AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2016

Schmerzmittel in der Schwangerschaft Paracetamol könnte Verhaltensprobleme bei Kindern auslösen

Paracetamol gilt für Schwangere als vergleichsweise harmlos. Doch Studien zeigen: Ihre Kinder könnten dadurch verhaltensauffällig werden.

Schwangere Frau (Symbolbild)
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Schrecklich, wenn man nicht alles zweimal hinterfragt, was Ärzte einem raten oder verordnen", schreibt eine verzweifelte Mutter in einem Elternforum im Internet. Als sie sich während ihrer Schwangerschaft eine Rippe brach, berichtet sie, hätten die Ärzte ihr empfohlen, gegen die schlimmen Schmerzen das Allerweltsmittel Paracetamol zu schlucken.

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Geholfen habe ihr das Medikament "nicht sonderlich", erzählt die Frau. "Was ich dann aber bekommen habe, ist ein Kind, welches hyperaktiv ist." Lange habe sie gegrübelt, wie ihr das passieren konnte. Nur durch Zufall erfuhr sie schließlich, dass dies eine Nebenwirkung des Schmerzmittels sein könne. "Blindes Vertrauen", so ihr bitteres Fazit, "kann verheerende Folgen haben."

Was klingt wie eine der üblichen Verschwörungstheorien im Netz, hat einen wissenschaftlichen Hintergrund. Vor drei Jahren tauchten tatsächlich erste Hinweise auf, dass Kinder, die im Mutterleib dem Wirkstoff ausgesetzt waren, später verhaltensauffällig werden können. Unter anderem neigen die Betroffenen zu Wutausbrüchen, oder es fällt ihnen schwer, sich zu konzentrieren.

Eine Studie von Forschern der University of Bristol mit insgesamt 14.500 Müttern und ihren Kindern, die soeben in der medizinischen Fachzeitschrift "Jama Pediatrics" erschienen ist, hat diesen Verdacht nun bestätigt: Bei sieben Jahre alten Kindern, deren Mütter zwischen der 19. und der 32. Schwangerschaftswoche Paracetamol eingenommen hatten, stieg das Risiko für Verhaltensprobleme um 46 Prozent.

Paracetamol-Tabletten
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Paracetamol-Tabletten

Eine aktuelle Auswertung dänischer Daten kommt zudem zu dem Ergebnis, dass auch die Intelligenz fünfjähriger Kinder leiden kann, wenn ihre Mutter während der Schwangerschaft Paracetamol gegen Schmerzen geschluckt hat.

Statistisch haben die Paracetamol-Kinder einen um 3,4 Punkte niedrigeren IQ. Mögliche Erklärung für all diese Effekte: Das Mittel könnte die empfindliche Hirnentwicklung stören.

Insbesondere die Forscher von der University of Bristol haben sich große Mühe gegeben, alternative Ursachen auszuschließen. "Ihre Studie liefert gute Argumente gegen den üblichen Einwand, dass in Wahrheit andere, noch unbekannte Einflüsse für die Auffälligkeiten verantwortlich sind", sagt Ragnhild Brandlistuen vom norwegischen Institut für öffentliche Gesundheit. Die Psychologin war an jener früheren Studie beteiligt, die erstmals auf den möglichen Zusammenhang zwischen Paracetamol in der Schwangerschaft und Verhaltensstörungen bei Kindern gestoßen war. "Wir waren sehr überrascht und hielten es damals für denkbar, dass das Ergebnis rein zufällig zustande gekommen sein könnte."

Unter vielen Frauenärzten haben sich die neu entdeckten Risiken noch nicht herumgesprochen. Schwangeren wird das Medikament deshalb weiterhin empfohlen. Die vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Website Embryotox, von der auch Frauenärzte ihre Informationen beziehen, hält Paracetamol im letzten Schwangerschaftsdrittel sogar für alternativlos.

Kein Wunder also, dass mehr als jede zweite Frau während der Schwangerschaft auf dieses scheinbar eher unbedenkliche Schmerzmittel zurückgreift. "Wenn man die große Zahl schwangerer Frauen berücksichtigt, die das Medikament nehmen", schreiben die britischen Forscher, "kann schon eine geringfügige Erhöhung des Risikos für Auffälligkeiten bedeutende Folgen für die öffentliche Gesundheit haben."

Was viele Patientinnen ebenfalls nicht berücksichtigen: Paracetamol wirkt nur gegen leichte und mittelschwere Schmerzen - wenn überhaupt. Bei einem Hexenschuss beispielsweise hilft das Medikament gar nicht, gegen Migräne nur sehr selten.

"Paracetamol ist ein für die Schmerztherapie fast unwirksames Medikament", sagt Hartmut Göbel, Leiter der angesehenen Schmerzklinik in Kiel. "Es gibt viele Möglichkeiten, es zu ersetzen." So könne bei Spannungskopfschmerz Pfefferminzöl helfen und bei Kreuzschmerzen Bewegung oder Wärmetherapie. "Auch wenn die Folgen für Ungeborene noch nicht endgültig bewiesen sind", sagt Göbel, "muss in so einer Situation gelten: Im Zweifel gegen den Angeklagten."

Aber es gibt Fälle, bei denen die Vorteile von Paracetamol möglicherweise sogar überwiegen: wenn Schwangere unter Fieber leiden. Denn auch Fieber während der Schwangerschaft kann offenbar dazu führen, dass die Kinder später einen etwas niedrigeren IQ haben. Die fiebersenkende Wirkung des Medikaments vermag dies möglicherweise zu verhindern.

"Vielleicht kommt es darauf an", sagt Psychologin Brandlistuen, "dass Paracetamol aus dem richtigen Grund eingenommen wird."

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insgesamt 11 Beiträge
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Vex 23.10.2016
1.
Ohne die Studie gelesen zu haben hoffe ich sie haben die Ursache fuer die Paracetamoleinnahme als Faktor ausgeschlossen. Die Vergleichsgruppe muessen also Muetter mit Schmerzen sein die nichts einnehmen und nicht Muetter ohne Schmerzen.
saschb 23.10.2016
2.
Da die Studie hinter einer Bezahlschranke liegt (http://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/article-abstract/2543281), konnte ich sie auch nicht lesen. Aus dem Abstract würde ich jedoch schließen, dass die Kontrollgruppe, Mütter waren, die zum jeweiligen Zeitpunkt kein Paracetamol genommen haben. Die Daten wurden nur durch Fragebögen erhoben, die die Mütter (7796, nicht 14500) selbst ausfüllen mussten. 4415 berichteten von einer Einahme um die 18., 3381 um die 32. Schwangerschaftswoche, 6916 nahmen Paracetamol nach der Geburt ein. Interessant wäre besonders bei den Verhaltensauffälligkeiten, die Fragestellungen zu sehen, da wenn ich richtig gerechnet habe, weit mehr als 20% aller Kinder Verhaltensauffälligkeiten zeigen sollen. Das kommt mir doch etwas hoch vor. Im Übrigen sagen selbst die Autoren der Studie, dass die Ergebnisse erst reproduziert werden müssen, bevor man Schlüsse ziehen kann. Zu der IQ-Studie: 3,4 Punkte kommt mir sehr niedrig vor. Wie hoch war da der Standardfehler?
murksdoc 23.10.2016
3. Ethik
NIEMAND hat vom Standpunkt der Ethik aus das Recht, Studien an Schwangeren über Medikamentennebenwirkungen durchzuführen. Das ist das gleiche, wie mit Krebsstudien. Der Gewinn durch die Erkenntnis, dass ein Medikament, eine Substanz zu Missbildungen, Verhaltensauffälligkeiten oder Krebs führt, wiegt es nicht auf, dass man hunderte von gesunden Menschen zu Behinderten, Verhaltensauffälligen oder Krebskranken gemacht hat. Man kann nämlich auch ganz einfach sagen: wir nehmen das Medikament nicht in der Schwangerschaft oder wir reduzieren die Exposition mit einer verdächtigen Substanz auf möglichst nahe der Konzentration "Null". Damit haben wir zwar eine Erkenntnis weniger, aber mit dieser Unzufriedenheit muss man leben können.
saschb 23.10.2016
4.
Bei den 20% lag ich in der Tat falsch, wie mir gerade auffällt. Wäre auf jeden Fall interessant, die Daten zu sehen.
saschb 23.10.2016
5.
@murksdoc Naja, ich kann Sie ja verstehen. Allerdings hat hier niemand wirklich eine Studie über Medikamentennebenwirkungen an Schwangeren durchgeführt und soweit ich weiß, macht das auch sonst niemand. Das macht die Ergebnisse ja auch so unsicher. Die Mütter gehören zu einer Gruppe von Menschen, die ungefähr zur selben Zeit in der selben Gegend geboren wurden und seit ihrer Geburt Teil einer Langzeitstudie sind. Sie stehen freiwillig in regelmäßigem Kontakt zu den Machern der Studie und bekommen ab und zu Fragebögen zugeschickt, die sie ausfüllen. Und ein paar Fragen in 2015/16 bezogen sich eben auf die Einahme von Paracetamol, einem Medikament, das immer noch als sicher gilt, und die Verhaltensauffälligkeiten bei ihren Kindern. Substanzen, die unter begründetem Verdacht stehen, werden heutzutage auch nicht weiter verschrieben. Aber der Verdacht muss doch auch auf Tatsachen beruhen, nicht auf Internetgerüchten und schlechten Studien. Bloß weil jemand sagt: "Ich habe das Medikament genommen und nun ist mein Kind hyperaktiv", heißt doch nicht, dass das Eine mit dem Anderen zu tun hat." In den vielleicht 5 Jahren, die dazwischen liegen, kann so viel Anderes passiert sein. Vielleicht hat sie während der Schwangerschaft "Titanic" geschaut. Sollten Schwangere deshalb diesen Film nicht mehr sehen? Deshalb müssen Studien mit ordentlichen Kontrollgruppen durchgeführt werden, um möglichst viele zufällige Faktoren auszuschließen. Ansonsten wird das Vorsichtsprinzip ad absurdum geführt (Wohin das führt, sehen wir ja im Bereich der Schutzimpfungen und bei der grünen Gentechnik.) und Schwangere können gar keine Medikamente mehr einnehmen, aber der wirkliche Grund für die Verhaltensauffälligkeiten, falls sie denn existieren, bleibt unerkannt und beeinflusst weiterhin das Leben von unzähligen Menschen. Das wäre wirklich unethisch.
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