AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2016

Psychologie Was gegen Erröten hilft

Manche Menschen haben Panik vor dem Rotwerden. Auch Ramona Heinze litt unter ständiger Angst. Bis sie endlich Hilfe fand.

Ramona Heinze: "Das zu schaffen ist so ein krasses Gefühl"
Michael Trippel/ DER SPIEGEL

Ramona Heinze: "Das zu schaffen ist so ein krasses Gefühl"

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Manchmal schloss sich Ramona Heinze in der Schultoilette ein. So lange, bis sich ihre Wangen nicht mehr heiß anfühlten und die roten Flecken am Dekolleté verblassten. Sie versuchte, die Haut mit kaltem Wasser zu beruhigen, und riss das Fenster auf, damit frische Luft hereinströmt. Erst wenn sie mit dem Blick in den Spiegel zufrieden war, traute sie sich wieder auf den Flur. Die langen Haare trug sie offen, wie ein Vorhang fielen sie ihr ins Gesicht.

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Heft 50/2016
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Die Vormittage in der Schule waren für die 16-Jährige eine Qual, die Nachmittage nicht viel besser. Wenn sie shoppen ging und bemerkte, dass sie beim Anprobieren der Klamotten ins Schwitzen gekommen war, saß sie ewig in der Umkleidekabine fest. "Ich hatte Panik, dass jemandem auffallen könnte, wie rot ich geworden bin", erzählt Heinze.

Sie hat blaue Augen, blonde Haare und einen blassen Teint. Helle Typen wie sie erröten schnell. Beim Sport, in warmen Räumen, in unangenehmen Augenblicken. Die meisten Menschen belastet das nicht weiter, zumindest fühlen sie sich nicht in ihrem Leben eingeschränkt.

Heinze allerdings fürchtete diese Situationen so sehr, dass sich die Angst immer tiefer in ihre Seele fräste. Und je mehr sie sich fürchtete, desto häufiger wurde sie rot. Warum nur? Und was hilft dagegen?

Ramona Heinze wollte keinen Fremden mehr begegnen, Bekannten schon gar nicht. Irgendwann vermied sie sogar den Kontakt zu engen Freunden und Familienmitgliedern. Das Mädchen rutschte in eine Depression. Heinzes Leben wurde so unerträglich, dass sie monatelang in einer psychiatrischen Klinik behandelt werden musste.

Erythrophobie heißt der Fachbegriff für ihr Leiden: die Angst vor dem Erröten. Sie ist eine Unterart der sogenannten sozialen Phobie, mit der bis zu 13 Prozent aller Menschen einmal in ihrem Leben zu kämpfen haben. Damit gilt die soziale Phobie als eine der häufigsten Störungen - nach Depression und Alkoholabhängigkeit. Sie trifft etwas mehr Frauen als Männer. In drei Vierteln der Fälle entsteht die soziale Phobie in der Pubertät, zu 90 Prozent entwickelt sie sich noch vor dem 26. Lebensjahr. Ein Drittel der Patienten, die deshalb in Behandlung sind, kämpfen mit der Angst zu erröten.

Trotzdem hat die Wissenschaft die Erythrophobie lange vernachlässigt. Fachliteratur für Ärzte und Therapeuten gab es kaum, Erythrophobiker galten als besonders schwer behandelbar. Noch immer haben viele von ihnen Schwierigkeiten, einen Therapeuten zu finden, der sich mit ihrem speziellen Leiden auskennt. Manch einer entscheidet sich aus Verzweiflung für eine riskante Operation: Chirurgen können den Sympathikus durchtrennen, jenen Nerv, dessen Tätigkeit die Röte in die Wangen jagt.

Dabei hat sich in den vergangenen Jahren viel getan in der Errötungsforschung. Die Chancen, das Problem ohne Skalpell in den Griff zu bekommen, sind besser denn je. Allerdings müssen die Patienten eines akzeptieren: Geheilt zu sein bedeutet nicht, nie wieder zu erröten.

Rot zu werden ist normal; jeder Mensch kennt es. Es braucht zwei bis drei Sekunden, bis die Gefäße sich weiten, die Durchblutung ansteigt, die Haut sich verfärbt. Ein Notfallmedikament dagegen gibt es nicht. Und auch durch Willenskraft erblasst man nicht.

"Das sagen wir unseren Patienten als Erstes", sagt der Kölner Psychologe Alexander Gerlach, Fachmann fürs Erröten. "Wir können allerdings erreichen, dass sie ihre Angst verlieren. Und so zumindest seltener rot werden."

Gerlach leitet die Hochschulambulanz für Psychotherapie an der Universität zu Köln und verbringt außerdem viel Zeit mit Grundlagenforschung. Derzeit untersucht er in einer Studie, ob Menschen mit Errötungsangst schneller als andere Temperaturänderungen im Gesicht wahrnehmen können - und ob sie deutlicher erröten. Um dies zu testen, hat der Professor Sensoren entwickelt, die nicht nur die Durchblutung messen, sondern auch die Rottöne. Im kommenden Jahr sollen die Ergebnisse vorliegen.

Noch immer gibt das Erröten den Forschern Rätsel auf. Sie wissen nicht einmal, warum der Mensch überhaupt in bestimmten Situationen die Gesichtsfarbe ändert.

Eine Theorie geht davon aus, dass sich diese Körperreaktion im Laufe der Evolution als Mittel entwickelt hat, andere zu beschwichtigen. Wenn ich rot werde, weil ich jemandem ein Glas Rotwein über die weiße Bluse geschüttet habe, zeigt das: Es tut mir leid - und zwar aufrichtig. Viele Emotionen lassen sich heucheln, aber auf Knopfdruck erröten kann keiner.

Ganz schlüssig ist diese Erklärung nicht. Denn es gibt auch Menschen mit dunkler Haut, die nachweislich dieselbe körperliche Reaktion erleben, wenn sie peinlich berührt sind; die Blutgefäße im Gesicht weiten sich. Ihr Gegenüber allerdings bekommt davon gar nichts mit. Zudem erröten viele Leute auch dann, wenn man ihnen ein Kompliment macht.

Gerlach nutzt dieses Wissen für seine Versuche. Er lässt die mit Sensoren verkabelten Probanden Konzentrationsaufgaben lösen - und lobt sie danach überschwänglich für ihre Leistung. Selbst wenn die Teilnehmer ahnen, dass die Schmeicheleien Nonsens sind, schießt ihnen die Hitze ins Gesicht.

Wer sich bereit erklärt, trotz aller Ängste im Dienste der Wissenschaft zu erröten, darf im Gegenzug an einer dreistündigen Kurzzeittherapie teilnehmen. Das hilft bereits vielen Erythrophobikern; es braucht keine monate- oder jahrelange Therapie.

Einer aktuellen Untersuchung der Technischen Universität Dresden zufolge kann selbst ein einmaliger Wochenendkurs ausreichen, um die Angst vor dem Erröten "signifikant zu mindern". Bei zwei Dritteln der Studienteilnehmer jedenfalls war dies der Fall. "Eine intensive Gruppentherapie scheint genau der richtige Ansatz zu sein", sagt Samia Härtling, Autorin der Studie. Die Psychologin empfiehlt eine Mischung aus Verhaltenstherapie und Aufmerksamkeitstraining.

Erythrophobiker fokussieren sich krankhaft auf die Hitze in ihrem Gesicht und auf die Frage, wie rot sie wohl leuchten. Durch Konzentrationsübungen können sie lernen, ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken. Videoaufnahmen der Patienten in verschiedenen Situationen sollen ihnen zudem zeigen, dass sie die Röte ihrer Wangen häufig überschätzen.

"Es geht darum zu erkennen, dass Erröten nichts Außergewöhnliches ist", sagt Härtling. "Manche Menschen haben eine große Nase, die sie akzeptieren müssen, andere ein Muttermal im Gesicht, und wieder andere erröten eben."

Diese Erkenntnis gefällt nicht jedem. Immer wieder hat Härtling auch mit Erythrophobikern zu tun, die sich am Ende doch für eine Sympathikusoperation entscheiden. Dabei werden die entsprechenden Nervenstränge rechts und links der Brustwirbelsäule unterbrochen. Dadurch wird übermäßige Durchblutung verhindert - es fehlt die Grundvoraussetzung fürs Erröten.

Ohne Risiken ist der Eingriff nicht. Die Langzeitwirkungen sind keineswegs erforscht. Und immer wieder berichten Patienten, dass sie plötzlich extrem an Beinen, Rücken oder Po schwitzen - eine Ausweichreaktion des Körpers. Bei manchen der Betroffenen zeigt sich trotz allem keine Besserung.

Auch Ramona Heinze, die inzwischen 21 Jahre alt ist, hatte sich über die Vor- und Nachteile einer solchen Operation informiert. Sie entschied sich dagegen. "Mir war schnell klar, dass das am eigentlichen Problem vorbeigeht", sagt sie.

Heinze absolvierte eine Verhaltenstherapie, die ihr viel abverlangte. Einmal musste sie in einem Selbstbedienungsrestaurant ihr volles Tablett fallen lassen. Ein anderes Mal sollte sie in einer Menschenmenge sehr laut den Namen einer Freundin rufen - und ertragen, dass alle sie anstarren. Die Erkenntnis: Die Welt dreht sich trotzdem weiter.

Nach vier Monaten in der Klinik war Heinze so weit, dass sie wieder im Alltag zurechtkam. In der Therapie habe sie gelernt, um was es wirklich geht, sagt sie. "Sich anzunehmen, wie man ist."

Ramona Heinze erzählte Freunden und Bekannten von ihrer Errötungsangst. Sie hielt an der Schule ein Referat über Erythrophobie und konnte so mit rotem Kopf vor der Klasse stehen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. "Das war eine Chance, allen zu erklären, was da eigentlich in mir vorgeht."

Auf der Klassenfahrt zwang sie sich bei einem Kennenlernspiel, fremde Schüler anzusprechen. Und zwar ohne eine dicke Schicht Make-up im Gesicht. Am Ende traute sie sich sogar, bei einem Improvisationsstück Theater zu spielen. "Das zu schaffen ist so ein krasses Gefühl", sagt sie.

Verblüffend waren für das Mädchen die Rückmeldungen, die es danach bekam. Alle fanden Heinzes Auftritt toll und tapfer, keiner erwähnte ihre Gesichtsfarbe - tatsächlich war die wohl niemandem aufgefallen.

Das machte Mut, und so ging Heinze noch einen Schritt weiter: Im Sommer vergangenen Jahres nahm sie ein YouTube-Video auf, in dem sie ihre Geschichte erzählte. Mehr als 16.000-mal wurde es bis heute geklickt. Sie hat Dutzende weitere Filme gedreht und veröffentlicht. Ihre Themen sind andere geworden: Fasten, Barfußlaufen, gesunde Haut. Seit einigen Wochen reist sie durch Malaysia und plaudert über ihre Erfahrungen. Sie hat dabei nicht einmal mehr rote Wangen. "Das passiert mir nicht mehr so oft, beziehungsweise es stört mich auch gar nicht", sagt sie.

Trotzdem bekommt sie noch immer Mails und Nachrichten von Menschen, die unter Erythrophobie leiden und ihr Video gesehen haben. Viele fragen sie um Rat. Ramona Heinze hat immer dieselbe Antwort: "Es hilft nur eines: schonungslose Konfrontation."

Im Video: Wie misst man Erröten? SPIEGEL-Redakteurin Katrin Elger hat im Labor ihre Gesichtsdurchblutung messen lassen - sehen Sie im Video, wie das abläuft.

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jlrc 12.01.2018
1. Ohr kurz und unauffällig kneifen...
Dann Fließstraße das Blut zum Ohr und fertig :)
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