AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2018

Anlegerskandal Warum 50.000 Menschen um ihr Geld bangen

Die Unternehmensgruppe P&R hat für den Kauf von Containern Milliarden Euro bei Kunden eingesammelt. Ist das Geld weg?

Containerschiff im Hamburger Hafen
DPA

Containerschiff im Hamburger Hafen

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Die Lage ist idyllisch: Der Firmensitz der Unternehmensgruppe P&R liegt direkt am Isarufer, in Grünwald, einem kleinen Ort bei München. Doch der IT-Mitarbeiter, der im schwarzen Anzug die Tür öffnet, wirkt angespannt. "Wir Mitarbeiter wissen auch nicht, wie es weitergeht", sagt er nur.

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Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Für Anleger, die ihr Erspartes in die Finanzprodukte von P&R gesteckt haben, sind das beunruhigende Worte.

P&R hat ihnen Container verkauft, über sogenannte Direktinvestments. Das Prinzip: Die Anleger werden Eigentümer, P&R übernimmt die Vermietung der Transportbehälter zu garantierten Preisen und kauft sie nach einem bestimmten Zeitraum zurück.

In den vergangenen Monaten aber mussten Anleger erstmals auf Mietzahlungen warten. Vor zwei Wochen erfuhren Kunden dann per Brief, dass sich ein anstehender Rückkauf von Containern verzögere. Ein Handelspartner sei "kurzfristig und auch für uns überraschend" abgesprungen. Wenig später stoppte P&R den Neuverkauf.

Auf die Frage, ob die Firmengruppe vor der Insolvenz stehe, antwortet die Pressestelle, man könne "momentan keine Einzelfragen beantworten".

Damit bahnt sich der nächste Anlegerskandal in Deutschland an, er hätte weit größere Dimensionen, als die Dramen um das Windenergieunternehmen Prokon oder die Immobiliengruppe S&K. 3,5 Milliarden Euro von rund 50.000 Kunden verwaltet P&R derzeit - darunter Rentner, Selbstständige, kleine Angestellte.

Mehrere Hunderttausend Euro steckte Hans Hasselmann (Name von der Redaktion geändert), 63, aus einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg seit Mitte der Neunzigerjahre in das Geschäft, rund 120 Container gingen in dieser Zeit durch den Besitz seiner Familie. Ein Finanzmakler verkaufte die Behälter als "rentable Investition in Sachwerte". "Über die Risiken war ich mir lange nicht im Klaren", sagt der ehemalige Computerhändler.

Beim Kauf habe er nur wenige Informationen bekommen: Noch 2016 wurde auf nur zwei Seiten ein 20-Fuß-Standard-Stahl-Container angepriesen, neunfach stapelbar, das Stück 1970 Euro. Ab elf Containern zehn Euro Rabatt. Die voraussichtliche Rendite: rund drei Prozent. Risikohinweise: Fehlanzeige.

Wirtschaftsprüfer waren allerdings schon damals kritisch. Mehrere Jahresabschlüsse von P&R-Unternehmen wurden nur mit Einschränkungen abgesegnet, weil wichtige Angaben fehlten. Etliche Banken hatten kein Problem damit, die undurchsichtigen Investments an ihre Kunden zu verkaufen: Die Münchner Bank eG stellte den Vertrieb 2015 ein, die Volksbank Braunschweig erst 2016.

Anfang 2017 wurden Einzelheiten über das Geschäftsmodell bekannt, weil P&R zum ersten Mal ausführliche Verkaufsprospekte veröffentlichen musste. "So kam zum Vorschein, wie riskant das Geschäftsmodell eigentlich ist", sagt Fachjournalist Stefan Loipfinger, der den Fall in einem aktuellen Anlegerbuch aufgearbeitet hat.

Was Loipfinger schon seit Jahrzehnten ahnte, wurde bestätigt: dass das Geschäft starken Schwankungen unterliegt und die tatsächlichen Mieteinnahmen der Container zumindest seit 2014 weit hinter den Zahlungszusagen der P&R an ihre Anleger zurückblieben - um durchschnittlich 170 Euro im Jahr, wie Loipfinger ausrechnete.

Zudem zeigten die Prospekte den Anlegern erstmals schwarz auf weiß die hohen Risiken auf, die sie bei solchen Direktinvestments eingehen. Es drohe im schlimmsten Fall nicht nur der Totalverlust des eingesetzten Kapitals, sondern auch die "Gefährdung des sonstigen Vermögens ... bis hin zur Privatinsolvenz", heißt es in einem der letzten Verkaufsprospekte von P&R. Der Eigentümer eines Containers müsse unter Umständen für dessen Instandhaltung finanziell geradestehen oder auch für mögliche Schäden, die durch den Container verursacht werden.

Warum kaufen Menschen so etwas? "Bankberatern vertrauen wir nicht mehr, und von der Börse lassen wir lieber die Finger", sagt ein Betroffener, ein 71-jähriger Rentner. Die Erklärungen der P&R zu den Entwicklungen auf dem Schifffahrtsmarkt dagegen habe er immer einleuchtend und verständlich gefunden.

Gerhard Schick, Finanzexperte bei den Grünen, fordert deshalb, Firmen wie P&R noch strenger zu kontrollieren. "Bei solchen Anlagesummen braucht es definitiv ein Tragfähigkeitsgutachten eines unabhängigen Wirtschaftsprüfers für das Geschäftsmodell", sagt er. Derzeit prüft die Finanzaufsicht BaFin die Prospekte nur auf formale Kriterien hin.

Anleger Hasselmann hofft nun, "dass im Ernstfall nicht alles Geld weg ist". Ein Insolvenzverfahren dürfte bei P&R aber kompliziert werden. Denn die Unternehmensgruppe besteht aus insgesamt vier Firmen, von denen eine ihren Sitz in der Schweiz hat. "Das heißt, dass im Ernstfall mehrere Insolvenzverwalter Ansprüche auf die Insolvenzmasse erheben können", sagt der Anlegeranwalt Peter Mattil.

Bei der Tübinger Kanzlei Tilp konzentriert man sich erst einmal auf die Verkäufer der Produkte. "Wir klären, inwieweit gegebenenfalls Ansprüche gegenüber Vermittlern und Banken geltend gemacht werden können."



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