommer eine Selbstmordtheorie gestrickt. Das Schwertwalweibchen sei verzweifelt. Die Aktivisten forderten seine sofortige Freilassung.

Doch Morgan ist nicht lebensmüde. "Völliger Blödsinn", sagt Wolfgang Rades, zoologischer Direktor des Loro Parque, "Morgan ist nur neugierig." Wie zur Bestätigung gleitet das Tier von der Plattform zurück ins Wasser. Mit kräftigen Schwanzschlägen treibt sich der Wal durch das Becken des Zoos auf der Kanareninsel.

Orcas in Gefangenschaft spalten die Gemeinde der Tierfreunde wie kaum ein anderes Thema. Organisationen wie Peta oder die Born Free Foundation beklagen, dass die Meeressäuger in öden Betonbecken gequält würden. Bestätigt fühlen sich die Aktivisten durch Filme wie "Blackfish" (2013), der das Schicksal von Tilikum beschrieb. Der 1986 vor Island gefangene Wal lebte über 30 Jahre in Pools der US-Firma Sea World und starb im Januar. Sea World hat angekündigt, künftig keine Schwertwale mehr zu züchten.

Auf der anderen Seite stehen Zoos wie der Loro Parque, die sich dem Druck der Tierschützer nicht beugen wollen. Als einer von drei Zoos in Europa (die anderen befinden sich im französischen Antibe und in Moskau) bietet der Tierpark seinen Besuchern weiterhin Shows mit Schwertwalen an - und ist auch noch stolz darauf. "Ich kann mich doch nicht ins Bockshorn jagen lassen, nur weil es ein paar Typen so darstellen, als wär das hier eine Metzgerei", sagt Loro-Parque-Besitzer Wolfgang Kiessling, 79, der den Zoo 1972 gründete. "Felsenfest" ist der Patriarch davon überzeugt, dass es seinen Tieren gut geht. "Unsere Orcas führen ein Luxusleben", beteuert auch Direktor Rades. Ein Luxusleben? Im Pool?

Der Zoologe, einst selbst Skeptiker der Schwertwalshows, fordert nun sogar, die Zucht der Tiere fortzusetzen. "Die Fortpflanzung gehört zum Leben dazu", sagt Rades, "wenn wir die Tiere halten, sind wir verpflichtet, sie auch zu züchten."

Der erste Orca für einen Zoo wurde 1965 vor Kanadas Pazifikküste gefangen. Im Jahr davor hatte sich die Firma Sea World gegründet. Es war der Beginn einer Multimillionen-Dollar-Vergnügungspark-Industrie, die bis heute floriert. Fast 60 Orcas leben derzeit noch in Themenparks weltweit. Etwa 25 der Tiere stammen aus der Wildnis, die anderen sind Nachzuchten. Bis zu zehn Tonnen wiegt ein Schwertwal. In der Wildnis schwimmen die Tiere leicht hundert Kilometer täglich. Sie werden in ein komplexes Sozialgefüge geboren, ohne das sie kaum überleben können, und verständigen sich über eine eigene Sprache.

Doch ist es noch zeitgemäß, solche hochintelligenten, schon durch ihre schiere Größe schwer zu haltenden Tiere einzusperren wie im Goldfischglas? "Auf keinen Fall", sagt Erich Hoyt von der Organisation Whale and Dolphin Conservation, der die Tiere seit 40 Jahren erforscht: "Ein Orca in Gefangenschaft verliert alles, was ihn ausmacht: Seine Bezugsgruppe, die Chance zu jagen, seine angestammte Nahrung."

Orca Tilikum im SeaWorld-Park in Orlando
AP

Orca Tilikum im SeaWorld-Park in Orlando

Das Leben in den Pools gleiche einer Art "Isolationshaft", bestätigt auch John Jett. Der Zoologe von der Stetson University in Florida war einst selbst Trainer bei Sea World. Viele der Tiere würden apathisch in den Becken treiben, berichtet er. Die intensive UV-Strahlung der Sonne verbrenne die Haut der dümpelnden Wale. Von Langeweile geplagt würden die Tiere an den Metallgittern nagen und dabei ihre Zähne zerbrechen, die sich deshalb laufend entzündeten.

"Es ist ein deprimierendes Bild", sagt Jett. Aus sozialer Isolation entwickle sich schließlich Wahnsinn, glaubt er. So erkläre sich auch, warum gefangene Orcas immer wieder durch Aggressivität auffielen. Mehrere Tiertrainer sind von Orcas getötet worden. Tilikum ertränkte 2010 in Orlando die Trainerin Dawn Brancheau und soll für den Tod zweier weiterer Menschen verantwortlich sein. Im Loro Parque kam am Heiligabend 2009 der 29-Jährige Alexis Martínez ums Leben. Schwertwal Keto rammte ihn und zog ihn in die Tiefe.

Keto lebt immer noch auf Teneriffa. Martínez' Tod sei ein Unfall gewesen, sagt Loro-Parque-Direktor Rades. Die Trainer dürften seither nicht mehr zu dem Wal ins Wasser. Die Rückenflosse des Tieres hängt schlapp herab - auch das eine Folge der Gefangenschaft, sagen Tierschützer.

Doch geht es dem Wal und seinen Artgenossen wirklich so schlecht? Sechs Orcas leben im Loro Parque in drei miteinander verbundenen Pools, die mehr als achtmal so viel Wasser fassen wie ein Olympisches Schwimmbecken. Das Wasser wird aus untermeerischen Kavernen heraufgepumpt.

"Wir haben das beste Wasser der Welt", prahlt Parkbesitzer Kiessling und blickt hinüber zu den Walen, die gerade eine morgendliche Trainingsstunde absolvieren.

Rasend schnell jagen die Tiere dabei durch die bis zu zwölf Meter tiefen Becken und katapultieren ihren Körper kraftvoll in die Höhe. Splash! Später nimmt ein Tierarzt Blut- und Urinproben. Einer der Wale legt sich dafür auf eine der Plattformen. Auch eine Ultraschalluntersuchung führen die Trainer durch. "Wir prüfen den Zustand der Eierstöcke", sagt Rades, "derzeit wollen wir Nachwuchs noch verhindern."

Rades glaubt, dass die Tiere im Zoo "als Botschafter ihrer Art" eine wichtige Funktion erfüllen. "Die Schönheit und das Charisma dieser Tiere kann die zunehmend naturentfremdete Bevölkerung für den Erhalt der Natur sensibilisieren."

Zehn Prozent der Eintrittsgelder des Loro Parque - seit 1994 rund 17 Millionen Dollar - fließen in Artenschutzprojekte, auch in solche, die Schwertwale schützen, berichtet Rades. Zwar sind Orcas nicht unmittelbar bedroht. Weltweit gibt es etwa 50.000 Exemplare. "Doch die Lebensbedingungen in den Ozeanen verschlechtern sich zusehends", sagt Rades. In den Zoos gewonnene Erkenntnisse über Haltung und Zucht der Tiere könnten deshalb eines Tages überlebenswichtig für die Art werden. "Wenn wir Orcas erst dann in Zoos studieren, wenn nur noch ein paar von ihnen existieren, ist es zu spät."

Auch Kiessling kann mit der Kritik der Tierschützer nichts anfangen. "Wir hören immer, dass Orcas in der Wildnis täglich kilometerweit schwimmen", sagt er, "aber das tun sie ja nur, weil sie es müssen."

Orcas hätten nicht "die Vorstellung der grenzenlosen Freiheit wie wir Menschen". Kiessling: "Ich glaube, dass die Tiere zufrieden mit dem Leben hier sind, sie kennen ja gar nichts anderes."

Fünf der sechs Schwertwale im Loro Parque sind Nachzuchten. Allein Schwertwal Morgan kennt den Ozean. Er wurde 2010 halb verhungert vor der niederländischen Küste entdeckt. Das Tier hatte seine Gruppe verloren, wog nur noch 425 Kilo.

Der Loro Parque nahm den Pflegefall auf. Zwei Tonnen wiegt das Orca-Weibchen heute. Inzwischen hat sich gezeigt, dass Morgan fast taub ist, vermutlich der Grund für seine Havarie. Tierschützer fordern dennoch, den Orca wieder freizulassen. Es wäre ein Todesurteil, sagt Rades.

Wer hat recht? Ethisch ist die Sache verzwickt. Es sei immer die "Verhältnismäßigkeit" zu prüfen, sagt der Berliner Tierethiker Jörg Luy. Nützt die Gefangenschaft dem Tier, zumindest der Art? "Unter welchen Voraussetzungen würde der Orca freiwillig den Zoo der Wildnis vorziehen, das ist die entscheidende Frage", sagt Luy, "ich kann mir nicht vorstellen, dass der Wal einen solchen Deal eingehen würde."

Macht es sich Zoodirektor Rades also zu leicht? Der Loro Parque investiert viel in seine Orcas. Ihnen mag es tatsächlich gut gehen, aber in anderen Tierparks gibt es noch immer die öden Betonbecken, in denen die Schwertwale dahinvegetieren. Und davon könnten bald noch mehr gebaut werden.

Das Geschäft mit Orca-Shows nimmt gerade Fahrt auf. In vielen Schwellenländern Asiens und in Russland entstehen neue Vergnügungsparks. Seit 2012 haben russische Fischer mindestens acht Schwertwale für den Handel gefangen. Für 2017 hat die russische Regierung den Fang von zehn weiteren Tieren erlaubt.

Das geht auch Rades zu weit. "Orcas der Wildnis zu entnehmen ist nicht mehr zeitgemäß", sagt er, "das zeigt einmal mehr, wie widersinnig der Zuchtstopp für die Tiere ist."



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Timo Siedler 19.02.2017
1.
Wer sich solche Shows anguckt, ist echt ein armes Würstchen ohne Verstand. Zu kommerziellen Zwecken Tiere quälen ist zurecht nicht mal der Lebensmittelindustrie erlaubt.
neutron76 19.02.2017
2. Gesunder Menschenverstand
Ich war vor ca. 25 Jahren als Kind im Marineland in Antibes. Man musste wirklich kein Biologe sein um zu erkennen, dass die Orcas, die außerhalb der Auftritte in kleinen Becken herum schwammen bzw. eher abhingen, nicht artgerecht gehalten werden. Auch die Welt der Pinguine war (bei sengender Sonne!) beschränkt auf auf ein kleines Becken und eine Betonlandschaft. Ich fand das damals unglaublich, aber wir hatten leider den Eintritt schon bezahlt. Man muss aber auch realistisch sein. Ein Happy End wird es für die Tiere auch bei maximalem finanziellen Aufwand nicht geben. Es kann nur über die Nachfrage verhindert werden, dass weitere Tiere gezüchtet werden und das ist in unserer Zeit mit sozialen Netzwerken doch wohl machbar.
liwe 20.02.2017
3.
NIEMALS würde ich einen Park besuchen, der Wale oder Delfine hält. Das sollte jeder so machen, dann würde sich diese Tierquälerei von selbst erledigen...
rucksacksepp 20.02.2017
4. Einfach nicht unterstützen
Ich habe bis jetzt immer alle Touren vermieden, bei denen Wale und Delfine in Gefangenschaft gehalten werden und werde dies auch weiter tun. Wenn das genug machen lohnt sich das bald nicht mehr für die Betreiber. Die Touranbieter lernen auch schnell aus den Reaktionen der Urlauber, wenn gezielt nachgefragt wird, ob ein Park / Zoo Delfine und Wale hält und dann abgelehnt wird. Das Problem ist leider, dass viel zu viele nicht drüber nachdenken und diese Geschäfte immer noch unterstützen. Kleiner Tipp: Wer Delfine und Wale sehen will soll doch einfach eine der Wale-Watching Touren machen, bei denen Boote aufs Meer fahren. Ist zwar nicht garantiert dass man da welche sieht, aber so ist die Natur nun mal.
koernerst 20.02.2017
5.
Ein Ethiker, der sagt: "ich kann mir nicht vorstellen, dass..." soll eine seriöse Quelle sein? Und nur Kommentare wie "ich würde da nicht hingehen" sind auch dem gleichen Niveau: Man weiß nichts, man will auch nichts wissen oder selbst erfahren, man will nur "aus dem Bauch" dagegen sein. Da lobe ich mir echte Wissenschaftler wie Rades und andere Zoo-Artenschützer, die jeden Tag mit den ihnen anvertrauten Tieren zu tun haben und wissen, wovon sie sprechen. Nicht einfach den Tierrechtlern "glauben" - hier geht es nicht um eine Pseudoreligion, sondern um Fakten und Wissen. Und als Kritik an Spiegel.de: Der Artikel ist noch bemüht abwägend und neutral, aber Teaser, Zwischenüberschriften und Bildunterschriften ziehen alles auf die Seite der radikalen Tierrechtler. Schönes Beispiel dafür, wie eine Redaktion nachträglich einem Artikel eine tendenziöse Richtung verleihen kann - das ist unsauber!
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