AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2017

Per Mertesacker "Immer mehr ich, ich, ich"

Weltmeister Per Mertesacker spricht über seine neuen Karrierepläne - und über seine Abneigung gegenüber jungen Spielern, die erst einmal die Hand aufhalten.

Arsenal-Kapitän Mertesacker
Kate Peters / DER SPIEGEL

Arsenal-Kapitän Mertesacker

Ein Interview von und


SPIEGEL: Herr Mertesacker, Ihr langjähriger Nationalmannschaftskollege Philipp Lahm hat seine Karriere beendet, Bastian Schweinsteiger spielt noch in den USA weiter. Wie schwierig ist es, den richtigen Zeitpunkt fürs Karriereende zu finden?

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Heft 41/2017
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Mertesacker: Das ist nicht einfach. Ich habe mich gefragt, was ich noch erreichen möchte. Ich könnte noch weiterspielen, könnte vielleicht auch noch mal zurück nach Deutschland. Aber mit den zehn Jahren als Nationalspieler war ich schon sehr zufrieden. Da habe ich 2014 einen Schlussstrich gezogen. Und nächstes Jahr mache ich das auf Klubebene bei Arsenal in London.

SPIEGEL: Sie sind nach dem Weltmeistertitel in Brasilien aus der DFB-Elf zurückgetreten. War das eine spontane Entscheidung?

Mertesacker: Der Titel hat das erleichtert. Davor waren wir immer wieder kurz vor dem Finale gescheitert. Brasilien war deshalb der perfekte Abschluss.

SPIEGEL: Sie haben nun das Angebot bekommen, ab dem nächsten Sommer die Jugendakademie von Arsenal zu leiten.

Mertesacker: Ja, da musste ich erst überlegen: Will ich wirklich aufhören? Dass ich hier im Klub in einer anderen Rolle direkt weitermachen kann, das hat mir bei der Entscheidung sehr geholfen.

SPIEGEL: Haben Sie nach 15 Jahren als Profi schon Angst vor dem Schlusspfiff am letzten Spieltag?

Mertesacker: Nein, gar nicht. So weit schaue ich nicht voraus. Ich stecke sehr intensiv in der Saison und möchte das noch mal richtig auskosten.

SPIEGEL: Wie empfinden Sie die Zeit zwischen den Welten - als aktiver Spieler auf der einen Seite und zukünftiger Nachwuchschef auf der anderen?

Mertesacker: Natürlich bin ich neugierig auf die neue Stelle und auf die Leute, auf diesen Riesenapparat der Akademie. Das sind etwa 70 Mitarbeiter, 150 bis 200 Jugendliche. Die will ich natürlich so schnell wie möglich kennenlernen. Ich will da nicht nächstes Jahr aufschlagen und sagen: Okay, jetzt gewöhne ich mich mal ein Jahr ein. Das wäre mir nicht gut genug. Aber ich habe meinem Trainer Arsène Wenger auch gesagt, dass ich primär immer noch Spieler bin. Wenn ich merke, dass zu viel Zeit fürs Einarbeiten draufgeht, werde ich das drosseln.

SPIEGEL: Sie sind schließlich immer noch der Kapitän vom FC Arsenal.

Mertesacker und Giroud
Getty Images

Mertesacker und Giroud

Mertesacker: Genau. Wenger hat mir viel Respekt und Vertrauen entgegengebracht. Deswegen will ich ihm zeigen, dass er auch jetzt auf mich zählen kann.

SPIEGEL: Am 1. November 2003 haben Sie für Hannover 96 in Köln Ihr erstes Bundesligaspiel bestritten. Sie wurden damals nach einer Halbzeit ausgewechselt und monatelang nicht mehr eingesetzt.

Mertesacker: Ja, das war total schwierig. Ich habe rechter Verteidiger gespielt. Zum ersten Mal in meiner Karriere. Und nach 45 Minuten war ich einfach platt. Danach war das Profidasein sehr, sehr weit weg für mich. Ich war bei den Amateuren, im Winter hat Hannover neue Spieler gekauft.

SPIEGEL: Waren Sie verzweifelt?

Mertesacker: Ach, überhaupt nicht. Ich musste morgens früh aufstehen und um sieben mit dem Bus zur Schule fahren. Ich konnte nicht darüber nachdenken, was ich vielleicht am Vortag alles falsch gemacht habe. Ich habe gedacht: Vielleicht ist Bundesliga nichts für dich. Spiel mal bei den Amateuren weiter, mach die Schule fertig. 2004 habe ich Abitur gemacht. Ich wusste, dass Fußball fix vorbei sein kann.

SPIEGEL: Unter Trainer Ewald Lienen waren Sie dann wieder gesetzt, und nach 20 Bundesligaspielen waren Sie schon Nationalspieler.

Mertesacker: Das war das Verdienst von Jürgen Klinsmann. Er wollte für die WM 2006 eine junge Mannschaft aufbauen und nicht warten, ob die erfahreneren Spieler die Mannschaft noch weiter tragen. Man musste jetzt nicht mehr 27 Jahre alt sein und 100 Bundesligaspiele haben, um für die Nationalmannschaft spielen zu können.

SPIEGEL: Ihr erstes Spiel für Deutschland war auch Ihre erste große Reise ins Ausland: Iran, 110.000 Zuschauer im Stadion.

Mertesacker: Ja, da sind die Leute durchgedreht. Beim Abschlusstraining haben wir Rosen bekommen. Aber ich habe einen kühlen Kopf bewahrt. Ich habe nie versucht, mich zu verstellen. Fußballerisch schon gar nicht. Ich habe mein Zeug gemacht. Das Einfachste. In ganz früher Jugend habe ich noch Libero gespielt. Auf den Ball gucken, ablaufen, einfachen Pass spielen. Genauso habe ich in der Oberliga gespielt, mit den Amateuren. Genauso habe ich in der Bundesliga gespielt. Unaufgeregt.

SPIEGEL: Erobert man so die Herzen der Fans?

Mertesacker: Heutzutage gibt es ja nur noch Vorbilder wie Messi und Ronaldo, die all diese Tricks machen. Kein junger Spieler würde mehr sagen, dass er sich so einen altmodischen Abwehrspieler wie mich zum Vorbild nimmt. Man muss cool sein, modisch, schicke Schuhe tragen...

SPIEGEL: Niemand sagt: Ich will einmal so einen schönen Kopfball machen wie der Mertesacker.

Mertesacker: Nee, genau.

SPIEGEL: Im WM-Finale wurden Sie in der 120. Minute eingewechselt, um genau das zu tun.

Mertesacker: Ich habe einmal den Ball rausgeköpft. Tja, jeder muss seinen Job machen.

SPIEGEL: Das Sommermärchen 2006, der Weltmeistertitel 2014 - gibt es da für Sie eine Rangordnung?

Mertesacker: Das eine hätte es wahrscheinlich ohne das andere nicht gegeben. 2006 war fantastisch, das ganze Land hat uns getragen, aber man hat auch in den Jahren danach noch gesehen: Mannschaften wie Italien und Spanien waren einfach besser. In Brasilien war auch nicht alles rosig, Argentinien hätte uns schlagen können. Aber irgendwie war klar, dass wir das als Gemeinschaft schaffen, wir waren als Mannschaft reifer.

SPIEGEL: 2006 jubelte Reinhold Beckmann im Viertelfinale nach einer normalen Flanke, Kopfballverlängerung und einem Treffer von Miroslav Klose: "Ein Zaubertor!"

Mertesacker: Seitdem hat sich schon viel in der Spielweise verändert. Man hat ja heute auch ein ganz anderes Portfolio an Spielern. Damals waren die ersten elf Spieler okay, aber der Rest... Heutzutage könnten alle 23 Spieler sofort spielen. Das war 2006 nicht so. In Brasilien hat jeder jeden respektiert, weil klar war, dass ein anderer ihn sofort ersetzen kann.

SPIEGEL: Das mussten Sie selbst erleben, als Sie nach dem Achtelfinale aus der Startelf rutschten.

Mertesacker: Genau. Natürlich sind das schwierige Momente als Fußballer. Aber dann muss man sich zurückbesinnen: Was ist das hier überhaupt? - Ein Teamsport. Alle müssen zusammen funktionieren. Der Trainer hat eine harte Entscheidung zu treffen. Das musst du respektieren. Nicht unbedingt immer akzeptieren, denn die Herausforderung will man ja annehmen, im Training herausstechen. Aber es gab Nächte, in denen ich nicht schlafen konnte, nachdem mir der Trainer eine Entscheidung mitgeteilt hatte. Weil ich es nicht kapiert habe: Warum ich, warum nicht der andere? SPIEGEL: Direkt nach dem Achtelfinale gaben Sie das mittlerweile berühmte Interview, als Sie den Reporter anblafften: "Wat wolln Se? Wir ham gekämpft bis zum Ende, ich lege mich jetzt erst mal drei Tage in die Eistonne." Werden Sie immer noch oft darauf angesprochen?

Mertesacker: Es geht mittlerweile. Aber viele erinnern sich natürlich dran. Eistonnen werden ja überall zur Regeneration genutzt.

SPIEGEL: Nach Ihrem Abschiedsspiel geht's auch noch mal rein?

Mertesacker: Ja, klar, da springe ich dann rein. Da mach ich 'nen Köpper. Dieses Interview war eine spontane Sache. Ich war kaputt vom Spiel, und wenn man direkt nach der Partie interviewt wird, dann kann man mal Kontra geben. Was dann daraus geworden ist, hat auch irgendwie Spaß gemacht.

SPIEGEL: Hat das die Mannschaft auch noch mal zusammenrücken lassen?

DPA

Mertesacker: Ach, es geht. Wir haben uns einfach schnell wieder auf das nächste Spiel fokussiert. Wir hatten ohnehin ein sehr respektvolles Miteinander, auch von Bayern und Dortmundern. Wir waren einfach neutral, alle für Deutschland unterwegs. Das hat uns zusammengeschweißt.

SPIEGEL: Dieses Mannschaftsgefühl wollen Sie auch den Nachwuchsspielern an der Akademie beibringen?

Mertesacker: Ja, es gibt heutzutage immer mehr Individualisten. Immer mehr ich, ich, ich. Das wird eine riesige Herausforderung in meinem neuen Job.

SPIEGEL: Wie wollen Sie das ändern?

Mertesacker: Die jungen Spieler sind schnell so weit, dass sie ausschließlich mit dem Fußball planen. Da müssen wir wieder ein bisschen mehr Realität reinbringen. Viele haben nur die Fußballkarriere im Sinn und keine Perspektive neben dem Platz. Ab 15 Jahren, wenn nicht schon früher, geht es bei denen darum: Wer hat einen Berater, einen Ausrüstervertrag, wer kommt in die Nationalmannschaft?

SPIEGEL: Ist das schlimm?

Mertesacker: Ich finde schon, ja. Heutzutage werden alle schnell so hochgehoben. Für mich war es ein Segen, dass ich mit 13 Jahren erst mal weggeschickt wurde. Ich bin ja kein Produkt einer Jugendakademie. Ich würde auch mal behaupten, dass ich es nicht geschafft hätte in einem solchen System. Ich war ein Jahr draußen mit Wachstumsproblemen. Wenn man heute als Teenager ein Jahr verletzt ist, kommt man nie wieder ins System rein. Keine Chance. Ich habe meinen ersten Berater mit 20 gekriegt. Mein erster Ausrüstervertrag kam nach meinen ersten Länderspielen. Ich war nie richtig in diesem Fußballhype drin. Heutzutage kannst du das gar nicht mehr verhindern.

SPIEGEL: Im vergangenen Transfersommer sind unfassbare Summen für junge Spieler bezahlt worden.

Mertesacker: Ja, es ist jedes Jahr mehr Geld auf dem Markt. Das sehe ich schon kritisch. Sogar ganze Länder mischen sich jetzt bei der Finanzierung ein. Das macht es natürlich kompliziert, auch für uns Spieler. Paul Pogba ist letztes Jahr für 105 Millionen Euro zu Manchester United gegangen, das war viel, viel zu teuer. Dieses Jahr würde das als günstig gelten! Das geht mir zu schnell.

SPIEGEL: Wird sich die Spirale irgendwann wieder langsamer drehen?

Mertesacker: Ich glaube, es muss zukünftig auch wieder mehr um die Frage gehen: Wie hilft uns ein Spieler nicht nur fußballerisch, sondern charakterlich? Brauchen wir wirklich den Spieler, der 250 Millionen kostet? Arbeitet der auch defensiv mit, oder macht der nur vorne seine Zaubertricks, schießt zwar 15 Tore, aber wir kassieren 30, weil er hinten nicht mithilft?

SPIEGEL: Wie gehen Mannschaften mit dem Transferwahnsinn um?

Mertesacker: Die Ablösesummen werden gar nicht mehr groß diskutiert. Aber natürlich sieht man, was der Mitspieler an Gehalt verdient, und überlegt, was man selbst verdienen könnte. Das schafft Probleme in einer Mannschaft. Das Produkt Premier League ist so begehrt, dass es immer mehr Geld abwirft. Und dann sagen die Spieler: Wir sind für dieses Produkt verantwortlich, wir wollen davon einen Teil abhaben.

SPIEGEL: Ousmane Dembélé kann in einer Saison beim FC Barcelona bis zu 20 Millionen Euro verdienen. Sie werden sich künftig mit Spielern in seinem Alter auseinandersetzen.

Mertesacker: Ja, und das ist ja das große Problem: die Mentalität vieler junger Spieler, erst einmal die Hand aufzuhalten, bevor man überhaupt ein Spiel in der ersten Liga gemacht hat. Als ich meinen ersten Profivertrag unterschrieben habe, hat meine Familie gesagt: Nee, verdien mal lieber ein bisschen weniger, sei erst mal froh, dass du bei der ersten Mannschaft mittrainieren kannst. Ich weiß, dass das heute nicht mehr so geht. Aber für meine Entwicklung war das wichtig.

SPIEGEL: Haben Sie schon eine Idee, wie Sie Ihre Tugenden vermitteln können?

Mertesacker: Man muss klare Ansagen machen. Klare Erwartungen stellen an sich, an die Mitarbeiter, an die Spieler. Man muss die Jungs begleiten, die Eltern mit ins Boot holen. Und wenn es nicht geht, muss man Entscheidungen treffen. Vielleicht gehen dann fünf, sechs Spieler woandershin. Das wird nicht einfach. Aber das ist meine Vision, und mit dem richtigen Personal kann es klappen. Und mit Spielern, die sich auch als Persönlichkeit weiterentwickeln wollen.

SPIEGEL: Wie viele Spieler der Akademie schaffen es nach oben?

Mertesacker: Das sind nicht viele. Ich denke, nicht viel mehr als ein Prozent. Das ist atemberaubend. Man muss sich auch um die kümmern, die vor dem Nichts stehen. 80 Prozent derjenigen, die mit 16 einen Vertrag hatten, sind nachher arbeitslos. Vielleicht werden sie noch von Vereinen der dritten oder vierten Liga aufgenommen, aber was ist mit Schule, Ausbildung, Beruf? Es muss den Spielern klar sein, dass sie auch durchs Raster fallen könnten.

SPIEGEL: Passen Sie eigentlich als Niedersachse in diese exaltierte Welt?

Mertesacker: Na ja, ich habe ja 15 Jahre in diesem Geschäft verbracht. Ich denke schon, dass ich da reinpasse. Aber das wird für mich jetzt ein spannendes Kapitel, weil ich noch viel lernen muss. Ich habe eine Reputation als Spieler, aber nicht als Trainer, nicht als Manager.

SPIEGEL: Wäre es interessant für Sie, irgendwann nach Deutschland zurückzukehren?

Mertesacker: Klar, es war jetzt erst einmal auch eine familiäre Entscheidung für London. Wir fühlen uns hier wohl, die Kinder auch, die kennen nur England und gehen hier zur Schule.

SPIEGEL: Werden Sie denn direkt nach Ende der Saison anfangen?

Mertesacker: Nein. Erst wollte ich mich sofort reinstürzen. Aber dann habe ich ziemlich schnell abgewinkt und gesagt: Wenn ich direkt am 1. Juni anfange, dann hänge ich nach drei Monaten überm Zaun. Darum mache ich erst einmal drei Monate Pause und starte im September 2018.

SPIEGEL: Herr Mertesacker, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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