AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2017

Menschenrechtler Steudtner und Gharavi über ihre Türkei-Haft "Die meisten Tage waren dunkel"

Sie waren über drei Monate lang in türkischer Haft, jetzt sprechen Peter Steudtner und Ali Gharavi zum ersten Mal über diese Zeit: über Yoga in der Zelle, Schicksale der Mitgefangenen - und die Angst, nie wieder freizukommen.

Freigelassene Peter Steudtner (links) und Ali Gharavi in Berlin
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Freigelassene Peter Steudtner (links) und Ali Gharavi in Berlin

Ein SPIEGEL-Gespräch von


Mehr als drei Monate lang waren der Berliner Menschenrechtstrainer Peter Steudtner, 45, und sein schwedischer Kollege Ali Gharavi, 50, in der Türkei inhaftiert. Festgenommen wurden sie am 5. Juli auf der Insel Büyükada bei Istanbul, wo sie gerade auf Einladung türkischer Menschenrechtsorganisationen einen Workshop gaben und acht türkische Kollegen im Umgang mit Daten und mit Stress unterrichteten. Die Behörden werfen ihnen vor, Terrororganisationen unterstützt zu haben. Am Donnerstagmorgen vor einer Woche kamen die beiden überraschend frei, offenbar durch Vermittlung von Altkanzler Gerhard Schröder. Steudtner und Gharavi kehrten noch am selben Tag nach Berlin zurück, wo beide derzeit leben. Das Gespräch findet am Küchentisch in Steudtners Wohnung statt, zum ersten Mal berichten sie ausführlich von ihrer Haft. Auf dem Tisch liegen die vielen Briefe und Postkarten, die ihnen Menschen aus aller Welt geschickt haben. Sie durften im Gefängnis keine Post empfangen, daher lesen sie die Schreiben nun zum ersten Mal - und sind gerührt von der weltweiten Anteilnahme.

SPIEGEL: Herr Steudtner, Herr Gharavi, wie geht es Ihnen?

Steudtner: Ich bin glücklich, frei zu sein, meine Liebsten, meine Familie wieder um mich zu haben. Gleichzeitig bin ich nach wie vor unruhig. Der Prozess gegen uns geht ja weiter. Acht meiner Mitangeklagten leben in der Türkei. Der Fall ist für mich längst noch nicht abgeschlossen.

Gharavi: Ich empfinde Glück und Erleichterung. Ich kann es noch gar nicht wirklich glauben, wieder zurück bei meiner Familie zu sein.

SPIEGEL: Sie saßen beide über drei Monate lang in der Türkei in Untersuchungshaft. Wie gehen Sie mit dem Erlebten um?

Steudtner: Ich habe in vielerlei Hinsicht noch gar nicht begriffen, was mit uns geschehen ist. Ich schätze es ungemein, wieder Zeit mit anderen Menschen verbringen zu können. Aber mein Körper befindet sich noch immer in einem Zustand ständiger Wachsamkeit. Ich reagiere auf jedes Geräusch. Es wird dauern, bis sich das legt.

Gharavi: Es gab helle Tage im Gefängnis und dunkle, die meisten waren dunkel. Ich werde nicht wieder jener Mensch sein, der ich vor dem 5. Juli war.

SPIEGEL: Sie wurden während eines Workshops für Menschenrechtler von der Polizei festgenommen. Wissen Sie, warum Sie ins Visier der Behörden gerieten?

Steudtner: Nein, über die Gründe können wir nur spekulieren.

SPIEGEL: Wie lief die Festnahme ab?

Gharavi: Wir saßen im Konferenzraum unseres Hotels auf der Insel Büyükada. Die Tür stand offen. Gegen zehn Uhr am Morgen stürmten 20 bis 30 Männer in den Raum. Sie trugen keine Uniformen, aber hatten Pistolen in ihren Hosen stecken.

Steudtner: Wir wussten nicht, was vor sich geht. Die Polizisten sprachen kein Deutsch, kein Englisch. Sie drückten uns gegen die Wand, tasteten uns ab. Die türkischen Kollegen sagten uns, dass das eine Razzia sei.

Gharavi: Wir wurden drei, vier Stunden lang im Tagungsraum festgehalten, ein Mann filmte uns mit einer Videokamera. Schließlich brachten uns die Beamten in die Polizeistation von Büyükada. Es fühlte sich alles sehr irreal an.

SPIEGEL: Wann wurde Ihnen erstmals klar, in welcher Gefahr Sie sich befanden?

Steudtner: Auf der Polizeistation sagten uns die türkischen Menschenrechtler: Macht euch keine Sorgen. Man wolle uns nur einschüchtern, morgen kämen wir frei. Im Laufe der Nacht wurden unsere Kollegen jeweils zu zweit nacheinander weggebracht. Wir wussten nicht, wohin. Da ahnte ich, dass das nicht schnell zu Ende geht.

Gharavi: Wir wurden über mehrere Stunden verhört. Vier Männer mit Waffen saßen mir gegenüber. Sie rauchten. Sie schrien mich in schlechtem Englisch an: "You are a bad person! You are PKK!"

Steudtner: Der Polizist, der mich vernahm, sprach fließend Deutsch. Er identifizierte sich nicht, er informierte mich nicht über meine Rechte. Er fragte: "Du bist ein Spion. Wer ist dein Kontaktmann beim BND?" Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, wenn ich erzähle, was wir im Hotel gemacht haben, hilft mir das, dann klärt sich das Missverständnis auf. In Wahrheit ging es nur darum, mich einzuschüchtern.

SPIEGEL: Hatten Sie Kontakt zu einem Anwalt, konnten Sie Ihre Familien anrufen?

Gharavi: Erst am nächsten Tag. Unsere Anwälte kamen zusammen mit Mitarbeitern vom deutschen und vom schwedischen Konsulat nach Büyükada. Ich konnte zwei Minuten lang mit meiner Frau telefonieren und ihr sagen, dass ich am Leben bin.

SPIEGEL: Wie lange waren Sie auf der Polizeistation von Büyükada?

Gharavi: Zwei Tage lang. Dann führten uns die Beamten auf ein Polizeiboot. Sie sagten, wir bringen euch nach Istanbul. Doch wir fuhren in Richtung Osten. Ich hatte Angst, dass wir verschleppt werden. Schließlich setzten sie uns auf der asiatischen Seite von Istanbul ab.

Steudtner: Sie sammelten unsere Kollegen von verschiedenen Polizeistationen ein. Dann karrten sie uns alle ins Polizeihauptquartier in der Vatan Caddesi. Wir wurden in unterirdische Zellen gesperrt, gemeinsam mit anderen Terrorverdächtigen. Dort blieben wir 13 Tage. Die erste Woche teilte ich mir die Zelle mit mutmaßlichen IS-Anhängern. Es waren gläubige Menschen, sie beteten, rezitierten den Koran. In der zweiten Woche kamen Gefangene dazu, von denen es hieß, sie würden den Prediger Fethullah Gülen unterstützen; es waren Professoren und Anwälte.

Gharavi: Dort brannte das Licht die ganze Zeit. Ich habe in den zwei Wochen auf der Polizeistation so gut wie nicht geschlafen, auch weil ich Angst hatte, dass man uns Gewalt antun würde.

Steudtner: Es gab aber auch Momente von großer Menschlichkeit. Wir Häftlinge haben uns gegenseitig geholfen. Ich habe meinen Mitgefangenen Entspannungsübungen beigebracht. Und als ein Mann in meiner Zelle vor Verzweiflung weinte, da beruhigte ihn der Wärter, er sagte: "Du bist kein Krimineller, sondern nur ein Verdächtiger."

SPIEGEL-Korrespondent Maximilian Popp im Gespräch mit den Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner und Ali Gharavi nach deren Freilassung
Milos Djuric / DER SPIEGEL

SPIEGEL-Korrespondent Maximilian Popp im Gespräch mit den Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner und Ali Gharavi nach deren Freilassung

SPIEGEL: Hatten Sie zu diesem Zeitpunkt noch Hoffnung, schnell freizukommen?

Steudtner: Ich bin guter Dinge zum Termin beim Haftrichter im Gerichtspalast Çaglayan aufgebrochen. Meine Mitgefangenen hatten sich von mir verabschiedet mit den Worten: "Wir sehen uns in Freiheit."

SPIEGEL: Sie verbrachten dann einen Tag und eine Nacht im Gericht.

Steudtner: In Çaglayan gibt es einen unterirdischen Zellentrakt nur für Terrorverdächtige, Etage "Minus 7". Dort wurden wir festgehalten. Zwischen den Gitterstäben der Zellen lief eine Katze umher, mager und zerzaust. Wir fütterten sie, waren froh um die Ablenkung. Um sieben Uhr morgens teilte uns der Richter mit, dass sechs aus unserer Gruppe in Untersuchungshaft kommen und vier unter Auflagen freigelassen werden. Es war ein Schock.

Gharavi: Wir waren wieder einmal der Willkür der Behörden ausgesetzt. Ein Mann vor dem Gerichtssaal rief mir zu: "Du musst jetzt stark sein!"

Steudtner: Ein Journalist, der selbst gerade aus der Haft entlassen worden war und die Verhandlung begleitet hatte, riet mir: "Stell dich auf eine lange Gefangenschaft ein. Pack so viele Klamotten wie möglich ein."

SPIEGEL: Wie ging es weiter?

Steudtner: Wir wurden zunächst ins Gefängnis im Istanbuler Stadtteil Maltepe gebracht, eine Haftanstalt, in der vor allem Ausländer festgehalten werden, meist Flüchtlinge, Drogendealer, Kleinkriminelle. Ali und ich teilten uns eine Zelle. In den ersten Tagen wurden wir von den Wachleuten ausgesprochen unfreundlich behandelt. Unsere Anwälte erklärten dann dem Gefängnisdirektor, dass wir nicht als vermeintliche Gülen-Anhänger festgenommen worden seien, wie von den türkischen Medien behauptet. Von da an ging man respektvoller mit uns um.

SPIEGEL: Nach etwa zwei Wochen dort wurden Sie erneut verlegt, in das Gefängnis Silivri bei Istanbul. Wie geschah das?

Steudtner: Die Wachleute sagten: "Packt euren Kram. Ihr kommt raus." Im ersten Moment war uns nicht klar, was gemeint war: Kommen wir frei? Oder werden wir in ein anderes Gefängnis gebracht? Schließlich sagte einer: "Ihr fahrt nach Silivri."

SPIEGEL: In Silivri, der größten Haftanstalt der Türkei, hält die Regierung viele politische Gefangene fest.

Steudtner: In Silivri ging es ruhiger und geordneter zu als in Maltepe. Die Wachleute brüllten die Häftlinge nicht ständig an. Das Problem war, dass Ali und ich in verschiedene Zellen gesteckt wurden.

Gharavi: Wir verbrachten die ersten vier Tage in Einzelhaft. Die Gefangenen kommunizierten miteinander, indem sie Botschaften von Zelle zu Zelle schrien. Ich stellte das Radio laut, um die Schreie zu übertönen. Besser wurde es erst, als wir in Zweierzellen kamen.

SPIEGEL: Können Sie uns die Zellen beschreiben?

Gharavi: Sie sind etwa fünf mal sieben Meter groß. Du blickst durch ein Fenster, so groß wie eine Postkarte, auf den Korridor. Du darfst die Zelle nicht verlassen, außer wenn Besuch kommt. Die Wärter schieben dir das Essen über eine Klappe in der Tür zu. Jede Zelle hat eine Toilette, eine Dusche und einen winzigen Hof, umgeben von hohen Betonmauern. Ich bekam in den drei Monaten dort außer meinem Mithäftling so gut wie keine anderen Gefangenen zu Gesicht.

Steudtner: Zwischen den Höfen verlaufen Rohre, die den Regen ableiten sollen. Die Gefangenen nennen diese Rohre "Telefon". In der Zelle links von mir saß ein Bürgermeister, rechts ein Hochschulprofessor, über das Rohr konnten wir miteinander reden, beide sprachen Englisch.

SPIEGEL: Wer waren die Männer, mit denen Sie sich die Zelle teilten?

Gharavi: Ich war zunächst mit einem Studenten eingesperrt, er war 24 Jahre alt und sprach so gut wie kein Englisch. Nach ihm kam ein anderer Student, der hat zum Glück Englisch verstanden. Das hat mir sehr geholfen, endlich konnte ich mit einem Menschen reden! Beiden wurde vorgeworfen, Gülen unterstützt zu haben.

Steudtner: Ich hatte Glück mit meinem Mitinsassen, einem Studenten. Er brachte mir ein wenig Türkisch bei, ich ihm Deutsch. Zu seinem 22. Geburtstag schenkte ich ihm ein Schachbrett, das ich aus einem Briefumschlag gebastelt hatte. Wir feierten mit Saft und Keksen.

SPIEGEL: Menschenrechtsgruppen werfen den Behörden vor, Häftlinge zu foltern. Haben auch Sie so etwas erlebt?

Steudtner: Nein. Die Wachleute in Silivri waren weitgehend respektvoll. Aber die Gefangenen auf der Polizeistation in der Vatan Caddesi haben mir von Misshandlungen durch Sicherheitskräfte erzählt.

Gharavi: Aber was man schon sagen kann: Die Isolation in Silivri ist enorm belastend. Sie führt dazu, dass sich Häftlinge aus Verzweiflung Verletzungen zufügen.

SPIEGEL: Wie haben Sie die Zeit im Gefängnis totgeschlagen?

Gharavi: Du musst dich beschäftigen, um nicht mit deinen Gedanken allein zu sein. Ich habe mir Übungen ausgedacht, bin durch den Hof gelaufen und habe dabei gesungen.

Steudtner: Ich habe versucht, Rituale aus der Zeit vor der Gefangenschaft beizubehalten. Ich habe jeden Morgen Yoga gemacht. Außerdem bin ich im Hof im Kreis gelaufen, auf einer Fläche von 4,80 mal 7,20 Metern. Ich wusste, dass im September in Berlin ein Marathon stattfinden würde. Also sagte ich mir: Ich laufe hier meinen eigenen Halbmarathon, 21 Kilometer, das waren 1500 Runden. Ich bestellte Zeitungen, um Türkisch zu lernen.

SPIEGEL: Durften Sie Bücher lesen?

Gharavi: Ja. Es gab eine Liste mit Büchern, die man aus der Gefängnisbibliothek bestellen konnte, darunter auch ein paar englische. Ich habe "Harry Potter" gelesen und konnte so für einige Stunden in eine andere Welt abtauchen.

Steudtner: Sie hatten auch die "Schachnovelle" von Stefan Zweig in der Bibliothek, aber ich habe es nicht gewagt, dieses Buch, das im Gefängnis spielt, zu lesen. Ich habe Tagebuch geführt. In der Isolationshaft hatten wir einen Stift, aber kein Papier, also hielt ich meine Gedanken auf Toilettenpapier fest. Später bekam ich ein Notizbuch.

Gharavi: Du musst sämtliche Gegenstände des täglichen Bedarfs im Gefängnisshop bestellen, vieles sogar schriftlich beantragen: Toilettenpapier, Stifte, Unterhosen. Weil ich meine Wünsche ja auf Englisch aufgeben musste, in Silivri aber nur ein Übersetzer arbeitet, dauerte es ewig, bis die Bestellungen ankamen.

SPIEGEL: In Deutschland haben Menschen für Ihre Freilassung demonstriert. Haben Sie davon überhaupt erfahren?

Gharavi: Wir bekamen keine ausländischen Zeitungen, wir hatten kein Fernsehen und kein Internet. Aber wir konnten einmal die Woche eine Stunde lang mit unseren Anwälten sprechen - auf diese Weise haben wir von der Solidarität der Menschen in Deutschland erfahren.

Steudtner: Meine Berliner Kirchengemeinde hielt jeden Abend eine Andacht für mich ab. Ich setzte mich zur selben Zeit in den Hof und sang die Lieder, die sie auch sangen: "Wachet und betet", "Der Himmel geht über allen auf", "We shall overcome".

SPIEGEL: Wie oft haben Sie mit Ihren Familien sprechen können?

Steudtner: Alle zwei Wochen für zehn Minuten am Telefon. Meine Lebensgefährtin holte dann meine Kinder und meine Eltern dazu, sodass ich auch ihre Stimmen hören konnte.

Gharavi: Wir durften keine Post empfangen. Aber die Anwälte haben uns die Briefe unserer Liebsten vorgelesen. Der Kontakt zu meiner Familie, ihr Einsatz für mich, das hat mich am Leben gehalten.

SPIEGEL: Standen Sie im Austausch mit der Bundesregierung?

Steudtner: Mitarbeiterinnen des Konsulats kamen uns besuchen, wann immer sie die Erlaubnis erhielten, so etwa alle vier bis fünf Wochen. Ich bin ihnen für ihr Engagement sehr dankbar.

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DPA

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SPIEGEL: Wussten Sie, dass sich Altkanzler Schröder bei Präsident Recep Tayyip Erdogan für Sie eingesetzt hat?

Steudtner: Nein, davon habe ich erst nach meiner Freilassung erfahren.

SPIEGEL: Deniz Yücel, der Türkeikorrespondent der Zeitung "Die Welt", sitzt noch in Silivri. Haben Sie mit ihm gesprochen?

Steudtner: Ich sah ihn mehrmals auf dem Weg zu meinen Anwälten. Einmal rief er mir zu: "Du kommst bald frei, Peter!"

SPIEGEL: Haben andere Häftlinge oder Wärter über Yücel gesprochen?

Steudtner: Meine Zellennachbarn kannten ihn aus den Medien. Sie waren traurig und wütend über seine Verhaftung.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass die türkische Justiz unabhängig von der Politik ist?

Steudtner: Ich kann das nicht beurteilen. Meine Kenntnisse über die Türkei beschränken sich auf die vier Monate, die ich dort in Haft verbracht habe. Ich weiß nur, dass etliche Menschen sehr viel Zeit im Gefängnis verbringen, ohne dass Anklage gegen sie erhoben wird.

SPIEGEL: Haben Sie zwischenzeitlich befürchtet, Sie würden nie wieder aus Silivri herauskommen?

Steudtner: Ja. Aber ich habe mich weniger um mich gesorgt. Ich habe an meine Eltern gedacht, die schon alt sind, und an meine Kinder. Ich habe mich gefragt, was es mit ihnen macht, wenn sie so lange auf ein Elternteil verzichten müssen.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich auf die Verhandlung vergangene Woche vorbereitet?

Gharavi: Wir bekamen die englische Übersetzung der Anklageschrift erst zwei Tage vor Prozessbeginn von unseren Anwälten. Wir sind sie mit ihnen durchgegangen, so gut es ging, aber es war nur wenig Zeit.

Steudtner: Ich habe vor dem Prozess sehr viel mehr Schokolade bestellt als sonst. Ich dachte, wenn ich freigelassen werde, kann sie mein Mitinsasse essen, und wenn nicht, werde ich sie brauchen. Wir rauchten am Abend eine Abschiedszigarette im Hof.


Im Video: Wie Peter Steudtner befreit werden konnte

Milos Djuric / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Wie war der Moment, als Sie von Ihrer Freilassung erfuhren?

Steudtner: Der Prozess dauerte fast 13 Stunden. Am Ende wurden alle Beobachter aus dem Saal geschickt, wir blieben mit unseren Anwälten zurück. Der Richter verkündete die Entscheidung auf Türkisch. Ich verstand ihn nicht, aber die Anwälte jubelten. Sie flüsterten uns zu: "Ihr seid frei."

SPIEGEL: Der Prozess gegen Sie wird am 22. November fortgesetzt, Sie dürfen nach türkischem Recht hier in Deutschland bleiben. Wie werden Sie sich nun verhalten?

Steudtner: Wir müssen mit unseren Anwälten besprechen, was die nächsten Schritte sind. Auf jeden Fall werden wir gemeinsam mit unseren türkischen Mitangeklagten vorgehen. Aus Rücksicht auf das Verfahren können wir im Moment dazu aber nicht mehr sagen.

SPIEGEL: Wie haben Sie die ersten Tage in Freiheit verbracht?

Steudtner: Ich genieße jeden Moment mit meiner Familie und mit Freunden. Ich treffe mich beinahe täglich mit Ali.

Gharavi: Berlin im Herbst ist grau und regnerisch, und trotzdem singe ich auf der Straße vor Glück. Manchmal kehren dunkle Gedanken zurück, an die Haft, an meine Mitgefangenen, die immer noch dort sind.

SPIEGEL: Wie geht es nun für Sie weiter?

Steudtner: Das habe ich noch nicht entschieden, ich will zunächst wieder in Deutschland ankommen.

SPIEGEL: Hat die Gefangenschaft in der Türkei Ihren Blick auf das Land verändert?

Steudtner: Ich kannte so gut wie niemanden in der Türkei, bevor wir zu diesem Workshop aufbrachen. Nun habe ich dort viele Freunde. Ich habe auch im Gefängnis große Solidarität erfahren. Es hat mich tief berührt, wie wir nach unserer Freilassung empfangen wurden. Ich will mich auch in Zukunft für diese Menschen einsetzen.

SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, jemals wieder in die Türkei zurückzukehren?

Steudtner: Ich würde mir wünschen, die Menschen wiederzusehen, die für mich da waren. Ich will auf jeden Fall richtig Türkisch lernen und habe mir bereits ein Sprachprogramm auf meinem Computer installiert.

SPIEGEL: Herr Steudtner, Herr Gharavi, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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