AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2018

Finanzmärkte Paul Achleitner und der Niedergang der Deutschen Bank

Aufsichtsratschef Paul Achleitner hat beim größten deutschen Finanzkonzern vieles falsch gemacht. Auch die Suche nach einem neuen Vorstandschef verlief dilettantisch.

Deutsche-Bank-Vorstandsmitglied Sewing, Aufsichtsratsvorsitzender Achleitner 2017: Chefsuche nach dem Ausschlussprinzip
Malte Ossowski/ Sven Simon/ Picture Alliance/ DPA

Deutsche-Bank-Vorstandsmitglied Sewing, Aufsichtsratsvorsitzender Achleitner 2017: Chefsuche nach dem Ausschlussprinzip

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Paul Achleitners Lieblingsrolle ist die des ökonomischen Welterklärers, der international die Kontakte pflegt und daheim als Aufsichtsratschef die Deutsche Bank fest im Griff hat. An diesem Selbstbild hält er auch nach sechs Jahren im Amt, nach sechs Jahren Chaos, fest.

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Heft 16/2018
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Doch spätestens nach den Ereignissen der vergangenen Wochen, den turbulenten Umständen des Chefwechsels von John Cryan zu Christian Sewing, lässt sich sagen: Mit dieser Einschätzung steht Achleitner weitgehend allein da. Das wichtigste Geldhaus des Landes kommt unter ihm weder personell noch strategisch zur Ruhe, der ungebremste Niedergang trägt vor allem eine Handschrift: die Achleitners.

Der Traum des 61-Jährigen, die Deutsche Bank rundzuerneuern, ist gescheitert. Das ist tragisch für den Linzer, der in seiner Karriere vieles war: Berater, Deutschland-Chef von Goldman Sachs, Allianz-Vorstand. Tragischer ist es für die Bank. Die Rivalen in Europa und Übersee eilen davon, sie steckt in der Falle. Noch immer leistet sie sich mit Achleitners Segen ein wuchtiges, aber ertragsschwaches Investmentbanking; das Heimatgeschäft leidet unter der Sparkassen-Dominanz und dem ewigem Zickzackkurs, die Vermögensverwaltung hat den Sprung an die Börse fast verpatzt. Viele Mitarbeiter sind in die innere Emigration geflüchtet oder haben den Konzern verlassen. Achleitner ist für die Bank zur Hypothek geworden.

Nichts verdeutlicht das besser als seine Personalpolitik. Sie ist Kernaufgabe des Aufsichtsrats und im besten Fall geprägt von Stetigkeit. Achleitner aber wechselt im Dreijahresrhythmus die Vorstandschefs aus. Er will Geschäftigkeit signalisieren. Tatsächlich hat er die Kontrolle verloren.

An seinem ersten Vorstandschef, Anshu Jain, hielt er in blinder Treue fest, obwohl der wie kein Zweiter für Skandale stand und unbeirrt auf das Investmentbanking setzte. Erst auf Druck der Finanzaufsicht und als die Lage für Achleitner selbst bedrohlich wurde, opferte er Jain.

An dessen Stelle setzte er John Cryan, einen spleenigen Briten, der ein Faible für Excel-Tabellen und Renaissancemusik aus dem 16. Jahrhundert hat, aber kaum Führungsqualitäten. 2017 stellte Achleitner Cryan gegen dessen Willen zwei Stellvertreter an die Seite: Christian Sewing, Chef des Privat- und Firmenkundengeschäfts, sowie Marcus Schenck, zuständig für das Investmentbanking. Cryan war fortan ein Chef auf Abruf, sein Verhältnis zu Achleitner galt als zerrüttet. Dem schien es egal.

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Spätestens ab Herbst war absehbar, dass Cryan nicht das Ende seiner Amtszeit 2020 erleben würde; zu erfolglos war er in seinem Bemühen, Kosten zu senken und Gewinne zu erwirtschaften. Aktionäre begannen zu grummeln. Flugs nahm Achleitner Kontakt auf zu externen Kandidaten, aber halbherzig. Seine Favoriten hießen Schenck und Sewing. Sie aber sollten noch in ihren Ämtern reifen.

Einmal mehr wurde Achleitner von der Realität eingeholt. Der dritte Jahresverlust in Folge, eine indirekte Gewinnwarnung und der holprige Börsengang der Vermögensverwaltung beschleunigten Cryans Ende. Zugleich verlor Schenck den Glauben an die Erneuerungskraft des Konzerns - und auch daran, selbst Vorstandschef zu werden, wie von Achleitner avisiert. Großaktionäre hielten ihn für untauglich.

In der Heimat also kündigte sich ein gewaltiger Sturm an, doch der Aufsichtsratsvorsitzende reiste über die Osterfeiertage nach Peru. Während Achleitner mit Familie durch die Inka-Stadt Machu Picchu stapfte, zerrissen sich daheim Analysten, Aktionäre und Journalisten die Mäuler, wer die Deutsche Bank - in ähnlicher Verfassung wie die peruanische Ruinenstadt - überhaupt noch führen könne.

Erst als über Ostern ein bitterer Abschiedsbrief seines Zöglings Schenck bei ihm eintraf, drehte Achleitner bei. In dem Schreiben rechnet Schenck mit der deutschen Finanzaufsicht ab, die Investmentbanking für Teufelszeug halte, sowie dem Aufsichtsrat, der dem nichts entgegensetze. Deshalb müsse er demissionieren, schlussfolgerte Schenck - und setzte Achleitner damit unter Handlungszwang.

Zurück in der Heimat, präsentierte der Aufsichtsratschef einem engen Kreis von Aktionären und Vertrauten drei teils bizarre Alternativen: Entweder man stelle Cryan bis zum Ende seines Vertrags einen Co-Chef zur Seite - wer das sein und welches Problem das lösen könnte, blieb offen. Oder man hole einen Externen - den er allerdings nicht hatte, seinem monatelangem Werben war niemand erlegen. Weshalb ernsthaft nur die dritte Variante infrage kam: Sewing, den verbliebenen Kronprinzen, an die Spitze zu hieven - Chefsuche nach dem Ausschlussprinzip.

Hektisch wurden für den Sonntag nach Ostern die größtenteils ahnungslosen Aufsichtsräte zusammengetrommelt, um den Vorstand neu zu sortieren. Für eine physische Zusammenkunft reichte die Zeit nicht, der Wechsel an der Spitze des wichtigsten deutschen Finanzkonzerns sollte per Telefonschalte abgenickt werden.

Und abermals lief es nicht nach Drehbuch: Anstatt wie geplant eine Stunde dauerte die Konferenzschaltung vier Stunden, einzelne Räte machten sich über Achleitners missratene Regie Luft. Immerhin konnte sich der Netzwerker auf treue Verbündete wie Ver.di-Chef Frank Bsirske und E.on-Boss Johannes Teyssen verlassen, die Kritik abbügelten. Cryan wurde mit dürren Worten verabschiedet.

Nun also soll es Sewing richten. Der Westfale ist nach fast 30 Berufsjahren im Hause beliebt, hat aber in seinem Fachressort kaum nachweisen können, für höhere Aufgaben gewappnet zu sein. Sein Aufstieg ist atemberaubend: Bevor er im Juni 2015 in den Vorstand einzog, wo er zunächst das Rechtsressort übernahm, hatte er mehr hinter den Kulissen gewerkelt, zumeist ohne den wichtigen direkten Kontakt zu Schlüsselkunden. Als er Chef der internen Revision war, übersah seine Abteilung die Geldwäschedeals der Moskauer Niederlassung.

Im Privat- und Firmenkundengeschäft hatte Sewing als Vorstand vor allem den Zusammenschluss mit der Postbank zu meistern. In Verhandlungen mit dem Betriebsrat fiel er dabei durch Konzilianz auf; sogar eine neue Konzernzentrale für die Postbank genehmigte er. Als Chef muss er hart sein und eisern sparen. Ob ihm das liegt, ob er alten Kollegen wehtun kann?

Sewing hat nur eine Chance: wenn er sich von Achleitner emanzipiert. Doch der hat auch ihm zwei Stellvertreter an die Seite gestellt, die Gründe bleiben nebulös. Garth Ritchie, Schencks Co-Chef im Investmentbanking, hatte aus Frust über die Perspektivlosigkeit schon fast gekündigt, einen Nachfolger aber hatte Achleitner nicht parat. So ist der Südafrikaner plötzlich alleiniger Spartenchef und Sewing-Vize. Genau wie Rechtsvorstand Karl von Rohr, ein freundliches Konzern-Fossil, das dank seiner Fachexperten und mit viel Geld juristische Altfälle abgeräumt hat, aber sonst nicht aufgefallen ist. »Das ist das letzte Aufgebot, danach kommt nichts mehr«, sagt ein Großaktionär.

Achleitner lässt derweil nicht erkennen, dass ihn die Kritik an seiner Person anficht und er an ein vorzeitiges Ende seiner erfolglosen Arbeit denkt, berichten Leute, die in den vergangenen Tagen mit ihm gesprochen haben. Tatsächlich sitzt er fest im Sattel, was angesichts seiner Bilanz bizarr wirkt - aber es lässt sich erklären.

Achleitner spielt mit der Ohnmacht der anderen, er füllt das Machtvakuum. Vom schwachen Vorstand und auch vom Aufsichtsrat hat er nichts zu befürchten. Er hat das Gremium de facto zusammengestellt, selbst auf der Arbeitnehmerseite gibt es kaum kritische Stimmen.

Ein starker Aktionär, der Achleitner kontrollieren oder ihm wenigstens Paroli bieten könnte? Fehlanzeige.

Die größten Aktionäre, zwei Scheichs aus Katar sowie die chinesische HNA Group, stehen hinter ihm und stecken zudem selbst in Schwierigkeiten. Der Fondsgigant Blackrock ist über die jüngsten Volten irritiert. Doch wie viele Aktionäre scheuen die Amerikaner die Revolte, weil sie nicht Vorstands- und Aufsichtsratschef gleichzeitig vom Hof jagen wollen.

All das sichert Achleitner die Macht, ist aber für die Deutsche Bank ein Drama. Denn auch ihr selbst fehlt ein Gravitationszentrum: Weder hat sie, trotz ihres Namens, eine geografische Heimat noch irgendeinen Geschäftsbereich, der so stark und robust ist, dass sich um ihn herum die Bank wiederaufrichten ließe.

Achleitner hat das zugelassen. Sein Gerede von der Notwendigkeit einer europäischen Alternative zur Wall Street klingt hohl. Zwar braucht Deutschland solch eine Bank in Zeiten, da Amerika, China und Russland Machtspiele zulasten Europas betreiben. Aber die Deutsche Bank ist Donald Trumps Hausbank, in Russland war sie in Geldwäsche verwickelt, ihr größter Aktionär kommt aus China. Und als Bank der deutschen Unternehmen hat sie längst keine dominante Position mehr.

Die Strategie sei Vorstandssache, sagt Achleitner. Doch das ist billig und entspricht nicht seiner Amtsführung. Hinter das Argument zieht er sich stets zurück, sobald die Kritik an ihm zu laut wird. Auf der Hauptversammlung am 24. Mai wird er sich daher einiges anhören müssen. Die Aktionärin Riebeck-Brauerei beantragt seine Abwahl. Achleitner wird sich dennoch halten. Dass er bis Mandatsende 2022 bleibt, ist jedoch nicht gesagt. In den Gesprächen, die er üblicherweise vor der Hauptversammlung mit Aktionären führt, werden Investoren abklopfen, ob er bereit ist, vorzeitig seine Nachfolge zu regeln.

Aktionäre klagen oft, es gebe keine Kandidaten. Doch ganz so ist es nicht. Ex-Bundesbankchef Axel Weber steht zwar wohl nicht mehr zur Verfügung. Aber da ist zum Beispiel Philipp Hildebrand, 54, Blackrocks Vizechef. Er war Präsident der Schweizerischen Nationalbank, ist bei Aufsicht und Anlegern anerkannt. Es heißt, derzeit finde er die Arbeit für Blackrock attraktiver. Er soll aber den Ehrgeiz haben, nochmals an die Spitze einer großen Institution zu rücken.

Vorerst gilt jedoch, was einen der zehn größten Aktionäre fast verzweifeln lässt: »Wir werden wohl noch lange mit Paul Achleitner zusammenarbeiten.«



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