Deutsch-türkischer Rockerklub Die Geheimconnection zwischen den "Osmanen Germania" und Erdogan

Beim deutsch-türkischen Rockerklub haben sich Schläger und Zuhälter zusammengefunden. Die Bande hat erstaunlich gute Beziehungen zum türkischen Staat - bis nach ganz oben.

Gangmitglieder in Berlin 2016: Drei Tage lang gefoltert
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Gangmitglieder in Berlin 2016: Drei Tage lang gefoltert

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Es ist ein Moment, der in die deutsche Kriminalgeschichte eingehen wird. Mittwoch, 1. Juni 2016, kurz vor halb elf Uhr abends: Das Zentralkommissariat 30 des Polizeipräsidiums Südosthessen hört ein Telefonat des türkischen Staatspräsidenten ab.

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"Hallo", sagt Recep Tayyip Erdogan, als sein Außenminister den Hörer an ihn weiterreicht. Und der Mann in Berlin, dessen Telefon überwacht wird, ein AKP-Abgeordneter, fragt: "Mein Herr Staatspräsident, mit Respekt, wie geht es Ihnen?"

Erdogan antwortet schmallippig und lauscht sodann dem Bericht seines Vertrauten, des Abgeordneten Metin Külünk. Es geht um die Demonstration gegen die Armenien-Resolution des Bundestags, Külünk hat die Versammlung organisiert. "Das wollte ich Ihnen, Eure Hoheit, präsentieren", sagt Külünk und setzt hinzu: "Ich bitte um Ihre Anweisung." Erdogan antwortet, man werde sich melden, und wünscht eine "gesegnete Nacht".

Die Ermittler der Arbeitsgruppe "Shade" der hessischen Polizei sind beeindruckt. Ein Oberkommissar vermerkt erstaunt, welche Bedeutung Ankara der Demonstration in Berlin beimesse, wenn sich Erdogan persönlich und "sozusagen aus erster Hand" unterrichten lasse.

Die Polizisten gehen eigentlich nur gegen organisierte Kriminalität vor, sie befassen sich seit Monaten mit einer Rockerbande. Bei den "Osmanen Germania" haben sich Kampfsportler, Türsteher und Zuhälter zusammengefunden, das Kommando führt damals der vorbestrafte Mehmet Bagci. Die überwiegend türkischen und türkischstämmigen Männer kennen sich mit Waffen, Drogen, Gewalt aus, das wussten die Ermittler.

Aus den abgehörten Telefonaten lernen sie: Die Gang pflegt intensive Kontakte nach Ankara, sie sei der "Schlägertrupp" des türkischen Staats in Deutschland, notiert ein Beamter.

Die Ermittlungen der Polizei und Staatsanwaltschaft werden noch fast zwei Jahre lang dauern. Ab Montag kommt es zum ersten großen Prozess, unter strengen Sicherheitsvorkehrungen in Stuttgart-Stammheim, im Verhandlungssaal der RAF-Verfahren. Verantworten muss sich die Führungsriege der Osmanen. Die Sicherheitsbehörden rechneten der Gang in Deutschland zeitweise etwa 2000 Rocker zu. Derzeit betrage die Zahl der Mitglieder einige Hundert, heißt es. Die Staatsanwaltschaft wirft in dem Prozess acht Mitgliedern in unterschiedlicher Konstellation versuchten Mord, Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Zwangsprostitution, Erpressung, Drogenhandel und Nötigung vor.

Mehmet Bagci, früher "Weltpräsident" der Bande, ist unter anderem wegen räuberischer Erpressung angeklagt; Selcuk Sahin, sein ehemaliger Stellvertreter, auch wegen versuchten Mordes. Die Rocker schweigen zu den Vorwürfen oder weisen sie zurück. Bagci sehe sich aus politischen Gründen verfolgt, sagt sein Verteidiger Stefan Striefler. "Mein Mandant hofft inständig, dass er nach der Freilassung von Deniz Yücel nun auch freikommt."

Ermittlungsunterlagen der Behörden zeigen, dass die Rocker Freund und Feind gleichermaßen brutal attackieren. Laut Anklage machten knapp zwei Dutzend Osmanen 2016 in Ludwigsburg Jagd auf verfeindete Kurden. Sie trafen demnach um 21.10 Uhr in der Karlstraße auf Olgun A., der einer kurdischen Gang angehört. Die Osmanen hätten mit Waffen auf den Wehrlosen eingedroschen. Als das Opfer zu Boden ging, hätten die Osmanen weiter geprügelt und getreten. Erst als Passanten Hilfe riefen, hörten sie auf.

Die Rocker malträtierten nach Erkenntnissen der Ermittler auch einen ihrer angeblichen "Brüder": Weil Celal S. sich geweigert habe, gewaltsam gegen Kurden vorzugehen, hätten ihn seine Klubkameraden entführt und drei Tage lang gefoltert. Sie hätten ihm mit einer Eisenzange Zähne aus dem Mund geschlagen und mit einer Pistole in den Oberschenkel geschossen, auf ihn eingetreten und versucht, ihm das Ohr abzuschneiden.

Das sind die Niederungen schwerster Gewaltkriminalität, mit denen sich das Gericht auseinandersetzen wird. Die Ermittlungen zeigen auch, wie die Osmanen sonst noch Geschäfte machten: als Wachmänner in Flüchtlingsheimen.

Allein im ersten Quartal, so die Ermittler, stellten die Rocker mindestens 50 Leute für acht Unterkünfte im baden-württembergischen Landkreis Lörrach. Die Aufträge erhielten sie von einem Subunternehmer. Acht bis zehn Euro erhielten Mitarbeiter pro Stunde, Bagci und sein Vize sollen oft eine Art Provision kassiert haben. So sollen allein im Februar 2016 mindestens 12.500 Euro an die Gang geflossen sein. Der Kreis zahlte an den Hauptunternehmer 32 bis 36 Euro Stundenlohn.

Ein Sprecher des Landkreises Lörrach bestätigte, Osmanen hätten bis Ende 2016 Flüchtlingsheime bewacht. Die Kommune habe davon erst im März 2017 durch die Ermittler erfahren. "Das Landratsamt hat einer Zusammenarbeit mit Gruppierungen wie den Osmanen Germania weder zugestimmt, noch hätte die Behörde eine Zusammenarbeit mit einem solchen Subunternehmer gebilligt."

Über solche Geschäfte hinaus führt der Fall der Osmanen in ein Milieu, in dem sich Politiker, Parteisoldaten und Proleten ungewöhnlich nahe kommen. Die Männer eint Nationalismus, und der rechtfertigt für sie offenbar Gewalt gegen Oppositionelle. Nach Erkenntnissen der Polizei pflegen die Osmanen enge Verbindungen zu einem in Deutschland lebenden früheren Funktionär der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), die als Lobbyorganisation der türkischen Regierungspartei AKP gilt. So soll auch der Kontakt zu dem Abgeordneten Metin Külünk zustande gekommen sein. Der frühere UETD-Mann bestreitet, zwischen Külünk und den Osmanen vermittelt zu haben.

Erdogan-Anhänger in Köln 2016: "Ich bitte um Ihre Anweisung"
Arton Krasniqi

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Doch als die Demonstration gegen die Armenien-Resolution in Berlin anstand, so Erkenntnisse der Polizei, gab ein UETD-Kader dem Osmanen-Chef Bagci den Auftrag, Rocker in Zivil teilnehmen zu lassen. Bagci versprach, 500 Männer abzuordnen. Schließlich waren etwa 50 Osmanen dabei, ohne Rockerkutten, in Jogginghosen.

Während die Rocker ihrem Chef folgten, dessen Wort laut Klubstatuten "Gesetz" war, kassierte die Führungsriege der Osmanen wohl für jeden Teilnehmer eine Provision. Von 100 Euro für jeden Demonstranten war in abgehörten Telefonaten die Rede. Das Geld dafür komme aus der Türkei, habe der UETD-Mann gesagt. Der behauptet, er habe nie Aufträge an Osmanen-Chef Bagci erteilt. Auch Metin Külünk weist die Vorwürfe zurück. Er spricht von "konstruierten Manipulationen" gegen ihn, die Türkei und Erdogan.

Im Oktober 2016 empfängt ein Einflüsterer Erdogans in Ankara eine Rockerdelegation, zu der Boss Bagci gehört. Die Osmanen präsentieren das Gipfeltreffen voller Stolz im Internet: Der Politiker habe erklärt, "man werde stets hinter den türkischen Staatsbürgern stehen, die im Ausland Terrororganisationen bekämpfen". Gemeint ist damit wohl die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK.

Ein türkischer Journalist fragte Rockerboss Bagci in einem abgehörten Telefoninterview, ob der türkische Nachrichtendienst MIT nicht auch ihn unterstütze. "Wir sollten es lassen, über solche Dinge zu reden", antwortete Bagci lachend. "Sagen wir: Das ist der Fall", setzte der Journalist nach. "Ja", sagte Bagci. "Also unsere Kontakte sind sehr gut."

Eine Beamtin des hessischen Landeskriminalamts hält den Verdacht fest: Dass sich die Bande politisiere, gehe wesentlich auf den Einfluss der AKP und UETD sowie türkischer Spione zurück. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt noch immer gegen den Abgeordneten Külünk sowie einen mutmaßlichen Mitarbeiter des MIT.

Die Ermittler bewegen sich allerdings in einem Umfeld, in dem jeder sich brüstet, Erdogans wichtigster Mann zu sein. Da fällt es schwer, Maulheldentum von Tatsachen zu unterscheiden. 2015 scheiterten deutsche Ermittler in einem ähnlichen Fall vor dem Oberlandesgericht Koblenz. Damals wurde das Verfahren gegen einen mutmaßlichen türkischen Agentenring, bestehend wohl aus Nationalisten und einem Bekannten Erdogans, nach Zahlung von Geldauflagen eingestellt.

Im Fall der Osmanen legen die Akten nahe, dass AKP-Funktionär Külünk und sein mutmaßlicher Statthalter in Deutschland die Rocker als Polit-Hooligans einsetzen. Immer wieder forderten die Hintermänner - wie aus den Unterlagen hervorgeht - die Gang auf, gegen Kurden vorzugehen, deren Veranstaltungen zu stören, sie zusammenzuschlagen.

Mehmet Bagci und sein Vize Sahin hätten in ihrem Streben nach Macht und Anerkennung mitgemacht, so die Polizei. Bagci beteuert, die Osmanen seien weder politisch noch eine Schlägertruppe des türkischen Präsidenten und auch nicht von der AKP oder dem Geheimdienst gesteuert. Auch Külünk weist das als Verleumdung zurück. Die UETD bestreitet Kontakte zu den Osmanen. Der angebliche Mittler will in Strafaktionen nicht verwickelt gewesen sein. Er sei bereits seit 2014 kein UETD-Mitglied mehr.

Willig zeigte sich Bagci offenbar, nachdem der Satiriker Jan Böhmermann am 31. März 2016 mit einem umstrittenen Schmähgedicht auf Erdogan dessen Anhänger in Rage versetzt hatte. Der UETD-Mann rief den Rocker an und betraute - davon ist die Polizei überzeugt - die Osmanen mit einem Angriff auf den Künstler. Tage später meldete sich der Funktionär erneut bei Bagci. Er habe ihm doch einen Auftrag erteilt, sagt er. Was damit sei?

"Wir sind dabei nachzuforschen", antwortete Bagci. Böhmermann wohne in Köln. "Jetzt versuchen wir sein Dings herauszubekommen." Er habe einen Kontakt "bei den Onkels", der werde die Anschrift herausfinden, versprach der Rocker - und meinte damit wohl die Polizei. Böhmermann erhielt Personenschutz und blieb unbehelligt.



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