AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2017

Streit im P&C-Clan Das Bargeld der feinen Dame

Die P&C-Matriarchin Elisabeth Cloppenburg verteilte gern Scheine ans Personal. Ihr Stiefsohn fordert nun viel Geld zurück - und erscheint dafür sogar vor Gericht.

Familienchef Cloppenburg, Ehefrau 2002: Barock geführtes Kleinunternehmen
Brauer

Familienchef Cloppenburg, Ehefrau 2002: Barock geführtes Kleinunternehmen


Jahrzehntelang hat Harro Uwe Cloppenburg versucht, seine Familie und sein Geschäft aus öffentlichem Trubel herauszuhalten - mit mehr oder weniger Erfolg. So sorgte der Chef des Familienunternehmens Peek&Cloppenburg West (P&C), der schon lange steuerschonend in der Schweiz residiert, vor ein paar Jahren mit einem eher skurrilen Anliegen für Aufsehen: Er machte einem Örtchen in der Eifel die Offerte, eines seiner Geschäftshäuser gegen ein Jagdgebiet zu tauschen. Ab und an tauchte der Textilmilliardär zudem in den Reichenlisten der Wirtschaftspresse auf. Ansonsten blieb er ein Phantom.

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Heft 37/2017
Die Berliner Ruhe trügt - in Deutschland brodelt es

Und nun sitzt dieser Mann auf einem für seine Größe viel zu kleinen schwarzen Stuhl im Saal 7 des Düsseldorfer Arbeitsgerichts. Er musste persönlich erscheinen und noch einmal mit anhören, wie es im Haushalt seiner Stiefmutter und P&C-Gesellschafterin Elisabeth Cloppenburg zuging - und wie das Ansehen seiner Familie in öffentlicher Sitzung erhebliche Kratzer bekommt.

Es geht um mögliche Schwarzgeldzahlungen an Angestellte der Familie in Millionenhöhe, um Steuerhinterziehung und um einen unappetitlichen Streit mit einer privaten Pflegerin der im Jahr 2015 verstorbenen Matriarchin, seiner Stiefmutter.

Viele der langjährigen Bediensteten der Familie sind im Gerichtssaal erschienen. Sie fragen sich, warum Cloppenburg diese Tortur sich und vor allem den ehemaligen Mitarbeitern antut. Denn er selbst ist ja Kläger in diesem Verfahren, in dem es am Ende um ganz gewöhnlichen Geiz geht. Wenn auch unter Reichen.

Cloppenburgs Stiefmutter Elisabeth, Erbin eines Riesenvermögens und Gesellschafterin der Modekette, hatte in ihrem inmitten von vielen Hektar Wald gelegenen Anwesen in Ratingen bis zu ihrem Tod einen großbürgerlichen Haushalt geführt. Etwa ein Dutzend Mitarbeiter war ihr zu Diensten, einige waren bei der P&C KG angestellt. Ihrem Personal gegenüber zeigte sich die betagte Dame, die "Frau Doktor" genannt wurde, oft großzügig, dem Staat gegenüber nicht so sehr. Seit November 2012 galt sie krankheitsbedingt als nicht mehr geschäftsfähig. Als ihr Stiefsohn Harro Uwe, kurz HUC genannt, mit einem dazu eingesetzten Gremium ihre Rechtsgeschäfte übernahm, beauftragte er eine Wirtschaftsprüfung, in die Bücher des Haushalts zu sehen. Was zum Vorschein kam, war ein Skandal. Über viele Jahre waren auf Auszahlungen an Angestellte keine Steuern entrichtet worden. Die Prüfer unterrichteten das Finanzamt Düsseldorf über erhebliche Unregelmäßigkeiten. Ein Großteil der Angestellten reichte Selbstanzeige ein.

Übereinstimmende Berichte mehrerer Mitarbeiter sowie Gerichtsdokumente zeichnen das Bild eines recht barock geführten Haushalts-Kleinunternehmens: Demnach verteilte die Dame des Hauses zum Gehalt regelmäßig Umschläge mit Bargeld, zu ihrem eigenen Geburtstag etwa, zu Weihnachten oder als Belohnung für Leistungen. Zudem sponserte sie schon mal Privatreisen und andere teure "Sachgeschenke".

Vor Gericht bestätigt ein ehemaliger Hauswirtschafter: "Frau Doktor war immer sehr großzügig." Die Pflegerin betonte, die alte Dame habe stets darauf hingewiesen, sie habe ihr Geld bereits versteuert und gedenke nicht, das noch einmal zu tun. "Es war immer so im Hause Cloppenburg." Das Finanzamt rechnete die entgangenen Steuern nach und stellte für das Geschäftsgebaren eine saftige Rechnung aus: Mit Datum vom 28. Oktober 2013 erging ein Haftungsbescheid über eine Nachzahlung von 1.159.087,97 Euro, die schnell beglichen wurde.

Allerdings war die Sache mit der familiären Rückzahlung ans Amt für einige der ehemaligen Cloppenburg-Bediensteten nicht aus der Welt. Im Gegenteil: Sie fing erst richtig an.

Man habe, erklärte die langjährige Pflegekraft Sabine Sobotta im Gericht und gegenüber dem SPIEGEL, in Sachen Entlohnung mehrfach die Zusage erhalten, es handle sich um eine Nettolohn-Lösung, um alles andere kümmere sich die Arbeitgeberin. So schilderten es in einem separaten Verfahren auch zwei Polizeibeamte, die jahrelang nächtliche Wachdienste auf dem Anwesen schoben. Auch ihnen habe die Arbeitgeberin zugesichert, Steuern und Sozialabgaben zu übernehmen. "Das lassen Sie mal meine Sorge sein", habe sie gesagt.

Vor Gericht erklärt die Pflegerin auch, sich an ein Gespräch mit dem Clanchef selbst zu erinnern. Im Juni 2010 habe der zu ihr gesagt: "Stecken Sie das Geld ein, und wenn was kommt, wenden Sie sich dann an meine Person." Vor dem Düsseldorfer Arbeitsrichter trifft man sich nun, weil Harro Uwe Cloppenburg als Erbe von einigen Ex-Mitarbeitern wie der Pflegerin deren Anteil an der Steuerrückzahlung zurückfordert: Im Fall von Sabine Sobotta sind das rund 242.000Euro, zuzüglich fünf Prozent Zinsen. Von den zwei Beamten forderte er zunächst jeweils etwa 90.000 Euro zurück, ebenfalls plus Zinsen. Seine Stiefmutter habe für die Beschäftigten keine Lohnsteuer entrichtet, da sie von einer selbstständigen Tätigkeit ausgegangen sei, heißt es in seiner Klage, mit der er die ehemaligen Bediensteten der Familie zur Kasse bittet.

"Ich will nichts mehr mit dem Haus zu tun haben", sagt ein ehemaliger Wachmann.

Vor Gericht kann oder will sich der Kläger an vieles nicht erinnern. Insbesondere an das von der Pflegerin geschilderte Gespräch habe er überhaupt keine Erinnerung. Er habe vor 2013 auch gar keine Personalgespräche geführt. Eines scheint ihm jedoch wichtig: Wenn hier vom Hause Cloppenburg geredet werde, sei nicht etwa sein Unternehmen gemeint, das sei "ein großer Arbeitgeber", seine Geschäfte seien "hoch seriös". Seine Stiefmutter schildert der Patriarch als "clevere Kauffrau", "hochintelligent", mit einer "nonchalanten Art".

Das Gericht will den Fall der Pflegerin in der kommenden Woche entscheiden. Es wird wohl nicht einfach für die Frau. Denn sie kann sich nur auf mündliche Zusagen berufen, die streitig sind.

Zudem sind Vergleichsversuche bislang gescheitert. Cloppenburgs Anwälte interpretierten ein Angebot des Berliner Anwalts der Pflegerin gar als versuchte Erpressung und erstatteten eine weitere Anzeige. Mit den ehemaligen Wachleuten, denen die Nebentätigkeiten bereits Disziplinarverfahren eintrugen, verglich man sich auf die Rückzahlung mittlerer fünfstelliger Beträge, die nun in den Nachlass ihrer ehemaligen Arbeitgeberin zurückfließen. Einer der Polizeibeamten zahlt monatlich ab, über zehn Jahre lang. Er bereue "den Tag, an dem ich angefangen habe, für die Familie zu arbeiten", sagt er, "ich will nichts mehr mit dem Haus zu tun haben".

Es sei "unnötig, unschön und ein großes Unrecht", was den ehemaligen Mitarbeitern da geschehe, sagt eine Sekretärin, die 27 Jahre lang in Diensten des Hauses stand - und von der HUC Cloppenburg noch im Gerichtssaal als "Grande Dame" des Haushalts spricht.

"Dass hier Schwarzgeld bezahlt wurde, ist völlig unstrittig", sagt der Anwalt der Pflegerin, Yves Wiemann, "ich finde es skandalös, wie meine Mandantin von dieser Milliardärsfamilie nach all den Jahren aufopfernder Pflege ihrer Angehörigen im Regen stehen gelassen wird." Der Cloppenburg-Clan reagiert auf sechs Fragen des SPIEGEL, indem er einen auf Medienrecht spezialisierten Anwalt einschaltet, der zunächst wortreich begründet, warum es aus seiner Sicht nichts zu berichten gebe: alles Privatsache, keinerlei öffentliches Interesse. Später gibt es auf einige Fragen doch noch eine Replik: Herr Cloppenburg habe gegenüber Frau Sobotta keine Nettolohnzusage getroffen, "ihm ist auch nicht bekannt, dass eine solche Zusage durch Frau Dr. Cloppenburg erfolgte". Im Übrigen habe man, nachdem "ohne äußeren Anlass" die Verhältnisse in Ratingen geprüft und gesichtet worden seien, unmittelbar "proaktiv" das zuständige Finanzamt informiert.

Die Pflegerin will kämpfen. Sie habe fast vier Jahre in Ratingen gearbeitet, Tag und Nacht, und oft nur wenige Stunden geschlafen und um Urlaub betteln müssen, der nicht bezahlt wurde. Falls der Düsseldorfer Richter für Harro Uwe Cloppenburg entscheide, werde sie Berufung einlegen: "Es geht hier um meine Existenz."



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