AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2017

Peter Hintze Die Lücke im Herzen der deutschen Politik

Vor zehn Monaten starb Peter Hintze, ein CDU-Vertreter der zweiten Reihe. Bis heute schaffen es viele Spitzenpolitiker nicht, seine Handynummer zu löschen. Warum?

Brille und Schreibtisch von Peter Hintze
Goetz Schleser/DER SPIEGEL

Brille und Schreibtisch von Peter Hintze

Von Britta Stuff


"Peter Hintzes Einfluss in der Union war überragend", sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

"Peter Hintze war für die CDU wichtiger als die meisten Minister", sagt Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.

"Wenn jemand in der Union ein Problem hatte, ging er zu Peter Hintze", sagt Kanzleramtsminister Peter Altmaier.

Abschied

Am Morgen des 3. Dezember 2016 wurden in Bad Honnef die Weyermannallee und die Luisenstraße gesperrt, außerdem Teile der Girardetallee und der Linzer Straße. Vor der Erlöserkirche froren Dutzende Sicherheitsmänner in Schwarz. Durch die Türen drang ein Kinderlied nach draußen.

Weißt du, wie viel Sternlein stehen
an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du, wie viel Wolken gehen
weithin über alle Welt?
Gott, der Herr, hat sie gezählet,
dass ihm auch nicht eines fehlet
an der ganzen großen Zahl.

Titelbild
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Heft 39/2017
Zehn Wege für Bildung und Erziehung - Wie Schule endlich gelingt

Drinnen, in der hellen Kirche, die selten so voll war wie an diesem Tag, saß die Kanzlerin neben Thomas de Maizière, sie weinten. Offiziell war kein Staatsakt angeordnet. Doch neben der Kanzlerin kamen fast alle CDU-Minister, ein ehemaliger Bundespräsident, der Bundestagspräsident, der Fraktionsvorsitzende der Union.

Wenn man nachfragt, warum Hintzes Beerdigung wie die eines großen Staatsmannes aussah, sagt Thomas de Maizière: "Peter Hintze hat diesen informellen Staatsakt bekommen, weil er als Mensch so bedeutend war."

Im Bundestag

Der Bundestag ist wie ein nasser Schwamm im Wasser. Drückt man ihn aus, strömt sofort neues Wasser ein, sobald man ihn loslässt. Hintze war 26 Jahre lang Mitglied des Deutschen Bundestags, er hat als Generalsekretär für Helmut Kohl einen Wahlkampf gewonnen und einen verloren, er hat die Verhüllung des Reichstags durch Christo durchgesetzt und für die Präimplantationsdiagnostik gekämpft. Aber wenn man ihn im Bundestag sucht, ist es, als wäre er nie da gewesen. In sein Büro im fünften Stock des Jakob-Kaiser-Hauses, Raum 5128, zog die neue Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Michaela Noll. In einem Übergangsbüro der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen richtete sich elf Tage nach Hintzes Tod sein Nachfolger, der Kieferorthopäde Mathias Höschel, ein.

Die Büros im Bundestag sind Orte größter Sachlichkeit. Wer hier sitzt, ist aus vielen Entscheidungen als Überlebender hervorgegangen. Dennoch kann niemand wissen, ob er nach vier Jahren noch hier sein wird. Und selbst wenn. Man wird nach der nächsten Wahl wahrscheinlich in ein anderes Büro ziehen, eine neue Aussicht haben, neue Flure entlanglaufen, auf einem anderen Stuhl sitzen. Alles hier ist darauf eingerichtet, dass Menschen verschwinden.

Hintze: "Glauben Sie, ich muss mit der Politik aufhören?"

Arzt: "Ich glaube, Politik hilft Ihnen zu leben."

Als Hintze, der Nichtraucher war, im Frühjahr 2013 an Lungenkrebs erkrankte, und sein Arzt ihm sagte, die Prognose liege bei 12 bis 18 Monaten, machte er weiter wie immer. Viele, die erfahren, dass sie bald sterben werden, hören auf zu arbeiten. Wenn man Schwerkranke fragt, was sie in ihrem Leben am meisten bereuen, sagen viele, dass sie zu lange und zu viel gearbeitet haben.

Ehemaliges Büro von Peter Hinze
Goetz Schleser/DER SPIEGEL

Ehemaliges Büro von Peter Hinze

Hintzes Frau sagt, sie habe ihrem Mann vor mehr als 20 Jahren gesagt: "Wenn du Generalsekretär wirst, bist du gar nicht mehr zu Hause, dann verlasse ich dich." Er hatte ihr geantwortet: "Dann musst du das tun." Sie habe irgendwann verstanden, dass er einfach so sei. Als die beiden erfuhren, wie schlecht es um ihn steht, fragte ein befreundetes Paar, warum Hintze nicht mit der Politik aufhöre. Die beiden sahen sich an. Es war klar, dass das nicht infrage kam.

Hintze war bereit, alles zu tun, was ihm der Arzt riet. Er ließ sich bestrahlen und operieren. Er nahm an jeder Studie teil, die ihm hätte Aufschub verschaffen können. Oft flog er direkt nach der Entlassung aus der Klinik wieder nach Berlin, in sein Büro mit Blick auf die Reichstagskuppel.

Auf seinem letzten Parteitag am 15. Dezember 2015 sagte er: Schön, dass ich das noch erleben darf.

"Ich habe mich immer gefragt, was das für ein Moment wird, in dem Hintze geht und man weiß, es ist für immer", sagt ein Minister.

Als Hintzes politisches Leben endete, an seinem letzten Tag im Bundestag, am 8. Juli 2016, sagte er wie immer: "Bis bald."

Im Archiv

"Hintze wird neuer Generalsekretär der CDU", "Berliner Zeitung", 1992

"Hintze hält an Wahlwerbung gegen die PDS fest", "taz", 1994

"Kohl für Wiederwahl von Generalsekretär Hintze", "Süddeutsche Zeitung", 1996

"Hintze räumt Fehler ein", "Süddeutsche Zeitung", 1997

"In der Union Kritik an Hintze", "Die Welt", 1998

"Unmut in der CDU-Spitze über Hintze", "Frankfurter Rundschau", 1998

"Hintze dementiert Gerüchte um Entmachtung", "FAZ", 1998

"CDU-Generalsekretär Hintze gibt auf", "Die Welt", 1998

Die Politik nahm Hintze, wie allen, die in ihr groß werden, den Vornamen. Für Hintze ging es nach oben, als die Macht seiner Partei zu Ende ging. Es waren die letzten Jahre der Kohl-Regierung. In dieser Zeit war "Pfarrer Hintze" ein Schimpfwort. Er galt als Kohls Kofferträger, als Mann der Rote-Socken-Kampagne.

Die Fernsehbilder von Hintze aus dieser Zeit sehen heute aus, als seien sie wie Gardinen langsam vergilbt. Er wirkt auf ihnen wie jemand, der alles und nichts zugleich ist: Aufgeregt, aber selbstgefällig. Altmodisch, aber jungenhaft. Langatmig und arrogant, aber zugleich wie jemand, der am liebsten weglaufen würde.

Knapp zwei Jahrzehnte später werden Hintzes Freunde diese Bilder als politischen Tod beschreiben. Sie werden sagen, dass man in der Politik ohne gute Bilder nicht existiert.

Hintze, sagt Christian Wulff, war jemand, den man nicht verstehen kann, wenn man nur die Artikel und Videos über ihn kennt.

Hintze wusste das.

Die anderen

Peter Altmaier hat eines der schönsten Büros im Regierungsviertel und ein Vorzimmer, das man an eine kleine Familie untervermieten könnte. Es ist im siebten Stock des Kanzleramts, man sieht den Hauptbahnhof, Berlin liegt einem zu Füßen. Altmaier muss erst mal die Schuhe anziehen, die unter dem Schreibtisch stehen, dann kommt er zum Besprechungstisch.

Es gibt einen Witz in der CDU: Sitzen drei Abgeordnete zusammen, sagt der eine: Reden wir mal über was wirklich Wichtiges: Was wird aus mir?

Werde ich mal Fraktionsvorsitzender oder Staatssekretär? Ist ein Ministerposten drin oder nur ein Ausschussvorsitz?

Es klingt, als sei alles in der Politik nur am Status ausgerichtet.

Wenn man Altmaier nach Hintze fragt, schließt er die Augen und spricht dann, als stünde innen auf den Lidern ein verblichener Text, den er ablesen muss. Er erzählt dann eine Geschichte, die ein bisschen klingt wie ein Märchen, aber sie klingt bei fast allen, die auf Hintzes Beerdigung waren, gleich. Bei Armin Laschet, dessen Büro einem Adlerhorst gleicht, mit Blick auf ganz Düsseldorf. Bei Thomas de Maizière, der das Gespräch mit "Legen Sie los" beginnt und mit "Gut dann!" beendet. Bei Gesundheitsminister Hermann Gröhe, der an der Berliner Friedrichstraße sein Büro hat, in einem Turmzimmer, in dem die Klimaanlage versagt hat, sodass er um Entschuldigung bitten muss, aber er könne wirklich kein Jackett anlegen.

Goetz Schleser/DER SPIEGEL

Sie holen ein bisschen aus, um erst mal zu sagen, wie das Geschäft läuft. Freundschaft, sagen sie, sei so ein Wort, das man in der Politik gern benutze, es gebe sie aber sehr selten. Ratschläge, die ehrlich gemeint seien und nicht dem Ratgeber selbst helfen sollen, bekomme man fast nie. Der Politiker sei der Feind des Politikers, sagen sie.

An dieser Stelle taucht Hintze auf, als Peter.

Peter, sagt Thomas de Maizière, sei eigentlich ein Mensch gewesen, gegen den alles sprach. Er habe immer alles besser gewusst, er fiel einem ständig ins Wort, und er wusste schon eine Antwort auf die Frage, bevor man sie zu Ende gesprochen hatte. Und dennoch sei da etwas gewesen, das alle zu ihm trieb.

Es habe sich langsam entwickelt. Zunächst war Hintze ein Geheimtipp, wie ein neues Restaurant, das erst nur einer entdeckt und das dann irgendwann so voll ist, dass man nur noch schwer einen Tisch bekommt.

Bei Hintze, sagen sie, habe man dieses Gefühl gehabt, dass man ihm wirklich vertrauen konnte. Dass man ihm Dinge sagen konnte und er sie für sich behielt. Dass er einen Rat gab, den er sich vorher gut überlegt hatte. Er benannte alle Probleme, die kommen könnten, und ihre Lösungen. Er sprach so schnell, als könnte der Tag niemals reichen, um alles zu sagen, alles zu regeln. Niemals war ihm irgendwas einfach nur egal.

Er fragte sich mit ihnen zusammen: Was wird aus mir?

Hintze half Norbert Röttgen, nachdem der als Umweltminister von Merkel abserviert worden war, wieder auf die Beine. Er sorgte dafür, dass Röttgen Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses werden konnte. Er redigierte im Machtkampf um den Landesvorsitz in NRW mit Armin Laschet zusammen dessen Interviews. Im Jahr 2005 bestärkte er Volker Kauder, als Fraktionsvorsitzender zu kandidieren. "Sie werden dich wählen, glaub mir", sagte er.

"Er war der Meister des komplizierten Parteigeflechts", sagt de Maizière. Er konnte Karrieren fördern, und er tat es auch: Mit Anrufen bei alten Bekannten, bei Leuten, die ihm noch was schuldig waren, bei Merkel, die er schon kannte, als sie sich noch fragte, was wohl mal aus ihr wird.

Sie sagen, er warnte sie vor der schwarzen Katze. Damit meinte er Formulierungen, mit denen man etwas verneint. Er sagte: Wenn du sagst, die CDU ist doch keine Hinterzimmerpartei, dann denkt jeder sofort an ein Hinterzimmer. Das ist, wie wenn man sagt: Im Zimmer ist keine schwarze Katze. Dann sieht jeder sofort die schwarze Katze. Sie gaben ihm ihre Reden und Pressemitteilungen. Wenn er eine schwarze Katze sah, schrieb er daneben: "Miau."

Es kamen nicht nur CDUler, nach und nach fanden auch andere zu Hintze.

Auf dem Weg zu Außenminister Sigmar Gabriel, der so viele Termine hat, dass man ihm hinterherreisen muss, trifft man im Zug zufällig Anton Hofreiter, den Fraktionschef der Grünen. Wenn man ihm sagt, dass man eine Geschichte über Hintze plant, unterbricht er einen und sagt ungefragt: "Der Hintze war einer der vier wichtigsten Männer bei der CDU."

Man wird dann später bei Gabriel im Hotel sitzen, mit Blick auf das endlose Meer bei Warnemünde. Gabriel, der schnell einen Kuchen reinschlingt, weil er gleich wieder einen Termin hat und danach noch einen, wird sagen, Hintze habe die Seele der CDU gekannt. Er habe jede Emotion gekannt und von jeder Verschiebung gewusst.

Immer mittwochs vor der Kabinettssitzung findet das schwarze Frühstück statt. Die Kanzlerin spricht sich dort mit den Ministern der Union ab. Hintze saß mit dabei, obwohl er nie Minister war.

"Manchmal rief die Kanzlerin an, und man erkannte an der Wortwahl, dass sie vorher mit Hintze gesprochen hat", sagt ein Minister.

"Manchmal rief Hintze an und fragte, was man sagen würde, wenn die Kanzlerin einem dieses oder jenes anbieten würde. Da wusste man: Er ist in Merkels Auftrag unterwegs", sagt ein anderer.

Hintze, der Pfarrer, traute Thomas de Maizière und seine Frau und Christian Wulff und seine zweite Frau Bettina.

Hintzes Familie fuhr mit Gröhe und dessen Familie in den Urlaub. Am Strand sprachen die beiden Männer stundenlang über Politik.

Man habe mit ihm wunderbar lästern können, sagen sie.

Sie sagen, die CDU war, wie sie war, weil es Hintze gab. Sie sprechen nicht nur über Hintze, sondern auch über sich selbst. Es klingt, als hätte Hintze in ihrer Welt ein Bedürfnis erfüllt. Jemanden zu haben, der es gut mit einem meint. Vielleicht kannte Hintze nicht nur die Seele der Partei, vielleicht sei er die Seele gewesen, sagt ein Minister. Dann, als falle ihm wieder ein, wer er ist, lacht er und sagt: Falls es so was gibt.

Porträtbild von Hintze
Goetz Schleser/DER SPIEGEL

Porträtbild von Hintze

Nur Merkel wird keine Zeit für ein Gespräch über Hintze haben. Hintze war einer ihrer engsten Berater, viele sagen, Merkel habe irgendwann kaum mehr eine Entscheidung gefällt, ohne Hintze zumindest kurz zu fragen. Auch diese Nähe machte Hintzes Macht aus, sagt ein Abgeordneter, wer mit ihm sprach, hoffte immer auch ein bisschen, mit Merkel zu sprechen.

Merkel ist bekannt dafür, dass sie kein Bedürfnis hat, über sich zu sprechen. Am Ende hält sie sich am strengsten an Hintzes Rat. Er hatte ihr empfohlen, in der Öffentlichkeit nicht mehr als nötig zu sagen.

Hintze selbst hatte in all den Jahren in der zweiten Reihe nur zwei große Auftritte.

In den Zeiten der Wulff-Affäre war Hintze der engste Vertraute des Bundespräsidenten, er ging in die Talkshows und verteidigte seinen Freund.

2009 hatte Hintze eines der sprödesten Ämter der deutschen Politik inne, er war Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt. Hintze plante eine deutsche Mondmission. In den Zeitungen las man von "Peterchens Mondfahrt".

Im Krankenhaus

Ein Minister: Wie geht es dir? Kannst du noch liegen?

Hintze: Ach komm. Was ist jetzt mit Lammert?

Als Hintze erfuhr, dass er bald sterben wird, teilten sich die Abgeordneten in zwei Gruppen: die, die Bescheid wussten, und die, die nichts ahnten. Die, die nichts ahnten, waren die weitaus größere Gruppe. Hintze hatte Hornhaut um sich, nennt das Thomas de Maizière. Er sprach gern über andere, und nicht so gern über sich.

Wenn Hintze etwas Neues lernte, erzählte er gern davon. Irgendwann wussten seine engsten Vertrauten Bescheid über die Krebsforschung an japanischen Frauen, über Uranatome, die Tumoren in seiner Leber zerstören sollen.

Er wurde der "totale Krebsspezialist", sagt sein Arzt. Er habe mit Hintze reden können wie mit einem Kollegen.

Auch wenn es nicht viele gab, die wussten, wie es um Hintze stand, es waren die Richtigen. Nach der Wahl 2013 achtete man in der CDU darauf, dass Hintze seinen Platz fand. Man wollte ihm etwas geben, das ihn ehrt, aber nicht zu sehr beansprucht. Staatssekretär wäre zu viel Arbeit gewesen, Minister sowieso. Hintze wurde Vizepräsident des Deutschen Bundestags. Es gibt sechs davon, sie vertreten einander, wenn einer mal nicht kann. Man hat als Vizepräsident Anrecht auf einen Fahrer. Hintze sollte etwas Komfort haben.

Immer häufiger fehlte er im Bundestag, irgendwann nicht mehr nur Tage, sondern Wochen. Auch die Nichteingeweihten begannen, sich zu fragen: Wo ist Hintze?

Jedes Mal, wenn er zurückkehrte, kam er ihnen kleiner vor.

Einmal sah Sigmar Gabriel den zehn Zentimeter größeren Mann im Flur und umarmte ihn spontan.

Irgendwann sprachen Minister in einer Runde über die nächste Bundestagswahl, und Hintze sagte: Da bin ich nicht mehr da. Keiner widersprach.

Hintzes Arzt sagt, wenn Patienten sich plötzlich ganz anders verhalten, sei das meist ein Zeichen dafür, dass im Körper eine neue Phase beginnt. Dass die Krankheit einen neuen Anlauf nimmt. Im Sommer 2016 verließ Hintze der Mut. Er hatte nur selten geweint, bis dahin. Er begann, sich zu fragen: Was wird aus mir?

Damals suchte die CDU jemanden, der sich zum Bundespräsidenten eignen würde. Die SPD hatte Frank-Walter Steinmeier, die Union suchte verzweifelt.

Bundestagspräsident Norbert Lammert hätten alle unterstützt. Sollte er Bundespräsident werden, brauchte die Partei einen Nachfolger für das zweithöchste Amt im Staat.

Hintze, der Stratege, der Berater, hatte eine Idee. Zum ersten Mal seit langer Zeit schlug er sich selbst vor.

Er sagte, dass es schön wäre, wenn sein Sohn sagen könnte, dass sein Vater Bundestagspräsident gewesen sei.

Er sagte: Vielleicht kann ich noch eine oder zwei Sitzungen leiten, bevor ich sterbe.

"Wenn es gegangen wäre, hätten wir es gemacht", sagt einer derer, die so etwas entscheiden.

Am 26. November um 19.50 Uhr starb Peter Hintze im Alter von 66 Jahren. Vor seinem Tod kam das halbe Kabinett zu ihm ins Krankenhaus.

Hintzes Schwester koordinierte die Termine. Seine Frau nahm einen Wahlflyer aus dem Jahr 2013, Hintze mit gestreifter Krawatte und seinem typischen Lächeln, schnitt den Slogan "Peter Hintze: Merkel - Beste Wahl fürs Tal" ab, rahmte das Bild und stellte es auf den Nachttisch des Krankenzimmers. Die Besucher sollten sich an den Hintze erinnern, den sie kannten.

Peter Altmaier kam, Christian Wulff, drei Wochen vor Hintzes Tod kam Thomas de Maizière.

Sigmar Gabriel schickte einen Brief. "Sie sollen einfach wissen, dass viele Menschen an Sie denken, ich gehöre auch dazu" stand da.

Einige Tage vor Hintzes Tod schrieb Armin Laschet eine SMS: "Können wir telefonieren?" Keine Antwort.

Eine Stunde bevor Hintze starb, verließ Hermann Gröhe das Zimmer.

Sankt Augustin

Kurz nach Hintzes Tod begann sein Büroleiter die Räume im Bundestag zu leeren. Manches warf er weg, manches ließ er Hintzes Familie, dessen Frau und dessen Sohn. Die meisten Akten steckte er in Umzugskartons und schickte sie an die Konrad-Adenauer-Stiftung.

In Sankt Augustin, in einem Haus, in dem alles so aussieht, als würde Helmut Kohl noch regieren, werden die Dokumente verstorbener CDU-Abgeordneter aufbewahrt. 17 Kilometer Akten. Man reißt sie nicht auseinander, sie bleiben nach den Menschen sortiert. Ein Friedhof für Politiker.

Annemarie Griesinger, erste Frau im Kabinett Baden-Württembergs.

Otto Zink, stellvertretender Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Arbeit und Sozialordnung.

Heinrich Windelen, Ehrenvorsitzender der CDU Nordrhein-Westfalen.

Der Leiter des Archivs, Hanns Jürgen Küsters, sagt, die meisten Unterlagen enthielten nichts Neues: bereits gehaltene Reden, Pressemitteilungen, Flyer. Keine Geheimnisse.

Manchmal, sagt Küsters, könnten diese Akten Schätze enthalten. Eine handschriftliche Notiz, die ein politisches Ereignis plötzlich in einem anderen Licht dastehen lässt. Das sei aber selten.

Der Platz in der Geschichte sei für die meisten Politiker, selbst für Minister, nur klein, hatte Peter Altmaier in seinem Büro gesagt. Es sei wie beim Fliegen. Je weiter man sich vom Boden entferne, desto weniger sehe man. Irgendwann erkenne man nur Berge und Wald, nicht mehr den einzelnen Baum.

Herbert Reul, Innenminister von Nordrhein-Westfalen, sagt, er habe sich in den Tagen nach der Beerdigung Peter Hintzes gefragt: Wofür mache ich das alles hier eigentlich? Ist das nicht alles sinnlos? Dann sei wieder der Alltag gekommen. Und die Frage sei gegangen.

Keiner der Befragten hat Hintzes Nummer aus seinem Handy gelöscht. Einige setzen sich manchmal hin und lesen seine alten SMS. Sie suchen ihn.

Linke Regalreihe, Bestandsnummer 01-1027, 15 Meter Akten, da ist Hintze.

Im Video: Peter Hintze, "Seele der CDU"

Maurice Weiss / Ostkreuz


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