AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2017

Palliativmediziner Bruce Miller In Frieden sterben? Ja, das geht.

Der Palliativmediziner Bruce Miller wäre selbst fast gestorben: Bei einem Unfall verlor er beide Unterschenkel und den linken Unterarm. Nun sieht er seine Aufgabe darin, Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen.

Palliativmediziner Miller
Stephen Lam / DER SPIEGEL

Palliativmediziner Miller

Ein Interview von


SPIEGEL: Sterben ohne Leid, ist das ein naiver Traum?

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Heft 33/2017
Wie sich das bedrohte Paradies wandelt

Miller: Es gibt jedenfalls kein Rezept mit einer Garantie fürs Gelingen, aber jeder kann vorsorgen, indem er achtsamer im Hier und Jetzt lebt. Der Trick ist, bewusst zu genießen und zu schätzen, was man hat. Die Familie, die Natur, gutes Essen, vor allem die Gesundheit. Wer das tut, stirbt friedlicher.

SPIEGEL: Klingt ein bisschen banal.

Miller: Mag sein. Aber tatsächlich gelingt es den wenigsten Menschen, ein erfülltes Leben zu führen. Viele schauen zurück und bereuen.

SPIEGEL: Was bereuen Ihre Patienten am meisten?

Miller: Zeit verschwendet zu haben. Mit einem Job, den sie nicht mochten. Mit einem Partner, den sie nicht liebten. Mit einem Urlaub, den sie lieber woanders verbracht hätten. Unsere Zeit auf Erden ist begrenzt. Wir sollten sie sinnvoll nutzen.

SPIEGEL: Für einen Sterbenden scheint dieser Rat nur bedingt nützlich.

Miller: Wer stirbt, ist längst nicht tot. Auch in den letzten Wochen und Tagen des Lebens können Menschen Dinge tun, die sie schon immer einmal tun wollten. Deshalb haben wir im Hospiz in San Francisco die Leute stets dazu ermutigt, mit Wünschen nicht hinterm Berg zu halten - egal wie abenteuerlich sie klangen.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Miller: Einer meiner Patienten wollte unbedingt noch einmal mit einem Floß den Colorado River herunterfahren. Er war HIV-positiv, hatte fortgeschrittenen Prostatakrebs und starke Knochenschmerzen. Trotzdem haben wir ihm diesen Wunsch erfüllt.

SPIEGEL: Ist das für einen sterbenskranken Menschen nicht umso gefährlicher?

Miller: In seinem gesundheitlichen Zustand war eine Floßfahrt nicht die klügste Idee. Aber in so einer Situation muss man abwägen: Was hat ein todkranker Mensch zu verlieren - und was kann er gewinnen?

SPIEGEL: Hat er gewonnen?

Miller: Und wie! Als er zurückkam, schwärmte er vom eiskalten Wasser, von der warmen Sonne, den ockerfarbenen Felsen des Grand Canyon. Er war selig. Genau darum geht es in der Palliativmedizin: um ein Wohlfühlen in jedem Abschnitt der letzten Lebensphase.

Stephen Lam / DER SPIEGEL

Bruce Miller, 46, ist Palliativmediziner und praktiziert an der Klinik der University of California in San Francisco. Er war selbst einmal dem Tod näher als dem Leben, als Student: Mit zwei Freunden kletterte er aus Jux auf das Dach eines Zuges, die 11.000-Volt-Oberleitung sandte einen Stromstoß durch seinen Körper. Seitdem muss er ohne linken Unterarm auskommen und trägt zwei Beinprothesen aus Carbon. Miller leitete fünf Jahre lang das Zen-Hospiz in San Francisco; heute reist er, wenn er nicht im Krankenhaus ist, durch die USA und erklärt bei Vorträgen seine Ideen von einem guten Ende.

SPIEGEL: Für die meisten Sterbenden bleiben solche Erlebnisse wohl die Ausnahme.

Miller: Stimmt, aber am Lebensende ist nicht entscheidend, wie groß oder unerfüllbar der Wunsch ist. Sie können sterbenden Menschen mit den kleinsten Dingen die größte Freude bereiten. Eine meiner Patientinnen zum Beispiel litt an der Nervenkrankheit ALS, bei der auch die Atemmuskulatur allmählich versagt. Sie fragte, ob sie noch einmal ihre geliebten französischen Zigaretten genießen dürfe. Sie wollte noch einmal fühlen, wie das ist, wenn sich ihre Lunge mit Rauch füllt.

SPIEGEL: Haben Sie es erlaubt?

Miller: Sicher. Etwas Schlimmeres als ihre Krankheit konnte ihr nicht passieren. Eine andere Patientin wiederum brauchte nur die Gewissheit, ihren Hund am Fußende des Bettes liegen zu haben, um seine kalte Schnauze an ihren Füßen zu spüren.

SPIEGEL: Die Stimulierung der Sinne spielt eine so große Rolle?

Miller: Absolut. Mit Sinnesfreuden lässt sich viel Leid lindern. Die Küche im Zen-Hospiz war deshalb der wichtigste Raum. Klingt erst mal seltsam, weil viele Sterbende kaum oder gar nichts mehr essen können. Aber allein der Geruch frisch gebackener Plätzchen hat für sie etwas Heimeliges. Solange Menschen Vertrautes riechen, tasten oder sehen, fühlen sie sich mit ihrer Umwelt, mit dem Leben verbunden.

SPIEGEL: Was sagen Sie einem Sterbenden, wenn Sie sich zum ersten Mal an sein Bett setzen?

Miller: Ich frage, was ihm wichtig ist, was er noch vom Leben erwartet. Dann denken wir gemeinsam laut darüber nach. Das Wichtigste ist aber, bei ihm zu sein und zuzuhören. Auch wenn der Patient vielleicht verbittert wirkt.

SPIEGEL: Und wenn Menschen nicht reden wollen?

Miller: Schweigen erlebe ich oft als eine Art Test; der Patient fragt sich: Hat der Arzt überhaupt Interesse an mir? Will er sich mit meinen Problemen beschäftigen? Das ist okay. Ich nehme es nicht persönlich und komme am nächsten Tag wieder.

SPIEGEL: Versuchen Sie, die Sterbenden aufzuheitern?

Miller: Das ist zweischneidig. Man muss Patienten dort abholen, wo sie emotional gerade sind, sonst nehmen sie einen nicht ernst. Wenn sie traurig sind, bin ich mit ihnen traurig. Wenn sie heiter sind, bin ich mit ihnen heiter. Der Schlüssel liegt darin, in jeder ihrer Gemütslagen Mitgefühl zu zeigen.

SPIEGEL: Sie haben beide Unterschenkel und den linken Unterarm verloren - hat Ihr Unfall etwas damit zu tun, dass Sie Palliativmediziner geworden sind?

Miller: Er war zumindest der Beginn meiner Beziehung mit dem Tod. Durch den Unfall lernte ich, dass mein persönliches Glück nicht von zwei funktionierenden Beinen abhängig ist. Und dass selbst im Unglück Chancen liegen - wie auch im Leid von Sterbenden. Im Medizinstudium fiel mir auf, wie wenig wir über das Sterben wissen, obwohl uns der Tod alle betrifft. Das wollte ich ändern.

SPIEGEL: Wie wirkt sich Ihre Behinderung auf die Arbeit mit Patienten aus?

Miller: Sie erleichtert mir häufig den Zugang zu ihnen. Patienten öffnen sich mir schnell, weil sie mich sehen und denken: Der weiß, wie sich Schmerzen anfühlen. Für meinen Job ist dieser Körper ein Geschenk.

SPIEGEL: Sie haben es leichter als Ihre Kollegen, an die Menschen heranzukommen?

Miller: (lacht) Niemand muss erst zwei Beine verlieren, um das Vertrauen von Patienten zu gewinnen. Jeder hat im Leben einmal gelitten, auch ein gesunder Arzt. Es genügt, Patienten davon zu erzählen.

SPIEGEL: Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe?

Miller: Menschen den Schrecken vor dem Tod zu nehmen und eine gewisse Akzeptanz für das Lebensende zu schaffen.

SPIEGEL: Wie machen Sie das?

Miller: Ich versuche, Patienten in Gesprächen dazu zu bringen, sich ihren Ängsten zu stellen und ihre Perspektive auf diese Ängste zu ändern. Das kann deren Furcht entwaffnen. Der Mann, der mit einem Floß den Colorado River heruntergefahren ist, hat irgendwann über seine Ängste gelacht. Er starb im Einklang mit sich selbst.

SPIEGEL: Wovor fürchten sich Menschen am Ende am meisten?

Miller: Vor den körperlichen Schmerzen - das heißt, lange im Bett liegen und leiden zu müssen. Außerdem haben viele Angst davor, nicht mehr allein duschen oder aufs Klo gehen zu können.

SPIEGEL: Trotzdem wollen viele lieber zu Hause sterben als im Altenheim oder im Krankenhaus, wo für sie gesorgt würde.

Miller: Verständlich. Krankenhäuser sind steril und unpersönlich. Wer auf sein Lebensende zusteuert, will sich wohlfühlen und nicht ständig daran erinnert werden, dass er jetzt ein Pflegefall ist. Krankenhäuser sind darauf spezialisiert, Patienten zu heilen. Aber Menschen, die auf den Tod warten, brauchen Pflege und Fürsorge, und zwar in erheblichem Maße. Das überfordert Krankenhäuser. Deshalb leiden Betroffene dort mehr als nötig.

SPIEGEL: Das bedeutet konkret?

Miller: Sie warten Wochen auf einen Befund oder fühlen sich elend, weil sie sich tagelang nicht waschen konnten. Oft fehlen in Krankenhäusern geeignete sanitäre Einrichtungen. Sie glauben gar nicht, wie viel Lebensmut eine Dusche einem Patienten schenken kann.

SPIEGEL: Jedes Jahr hauchen weltweit mehr als 56 Millionen Menschen ihr Leben aus, und doch reden wir ungern und selten übers Sterben. Gehen wir zu nachlässig mit dem Thema um?

Miller: Die Weltbevölkerung ist generell schlecht vorbereitet auf das Problem der Überalterung. Es fehlen Hospize und ambulante Pflegedienste, um die Krankenhäuser zu entlasten. Manche Betroffene erhalten erst wenige Tage vor ihrem Tod Sterbebetreuung, zumindest in den USA. Die Finanzierung dieser Dienste ist ein weiteres Problem.

SPIEGEL: Wenn es um die Qualität der Sterbebegleitung geht, rangieren die USA einer Studie zufolge auf Rang neun, Großbritannien auf Rang eins. Was machen die Briten besser?

Miller: Hospize sind fester in deren Gesundheitssystem integriert. Außerdem sind medizinische Versorgung und Palliativpflege besser aufeinander abgestimmt. Aber auch in Großbritannien dreht die Gesellschaft dem Thema Sterben eher den Rücken zu. Ein globales Problem.

SPIEGEL: Wie kann man dem entgegenwirken?

Miller: Mit Aufklärung und Bildung. Ich halte viele Vorträge und versuche, meinen Zuhörern der Abscheu vor dem Tod zu nehmen. Sterben muss nicht grässlich sein, im Gegenteil. Es kann schmerzfrei und würdevoll ablaufen, solange es uns gelingt, Menschen kreativ und ästhetisch aus dem Leben zu begleiten.

SPIEGEL: Haben Sie noch Angst vorm Tod?

Miller: Durch meine Arbeit etwas weniger. Zumindest rede ich mir das ein. Angst macht mir eher der Gedanke, mein Leben nicht voll ausgekostet zu haben.



insgesamt 5 Beiträge
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scotty 25.08.2017
1.
In Deutschland befindet sich die Palliativversorgung weiterhin in einem guten Entwicklungsprozess. Aber es dauert, bis sich das gesellschaftliche Bewusstsein und die Akzeptanz des Sterbens wandelt, und von daher ist das eher schlechtere Ranking von Deutschland verständlich. Hier vor Ort will trotz sehr guter und anerkannter Palliativmedizin kaum jemand konkret mit dem Thema konfrontiert werden - so lange es nicht unbedingt erforderlich ist und möglichst nur den Anderen betrifft. Auf diesem Gebiet ist viel Beratung und Aufklärung notwendig.
spon_3771681 25.08.2017
2. Assistierter Suicid
Es ist eine Frechheit seitens der Mehrzahl der Politiker, den assistierten Suizid verboten zu haben. Auch derzeit bevormunden uns die meisten Politiker. Wenn Gläubige den assistierten Suizid ablehnen, so haben Gläubige nicht das Recht, anderen ihren Glauben aufzuzwingen. Ist Deutschland etwa ein Gottes-Staat?
Xiuhcoatl 25.08.2017
3. Re: 2. Assistierter Suizid
Zitat von spon_3771681Es ist eine Frechheit seitens der Mehrzahl der Politiker, den assistierten Suizid verboten zu haben. Auch derzeit bevormunden uns die meisten Politiker. Wenn Gläubige den assistierten Suizid ablehnen, so haben Gläubige nicht das Recht, anderen ihren Glauben aufzuzwingen. Ist Deutschland etwa ein Gottes-Staat?
Mag sein, dass es eine Frechheit ist, aber dann (wenn es eine ist) ist es weniger eine der Mehrzahl der Politiker, sondern eine der Beauftrager dieser Mehrzahl der Politiker. Also eine der Wahlbürger. Also eine Frechheit (falls es eine ist) von uns. Ein Teil der Wahlbürger werden Gläubige gewesen sein, aber es darf als unausgemacht geltend verbleiben, welcher Gläubigenanteil zur Beauftraggung der genannten Politikermehrzahl beitrug. Und es ist im hiesigen Wahlsystem sowieso irrelevant. Und übrigens, ja, die Mehrheit hat anscheinend wohl das Recht zum (versuchten) Aufzwingen. Nennt sich Demokratie, und trägt anscheinend doch wohl einigermaßen, auch wenn nicht alles Gold ist.
kumi-ori 25.08.2017
4.
Mir werden die Begriffe Palliativ und Sterben zu oft durcheinandergeshmissen. Ein Palliativpatient lebt zunächst einmal und wenn er gut therapiert wird, dann kann er, je nachdem, welche Krankheit er hat, auch schon mal zwanzig Jahre bei guter Qualität weiterleben, bis er dann von einem Laster erfasst wird.
Sumerer 26.08.2017
5.
Zitat von kumi-oriMir werden die Begriffe Palliativ und Sterben zu oft durcheinandergeshmissen. Ein Palliativpatient lebt zunächst einmal und wenn er gut therapiert wird, dann kann er, je nachdem, welche Krankheit er hat, auch schon mal zwanzig Jahre bei guter Qualität weiterleben, bis er dann von einem Laster erfasst wird.
Palliativmedizinisch betreute Menschen, haben in aller Regel keine zwanzig Jahre mehr zu leben. Sie sterben halt geschätzt wesentlich früher und werden ihren Krankheiten entsprechend medizinisch versorgt - mitunter auch - durchaus berechtigt - so, dass sie vorzeitig medikamentös von ihren Leiden erlöst werden.
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