AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2017

Intelligente Raubtiere Wenn Orcas Fischer jagen

Pottwale und Orcas nehmen Fischern systematisch ihren Fang weg. Abschreckmanöver laufen ins Leere - die Tiere lernen ständig neue Tricks.

Orcas auf der Lauer: "Die lungerten einfach um mich herum"
B.Cole / WILDLIFE

Orcas auf der Lauer: "Die lungerten einfach um mich herum"

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Mensch jagt Wal, das kennt man spätestens, seit Käpt'n Ahab Moby Dick über die Weltmeere hetzte, kreuz und quer durch die mehr als 800 Seiten des legendären Romans von Herman Melville (1851): "Bis zum Letzten ring ich mit dir, aus dem Herzen der Hölle stech ich nach dir, dem Hass zuliebe spei ich meinen letzten Hauch nach dir!"

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Heft 46/2017
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Heute haben sich die Rollen scheinbar verkehrt: Der Jäger von einst fühlt sich von Walen verfolgt, jedenfalls vor Alaska.

Ganze Gruppen von teils 50 Schwertwalen (Orcas) stellen Fischkuttern nach, oft meilenweit. Sobald die Fischer ihre hakenbewehrten Langleinen mit einem Fang aus Kohlenfisch oder Heilbutt aus der Tiefe hieven, schlagen die hungrigen Wale aus dem Hinterhalt zu - und schnappen die Beute von der Schnur.

"Wir befinden uns in einer Art archaischem Kampf", sagte der Fischer Buck Laukitis aus Homer der Zeitung "Alaska Dispatch News".

"Du weißt, wie du fischen musst, du weißt, dass da Fische sind, du hast die Ausrüstung, du hast es oft gemacht, aber die Wale können alles zunichtemachen", so Laukitis. Und: "Wir sind gerade dabei, diese Schlacht zu verlieren."

Kutterkapitäne fühlen sich ausgebeutet als Kellner, die den Meereslümmeln Sushi à la carte servieren müssen, ohne Lohn, ohne Dank, ohne Trinkgeld. Mehr als fünf Tonnen feinsten Heilbutt hätten die tierischen Seeräuber ihm bereits geklaut, beschwerte sich Kapitän Robert Hanson unlängst bei der für die Fanggründe vor Alaska zuständigen Verwaltung für Fischereiangelegenheiten. Auf der Flucht vor der "ständigen Belästigung" durch die tierische Konkurrenz habe er 15.000 Liter Sprit verballert.

Einmal spielte Hanson einfach toter Mann. Er schaltete den Schiffsmotor aus und wartete. 18 Stunden lang. Er habe gehofft, dass sich die Unterwasser-Gang wieder verziehe, schrieb er in einem Brandbrief an den Fischereirat: "Aber die lungerten einfach um mich herum." Nach zwei Tagen gab Hanson entnervt auf.

Fischer verarmen, und Moby wird dick? Auf den ersten Blick wirkt das so absurd wie "Mann beißt Hund". Oder wie eine etwas unbeholfene Lobbykampagne für höhere Fischfangquoten oder Subventionen.

Dabei könnte der Futterneid genau dadurch verschärft worden sein, dass seit 1995 die Fangsaison verlängert wurde - wodurch sich Wal und Mensch häufiger in die Quere geraten.

Eigentlich sind bei Konflikten zwischen Land- und Meeressäugern Letztere stets im Hintertreffen, spätestens seit dem ersten Walfangboom Anfang des 19. Jahrhunderts. Vor allem Pottwale wie Moby Dick waren damals begehrt.

Unmengen dieser Tiere wurden zu Tode gejagt, im Rekordjahr 1964 waren es rund 29.000. Die globale Population brach von mehr als einer Million Tiere auf ein Drittel zusammen, schließlich wurden Wale unter Schutz gestellt, woran sich auch die meisten Nationen halten.

Die Tiere lernten, dass ihnen kein Unheil mehr droht - im Gegenteil: Nun erleben sie den alten Todfeind als Wohltäter.

"Wale machen die unglaublichsten Dinge mit Menschen", sagt Janice Straley, Professorin für Meeresbiologie an der University of Alaska Southeast in Sitka. Vergebens versuchen Fischer, die Pottwale mit Tricks zu verjagen. Sie befestigen Kugeln, die die Ortung erschweren, an den Langleinen, beschallen die Tiere mit tösendem Sonar oder krachendem Heavy Metal. Doch rasch lernen die riesigen Meeressäuger dazu - und fortan bedeuten Störgeräusche oder Musik für sie: Fressen fassen!

Zwar ist das Pottwalgehirn, gemessen am Körpergewicht (bei Männchen oft über 30 Tonnen), kleiner als das des Menschen, aber immerhin noch rund acht Kilogramm schwer. Die Tiere scheinen am Klang der Motoren bestimmte Fischerboote wiederzuerkennen - und dieses Wissen ihrem Nachwuchs zu vermitteln.

Seit Jahren versucht eine Arbeitsgruppe namens Southeast Alaska Sperm Whale Avoidance Project, die schlimmsten Wiederholungstäter mit Trackingsendern zu verfolgen, damit Fischer ihnen aus dem Weg tuckern können. Der Erfolg hält sich in Grenzen, das Problem weitet sich aus.

Längst kommen auch Schwertwale auf den Geschmack. Viele Exemplare der mindestens 1500 schwarz-weißen Schönlinge im Meer vor West-Alaska lassen sich von den Fischern verwöhnen; dabei knabbern sie doppelt so viel vom köstlichen Kohlenfisch weg wie Pottwale, was die Erfolgsquote der Fischer teils um 70 Prozent drückt. Zu diesem Ergebnis kam unlängst ein Beitrag im Fachblatt "ICES Journal of Marine Science".

Weder das Verscheuchen noch die Flucht scheinen zu funktionieren. Daher hofft man nun aufs Verschließen: Statt Angelhaken, die verlockend frei zugänglich sind, könnten sogenannte Pots, Fischfallen, die Beute vor den Wal-Gangs schützen, schlagen Meeresbiologen wie Boris Worm von der Dalhousie University im kanadischen Halifax vor: "Das erhöht die Qualität des Fangs, weil die Fische lebend an Bord genommen werden, und der Beifang reduziert sich." An Metallkäfigen sollten eigentlich selbst die gerissensten Meeressäuger scheitern. Oder?

"Ich traue Pottwalen fast alles zu", warnt Meeresbiologin Straley. "Das sind die klügsten Tiere, mit denen ich je gearbeitet habe."

Video: Orcas bei der Jagd

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