AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2017

Amsterdamer Patrizierfamilie Die zwölf Leben des Jan Six

Ein Gemälde von Rembrandt machte Jan Six unsterblich, und mit ihm begann der Aufstieg der Patrizierfamilie in Amsterdam. Nun erzählt der Historiker Geert Mak die Geschichte der Dynastie - und des europäischen Bürgertums.

Six-Por­trät Rem­brandts aus dem 17. Jahr­hun­dert: Grün­der ei­ner bür­ger­li­chen Dy­nas­tie
Hulton Fine Art Collection/ Getty Images

Six-Por­trät Rem­brandts aus dem 17. Jahr­hun­dert: Grün­der ei­ner bür­ger­li­chen Dy­nas­tie

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Der Amsterdamer Historiker Geert Mak war lange durch die Welt gereist. Er hatte Bücher über seine Reisen geschrieben, ein Buch über die Vereinigten Staaten genauso wie über seine Erkundigungen des europäischen Kontinents. "In Europa" war vor über zehn Jahren ein Bestseller, am desaströsen politischen Zustand des Kontinents aber konnte sein Buch auch nichts ändern.

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Heft 2/2017
Wie die Demokratie ihre Bürger schützen kann

Geert Mak hatte wohl etwas Heimweh und war gleichzeitig genervt und desillusioniert von seinem Lebensthema Europa. Er suchte nach einem neuen Gegenstand und fand ihn beim Kaffee in der Küche eines Freundes namens Jan Six. Der lag ihm schon länger in den Ohren, sich die Sammlung an Papieren, Gemälden und Objekten anzusehen, die seine Familie seit Jahrhunderten pflegt.

Begonnen wurde sie von Jan Six, einem Patrizier aus dem 17. Jahrhundert, der auf einem besonders schönen, besonders komplexen Porträt von Rembrandt zu sehen ist. Dieser Six sammelte Bilder von bedeutenden Malern des Goldenen Zeitalters - und noch viel mehr. Im Wohnzimmer der Sixe hängt noch heute ein Gemälde aus dem 17. Jahrhundert, das Porträt einer etwa 19-jährigen Frau aus gutem Hause.

In der linken Hand trägt sie Brauthandschuhe, mit goldenen Fäden und Perlen verziert. Die Frau, so verzeichnet es die Familienchronik, starb knapp ein Jahr nach der Hochzeit bei der Geburt ihres ersten Kindes. Mak schaut sich das Bild an - dann holt Jan Six für seinen Freund aus dem Fundus der Familie genau jenes Paar Brauthandschuhe, das auf dem Bild zu sehen ist.

"Für einen Moment ist es 1612", schreibt Mak in dem Buch "Die vielen Leben des Jan Six", das er nun über die Familie Six geschrieben hat.

Eine Familie in Amsterdam, deren Oberhaupt immer denselben Namen trägt und alles beieinanderhalten konnte - sie zu studieren ist wie eine Tiefenbohrung in die Geschichte des städtischen Bürgertums.

Die Familie Six, ursprünglich aus Nordfrankreich stammend, wurde im 17. Jahrhundert in Amsterdam reich und mächtig. Optionsscheine, Leerverkäufe und Warentermingeschäfte waren damals Alltag in einer Stadt, in der sich die Handelswege der Welt kreuzten. Den größten Teil ihres Vermögens realisierte die Familie Six aus dem Handel mit Farben, der Färberei und Immobiliengeschäften.

Der erste Jan Six, 1618 geboren, brauchte sich um das Geschäft bald nicht mehr zu kümmern. Er schrieb Gedichte, sammelte Gemälde, reiste nach Italien und kaufte ein Landgut. Er heiratete Margaretha, die Tochter des aus Rembrandts "Die Anatomie des Dr. Tulp" bekannten Chirurgen Nicolaes Tulp. Ihr Sohn, Jan Six der Zweite, wurde einer der wichtigsten Regenten der Republik Amsterdam.

Seitdem konnten die Six immer wieder ihre Stellung sichern. Gingen die Geschäfte schlecht, wurde reich geheiratet. Drohte Ansehensverlust, gab es bald einen Six als Minister. Ein geschicktes Wechselspiel aus Geschäft, Kunst, Wissenschaft und Politik hat diese Familie nach oben gebracht.

Es ist auch eine Geschichte über ein altes erblühendes Europa, und so traf Mak bei seinen Recherchen über die Geschichte des Hauses auch auf jene Probleme und Fragen, von denen er eigentlich verschont bleiben wollte. Sie stellten sich bloß von einem anderen, einem persönlicheren und philosophischem Ansatz her: Wie merkt man, ob ein politisches System vor einem tiefen Wandel oder gar vor seinem Ende steht? Wie übersteht eine Familie die Epochenbrüche? Inwieweit gestaltet man seine eigene Geschichte, und wann ist man ihr ausgeliefert? Wie bleibt man sich selbst treu, wenn die Zeiten tückisch werden? Und wann wirkt solche Treue zu alten Bräuchen nur noch lächerlich?

Nach­fah­re Six: Fa­mi­lie als Sys­tem und Un­ter­neh­men
Bron Bart Koetsier/ Hollandse Hoogte/ Laif

Nach­fah­re Six: Fa­mi­lie als Sys­tem und Un­ter­neh­men

Für die Sixe, erläutert Mak bei einem Treffen in seinem Verlag in Amsterdam, "bleibt jahrzehntelang alles wie immer, sie beherrschen die Stadt, und die Stadt beherrscht die Republik. Und dann, vielleicht innerhalb weniger Wochen oder in einer Nacht - verändert sich die ganze Welt". Man liest das Buch nun, nach dem Brexit und dem Wahlsieg des europaignoranten Donald Trump, mit noch gesteigerterer Dringlichkeit und Sorge.

Die Geschichte der niederländischen Republik, in der die Familie Six prosperierte, einst ein auch von den amerikanischen Verfassungsvätern studiertes Modell, erinnert Mak an die Geschichte der Europäischen Union: voller Ambitionen gestartet, weltweit geachtet und dann doch zu schwach, um durch schwere Zeiten zu kommen. Längst sind die Niederlande eine Monarchie, haben ihre Bedeutung von einst, als Städte wie Amsterdam eine Weltmacht waren, eingebüßt. Manchmal geht das ganz schnell.

Für die Familie Six genügte sogar eine einzige Nacht, vom 18. auf den 19. Januar 1795, als die französischen Revolutionsheere und niederländische Patrioten den Schwung der Revolution nach Amsterdam trugen. Es gab eine letzte Ratsversammlung um ein morgendliches Kaminfeuer, man dankte sich gegenseitig, dann bekam ein neuer Mann die Schlüssel der Stadt, und die Herrschaft der Familien über Amsterdam war zu Ende. Als heutige Leser wissen wir um historische Epochenbrüche, doch für die Zeitgenossen ist es bloß ein kalter Montag im Januar.

Und auch der Wandel Anfang des 20. Jahrhunderts erfasste die Familie. Der ganze Habitus der Patrizierfamilien wirkte plötzlich überflüssig und lächerlich. Und auch dieser kulturelle Wandel hatte sich plötzlich und unerwartet vollzogen. Hatten die Sixe und ihre Kollegen Fehler gemacht? Hatten sie es kommen sehen oder gar einen Plan B in der Tasche? Wäre es anders gekommen, wenn sie sich optimiert, informiert und flexibilisiert hätten? Natürlich nicht.

Jan Six der Zwölfte ist gerade erst geboren. Kaum vorstellbar, wie viel sich ändert in so kurzer Zeit.

Maks Buch erinnert an Thomas Manns "Buddenbrooks". Es ist aber keine Geschichte nach dem Muster von Aufstieg und Fall. Tatsächlich waren die Sixe nicht immer feine Leute gewesen, sondern waren vor dem Goldenen Zeitalter Kaufleute und Handwerker gewesen. Jede Familie erfindet sich ihre Geschichte, stellt Mak fest: Die Ursprünge werden verlängert, Ansprüche älter gemacht, Leistungen übertrieben, so wie Krisen verschärft und Dramen erhöht werden.

Die Quellen sind auch zu ergiebig, um lediglich vom Auf und Ab zu erzählen. Es gibt nicht nur die Aufzeichnungen der Männer im Hause zu studieren, sondern ebenso die Briefe, Tagebücher und Urkunden der Frauen. Einige davon regierten die Familie über Jahrzehnte, eine Tante ordnete und pflegte das Archiv. Mak entdeckte Nebengeschichten, auch geheime Biografien und mehrmals, dass jemand aus der Familie ein Doppelleben pflegte. Immer neue Überraschungen und ziemlich viele Sackgassen: "Ich kam mir vor wie jemand, der sich den Weg durch einen verwilderten Garten sucht. Hier und dort war mal eine Bodenplatte, aber nur Fragmente und ziemlich viel Gestrüpp!"

Eines der zentralen Themen der Familiengeschichte ist die Frage, wer wen heiratet. Es gelang der Familie Six öfter, sich von wirtschaftlich schweren Zeiten durch eine glückliche Heiratsstrategie zu erholen. Das aber brachte mit sich, dass die Wahl der Ehepartner nicht in unserem heutigen Sinne frei war. Und ab einem gewissen Zeitpunkt wurde das zum Problem. Eine Tochter, Henriette, wagte es zu Beginn des 19. Jahrhunderts, einen ganz normalen Mann ihrer Wahl zu heiraten. Sie wurde sofort enterbt, die Protokolle über die Vorgänge füllen viele Seiten.

Die Familie als System und Unternehmen zu betrachten, eine symbolische Distinktion zu pflegen und ein starres, auf gute Ordnung fixiertes Verständnis der Gesellschaft zu haben, das mochte zwar funktionieren, aber es engte ein. Noch 1948 drehte eine Dame der Familie ihre sonntägliche Runde mit der Kutsche durch die guten Viertel und gab ihre Visitenkarten ab, stets in der Hoffnung, nicht hereingebeten zu werden zu langweiligen Pflichtbesuchen.

Und noch in den Fünfzigerjahren praktizierte die Familie Six feine Unterschiede: Einmal kam ein Motorradfahrer an die Tür des Landsitzes und fragte, ob er sich während des heftigen Regens unterstellen könne. Die alte Tante, die die Kinder deswegen um Genehmigung bitten mussten, erwiderte, ob die Bitte von einem Mann käme oder von einem Herrn? Der hätte in der guten Stube warten dürfen - oder müssen -, da es aber nur ein gewöhnlicher Mensch war, wurde ihm der Gartenpavillon angeboten.

Sitz in Ams­ter­dam
Ilvy Njiokikt Jien/ NYT/ Redux/ Laif

Sitz in Ams­ter­dam

Es seien, sagt Mak, in dynamischen Gesellschaften, wie sie die Republik Amsterdam einst war, immer dieselben Mechanismen zu beobachten: Eine Zeit lang ist sozialer Aufstieg möglich. Doch dann wird mit einer konsequenten Heiratspolitik und kultureller Abschottung daran gearbeitet, für die wirtschaftlich erfolgreichen Männer auch politische Macht zu erlangen. In der nächsten Phase dann wird die politische Macht der wie eine Oligarchie regierenden Familien dazu benutzt, noch mehr wirtschaftliche Macht anzusammeln - das ist die Phase der Korruption. Und auf die folgt eine elend lange Stagnation. Es gab Epochen, in denen ganz Amsterdam zu verfallen schien, ein einziges Elendsquartier am Wasser, um das jeder vernünftige Europäer einen großen Bogen machte.

Natürlich denkt Mak bei solchen Zuständen an unsere Republiken, in denen sich Dynastien und Oligarchien wieder breitmachen, sozialer Aufstieg selten geworden ist und die Ungleichheit Rekorde bricht. Wo stehen wir heute?

"Die Leute fragen, warum bist du so ein Pessimist geworden? Aber das ist mein Job. Ich muss sagen, wie ich die Dinge sehe." Bezüglich der Europäischen Union in ihrer jetzigen Gestalt sieht er schwarz: "Für die Stürme, die kommen, ist unser Schiff nicht gebaut." Europa ohne Großbritannien, ohne den Schutz der Vereinigten Staaten? Das wird schwer. Zumal den Bürgern nicht nach Aufbruch sei. Sie stehen wie unter Schock.

Der Aufstieg der rechten Parteien und Bewegungen ist seiner Meinung nach die Folge eines sozialen Traumas: Die angelsächsische Art der Globalisierung habe auch denen Angst eingejagt, die eigentlich nichts zu befürchten hätten. Doch nun sähen die Leute ihre kulturellen Sicherheiten erodieren. Digitalisierung, Migration, alles werde von vielen nur in der Perspektive erwarteter, weiterer Traumata gesehen und als beängstigend empfunden. Dabei müssten wir, mit dem Schwung der 68er, zu denen er sich mit Stolz zählt, verteidigen, was schon erreicht worden sei.

Die Geschichte der Familie Six kann dazu inspirieren, solche und noch ganz andere Wechselfälle zu bedenken, schließlich robbt gerade der zwölfte Jan Six über die Teppiche des Hauses, in dem immer noch das Porträt seines Vorfahrens mit gleichem Namen hängt.

Rembrandts Six-Porträt
Hulton Fine Art Collection/ Getty Images

Rembrandts Six-Porträt

Six wird von Rembrandt in einem teuren roten Reitermantel dargestellt, den er lässig über einer Schulter trägt. Mit der rechten Hand hält er einen Handschuh fest, zugleich zieht er den anderen der linken Hand über - man erkennt gut, wie Six die Finger anspannt, um besser hineinzukommen. Six ist dem Betrachter zugewandt, sein warmer Blick fällt auf, aber er bereitet schon den Abschied vor, ein Mann auf dem Sprung, der den Mantel anbehält. Gleich wird er wieder jemand Berühmtes und Offizielles sein.

Bald nach Fertigstellung dieses Bildes endete die Freundschaft von Rembrandt mit Six. Womöglich kündet der angedeutete Aufbruch schon davon, dass Six nun ein anderer werden sollte - berühmter, mächtiger und nicht mehr sein Freund. Six selber nannte sich in einem Gedicht zu dem Gemälde übrigens nicht Jan, sondern Janus. Zwei Gesichter.

Im Haus findet sich auch noch der "Blutgürtel", den Jan Six in seiner Eigenschaft als Ratsherr trug, wenn es um Strafgerichtssachen ging. Der rote Gürtel wurde, wenn es ernst wurde, über den schwarzen Ratsherrntalar gebunden, weil solche Verfahren oft mit Folter und öffentlicher Hinrichtung endeten. Six schaute aus dem Fenster, auf ein Kissen gestützt, der Arbeit des Henkers zu.

Kaum zu fassen: Zwölf Jans ist es nur her, dass Menschen routinemäßig gefoltert und verkauft wurden und die Religion nahezu unangefochten herrschte. Durch welches Amsterdam wird wohl Jan Six der 24. kurven?



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Bootsanführer 30.01.2017
1.
Ich vermisse genauere Angaben zum Buch.
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