AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2017

Partnerschaftsvermittlung Herr Z. sucht das Glück

8300 Euro zahlte ein Rentner aus Essen an eine Partnerschaftsagentur. Doch weder fand er eine Frau - noch konnte er kündigen. Also zog er vor Gericht.

Kläger Z.
Theodor Barth / DER SPIEGEL

Kläger Z.


Auf der Suche nach dem Glück fuhr Herr Z. nach Essen. Eigentlich mag er Großstädte nicht, sie sind ihm zu laut, zu rummelig. Aber wenn er dort die Liebe finden würde, sollte es die Reise wert sein.

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Heft 2/2017
Wie die Demokratie ihre Bürger schützen kann

In Essen traf er Frau M. Sie stellte sich das Glück aber etwas anders vor als Herr Z.: als Wochenendbeziehung, eher etwas Lockeres, eine Art Zeitvertreib. Unter der Woche wollte sie "ihr Leben leben", sagte sie Herrn Z.

Das wollte Herr Z. auch, aber nicht allein. Und schon gar nicht nur am Wochenende oder nur werktags. Sondern sieben Tage die Woche.

So nahm die Geschichte ihren Lauf, die in neuem Hochgefühl hätte enden sollen, aber dann bloß ins Landgericht Mönchengladbach führte, Saal A 111. Wo es nicht mehr um Sehnsucht ging, sondern nur noch ums Geld, nachdem der Traum längst zerplatzt war.

Es war im vorletzten Herbst, Herr Z. fühlte sich weltverloren. Er setzte sich auf sein Sofa und dachte nach, so wie er es seit dem Tod seiner Frau vor fünf Jahren oft tat. Er saß da und dachte über sein Leben nach.

Er wollte nicht mehr allein sein, also fasste er sich ein Herz.

Er war jetzt 75 Jahre alt. Mehr als 46 Jahre lang war er verheiratet gewesen. Die letzten zwei davon waren hart gewesen, seine Frau hatte einen Tumor, er hatte sie rund um die Uhr gepflegt. Wenn er über die Zeit spricht, schießen ihm Tränen in die Augen. Sie hätten sich durchaus auch mal gezofft, sagt er. Aber eine halbe Stunde später wieder einander an der Hand gehalten. Zu jüngeren Leuten sagt Herr Z. heute, sie wüssten gar nicht, wie gut sich Versöhnen anfühle.

Nach dem Tod seiner Frau wollte er das gemeinsame Haus verkaufen, sich von den schmerzhaften Erinnerungen der letzten Jahre lösen. Doch die guten Erinnerungen überwogen. Ein Jahr lang rang Herr Z. um eine Entscheidung, dann stand sie fest: Er würde in seinem Haus bleiben. Hier in der Region ist er aufgewachsen, hier sind seine Kinder aufgewachsen, hier wohnen die Menschen, mit denen er sein Leben teilt. Er wollte hier nicht weg.

Aber allein sein wollte er auch nicht. Immer wieder las er im Wochenblatt unter der Rubrik "Herz für Herz" die Kontaktanzeigen. Er traute sich nicht, selbst zu inserieren oder auf eine Annonce zu antworten. Was würden die Kinder sagen? Die Verwandtschaft? Hatte er es nötig, auf diesem Weg jemanden kennenzulernen? Würde eine neue Frau zu ihm in sein Haus ziehen wollen?

An einem Tag Anfang November saß Herr Z. auf seinem Sofa, schlug die Zeitung auf und sah Beate: eine ehemalige Altenpflegerin mit kurzen Haaren, Brille, 73 Jahre alt. Auch sie suchte das Glück. "Ich bin eine gute Köchin, schmuse und kuschel gerne, wünsche mir wieder einen Mann zum Liebhaben. Gerne würde ich wieder für zwei den Haushalt führen, schön den Tisch decken, der Duft Ihres Lieblingsgerichtes hängt in der Luft. Finden Sie es schön, alleine am Esstisch zu sitzen oder alleine abends vor dem Fernseher? Nein - lassen Sie uns am liebsten ab morgen glücklich sein - ich kümmere mich gerne um Sie, wäre auch umzugsbereit!"

Herr Z. fühlte sich angesprochen. Beate war die Einzige, die zu ihrer Annonce ein Bild veröffentlicht hatte. Und sie würde umziehen!

Wieder traute sich Herr Z. nicht. Als Beate nach zwei Wochen noch immer suchte, griff Herr Z. zum Telefonhörer. Es war der 19. November 2015. Unter allen Anzeigen stand die Telefonnummer der "GfZ GmbH". Es meldete sich die "Glück für Zwei GmbH" in Mönchengladbach, eine Partnerschaftsvermittlungsagentur.

Eine Frau sagte ihm, telefonisch könne man keinen Kontakt zu Beate herstellen. Eine persönliche Beratung sei notwendig. Drei Tage später, an einem Sonntag, saß eine Dame der Agentur auf Herrn Z.s Sofa und erklärte ihm, dass Beate bereits vergeben sei. Aber es gebe viele andere Frauen, die einen Partner wie ihn suchten. Und sie erklärte ihm, was er tun müsse, um eine Frau wie Beate kennenzulernen.

Die Dame machte ihm ein Angebot: 8500 Euro für 21 Partnervorschläge. Das sei ihm zu teuer, sagte Herr Z. Die Dame von der Agentur hatte dafür Verständnis und gewährte einen Preisnachlass von 200 Euro. Herr Z. unterschrieb.

In dem Partnerschaftsvermittlungsvertrag fand sich eine "Zusatzvereinbarung über den einvernehmlichen Ausschluss des Kündigungsrechtes". Darin wurden verschiedene Gegenleistungen angeboten, wenn der Kunde auf sein Kündigungsrecht nach § 627 BGB verzichtet. Herr Z. entschied sich für diese Variante. Er durfte sich demnach nicht auf den Paragrafen berufen, der eine sofortige Kündigung ermöglicht. Dafür sollte er auch nach Ablauf der Vertragszeit unentgeltlich und unbegrenzt weitere Partnervorschläge abrufen können.

Weiterhin unterschrieb Herr Z. eine "persönliche Vertrauensgarantie". In der hieß es, dass eine Rückabwicklung garantiert werde, wenn innerhalb der vier Wochen ab Vertragsschluss keine Personen vorgeschlagen werden, die bereit seien, sich vermitteln zu lassen.

In jener Nacht schlief Herr Z. schlecht. Als am nächsten Tag, wie vereinbart, ein Mitarbeiter der Agentur vor seiner Tür stand, um mit ihm zur Bank zu gehen, gestand Herr Z. seine Zweifel. "Da wurde der pampig und unterschrieb noch einmal die Vertrauensgarantie", erinnert sich Herr Z. Das habe ihn beruhigt. Er ging mit dem Mann zur Bank, füllte einen Überweisungsträger aus.

Am 26. November 2015 erhielt Herr Z. Nachricht von der Agentur: Das Geld sei eingetroffen, anbei die ersten Kontakte.

Herr Z. besuchte zuerst Frau K. in Krefeld, die er sofort ins Herz schloss. Aber eine gemeinsame Perspektive scheiterte daran, dass auch Frau K. dort verwurzelt war, wo sie wohnte, ein Umzug kam für sie ebenso wenig infrage wie für Herrn Z.

So traf er in einem Café für zwei Stunden Frau L. aus Düsseldorf, auch sie wollte nicht fortziehen aus ihrem Zuhause, in dem sie mit ihrem Ehemann zu dessen Lebzeiten so glücklich gewesen war. Dann kam die Reise nach Essen.

Am 17. Dezember 2015 setzte sich Herr Z. an seinen Küchentisch, nahm drei Blatt Papier und schrieb in ordentlicher Schrift ein Kündigungsschreiben an die "Glück für Zwei GmbH". Per Einschreiben brachte er das Kuvert auf den Weg. Die Agentur schickte weitere Damenvorschläge, darunter eine Cousine von Herrn Z. Weil die Agentur auf seine Kündigung nicht reagierte, suchte Herr Z. sich einen Anwalt und klagte gegen die Partnerschaftsvermittlung.

Fast ein Jahr später betritt Herr Z. das Landgericht Mönchengladbach und sieht sich um. Zuletzt war er hier vor 60 Jahren: wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis. Damals war er 15 Jahre alt und auf dem Traktor seines Onkels erwischt worden. Ein Richter verurteilte ihn zu einer Zahlung von zwei Mark.

Herr Z. geht langsam die Stufen hoch zum Saal A 111. Er schämt sich, die ganze Sache ist ihm peinlich. Noch immer hat er seine Kinder nicht eingeweiht.

Er trägt eine rot-schwarze Allwetterjacke, ein kariertes Hemd unter einem V-Pullover, in der Hand eine Tasche mit allen Unterlagen über seine Suche nach dem Glück.

Umständlich nimmt er Platz in dem kleinen Raum, an der Decke abgeblätterter Stuck. Durch das Fenster hinter der Richterbank fällt der Blick auf ein schwarzes Bürogebäude: Hier residiert die "Glück für Zwei GmbH", ausgerechnet.

Der Vorsitzende der 3. Zivilkammer, Bernd Bößem, eröffnet das Verfahren. "Eine Zeit lang waren Klagen gegen Partnerschaftsvermittlungen unser täglich Brot", sagt er, in den letzten Jahren hätten sie stark abgenommen. "Vielleicht wegen der Internetportale?"

Richter Bößem
Theodor Barth / DER SPIEGEL

Richter Bößem

Es ist ein Gütetermin, das Gericht soll einen Vergleich herbeiführen, um eine streitige Verhandlung zu vermeiden. Auch Herr Z. will keine endlos lange Verhandlung, schon gar nicht in weiteren Instanzen. Er will noch nicht einmal recht bekommen, er will nur seine Ruhe und sein Geld zurück. Zumindest 7300 Euro. Die restlichen Tausend hat sein Rechtsanwalt Rolf-Michael Bieler für Aufwand und Kosten der Agentur veranschlagt.

Herr Z. ist der Ansicht, er könne sich von dem Vertrag lösen, weil er bei dessen Abschluss unter Druck gesetzt worden sei. Er habe deshalb gar nicht wahrgenommen, dass das Kündigungsrecht ausgeschlossen wurde. Zudem habe man ihm versichert, dass er innerhalb von vier Wochen vom Vertrag zurücktreten könne, wenn es nicht zu einer festen Beziehung komme.

Er sei nicht ausdrücklich auf sein Widerrufsrecht hingewiesen worden, sagt Herr Z. "Nach zweieinhalb Stunden Reden war ich plem im Kopp!" Die vorgeschlagenen Damen seien überdies nicht bereit gewesen umzuziehen, sodass die Vermittlungsvorschläge der Agentur unbrauchbar gewesen seien. Herr Z. schüttelt den Kopf, er hat in der Nacht kein Auge zugemacht.

Ob die ausgesprochene Kündigung wirksam war, könne nur geklärt werden, wenn man in die Beweisaufnahme einsteige, sagt der Richter und: "Es ist eine Frage des Preises." Er schlägt vor: Die Agentur zahlt Herrn Z. 4000 Euro zurück. "Das ist für Sie zu wenig, Herr Z., aber zu Ihren Gunsten. Es ist ja völlig unklar, was die Beweisaufnahme bringt." Herr Z. blickt nach unten, rückt seine Brille zurecht.

Nein, die Agentur werde nicht mehr als die Hälfte der geforderten Summe zahlen, sagt der gegnerische Anwalt. Herr Z. schaut auf, er will noch was sagen, er räuspert sich: Nur damit es nicht zu Missverständnissen komme, die Agentur habe ihm sechs Frauen vermittelt, getroffen habe er aber nur drei. Bößem nickt ihm zu. Richter sind häufig an einem Vergleich interessiert: Er erspart ihnen, ein Urteil zu fällen.

Herr Z. berät sich mit seinem Anwalt auf dem Flur. "Schweren Herzens und aus rein gesundheitlichen Gründen würde mein Mandant einem Vergleich zustimmen", verkündet Rechtsanwalt Bieler kurz darauf. Damit sind sämtliche Ansprüche beider Parteien erledigt. Nach 29 Minuten ist die Verhandlung zu Ende. Herrn Z. laufen Tränen übers Gesicht.

Sein Anwalt sagt, Herr Z. habe sich nur noch auf diesen Streit konzentriert, er sei unfähig, ihn nicht so ernst zu nehmen. Bieler kennt das von vielen Mandanten in einem gewissen Alter. Mit dem Vergleich erkaufe sich Herr Z. "seine Ruhe und seine Gesundheit".

Die Möglichkeit des Kündigungsverzichts sei jedoch im Sinne des Verbraucherschutzes dringend vom Gesetzgeber zu prüfen, sagt Bieler. Herr Z. hatte das Recht, 14 Tage lang nach Vertragsabschluss die Vereinbarung zu widerrufen. Also in der Zeit, in der Herr Z. mit der Damenwahl beschäftigt und abgelenkt war.

Herr Z. sitzt auf seinem Sofa und ist erleichtert, dass es vorbei ist. Vorbei mit den schlaflosen Nächten. Vorbei mit der Schmach. Das verlorene Ersparte sieht er als Lehrgeld. Seine Suche nach dem Glück zu zweit hat Herr Z. eingestellt.



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Seite 1
didi2212 08.01.2017
1.
Unternehmen, die durch dubiose Geschäftspraktiken Geld verdienen, zahlen Steuern ! Rentner, wenn überhaupt, eher wenig. Warum sollte also der Gesetzgeber die Leichtgläubigkeit älterer Menschen schützen? Auch diese sollen sich gefälligst die teils irreführenden Geschäftsbedingungen durchlesen und sich bemühen, diese zu verstehen. Punkt!
kaa_danze 08.01.2017
2. Warum
Der Mann hatte bekommen was er verlangte und wofür er bezahlte. Er war lediglich nicht bereit zu den Frauen zu ziehen, und wollte lieber Daheim bleiben. Was erwartet er? Das ihm die Frauen wie Pizza nach Hause geliefert werden?
Crom 09.01.2017
3.
Wen er sich eine Frau kaufen wollte, hätte er einen anderen Dienst suchen sollen. Die vermitteln dann gern aus Osteuropa oder Asien.
alabama110 09.01.2017
4.
Ich wünsche den ersten drei ForistInnen, dass Sie mit 75 Jahren nicht einsam und verzweifelt sind - und weniger verbittert und zynisch als jetzt schon aus Ihren Beiträgen heraus zu lesen ist.
markus_wienken 09.01.2017
5.
Zitat von alabama110Ich wünsche den ersten drei ForistInnen, dass Sie mit 75 Jahren nicht einsam und verzweifelt sind - und weniger verbittert und zynisch als jetzt schon aus Ihren Beiträgen heraus zu lesen ist.
Haben Sie den Artikel eigentlich gelesen? In der Sache haben die ersten 3 Foristen nicht Unrecht.
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