AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2017

Gefälschter Lebenslauf Wo die Lebenslüge der Petra Hinz entstand

Jahrzehntelang blieb verborgen, dass sich die Bundestagsabgeordnete Petra Hinz zu Unrecht als Juristin ausgab. Warum? Ausflug in ein Milieu, das um den Neuanfang ringt.

Er­in­ne­rungs­bil­der im Partykel­ler des ehemaligen Essener SPD-Fraktionsvorsitzen­den Nowack
Dmitrij Leltschuk / DER SPIEGEL

Er­in­ne­rungs­bil­der im Partykel­ler des ehemaligen Essener SPD-Fraktionsvorsitzen­den Nowack

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Arbeiterwohlfahrt steht unten an der Klingel des Mietshauses im Essener Stadtteil Frohnhausen. Regen tropft auf den schmal beleuchteten Bürgersteig, dann gibt ein Türsummer den Weg zu den Genossen frei.

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Heft 1/2017
Wut kann man sich erarbeiten

"Herzlich willkommen", sagt Raimund Glitza, der am Kopfende eines langen Tisches vor grünem Wachstuch und künstlichen Blumen sitzt. Sie tagen immer hier. Arbeiterpartei und Arbeiterwohlfahrt, das war in dieser Gegend aus Kohle und Stahl einmal eine schlagkräftige Koalition. Wer im Ruhrgebiet von Politik sprach, meinte die SPD und ihre Organisationen.

Nun sind die Zechen Denkmäler, und mit den Arbeitern schwanden die Genossen: 3800 sind es noch in Essen, die Zahl hat sich mehr als halbiert. An diesem Freitagabend im Oktober stehen Glitza beim Monatstreff im Ortsverein gerade einmal fünf Männer und eine Frau zur Seite. Strukturwandel, überall.

Seit Juli gehört zur Krise auch ein Name. Petra. Sie war die Vorsitzende dieser Runde - jene Bundestagsabgeordnete, die ihr Abitur, ihr Jurastudium und beide Staatsexamen einfach erfunden hatte.

Geboren 1962, Fachabitur, ein Praktikum bei der Sparkasse, so hätten die Stationen ihrer Biografie heißen müssen.

Eine von uns, so hatten viele Petra Hinz hier gesehen. Mit 17 Jahren SPD-Mitglied, neun Jahre später im Stadtrat, 2005 im Parlament der Hauptstadt - doch sie behielt das schlichte Auto und die alte Wohnung. Ihr Leben erschien wie ein Beleg für den alten sozialdemokratischen Mythos: dass jeder, der aus kleinen Verhältnissen stammt, dank Bildung, Fleiß und Partei nach oben gelangen kann. Und dass jene, die es nicht schaffen, in Deutschland trotzdem eine Stimme haben.

Petra Hinz 2013 in Berlin
DPA

Petra Hinz 2013 in Berlin

Jemand wie Petra, darauf haben sie sich hier verlassen, würde für das Revier kämpfen, für Viertel wie Frohnhausen, in denen früher gut verdienende Angestellte der kruppschen Schwerindustrie den Bestand bürgerlicher Häuser sicherten - und in denen heute etwa 20 Prozent der Menschen Arbeitslosengeld II beziehen. Jemand wie Petra bekam das ja hautnah mit, wenn sie aus Berlin nach Hause kam. Doch sie wirkte manchmal schroff und reizbar; keine Kinder, unverheiratet, über ihr Privatleben sprach sie kaum. Und wie an der Spree löste ihr Führungsstil auch bei Mitarbeitern an der Ruhr Bitternis aus. Aber sie lebte für die Basis der Partei. Sobald sie Bürgerfeste, Frauenvereine, Kindergärten oder Altenheime besuchte, lächelte, lachte sie.

So jedenfalls berichten es jene, die sie kennen. Sie selbst schweigt über ihr Leben, nach wie vor. Als Journalisten des Stadtmagazins "Informer" die falsche Biografie aufdeckten, suchte die Politikerin bald Hilfe in einer Klinik. Sechs Wochen dauerte es, bis sie ihr Bundestagsmandat zurückgab und aus der Partei austrat. Lauter wütende Mails gingen damals in Frohnhausen ein: Der Ortsverein stütze eine Lügnerin, Verbrecherin. Nun brennt manchmal wieder Licht hinter den Vorhängen ihrer Wohnung auf der denkmalgeschützten Margarethenhöhe. Doch auch der Runde am langen Tisch hat sich Petra Hinz bislang nicht erklärt.

Sorgfältig befüllt Raimund Glitza ein Bierglas. Der bärtige 60-Jährige muss nun Vertrauen für die SPD zurückgewinnen - gerade jetzt, wie er sagt. Den Oberbürgermeister stellt seit 14 Monaten die CDU; für die Wahlen zum Landtag und Bundestag im nächsten Jahr sagen Beobachter zweistellige Ergebnisse für die AfD in den alten Essener Arbeitergegenden, den traditionell roten Vierteln, voraus. Und dann beschädigen auch noch zwei Ratsherren die Glaubwürdigkeit der Genossen.

Guido Reil und Arndt Gabriel hatten den großen Zuzug von Flüchtlingen in strukturschwache Stadtteile kritisiert. "Integration hat Grenzen!", lautete das Motto angekündigter Protestmärsche, bis die Landesvorsitzende der Partei, Hannelore Kraft, eingriff. Doch nun kämpft Ratsherr Reil nach 26 Jahren Mitgliedschaft in der SPD zeternd für die AfD. Und Gabriel vermietet ungeachtet seines früheren Protests Flüchtlingsunterkünfte an die Stadt. Moralisch untragbar, fanden die Genossen und stimmten für seinen Ausschluss aus der Ratsfraktion. Er klagte dagegen und darf nun, laut Gericht, ab Juli in ihre Mitte zurückkehren.

Glitza spürt die Verachtung für solches Politiktheater täglich, er arbeitet als Arbeitsvermittler in einem Jobcenter. "Ihr solltet unsere Probleme lösen, stattdessen bereitet ihr neue", Sätze wie diesen hört er oft. Die Stadt ist zweigeteilt, durchtrennt von einer Wohlstandskluft, in manchen Vierteln des Nordens hängen zwei von drei Kindern von den Bezügen aus Hartz IV ab. Im Süden hingegen, rund um die ehemalige Villa der Industriellenfamilie Krupp, wohnen noch heute viele Millionäre des Ruhrgebiets. In Essen spiegle sich das Kernthema der Partei, die Frage nach sozialer Gerechtigkeit, meint Glitza. "Und was machen wir?"

Genosse Glitza, kommissarischer Nachfolger von Hinz als Ortsvereinsvorsitzender
Theodor Barth / DER SPIEGEL

Genosse Glitza, kommissarischer Nachfolger von Hinz als Ortsvereinsvorsitzender

Sie reden über den Ausbau der Kindergärten an diesem Abend, über Kunstrasenplätze, die Lage der Flüchtlinge und die anstehende Klausurtagung. Über die Hintergründe der Lebenslüge reden sie nicht. Sie wollen in die Zukunft schauen, sie müssen bald schon einen Kandidaten finden, der nun statt Petra Hinz im Wahlkreis 120 um einen Platz im deutschen Parlament kämpft.

Es steht mehr auf dem Spiel als ein Mandat. Es geht um einen Neuanfang - und um den Abschied von alten Sitten.

Willi Nowack ist Western von gestern. So sagen sie in den Reihen der jüngeren Sozialdemokraten. Vier Jahre lang hatte die Staatsanwaltschaft gegen den langjährigen Landtagsabgeordneten und ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der Essener SPD ermittelt. 303 Anklagepunkte, am Ende blieben Insolvenzverschleppung und eine Haftstrafe von einem Jahr und vier Monaten stehen. Willi Nowack ist der Mann, den viele in der Stadt den "Paten" nannten - er hat zweifellos einen eigenen Blick. Doch wer ergründen möchte, in welcher Atmosphäre Petra Hinz zur Politikerin heranwuchs, wer erkunden will, auf welchem Boden Guido Reil und Arndt Gabriel fußen, der muss mit ihm sprechen.

Bis 2003 führte er die SPD im Rathaus, elf Jahre lang, zahlreiche Geschichten kursieren aus dieser Zeit. "Willi, gib ein Zeichen!", habe eine Dezernentin der in der Theorie unabhängigen Stadtverwaltung etwa auf eine Akte geschrieben - ein typischer Vorgang im "System Nowack": Was Willi wollte, geschah. Wen Willi brauchte, der konnte es weit bringen. Wer ihn ärgerte, der hatte es schwer. Ein Großteil seiner Amtszeit fiel in die jahrzehntelange Alleinherrschaft der SPD in Essen - eine Ära absoluter Mehrheit und ausufernder Macht. Nowacks Genossen regierten in die Verwaltung und in die Aufsichtsräte städtischer Gesellschaften hinein, sie profitierten von Posten, Wohnungen und Geschäftsabschlüssen. Jeder hing an Privilegien, jeder kannte jeden, meist auch die unschönen Geheimnisse, überall Abhängigkeiten, Machtkämpfe, Intrigen.

Sky­line von Es­sen
Dmitrij Leltschuk / DER SPIEGEL

Sky­line von Es­sen

Es scheint, als passte der Fall von Petra Hinz bestens in das Milieu. Wer langjährige Beobachter danach fragt, erhält zumindest Antworten, in denen von Rache die Rede ist. Vielleicht habe jemand noch eine Rechnung offen gehabt. Vielleicht habe Frau Hinz jemandem auch eine der Fahrten nach Berlin versagt, die Abgeordnete in ihrem Wahlkreis anbieten können. Ein kleinlicher Grund, durchaus, doch in dieser SPD allemal denkbar. Die Hinweise auf die falsche Biografie jedenfalls seien ziemlich sicher aus den eigenen Reihen an den "Informer" gelangt. Er könne kaum glauben, dass alle von der Causa Hinz tatsächlich so überrascht gewesen seien, wie es gewirkt habe, meint auch Nowack.

Gewiss ist, dass sich in den Achtzigerjahren Parteimitglieder einmal mit der Frage beschäftigten, ob Petra Hinz überhaupt studiere. Auch Thomas Kutschaty, damals bei den Jusos, heute Essener Parteivorsitzender und nordrhein-westfälischer Justizminister, erinnert sich an die Gerüchte. Sie seien wieder verebbt. Warum die Lügen gerade in diesem Sommer öffentlich wurden - nach 30 Jahren? Schulterzucken, überall. Erkennbar profitiert bislang niemand vom Sturz der Politikerin.

Der Tag ist sonnig, im grünen Polohemd sitzt Nowack in einem tiefen Sessel der Hotelhalle, die er als Treffpunkt vorgeschlagen hat. Meckifrisur, am Ausschnitt steckt eine Sonnenbrille. Fotos aus früherer Zeit zeigen ihn eher mit Designersakko, glänzendem Schnäuzer und großen Autos - ein Arbeiterkind, das als Macher reüssierte und neben der Fraktion auch ein Büro für Projektplanung führte. Abends lud er Getreue in den Partykeller seines Hauses: Theke, Zapfanlage, dazu Musik über die grenzensprengenden Sehnsüchte kleiner Leute. "Ich genoss einen Lebensstil, der mir bis dahin fremd war", schreibt Nowack in einem Buch, das er "Nachgetreten" genannt hat. Es offenbart eine gewisse Reue, vor allem aber eine Kultur des Ränkeschmiedens.

Frü­he­rer Frak­ti­ons­chef Nowack
Dmitrij Leltschuk / DER SPIEGEL

Frü­he­rer Frak­ti­ons­chef Nowack

Die Aufwandsentschädigungen für Kommunalpolitiker stünden in keinem vernünftigen Verhältnis zur geleisteten Arbeit im Dienste der Allgemeinheit, schreibt er darin zum Beispiel. "Wenig Kohle für viel Aufwand" - da habe es auch keine ernsthafte Kritik gegeben, wenn Ratsmitglieder ihre Position nutzten, um mit Ämtern und Abteilungen der Stadtverwaltung private Geschäfte abzuschließen. "Wir alle hatten kein schlechtes Gewissen. Warum auch?"

Nowacks Politikstil wirke bis heute nach, urteilen manche Genossen und erzählen resigniert von Strippenzieherei, übler Nachrede oder moralisch fragwürdigen Geschäften wie im Fall der neuen Flüchtlingsunterkünfte. "Kommt da nicht Petra Hinz?", fragt Willi Nowack plötzlich und rutscht auf dem Sessel herum. Eine Frau mit grauem Blazer und aschblonder Frisur hat die Halle betreten. Sie ist es nicht. "Auch gut", sagt Nowack. "Ich wüsste ohnehin wenig zu sagen. Hinz war nie Nowack-Lager."

Hinz war Reschke-Lager, wie es im alten Sprachgebrauch der Partei heißt, doch Otto Reschke, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und Ehrenvorsitzender im Ortsverein Frohnhausen, mag darüber nicht sprechen. Er förderte die Karriere von Petra Hinz schon früh. Aber auch er weist Fragen über die Lebenslüge zurück.

"Otto", sagt Nowack, "hat in jedem Graben gelegen und Kriege ausgetragen." Dass dieser Mann nichts gewusst haben könnte, erscheint Nowack "fast unvorstellbar". Sogar er habe die Kollegin früher irgendwann nach ihrer Ausbildung gefragt, weil ihm als Fraktionsvorsitzendem von Unregelmäßigkeiten berichtet worden war. Warum er den Vorfall für sich behielt? Vielleicht, antwortet er, hätte ihm das Wissen ja noch genutzt. "Fragt man zu intensiv nach, sticht man in eine Wunde. Und wenn man als Politiker Unterstützung für Mehrheiten sucht, hat man da Bedenken."

In Rüttenscheid, dem Viertel der Kreativen und Szenegänger, sitzt hinter einem vollen Schreibtisch Birgit Rust. Die Rechtsanwältin hatte einmal große Ziele. Als junge Sozialdemokratin wäre sie ebenfalls gern in die Bundespolitik gezogen.

"Mir war bald klar, dass mir das nicht gelingen konnte", sagt die 52-Jährige. "Ich hatte mein Referendariat, ich musste lernen. Ich konnte mich nicht ständig um eine politische Karriere kümmern. Verglichen mit Petra war ich weniger präsent."

Rechts­an­wäl­tin Rust
Dmitrij Leltschuk / DER SPIEGEL

Rechts­an­wäl­tin Rust

Manchmal fragte sie sich, wie die andere das hinbekomme, manchmal bohrte sie nach, zuweilen stutzte sie auch. "Da kamen widersprüchliche Angaben: Mal studierte Petra in Bonn, kurz darauf war sie in Siegen." Doch die Geschichte vom Jurastudium passte in die Zeit. Viele junge Parteimitglieder waren in den Neunzigerjahren an Universitäten eingeschrieben, ohne ernsthaft einen Abschluss anzustreben. Studieren gehörte zum Profil, schließlich hatte die Bildungspolitik der SPD allen den Zugang zu den Hochschulen erleichtert. Und zudem, fährt Birgit Rust fort, habe sie mit Petra am Ende mehr verbunden als nur Konkurrenz. "Wir wollten eine andere Partei. Wir haben dagegen gekämpft, dass Leute wie Willi Nowack noch mehr Macht an sich reißen."

Wieder ein Kampf, dieser hieß "SPD von unten", es war der Protest der Basis, die sich von ihren verfilzten Vertretern im Rathaus und auch von der strikten Arbeitsmarktpolitik Gerhard Schröders im Bundeskanzleramt zunehmend verraten fühlte. Die Gefechte waren harsch, die Juristin erinnert sich an Morddrohungen und aufgeschlitzte Autoreifen.

Petra, sagt Birgit Rust, tue ihr leid. "Jeder kennt sie jetzt. Aber eben nicht wegen der Politik, die ihr so wichtig war."

Sie trägt Pink an diesem Tag und eine Kette aus goldenen Gliedern, vor ihr liegen Gesetzestexte zum Arbeitsrecht. Heilfroh sei sie, der Politik den Rücken gekehrt zu haben. Als sie die Nachricht von der Lebenslüge der früheren Mitstreiterin gehört habe, hätten sich die alten Zweifel am Stand des Berufspolitikers sofort wieder eingestellt. "Menschen mit einer reinen Parteikarriere haben vor allem gelernt, in Gremien den Eindruck der Unentbehrlichkeit zu vermitteln", urteilt die Anwältin.

"Sie steigen dann in Positionen auf, für die sie oft weder ausreichende Qualifikationen noch das notwendige Können mitbringen. Und sie haben im Fall des Scheiterns keine Rückfallposition. Am Ende sind sie abhängig - steuerbar von jenen, die ihnen das Mandat und damit ihre Existenz absichern."

Jan Wiedwald ist voll Hoffnung in die Frohnhauser Apostelkirche gekommen. Er wünscht sich, so erzählt er es, einen neuen Politikertypus für seine SPD.

Orts­ver­eins­vor­sit­zen­der Wied­wald
Dmitrij Leltschuk / DER SPIEGEL

Orts­ver­eins­vor­sit­zen­der Wied­wald

Der 38-jährige Meister für Veranstaltungstechnik ist Vorsitzender im Ortsverein Kettwig, einem bürgerlichen Stadtteil im Süden, der wie Frohnhausen zum Wahlkreis 120 gehört. Auch wegen der extrem unterschiedlichen Lebensstile der Bewohner gilt der Wahlkreis als schwierig; 2013 gewann der Kandidat der CDU das Direktmandat. Doch nun hat eine Findungskommission Bewerber gesichtet: Neben den üblichen Anwärtern aus den Parteigremien sollten sich ausdrücklich Quereinsteiger vorstellen. Als ein Signal an die Wähler verstand es der Kommissionsvorsitzende Thomas Kutschaty: Seht her, die SPD ist nicht nur Funktionärspartei. Sie steht für Menschen aus dem echten Leben!

Jan Wiedwald war begeistert, auch über die prominenten Interessenten und deren Erfahrungen. Es gehe schließlich um den Bundestag, meint er. Dieter Gorny, ehemals Geschäftsführer des Musiksenders Viva, war im Gespräch; auch Albert Ritter, Präsident des Deutschen Schaustellerbundes. Und Stefan Heinemann, ein Professor mit schillernder Vita. Als junger Mann hatte der Theologe, Rockmusiker und Kampfsportler das erfolgreiche Computerspiel "Moorhuhnjagd" vermarktet. Zwei Kollegen in der Softwarefirma wurden später wegen Bilanzfälschung verurteilt. Heinemann aber ist mittlerweile Prorektor an Deutschlands größter privater Hochschule.

Doch im Altarraum präsentieren sich an diesem Novemberabend eine Verbraucherschützerin und ein Professor für Strafrecht als Kandidaten der Findungskommission. Verglichen mit deren Lebensläufen hätten die anderen wahrscheinlich zu bunt und gefährlich gewirkt, mutmaßt Wiedwald. Immerhin, beide seien keine klassischen Funktionäre. Aber er ärgert sich. Die Suche nach einem lupenreinen Kandidaten habe den Blick der Kommission verengt.

Unbestreitbar stehen vor dem Mikrofon zwei Menschen wie aus einem Bilderbuch der Sozialdemokratie: Margret Schulte leitet die Essener Verbraucherzentrale, stammt aus einer Arbeiterfamilie, ist seit 30 Jahren Parteimitglied und kann jenen Bildungsaufstieg vorweisen, den Petra Hinz nur vorgab. Neben ihr verkörpert Gereon Wolters mit 50 Jahren den verlässlichen Typen des sozialdemokratischen Intellektuellen: Autor juristischer Fachbücher, verheiratet, vier Söhne, seit acht Jahren Schulpflegschaftsvorsitzender. Nur dem Dritten auf der Bühne fehlt der Segen der Kommission. Er will trotzdem nach Berlin. Sechs Kinder, zwei Hunde, antibürgerlich, Atomkraftgegner.

Und nun? In zwei Wochen soll auf dem Parteitag die Entscheidung fallen. "Wer immer es wird", sagt Jan Wiedwald, "er muss die Widersprüche dieser SPD aushalten."

Der Ratsherr Udo Karnath hält die Findungskommission für neumodischen Kram: Ein Mandatsträger müsse von der Pike auf lernen, meint er. "In dieser Hinsicht war der Lebenslauf von Petra Hinz in Ordnung."

Rats­herr Kar­nath, eins­ti­ger Wahl­kampf­lei­ter von Pe­tra Hinz
Dmitrij Leltschuk / DER SPIEGEL

Rats­herr Kar­nath, eins­ti­ger Wahl­kampf­lei­ter von Pe­tra Hinz

Karnath hat mit der damaligen Abgeordneten oft im Lieferwagen gefrühstückt, sie brachte dann die belegten Brötchen mit ins Auto. Der 69-Jährige war bei der zurückliegenden Bundestagswahl ihr Wahlkampfleiter, mehr als 2000 Kilometer fuhr er damals, brachte ihre Blazer zur Reinigung und warb um Spenden. Doch ihre Lüge habe sie ihm nicht anvertraut, sagt er.

Karnath ist ein mitteilsamer Mann, Gespräche mit den Leuten gehören zur Politik, findet er. Aber als im Sommer die Kameraleute der Fernsehsender vor seinem Reihenhaus standen, behielt er die Enttäuschung für sich. Er dachte an den Abgrund, der Petra Hinz umgeben müsse, und bot ihr an, ihr eine Wohnung in einer anderen Stadt zu vermitteln. Die Antwort blieb aus. Nun trifft er ab und an noch die Schwester. Frag bloß nicht!, sage die dann.

Frau Hinz habe bei vielen Bürgern einen Generalverdacht geschürt, meint der Ratsherr. Überall hätten sie sich plötzlich nach seiner Ausbildung und seinen Einkünften erkundigt. Doch ähnlich wie der Ärger über seine Ratskollegen Reil und Gabriel bilde dieser Skandal bloß den Gipfel lange gewachsener Verdrossenheit.

Udo Karnath ist ein Auslaufmodell, er sagt das so, ein gelernter Büromaschinenmechaniker, der einmal Schreibmaschinen wartete. Wie vielen Genossen seiner Generation gab ihm das Elternhaus das politische Milieu vor. Im Kellerbüro seines Hauses stehen Bücher über Turnhallen und Vereine, er sitzt im Sportausschuss der Stadt, und weil Sport die Menschen bewegt, halten sie sich ihm gegenüber selten zurück: die Toiletten in den Turnhallen - eine Katastrophe. Die alten Matten - raus! Die Stadt könne nicht mehr so viel Geld ausgeben, sagt Karnath dann. Vieles verkomme, weil niemand Rücklagen gebildet habe. Und die Jahre, in denen sich Zechenbetreiber und Stahlunternehmer für Wohnraum und Freizeitangebote mitverantwortlich zeigten, seien vorbei.

Beim Abschied im Kelleraufgang hält der Ratsherr noch einmal inne. "Wir haben den Leuten nicht vermitteln können, dass heute alles anders ist", sagt er. "Meine Kinder werden wohl nie so viel verdienen wie ich. Sie werden auch keine vergleichbaren Aufstiegschancen haben. Das ist in vielen Familien so." Wenn die SPD den Leuten nicht endlich Ehrlichkeit zumute, steige die Zahl der Verdrossenen noch uferlos.

Vielleicht, sagt er, gräme ihn das am Ende am meisten: dass Petra Hinz ja gewusst habe, wie viel Bedeutung Glaubwürdigkeit in der Politik hat.

Vielleicht, sagt Dirk Heidenblut, habe Frau Hinz aber aus ihrer selbst gebastelten Welt auch nicht mehr herausgefunden. Der Essener Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis 119 hat sich über die Kollegin geärgert, sehr sogar. Doch er hat überlegt, wie ein Mensch eigentlich offenbaren soll, dass er in Wahrheit ein anderer ist. Er hat an die Lebensangst gedacht, die eine Lüge begleiten muss, von der die berufliche, die finanzielle Existenz abhängt - und das Selbstwertgefühl. Und er nimmt an, dass sich der raue Umgangsstil von Petra Hinz mit ebendieser Angst erklären lässt.

Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter Hei­den­blut
Dmitrij Leltschuk / DER SPIEGEL

Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter Hei­den­blut

Seit ihrem Rücktritt betreut Heidenblut auch ihren Wahlkreis, er kommt gerade aus einer Gesamtschule dort, die dritte Diskussion mit Jugendlichen innerhalb kurzer Zeit. Sie fragten ihn nun manchmal nach Guido Reil und der AfD - und nach seinen Zeugnissen, sagt er. Breite Schultern, zuweilen Dreitagebart, ein scherzhafter, doch seriöser Ton: Im Lager der Reformwilligen gilt Heidenblut, der sich von Parteigremien eher fernhielt, als Rollenmodell. Ein Unabhängiger. Zuletzt war er Geschäftsführer des Arbeiter-Samariter-Bunds in Essen. Soziale Fragen und Gesundheit, auch die psychische, sind seine Themen.

Vielleicht habe Frau Hinz ihre Biografie in manchen Momenten ja gar nicht mehr angezweifelt, fährt er nun fort. In dem einzigen Interview seit ihrem Rückzug, abgedruckt in der "Westdeutschen Zeitung", spricht sie von einer Lüge, die gleichzeitig da und so weit weg war.

Vielleicht war es so. Menschen, die ihr Leben erfinden, verspüren oft ein tiefes Bedürfnis nach einer besseren Lebensgeschichte. Häufig leiden sie an einer instabilen Persönlichkeit, fühlen sich schon als Kinder zurückgesetzt, sind gleichzeitig extrem ehrgeizig. Und irgendwann prägt sie der Wunsch nach einer anderen Vergangenheit derart, dass sie das erfundene Leben als wirklich empfinden. So zumindest erklären es Wissenschaftler.

Am 8. Dezember, am Abend des Parteitags, begrüßt Thomas Kutschaty 148 stimmberechtigte Mitglieder im Essener Lighthouse. Wieder eine Kirche, diese ist zum Veranstaltungssaal umgebaut. Angetan mit rotem Schlips, steht er hinter dem Pult, ein Tannenbaum ragt ins Gewölbe, und durch das Publikum läuft ein Nikolaus mit Bischofsstab.

Der Parteivorsitzende bittet um Ruhe, einmal, zweimal. Er ist angestrengt, er will den Schlussstrich unter die Affäre Hinz ziehen, endlich. Nur die Kandidaten der Findungskommission treten noch gegeneinander an: Margret Schulte hält ihre Rede, dann trägt der Professor für Strafrecht vor, spricht vom großen Traum der Politik und von den Vorbehalten, die er in den vergangenen Wochen trotz Vorzeigebiografie zu spüren bekam: der Juraprofessor aus Bochum - ein Dreiklang der Defizite in alten Essener Arbeitervierteln. Gereon Wolters gewinnt trotzdem, deutlich, die Genossen klatschen, und Kutschaty atmet auf. Die SPD in Essen ist mehr als Skandale und Machtkämpfe: Diese Botschaft kann von dem Parteitag ausgehen.

Der dritte Bewerber hatte seine Kandidatur zwei Tage zuvor zurückgezogen. Internetseiten zu seiner Personalie sind nicht mehr verfügbar. Er ist Geschichte, SPD-Geschichte. In seinem Lebenslauf fanden sich verwirrende Angaben.

Im Video: SPIEGEL-Redakteurin Katja Thimm erzählt im Video von den Recherchen im Fall Petra Hinz und von dem ganz besonderen Mikrokosmos Essen.

LUKAS ROTT / DER SPIEGEL


insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
kobra21 01.01.2017
1. Kontrolle?
Wieso müssen die einen überall Nachweise über ihre Identität, ihre Schul- und Universitätsabschlüsse, nachweisen und andere offensichtlich nicht? Spätenstens bei der Kandidatur für ein Parteiamt, hätte dies auch von Frau Hinz verlangt werden müssen. Da wurden dann aber wohl andere Prioritäten gesetzt. Und am Ende stand eine gescheiterte Existenz und eine blamierte Partei. Kontrolle ist besser!
Sumerer 01.01.2017
2. Jurist?
Es handelt sich bislang immer noch um eine nicht geschützte Berufsbezeichnung, die von Frau Hinz verwendet wurde. Folglich können sich Hinz und Kunz auch völlig zu Recht als Juristen ausgeben. Dass diese Wischiwaschi-Behauptung Jahre lang geglaubt wurde - wir sind ja alle mehr oder weniger Juristen, ist mehr der Dämlichkeit der Gesellschaft geschuldet.
Sumerer 01.01.2017
3.
Zitat von kobra21Wieso müssen die einen überall Nachweise über ihre Identität, ihre Schul- und Universitätsabschlüsse, nachweisen und andere offensichtlich nicht? Spätenstens bei der Kandidatur für ein Parteiamt, hätte dies auch von Frau Hinz verlangt werden müssen. Da wurden dann aber wohl andere Prioritäten gesetzt. Und am Ende stand eine gescheiterte Existenz und eine blamierte Partei. Kontrolle ist besser!
Bis vor Kurzem hatte ich keine Zeugnisse und Ausbildungsnachweise mehr verfügbar. Die hatte ich verkramt. Ich hatte nur noch einen alten Lebenslauf, den ich selbst nicht mehr prüfen konnte. Frau Hinz hat einfach eine Jahrzehnte nicht kontrollierte Behauptung aufgestellt. Das war es aber auch schon. Und wenn sie einen Prozess erlebt hat, dann darf sie sich mit Fug und Recht Juristin nennen. Was von so einer Behauptung zu halten ist, ist schon wieder etwas delikater.
kobra21 01.01.2017
4. Kein Einstellung
Frau Hinz wäre in keinem seriösen Unternehmen oder in einer Behörde ohne Vorlage entsprechender Ausbildungsnachweise und Universitätsabschlüssen eingestellt wurden. In Parteien, in dem Fall der SPD, scheint das zumindest in dem Fall Hinz anders gewesen zu sein. Da wurden wohl andere "Qualitäten" präferiert, sonst hätte man Frau Hinz sicher nicht als Kandidation für den Bundestag aufstellen können. So kam jemand, der sich außerhalb von Recht und Gesetz gestellt hat, in den bundestag als Gesetzgebungsorgan.
J.Christensen 01.01.2017
5. Es fängt schon in den Gemeinde an
Man muss gar nicht auf die etablierten Parteien schauen und auch nicht bis ganz nach oben. In einer Gemeinde südöstlich von Itzehoe gibt sich seit Jahren ein Vertreter einer freien Wählergemeinschaft als Bauingenieur aus. Ist er aber nicht. Hat das mal einer überprüft? Scheinbar nicht. Der Unterschied zu den Juristen - Ingenieur ist eine geschützte Berufsbezeichnung. Somit also besteht in diesem Fall sogar eine strafbare Handlung. Was sagt uns das? In der Politik nimmt man solche Dinge nicht so ernst, auch wenn es strafbar ist. Wie schon von den Vorschreibern erwähnt, zählen da wohl andere Qualitäten.
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