Hightech-Unternehmer Näder Hey Deutschland, es geht doch

Milliardenschwere deutsche Mittelständler gelten ja nicht gerade als Draufgänger. Bis auf einen: Hans Georg Näder, Chef des Medizintechnik-Konzerns Otto Bock und ein ebenso fantastisch reicher wie erfolgreicher Weltbürger.

Hans Georg Näder
Ottobock

Hans Georg Näder

Ein Porträt von


Nach einer Stunde im Separee des Capriccio ist Hans Georg Näder bei Trump angekommen. Seit seinem Burn-out vor ein paar Jahren kenne er einen Psychiater, der nun an der Münchner Uni lehre. "Der macht mit seinen Studenten seit einem halben Jahr nur noch Trump, als Beispiel für massive Persönlichkeitsstörung." Der Professor könne anhand des amerikanischen Präsidenten alle Elemente dieser Krankheit beschreiben: den Narzissmus, das Geliebtwerdenwollen, das Nichtzuhörenkönnen, das Aufbrausen. "Die Krankheit ist gefährlich", sagt Näder.

Das Capriccio ist ein sehr italienisches Lokal im feinen Grunewald, tief im Westen von Berlin und weit weg von den Szenetreffs der Hauptstadt. Der Patron begrüßt mit Handschlag, er hat viele Stammgäste, einige kennt man aus dem Fernsehen. Hans Georg Näder hat den Nebenraum gebucht, in dessen Mitte ein Tisch für sechs Personen eingedeckt ist. Hier lässt sich in Ruhe reden, an den Wänden hängen die Trophäen des Patrons, gerahmte Fotos von George Bush, Angela Merkel, dem späten Kohl mit Maike Richter und Kai Diekmann, von Steinmeier, Gabriel, eigentlich von allen.

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Näder, 55, nutzt das Capriccio als eines seiner Wohnzimmer an Abenden in Berlin. Er ist ein Weltreisender, besitzt etliche Häuser an Orten, von denen andere träumen. Aber verliebt hat er sich in Berlin, "diese unfertige, raue Stadt". Am Potsdamer Platz hat Näders Unternehmen eine schicke Dependance, in deren Showroom sind seine Produkte ausgestellt: Arm- und Beinprothesen, Rollstühle, Orthesen, medizinische Wundermittel. Otto Bock, sein Großvater mütterlicherseits, gründete die Firma 1919, sein Vater Max Näder führte sie auf alle Kontinente, Hans Georg Näder hat sie in einen Hightech-Konzern verwandelt. Otto Bock Health Care, so das Firmenversprechen, gibt Menschen ihre Mobilität zurück, in 140 Ländern.

Einen Teil der Produkte lässt Näder in Salt Lake City herstellen, die USA sind ein wichtiger Markt, der größte außerhalb Deutschlands. Fürchtet er Trump persönlich? "Ich zahle Steuern in Amerika, ich beschäftige Amerikaner, wir sind seit 70 Jahren in den Staaten, und dennoch mache ich mir meine Gedanken." Von der Kanzlerin erwartet er, dass sie den Mut habe, Trump Paroli zu bieten - so lange dieser sich im Job hält. "In sechs Monaten wird Trump Geschichte sein", glaubt Näder.

Aus der Sicht des neuen Mannes im Weißen Haus ist einer wie Hans Georg Näder der Feind. Qualitätsbewusst, präzise, ideenreich, Mitverursacher des amerikanischen Exportdefizits, deutscher Mittelstand eben. Das ist ein großer kultureller Unterschied zwischen den USA und Deutschland: Unter den 100 reichsten Bürgern der Vereinigten Staaten sind überwiegend Menschen aus der Finanzwirtschaft, Hedgefonds-Inhaber, Hasardeure des Geldes, ein paar aus dem Silicon Valley. Hierzulande sind es die Eigentümer von Familienunternehmen, aus Handel und produzierendem Gewerbe, nicht selten Weltmarktführer in ihrem Bereich - wie Otto Bock Health Care.

In Deutschland verhält sich das Geld eher still. Familienunternehmen werden hinter hohen Mauern regiert, mindestens hinter hohen Hecken. Ihre Inhaber fürchten den Neid der Leute, ein deutsches Phänomen, sie fürchten den Staat, der ihnen etwas wegnehmen könnte, die Öffentlichkeit und deren Meinung. Wie sich deutsche Familienunternehmen zuweilen abschotten, trägt absurde Züge.

Näder hat sich an diesem Abend von seinem Fahrer in einem weißen Tesla absetzen lassen, dessen hintere Türen sich nach oben öffnen wie die Schwingen eines Vogels. "Wenn ich schon in Hightech mache, dann muss ich auch wissen, wie das im Auto funktioniert." Näder ist überhaupt nicht still.

Deshalb ist die Geschichte über den Eigentümer von Otto Bock Health Care eine über die sehr wohlhabende Spitze des deutschen Mittelstands; aber auch eine über Altruismus im Milieu der Knausrigkeit, über das Aussterben von Dynastien in der globalisierten Welt und über die Fähigkeit, das Leben zu genießen - und andere daran teilhaben zu lassen.

Firmenchef Näder (2. v. l.) mit Außenminister Steinmeier, Behindertensportlern in Havanna 2015
DPA

Firmenchef Näder (2. v. l.) mit Außenminister Steinmeier, Behindertensportlern in Havanna 2015

Näder, geboren im südniedersächsischen Duderstadt, zwei erwachsene Töchter aus zwei gescheiterten Ehen, hat viele Facetten. Die meisten decken sich kaum mit dem gängigen Bild eines Milliardärs aus der Provinz. So taucht der Name des passionierten Seglers immer wieder bei großen und kleinen Wohltaten auf. Die Ottobock Global Foundation kümmert sich um syrische Flüchtlinge in der Türkei, versorgt die Versehrten des Krieges mit Prothesen und Rollstühlen, hilft Erdbebenopfern in Nepal und Kindern in den Favelas von Rio. Näder gibt bei den Paralympics fünf Millionen Euro für die technische Unterstützung der Athleten aus, rettete die Nationale Anti-Doping-Agentur vor dem finanziellen Kollaps, fördert sozial schwache Schüler am Prenzlauer Berg, spendierte in seinem Heimatort der katholischen Kirche eine Glocke, bewahrte das erste Hotel am Platze vor dem Abriss und schuf für zwei Millionen Euro ein "Tabaluga"-Haus für die Urlaube von behinderten oder sozial benachteiligten Kindern.

Der Kellner erscheint mit dem ersten Gang. Er hatte sich redlich bemüht, die Köstlichkeiten der Tageskarte zu preisen: Edelfische, Schalentiere, die feinen Sachen halt. Näder bestellte Spaghetti Bolognese. Zur Jeans trägt er ein blaues Lacoste-Polohemd mit langen Ärmeln, dazu einen dünnen, weiten Schal, grau-grün-blau gemustert. Es ist seine Dienstkleidung.

Würde er sich als Philanthrop bezeichnen? "Ich bin auf jeden Fall ein Weltbürger, der weiß, dass wir hierzulande in einem Garten der Glückseligkeit leben." Er hilft gern, er bewundert die Großzügigkeit des SAP-Gründers Hasso Plattner, und er findet es beschämend, dass in den USA jedes Jahr 230 Milliarden Dollar gespendet werden und in der Bundesrepublik gerade mal 10 Milliarden. "Auch in meinem Umfeld gibt es eine Fraktion, die hält sich da elegant zurück."

Den Spaß am "Geben", so nennt er es, hätten ihm seine Eltern vorgelebt. "Die waren protestantische Christen, sehr weltoffen, mit einer starken Neigung zum Humanismus und zum Laisser-faire." Sein Vater habe in Duderstadt schon in den Achtzigern der kleinen, evangelischen Kirche eine millionenteure Orgel geschenkt. Und seine Mutter habe sich um SOS-Kinderdörfer gekümmert.

Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck (m.) lässt sich 2013 von Näder eine Handprothese zeigen
DPA

Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck (m.) lässt sich 2013 von Näder eine Handprothese zeigen

Für einen Moment blickt Näder auf sein Rotweinglas, hält inne. Dann sagt er: "Wenn man privilegiert ist, in so eine Familie und so eine Welt hineingeboren wird, dann sollte man auch bereit sein zu teilen. Und zwar nicht aufgerufen durch Gesetze. Das versucht der Herr Schulz von der SPD gerade, der die Umverteilung wiederentdeckt hat. Sondern einfach aus der eigenen, vielleicht anerzogenen Haltung heraus."

Unter Philosophen wird das Konzept des effizienten Altruismus diskutiert. Es besagt, dass man auch sein ethisches Verhalten ruhig nach dem Kosten-Nutzen-Ergebnis ausrichten sollte. Solche Überlegungen scheinen Näder ebenso fremd wie der Antrieb des Mäzens, der sich ein Denkmal setzen und im Ruhm sonnen will. Näders Wohltaten sind ungeplant, sie passieren ihm, er entscheidet nach "Spaß und Bauchgefühl" - und in der Tradition der Eltern.

Näders Vater Max, als Orthopädiemeister bei Otto Bock im thüringischen Königsee tätig, hatte 1943, zwischen zwei Fronteinsätzen, die Tochter des Chefs geheiratet. Als der Krieg vorbei und die Prothesenherstellung wieder angelaufen war, enteignete die sowjetische Militärregierung im Sommer 1948 den Firmengründer. Eine Aktentasche war das Einzige, was Otto Bock im folgenden November beim Passieren der Zonengrenze bei sich trug. In Duderstadt, in den Hallen einer ausgedienten Munitionsfabrik, baute er mit seinem Schwiegersohn Max eine neue Produktion auf. 1953 starb Bock, Max Näder übernahm die Geschäftsleitung.

Drei Jahre später bereisten Max und Maria Näder die USA, um das Auslandsgeschäft anzukurbeln. Drei Monate lang tourten sie durch 22 Bundesstaaten. Das "Jüpa-Knie", stabiler und leichter als die Prothesen der Konkurrenz, geriet schnell zum Exportschlager. Das deutsche Wirtschaftswunder gelangte bis nach Duderstadt, der strenge Patriarch entwickelte ein Faible fürs Reisen, fürs Segeln, Skifahren und für Autos.

Nur der Traum vom Stammhalter schien sich lange nicht zu verwirklichen. Das Fabrikantenpaar hatte die Familienplanung beinahe schon aufgegeben, als sich Nachwuchs ankündigte. Und so wurde Hans Georg hineingeboren in den frischen Wohlstand der frühen Sechzigerjahre.

Fünfeinhalb Jahrzehnte später wohnt niemand mehr in Näders Elternhaus. Die prächtige Villa mit parkähnlichem Garten hat er umbauen und durch einen Neubau ergänzen lassen. Das "Max Näder Haus" ist nun Sitz des Näder Family Office, des Firmenarchivs und Treffpunkt für Veranstaltungen. "Wissensspeicher und Begegnungsstätte, aber kein Museum", so bezeichnet es Näder.

Maria Hauff empfängt im Foyer. Die Kunsthistorikerin ist mit Hans Georg Näder aufs Gymnasium gegangen, seit vier Jahren baut sie das Archiv auf, zwei pensionierte Otto-Bock-Mitarbeiter helfen dabei. Viele der Beschäftigten sprechen, wenn sie den aktuellen Boss meinen, vom "Professor Näder", beflissen, in jedem Satz. Näder hat einen Lehrstuhl an einer privaten Hochschule für Wirtschaft in Göttingen. Maria Hauff sagt nicht Professor, sie sagt "HGN".

Im neuen Teil des Nicht-Museums sind historische Fundsachen ausgestellt, Werkzeuge, Lieferscheine, das berühmte Jüpa-Knie. Im alten Teil blieb das Erdgeschoss weitgehend unverändert. Maria Hauff führt durch die Räume, das Esszimmer, ganz in Weiß mit gelben Polstern, das Wohnzimmer, braun, raucherfreundlich, der Look der gediegenen Siebziger, dahinter das Arbeitszimmer, als würde der Chef gleich die Bilanz unterzeichnen - alles erhalten wie ein Filmset oder, dann doch, wie in einem Heimatmuseum. Auf der Mattscheibe einer Fernsehtruhe läuft die Endlosschleife von privaten Filmaufnahmen: wie die Familie feiert, den örtlichen Brunnen eröffnet, in Italien urlaubt, dazu HGN in kurzen Hosen und mit Schultüte.

Schwer vorstellbar, dass sich Herr Deichmann oder Herr Stihl so präsentieren würden, so verletzlich, so nackt. Doch Maria Hauff hatte freie Hand: "HGN lässt das alles zu." Näder nutzt die Geschichte der Firma, wie er es formuliert, "als Triebfeder für die Zukunft".

Es ist auch seine eigene Geschichte. Der Kellner serviert den zweiten Gang, Kalbsleber, als Näder von der Einschulung erzählt, die insofern einen Makel hatte, als sie in der falschen Schule stattfand. Als Protestant durfte Näder nicht auf die katholische Grundschule, in der sich die Kinder des Duderstädter Bürgertums versammelten. "Eigentlich bin ich mit meiner Mutter groß geworden, der Vater ist durch die Welt geflogen, und wenn er nach drei, vier Wochen wieder zurückkam, lag auf dem Bett das Bordcase offen, auf der einen Seite die Feinrippwäsche, auf der anderen die Oberhemden und Krawatten", sagt Näder. Wertkonservativ, aber nicht spießig sei der Vater gewesen, nie ohne Anzug und Krawatte aus dem Haus gegangen. Erst nach dem Abendbrot wurde das Sakko gegen eine Strickjacke getauscht. Oft habe der Vater Gäste mitgebracht, amerikanische Manager, ägyptische Generäle, saudische Geschäftsleute, "das hat mir früh den Blick geweitet".

Schulanfänger Hans Georg, Eltern Maria und Max Näder 1968

Schulanfänger Hans Georg, Eltern Maria und Max Näder 1968

Es war wohl Hans Georg Näders Glück, dass seine Noten in Mathe und Physik ("grottenschlecht") es praktisch ausschlossen, wie sein Vater Ingenieur zu werden. Er schrieb sich für Betriebswirtschaftslehre ein, brach das Studium jedoch ab, als Max Näder gesundheitlich schwächelte. Der Sohn war erst 28, als er am 75. Geburtstag des Vaters die Firma übernahm.

"Ich kam in ein Management, in dem fast alle über Jahrzehnte mit meinem Vater gut gefahren sind - und zufrieden waren über das Erreichte. Und dann kam ich, der nichts wusste, nichts gemacht hatte. Also musste ich mir meine eigenen Truppen bauen, habe ein paar Ältere in Ruhestand geschickt, den Finanzchef ausgetauscht und einen anderen Ansatz entwickelt als mein Opa, der Orthopädietechniker, und mein Vater, der Ingenieur. Über Marketing nachgedacht, nicht über kleine Schrauben. In kürzeren Zyklen gedacht, nicht in Dekaden. Mich von Herausforderung zu Herausforderung gehangelt."

Die ersten Jahre waren anstrengend. Auch wenn der Vater sich offiziell aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hatte, verstand er sich als Berater. Und diese Beratung, so der Sohn heute, "konnte vehement sein". Viele dieser Beratungsgespräche fanden im Elternhaus statt, im schönsten Zimmer mit Blick in den Garten. Als HGN die Villa zum Max-Näder-Haus umbauen ließ, hat er das Zimmer mit Aussicht abgeschafft. Wo der Raum war, ist jetzt ein Aufzug.

Auf dem Gipfel des Börsenhypes im Jahr 2000 wollte Hans Georg Näder das Unternehmen an die Börse bringen. Acht Stunden lang kämpfte Max Näder in einer Sitzung um den Familienbetrieb - bis der Sohn seine Pläne aufgab.

Zur Eskalation kam es nie, wohl auch, weil der Altersunterschied von 45 Jahren so groß war. Der Vater konnte und wollte den Versuch der Weitergabe nicht scheitern lassen. Und der Sohn ging - auch nach dem Tod des Vaters 2009 - behutsam mit der Firmengeschichte um: "Ich habe nicht den Zwang, den ich manchmal bei Unternehmerfamilien erlebe, wo die herrschende Generation den eigenen Glorienschein pflegt und die Vergangenheit missachtet."

Otto Bock prosperierte auch mit den Methoden des Enkels, der auf einer Messe in Chicago jenen Erfinder aufspürte, der die Grundidee lieferte für das, was Hans Georg Näder heute "unser iPhone" nennt: das C-Leg, ein von einem Mikroprozessor gesteuertes Beinprothesensystem. Mit ihm können Amputierte bergsteigen, Rad fahren, tanzen, sogar - vorher undenkbar - rückwärts laufen.

Erfindungen waren der Treibstoff der Firma auf ihrem Weg zum Milliardenumsatz. Viele der Produktentwicklungen, glaubt Näder, wären bei einem großen Konzern niemals durchgegangen. "Wir sind immer ein Start-up-Unternehmen geblieben." Rund 40 Firmen hat er gegründet oder gekauft, etliche davon auch wieder verkauft oder dichtgemacht. Er hat viel riskiert, Flops produziert und dabei jenes "Bauchgefühl" entwickelt, das viele Mittelständler für sich als Erfolgsmuster reklamieren. "Ich bin wie ein Angler, der an der Alster sitzt, weit weg von den anderen Anglern. Und alle fragen sich: Warum sitzt der da? Weil er das Gefühl hat, dass da die Fische sind."

In großen Konzernen hätte der Angler keine Chance. In großen Konzernen hätte es das C-Brace wohl kaum zur Serienreife gebracht: ein von Elektromotoren gesteuerter Stützapparat, mit dem Menschen mit inkompletter Querschnittslähmung wieder stehen und gehen können. Bislang gibt es 1000 Anwender, aber der weltweite Bedarf ist riesig und irgendwann, glaubt Näder, werde das alles in allem 60.000 Euro teure C-Brace das wichtigste Produkt von Otto Bock sein. Er sagt das ohne einen Hauch von Managersprech, vermeidet Anglizismen. Excel-Tabellen sind ihm ein Gräuel, einen Laptop hat er nie benutzt. Seine Qualitäten sieht er woanders: "Ich kann ganz gut mit Menschen."

So war das auch am Tag zuvor, als er seine Vision an eine Leinwand warf. Rund hundert Unternehmer aus ganz Deutschland waren zum "Digital-Gipfel" in die Hauptstadt gereist, FBN nennt sich der Kreis, The Family Business Network. Tengelmann-Eigentümer Karl-Erivan Haub gehört dazu, Kanzler-Enkel Patrick Adenauer, Konstantin Neven DuMont, Heinrich Deichmann, der deutsche Kaufmannsadel. Rund 50 Milliarden Euro in einem Saal.

Seinesgleichen präsentierte Näder seine Pläne mit Otto Bock: zwei Milliarden Euro Umsatz in 2020; wie er die Digitalisierung vorantreibe ("Chefsache"); dass man sich als Unternehmer sozial engagieren solle ("der beste Kitt, diese Welt zusammenzuhalten"); und was er sich nach der Bundestagswahl im September erhoffe ("Schwarz-Grün-Gelb").

Näder sagt von sich, ein "echter Merkel-Fan" zu sein, was er bei vergangenen Wahlen auch mit treuem Spendenverhalten dokumentierte. Im Bereich von 200.000 Euro kennt man selbst als Kanzlerin die Gönner persönlich. Und so kommt es, dass Angela Merkel ihn ganz gern in ihrer Nähe hat - etwa wenn sie drei- bis viermal im Jahr die Hautevolee des deutschen Mittelstands zum Dinner einlädt. "HGN hier hinsetzen", habe sie dann gerufen und mit der Hand auf einen Stuhl an ihrem Tisch gedeutet.

Näder mit Christian Wulff (m.) und Bundeskanzlerin Angela Merkel 2007
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Näder mit Christian Wulff (m.) und Bundeskanzlerin Angela Merkel 2007

Näder erzählt die Anekdote mit gekonnter Beiläufigkeit. Meistens habe Merkel die Runde mit der Bemerkung eröffnet, heute Abend keinen Alkohol zu trinken, wegen eines wichtigen Termins am folgenden Tag. "Und nach einer halben Stunde trinken wir oft dann doch ein Glas Rotwein", berichtet Näder. "Das mag ich an ihr."

Das Problem für Näder ist nur, dass er in der Union außer Merkel niemanden mehr für wählbar hält, die Wirtschaftskompetenz sei "komplett wegradiert". Wolfgang Schäubles Umgang mit Griechenland zum Beispiel sei nicht fair und auch strategisch falsch. Deutschland profitiere dermaßen von der EU, dass es den kleinen Staaten mehr helfen müsse. Richtig wütend hat ihn Schäubles neues Erbschaftsteuergesetz gemacht: "Wenn ich morgen tot umfalle, kostet das meine Töchter bis zu 500 Millionen Euro ihres Erbes. Die haben wir nicht, also müssten sie Anteile der Firma verkaufen, um die Steuern bezahlen zu können."

Es gibt etliche Unternehmer, die sich vor dem Generationswechsel in die Schweiz abgesetzt haben. Oder Österreicher geworden sind. Oder Malteser. Eigentlich mag Näder diesen Egoismus nicht. Aber 500 Millionen? "Ich bin gerne Deutscher, zahle hier meine Steuern, schaffe Arbeitsplätze, engagiere mich sozial, mache alles, was man sich von einem guten Staatsbürger wünscht."

Der Patron schaut nach dem Rechten: "Die Dolce-Variation für den Professore?" "Habt ihr Erdbeereis?" "Natürlich!" "Dann zwei Kugeln mit einem Grappa drüber."

Die Wut ist so groß, dass Näder vor anderthalb Jahren aus der CDU austrat, sich mit Christian Lindner traf und zu den Gelben konvertierte. Der FDP-Chef hat den Neuzugang gleich zum wirtschaftspolitischen Berater berufen. "Wo kann man so schnell Karriere machen?", feixt Näder, wenngleich er beteuert, an Parteiposten kein Interesse zu haben. Neuerdings schickt ihm Hermann-Otto Solms, der Schatzmeister der Liberalen, im Vierwochentakt Briefe. Er wolle sich so gern mit ihm treffen. "Klar", sagt Näder, "der möchte unsere volle Wahlkampfspende, die kriegt er aber nicht. Das Geld wird aufgeteilt: Hälfte FDP, Hälfte Merkel."

Näder glaubt, dass sich viele Unternehmer wieder mit der FDP beschäftigten. Aber selber in die Bütt steigen, um ein rotes Bündnis zu verhindern oder gar vier weitere Jahre Große Koalition? Er schüttelt die grauen Locken, vor ihm vermengen sich Eis und Grappa zu einer rosa-bräunlichen Emulsion.

"Ich kriege jede Woche ungelogen 50 Einladungen zu Bankenveranstaltungen, Eröffnungen, Vernissagen, Vorträgen. Ich gehe nirgendwohin. Und schon gar nicht zu Anne Will, um den Quoten-Unternehmer für die FDP zu geben." Näder erzählt von Sabine Christiansen, die oft ins Capriccio komme und die ihn mehrmals in ihre Sendung eingeladen habe, als sie noch talkte. Er habe immer abgelehnt, und irgendwann habe sie ihm über zwei Tische hinweg zugerufen: Herr Näder, unter uns, Sie können auch nur verlieren. "Da gibt es Unternehmer, die gehen immer nur als Opfer aus der Sendung", sagt Näder. Nichts für ihn. "Ich kann ja meine Klappe nicht halten." Auftritte müssen ihm Spaß machen. Oder einer guten Sache dienen.

Näder greift hinter sich, öffnet eine Holzkiste, holt eine Zigarre heraus. "Darf ich?" Ja. "Möchten Sie?" Nein. In diesem Wohnzimmer geht's nicht nur um Intimität, es geht auch ums Rauchen. Näder ist jetzt ganz bei sich, mit einem ordentlichen Rotwein, in seiner Wahlheimat, die für ihn Aufbruch und Zukunft bedeutet.

Vor sieben Jahren hat er im Prenzlauer Berg das Gelände einer ehemaligen Brauerei erworben. Nicht, weil er sich nach einem Investment umgesehen hatte, sondern weil der Barkeeper im Soho House Bestellungen nur auf Englisch entgegennehmen wollte. Näder verließ die Bar, spazierte durch die eiskalte Vollmondnacht auf der Suche nach einem Gin Tonic - und entdeckte auf einem Stück Industriebrache ein Bauschild, an dessen Seite sich bereits Efeu breitmachte.

Näder stößt eine schwere Wolke aus. Wieder so etwas, das ihm einfach passiert sei.

Näder kaufte dem Metro-Konzern das Areal ab, gut 24.000 Quadratmeter. Er hätte auf dem Grund jede Menge Wohnungen bauen können. Oder wenigstens eine Shoppingmall. Aber er verzichtete auf das Baurecht. Er machte also, was vernünftige Investoren niemals machen würden.

Für das Gelände hatte er viele Ideen, er verwarf sie, gebar neue, ließ sich beraten, tauschte die Berater aus, verplemperte die Zeit - und bereut keinen Tag. "Seit 2010 ist der Wert des Grundstücks um ein Vielfaches gestiegen."

Große Teile der Bötzow-Brauerei, eines über 130 Jahre alten Klinkerbaus, sind inzwischen restauriert, nach Plänen des englischen Stararchitekten Sir David Chipperfield. Ende des Jahres wird die Otto-Bock-Gruppe hier einziehen.

Bauherr Näder (l.) mit Modell des Bötzow-Ensembles 2014
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Bauherr Näder (l.) mit Modell des Bötzow-Ensembles 2014

Näder klopft zwei Zentimer verbrannten Tabak in den Aschenbecher, der Unternehmer in ihm wird jetzt grundsätzlich. "Früher kamen die Menschen zur Arbeit. Heute muss die Arbeit zu den Menschen kommen. Junge Leute ziehen heute lieber nach Berlin als nach Duderstadt. Ich habe viele Zuschriften erhalten, in denen stand: Eröffnen Sie eine Filiale in Berlin, und ich komme zu Ihnen." Näder saugt an seiner Zigarre, dann sagt er: "Die bleiben vielleicht auch nicht länger als drei Jahre, aber viel Bewegung ist gut für eine kreative Firma."

Forschung und Entwicklung, das Marketing, eine digitale Truppe, rund 200 Menschen sollen demnächst für Otto Bock auf Bötzow arbeiten. Dazu wird es Restaurants und Bars geben, ein Museum, auch mit Werken aus Näders stattlicher Kunstsammlung, eine Rehaklinik für Frischoperierte, denen Otto-Bock-Technik angepasst wird, Räume für Start-up-Unternehmen und ein Future Lab.

200 Millionen Euro investiert Näder in Bötzow, das Projekt steht für die Häutung von Otto Bock. Für das Umsatzziel von zwei Milliarden Euro setzt er alles auf den Kern Health Care. Zwei Sparten, eine Kunststoff- und eine IT-Firma, wird er alsbald abstoßen und Firmen aus dem Medizinbereich dazukaufen. Rund 600 Millionen Euro will sich Näder dafür bei Private-Equity-Investoren besorgen - und in einem zweiten Schritt einen Teil des Unternehmens an die Börse bringen.

Näder will den Übergang vorbereiten für die vierte Generation, seine Töchter Julia und Georgia. "Wir werden bald so groß sein, dass das als Familienunternehmen nicht mehr geht", sagt er. Top-Manager sollen das Geschäft übernehmen, wenn er sich zurückzieht; und auch die kommen eher nach Berlin als nach Duderstadt. Für Julia und Georgia hat der Vater Sitze im Aufsichtsrat vorgesehen.

100 Jahre alt wird die Firma demnächst. Für Hans Georg Näder kein Grund zur Melancholie. Weil er "die Zukunft gestalten" will, opfert er nun die lang gehegte Tradition. Das Ende des Bauchgefühls naht.



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nici_d 02.05.2017
1. fantastisch reich
Allein schon das Attribut "fantastisch reich" ist doch völlig deplatziert, wenn man Menschen, die nicht der Globalisierung frönen und sich vielleicht lieber als Spreewälder, Mecklenburger, Badener oder Franken sehen denn als Weltbürger, davon überzeugen will, von Weltoffenheit überzeugen will. Denn Reichtum des einen bedeutet, zumindest wenn es sich um finanziellen Reichtum handelt, immer Schulden eines anderen.
Der neoliberale Ökonom 02.05.2017
2. Ihre Schlußfolgerung ist Schwachsinn
Zitat von nici_dAllein schon das Attribut "fantastisch reich" ist doch völlig deplatziert, wenn man Menschen, die nicht der Globalisierung frönen und sich vielleicht lieber als Spreewälder, Mecklenburger, Badener oder Franken sehen denn als Weltbürger, davon überzeugen will, von Weltoffenheit überzeugen will. Denn Reichtum des einen bedeutet, zumindest wenn es sich um finanziellen Reichtum handelt, immer Schulden eines anderen.
Nur weil einer aus einen mittelgroßen Unternehmen einen Weltkonzern gemacht hat, hat er dies nicht auf Kosten anderer. Herr Näder setzt sein Vermögen auch zum Wohle der Bevölkerung ein. Gerade Duderstadt profitiert insbesondere kulturell ganz besonders von Näder. Da sollten Sie sich mal informieren. Ganz zu schweigen von den vielen Arbeitsplätzen in der strukturschwachen Region im Eichsfeld. Da sind solche vor Dummheit nur so strotzenden Sprüche wirklich fehl am Platze.
Crom 02.05.2017
3.
Zitat von nici_dAllein schon das Attribut "fantastisch reich" ist doch völlig deplatziert, wenn man Menschen, die nicht der Globalisierung frönen und sich vielleicht lieber als Spreewälder, Mecklenburger, Badener oder Franken sehen denn als Weltbürger, davon überzeugen will, von Weltoffenheit überzeugen will. Denn Reichtum des einen bedeutet, zumindest wenn es sich um finanziellen Reichtum handelt, immer Schulden eines anderen.
Das ist schlicht falsch. Wenn jemand ein Unternehmen aufbaut und dies dann einen entsprechenden Wert hat. Wo sind da die Schulden der anderen? Wenn ich jetzt ein 50-Euro-Schein in der Tasche habe, wer ist da der Schuldner und warum?
MartinBeck 02.05.2017
4. Aha
Erfolgreiche Mittelständler sind also keine Draufgänger? Aha, aber wer dann? Vielleicht die Dax-Beamten, die auch bei Misserfolg noch Millionen bekommen? Oder die Aufsichtsräte, die solche Verträge beschließen? Sie sollten sich mal mit dem Thema Unternehmerrisiko befassen und dann nochmals über "Draufgänger" schreiben.
griaseich 02.05.2017
5. Spenden?
der Staat nimmt mir 60% meiner Einkünfte weg (Einkommenssteuer, Umsatzsteuer, Abgaben...)....was soll ich bitte noch spenden? Gelobt die Zeiten, wo es nur einen Zehnten gab....
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