AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2017

Religion in Deutschland Wie sich jeder seinen eigenen Gott baut

Das Pfingstwunder begründete die christliche Kirche. Heute, in Zeiten der Säkularisierung und des Atheismus, bleiben die Gotteshäuser ziemlich leer. Sie sind auf der Suche nach einem neuen Heiligen Geist, der die Ungläubigen beseelt.

Andacht in der Kapelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin
Steffen Jaenicke / DER SPIEGEL

Andacht in der Kapelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin

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Es werde Licht. Und es ward Licht. So, sagt die Bibel, beginnt alles. Entsteht Leben in der Finsternis. Gott ist das Licht, sagen die Christen, die Erleuchtung. Licht, sagen die Physiker, ist elektromagnetische Strahlung, deren Wellenlängen sich in Nanometer messen lassen. Man würde beides gern verstehen. Seltsame Sache, dieses Licht. Aber wenn bei Sonnenuntergang in der Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs in Berlin-Mitte der Computer gestartet wird, scheint es, als ob sich Gott und Physik vielleicht doch miteinander versöhnten.

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 23/2017
 

Die Kapelle ist vor 90 Jahren erbaut worden. Zwischendurch ein wenig verrottet und vergessen, wurde sie vor zwei Jahren neu erschaffen. Jetzt sieht sie aus, als hätte sich Mies van der Rohe am Miniaturnachbau eines antiken Tempels versucht. Klare Formen, weiße Wände, kantige Bänke. Keine Bilder, kein Schmuck, nichts. Eine protestantische Kältekammer.

Aber wenn der Computer startet, geschehen ungeheure Dinge. Unsichtbare LED-Lichtquellen illuminieren den Raum. Wände, Decken, Fenster und Altar strahlen in den schönsten Farben des Spektrums, alle zwei Minuten ein anderes Licht, eine andere Wärme und eine, nun ja, tatsächlich andere Energie. Die Farben verdinglichen sich, umspülen den Besucher wie eine Brandung, während der Raum selbst kein Raum mehr ist, sondern nur noch - ja, was eigentlich? Das Nichts vielleicht. Oder die Ewigkeit? Fühlt sich so der Himmel an?

Manchmal kommen abends junge Leute in die Kapelle, es muss interessant sein, hier bewusstseinserweiternde Substanzen im Blut zu haben. Der Pfarrer Jürgen Quandt hat in den Achtzigerjahren in seiner Kreuzberger Kirche das Kirchenasyl eingeführt und ist heute Geschäftsführer des Evangelischen Friedhofverbands, alles andere als ein Mystiker, aber auch er spricht davon, dass man in dieser Kapelle in eine "andere Seinsweise gerät". Ist das moderner christlicher Glaube? Ein LSD-Trip? Eine transzendentale Meditation?

Katholiken würden sich wahrscheinlich an die Psychedelik ihrer lateinischen Messen erinnert fühlen. Atheisten und Agnostiker an eine Sekte, die das Licht feiert und zu viel Drogen nimmt. Und Protestanten? Nun ja, das ist die Kirche, in der alles möglich ist.

Die Bibel erzählt vom Pfingstwunder, als sich 50 Tage nach dem Tod Jesu am Kreuz die Jünger in Jerusalem sammeln. "Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab."

Es ist der Beginn der christlichen Kirche, es ist die Geburt der Missionsidee, den Glauben von der Erlösung durch den Messias hinauszutragen in alle Welt. Fast 2000 Jahre später brauchte die Christenheit im säkularisierten Westen unbedingt ein neues Pfingstwunder.

Die Aufklärung und die Vernunft, der Atheismus und der Agnostizismus, die Freikirchler und die Esoteriker scheinen die Schlacht zu gewinnen. Nicht mal vier Prozent der Protestanten gehen sonntags noch in die Kirche, bei den Katholiken sind es immerhin zehn Prozent. Die Zahl der in beiden Konfessionen organisierten Christen hat sich seit 1990 von 58 auf 46 Millionen reduziert, von denen viele möglicherweise gar nicht mehr wissen, warum sie noch in der Kirche sind.

So unterschiedlich die beiden Konfessionen sein mögen, in beiden Lagern tobt der Kampf um den richtigen Weg aus der Krise. Hilft es, dass die Katholiken immer protestantischer und die Protestanten immer katholischer werden? Oder ist ein moderner Fatalismus die Antwort? Ein Beharren auf der reinen Heilslehre, ein Schmelzen der beiden Kirchen bis auf ihren glühenden Kern, mögen die Ungläubigen doch bleiben, wo sie wollen?

Diese Geschichte ist eine Pilgerfahrt von Agnostikern ins untergehende Reich des Herrn. Das Wort Pilgern selbst kommt aus dem Lateinischen: peregrinari, was so viel heißt wie in der Fremde zu sein, umherzuschweifen. Sie führt nicht nach Rom oder Jerusalem oder auf den Jakobsweg, auf der Suche nach Wundern und Reliquien, nach Heilung und Erlösung. Sondern macht sich auf die Suche nach dem, was das sein könnte: moderner Glaube in einer modernen Kirche.

Die Kapelle des Lichts

Berlin, Chausseestraße. Die strahlende LSD-Kapelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, die erste Station dieser Pilgerfahrt, ist womöglich eine Art Geheimtreff protestantischer Mystiker. Kaum jemand, der davon gehört, kaum jemand, der sie gesehen hat. Was schade ist und kaum verständlich, geschaffen hat sie nämlich der Amerikaner James Turrell, der als einer der großen Künstler der Gegenwart gilt. Turrells Idee ist interessant und gleichzeitig jahrhundertealt: den Glauben in der Kunst zu suchen.

In Arizona baut er seit Jahrzehnten einen erloschenen Vulkan zu einem Himmelsobservatorium um. Natur und Architektur, das sind seine Leinwände, natürliches und künstliches Licht seine Pinsel. Er kommt aus einer Quäkerfamilie. Quäker haben ihre Wurzeln im freikirchlichen Protestantismus und glauben, dass ausnahmslos jedem Menschen das Licht Gottes innewohne. Keine Riten, kein Klerus, sondern religiöse Selbsterfahrung. Turrell wurde 1943 in Los Angeles geboren, hat weiße Haare und einen langen, weißen Bart. Er sieht aus wie ein alter Hippie oder so, wie sich Kinder den lieben Gott vorstellen. "Licht", sagt Turrell, "ist Aufklärung, Erleuchtung, Geist, und es macht die Welt hinter der Welt sichtbar."

In Turrells Kapelle wirft das Licht keinen Schatten. Schatten ist das Gegenteil von Licht und Erleuchtung, das Dunkle, die Angst. Schatten, das ist der Tod, der dort draußen auf dem Friedhof sein Reich gefunden hat. Man könnte sagen, dass Turrell mit seinem Licht die Wiederauferstehung feiert.

Papst Franziskus im Petersdom in Rom: Der erste Protestant an der Spitze der katholischen Kirche
Franco Origlia / Getty Images

Papst Franziskus im Petersdom in Rom: Der erste Protestant an der Spitze der katholischen Kirche

Es sind besondere Tote, die dort ruhen, eine Art Best-of deutschen Geistes: Der Dramatiker Bertolt Brecht liegt hier, der Regisseur Heiner Müller, die Schriftsteller Heinrich Mann, Arnold Zweig, Christa Wolf, der ehemalige SPIEGEL-Chefredakteur Günter Gaus, sogar der Apo-Clown Fritz Teufel hat sich hierhin verirrt.

Einträchtig sind, nur ein paar Meter voneinander entfernt, die Philosophen Johann Gottlieb Fichte und Georg Wilhelm Friedrich Hegel begraben. Fichte, der schon im Schlussspurt des 18. Jahrhunderts im "Atheismusstreit" die Frage aufgeworfen hatte, ob eine moralische Weltordnung möglich sein könnte ohne Vorstellung von der Existenz Gottes. Hegel, der Denker des Weltgeistes, der versuchte, Philosophie und Theologie, Glauben und Vernunft miteinander zu versöhnen, was ihm, wie vielen anderen davor und danach, auch nicht so richtig gelang. Fichte liegt seit 1814 hier, Hegel seit 1831. Das Werk dieser Toten ist unsterblich, aber ihre Seelen? Sind sie jetzt zu Hause im himmlisch-goldenen Jerusalem? Schauen zu, was wir hier unten treiben? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Die Physik erklärt heute die Rätsel der Natur, die Medizin die des Körpers, die Psychologie die der Seele, und so ist der Zauber aus der Welt verschwunden. Das wissenschaftlich-rationale Denken hat das magisch-religiöse abgelöst. Aber auch abgeschafft?

Denn auf die ganz großen Fragen menschlicher Existenz hat auch die Wissenschaft keine Antwort. Woher wir kommen. Wohin wir gehen. Was das alles soll. Und wie die Zeit sinnvoll füllen zwischen Ankunft und Abgang. Wie die Bürden des Lebens meistern. Wie umgehen mit Hass und Verachtung, mit Katastrophen und Krankheiten, wie mit eigenem Versagen und Missetaten und dem Bösen in einem selbst. Und wie sich abfinden mit dieser verdammten Endlichkeit unserer Existenz.

Kann also Kunst die Menschen zurückführen in den Glauben? Der Hamburger Theologe Johann Hinrich Claussen, seit vergangenem Jahr Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat Turrells Kapelle zum Glücksfall erklärt. Claussen, auch er kein Mystiker oder vielleicht nur ein ganz klein wenig, glaubt, dass die evangelische Kirche keine Antwort hat auf die Sehnsüchte moderner Menschen nach Transparenz und Glück, nach Liebe und Anerkennung. Stattdessen habe sie ein Darstellungsproblem. Kirchen, sagt Claussen, müssten Manifestationen einer Gegenwelt sein, sie müssten der Ort sein, wo Menschen Sinn und Geschmack fürs Unendliche entwickeln. Auch wenn das möglicherweise den Traditionalisten, aber auch den Linken in der protestantischen Kirche zu sehr nach Sekte schmeckt. Aber so soll ja alles angefangen haben, damals vor fast 2000 Jahren.

Das erloschene Feuer des Glaubens

Berlin-Friedenau, eine Altbauwohnung am Perelsplatz. Detlef Pollack lebt hier, Religionssoziologe und gläubiger Protestant. Er findet, dass seine Kirche eigentlich alles richtig gemacht habe. Sie sei dialogischer geworden, reflektierter, selbstkritischer, sie habe sich auf die moderne Gesellschaft eingestellt - und trotzdem seien die Kirchenbänke leer geblieben. Es ist zum Verzweifeln. Pollack, 61, klingt wie ein Mann, der den Glauben verloren hat an die Zukunft der eigenen Kirche.

Er hat ehemalige Mitglieder gefragt, wieso sie ausgetreten sind. Die wenigsten antworteten, dass sie Kirchengegner seien oder unzufrieden mit ihrem Pastor, dass sie theologische Positionen verurteilten, dass sie sich über Missbrauchsfälle geärgert hätten. Auch die Kirchensteuer sei nicht der dominierende Grund. "Es ist dramatisch", sagt Pollack, "die Menschen treten heute aus der Kirche aus, weil ihnen die Kirche egal ist." Erschütternderweise verliere die evangelische Kirche seit Jahrzehnten sogar noch mehr Mitglieder als die katholische, trotz oder wegen ihres entschieden moderneren Kurses.

Selbstsäkularisierung nennen das Kritiker. Die evangelische Kirche setze sich für Frieden, Umwelt und Gerechtigkeit ein, sie sei als Werteagentur erfolgreich, auch als Sozialkonzern, aber als Verkünder des Evangeliums? Worin natürlich eine bittere Ironie liegt im Jahr des Reformationsjubiläums. War es nicht Luther, der sagte, es bedürfe keiner guten Werke zur Rechtfertigung durch Gott, sondern allein des Glaubens? Sola fide.

Und die katholische Kirche? Der Zölibat, der Verzicht auf Priesterinnen, die rigide Sexualmoral, das Luxusgehabe des ehemaligen Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst. "Ihre Mitglieder", sagt Pollack, "reiben sich an ihrer Kirche, und diese Reibung hat nicht nur Abstoßungseffekte. Sie bringt auch Resonanz, Leidenschaft, Feuer, sie hält das Thema Religion lebendig." Hinzu kommt, dass dogmatische, konservative Positionen die einen abstoßen, die anderen anziehen. Sie stiften Identität. Der evangelischen Kirche, sagt Pollack, gehe es ausgerechnet dort am besten, wo sie evangelikal sei oder sogar fundamentalistisch.

Katholikin Schmid in der Kirche St. Martin in Effretikon: Die Menschen nennen sie Frau Pfarrer
Anne Gabriel-Jürgens / DER SPIEGEL

Katholikin Schmid in der Kirche St. Martin in Effretikon: Die Menschen nennen sie Frau Pfarrer

Der Glaube erkaltet nicht überall, er läuft sogar heiß in vielen Regionen dieser Welt. In Russland ist es die Rückkehr der Orthodoxie. In Vorderasien der Aufschwung des Islam. In Afrika und Lateinamerika der Eroberungsfeldzug freikirchlicher Erweckungsbewegungen. Antworten sind das auf die Zumutungen der Globalisierung und die Aufklärungsübermacht des säkularisierten Westens, der seinerseits einen heißblütigen Atheismus hervorgebracht hat, der gleichzeitig ziemlich kalt und nihilistisch wirken kann. Oder der sich eine wohlig-wärmende, durchaus narzisstisch geprägte Art von Spiritualität zusammenbastelt, die ihren Ausdruck findet in Baumärkten, die Vorgarten-Buddhas im Sortiment führen, in den Yoga-Buden der Großstädte, die Rücken und Seele therapieren, in Rebirthing-Kursen, die das Trauma der eigenen Geburt überwinden helfen, das Hineingeworfensein in ein Leben, nach dem niemand gefragt hat. Und sind nicht auch Fußballstadien transzendental aufgeladene Orte, Kathedralen der Moderne, in denen Menschen Gemeinschaft und Glauben, Erfüllung und Massentherapie suchen? Und finden?

Gott lebt, wer immer das auch ist, wo immer auch er sich versteckt. Die Suche nach dem Heiligen Geist ist eine schwierige Mission.

Die klassisch-abendländische Vorstellung schied das Diesseits vom Jenseits - und im Diesseits das Profane vom transzendenten Heiligen, dem Sakralen. Heute hingegen gibt es die Tendenz, beide zusammenzurücken, nach asiatischem Vorbild die Welt und die Menschen zu heiligen, das Profane und das Sakrale ineinanderfließen zu lassen. Nichts ist dem modernen Menschen dabei so heilig wie sein Körper.

Und nun? Der Religionssoziologe Pollack ist womöglich ein moderner Fatalist. Er findet, dass man die Leute nicht belehren und indoktrinieren könne. Es sei deswegen richtig und auch geschickt, dass die evangelische Kirche die Religion nicht nur als Religion verkauft. Sondern zusammen mit Kunst. Mit Politik. Mit Nachbarschaftshilfe. Womit auch immer. Dass die Menschen dadurch zum Glauben zurückfinden? Eher nicht. "Religion", sagt Pollack, "ist den Menschen nicht mehr so wichtig." Den Leuten geht es zu gut. Und wenn sie sich verlieren in der modernen Welt und nach Sinn suchen und nach Halt? Dann machen sie halt eine Psychotherapie.

Der Pragmatismus eines Katholiken

Essen, Pfarrei St. Ignatius. Der Jesuit Hans Waldenfels ist jetzt 85 Jahre alt. Er war der Nachnachfolger Joseph Ratzingers auf dem Lehrstuhl für Fundamentaltheologie in Bonn. Die katholische Fundamentaltheologie hat es sich zur Aufgabe gemacht, den christlichen Glauben vor der Vernunft zu rechtfertigen, was ein ziemlich ambitioniertes Projekt ist. Ratzingers Schriften sind für Laien praktisch unverständlich. Waldenfels kann man lesen, vor allem weil er selbst kein Dogmatiker ist.

Inzwischen lebt er wieder in Essen und gibt regelmäßig eine theologische Sprechstunde. "Wir leben in der postchristlichen Moderne", sagt er, "und dennoch ist selten so viel über Religion geredet worden. Aber die katholische Kirche hat sich zu viel mit Strukturen beschäftigt und diese spirituelle Seite vernachlässigt."

Also Meditation, Stille, Selbsterfahrung, Körperlichkeit. All das, was in den Esoterik-und-Spiritualität-Ecken der Buchhandlungen zu finden ist, gibt es längst auch mit katholischem Geschmack. Das Institut für Demoskopie Allensbach hat herausgefunden, dass der Glaube an "irgendeine überirdische Macht" in den vergangenen Jahrzehnten eher konstant geblieben ist. Was an Boden verloren hat, sind die "Kernbestände des Christentums": der Glaube an Jesus Christus als Gottes Sohn, an die Auferstehung. "Man kann", sagt der Meinungsforscher Thomas Petersen, "sogar von einer schleichenden Rückkehr der Naturreligionen sprechen, wenn auch mit christlichem Mobiliar."

Waldenfels selbst hat lange in Japan gelebt. Er hat Verständnis dafür, dass Leute zum Yoga gehen oder zu den Zenbuddhisten. Er vertritt eine "kontextuelle Theologie", in der die Außenwahrnehmung der Kirche mehr in den Blick genommen wird, und ähnelt damit auch protestantischen Theologen wie dem Hamburger Claussen.

Und dann spricht Waldenfels vom Papst in Rom. Einem politischen Papst, der die Armut in der Welt anprangert, das Nord-Süd-Gefälle, einem Mann der Ökumene, der Barmherzigkeit predigt und Bescheidenheit lebt, einem Papst in ausgelatschten Schuhen, der in Rom auch im fünften Jahr seines Pontifikats im Gästehaus Santa Marta wohnt, nicht im Palazzo. Und dessen Demutsgesten so protestantisch wirken, dass Protestanten davon fast genauso genervt sind, wie es die Traditionellen der katholischen Kirche empört. Auch seine Art päpstlicher Führung hat etwas von der protestantischen Idee der Kirche von unten. "Papst Franziskus", sagt Waldenfels, "wartet auf die Wünsche und Vorstellungen von unten. Deshalb hat er uns aufgefordert, über alles zu sprechen. Und das wird noch viel zu wenig getan, auch von der Deutschen Bischofskonferenz."

Bischof Oster im Dom St. Stephan in Passau: Auf der Suche nach Charismatikern
Dieter Mayr / DER SPIEGEL

Bischof Oster im Dom St. Stephan in Passau: Auf der Suche nach Charismatikern

Was jetzt genau? "Auf die Dauer wird es nicht ohne ein verändertes Amtsverständnis gehen, wohl auch nicht ohne Frauenordination", sagt Waldenfels und erzählt von Maria Magdalena. Sie war die erste Zeugin der Auferstehung. Vor einem Jahr hat Papst Franziskus sie, die "Apostola Apostolorum", den zwölf Aposteln liturgisch gleichgestellt. "Damit hat der Papst ein Fenster aufgestoßen. Wir dürfen das jetzt nicht auf die lange Bank schieben."

Waldenfels hält Spiritualität für wichtig, sinnliche Gotteserfahrung, was sehr katholisch ist, andererseits ist er Pragmatiker und Realist. Er predigt nicht die reine Lehre, er stellt sich auf die Begebenheiten ein, er will, dass christliche Theologie auch von Atheisten und Andersgläubigen verstanden werden kann. Nur so habe der christliche Glaube Zukunft. Es ist nicht weit vom Pragmatismus zum Protestantismus.

Der Pfarrer als Sozialarbeiter

Berlin, Bernauer Straße. Die evangelische Versöhnungsgemeinde am Mauerstreifen zwischen Wedding und Prenzlauer Berg ist so etwas wie die Zukunft der evangelischen Kirche, wenn's weiterhin so schlecht läuft. Etwa 9000 Menschen leben hier im sogenannten Brunnenviertel. Westberliner Plattenbau, Gabelstaplerfahrer, Klofrauen, Arbeitslose, überdurchschnittlich viele Migranten. Nur 1000 der 9000 sind Mitglied der evangelischen Kirche, nur 20 bis 30 von ihnen kommen sonntags zum Gottesdienst. In den vergangenen vier Jahren hat es in der Kirche eine Taufe gegeben. Eine einzige.

Es ist die Gemeinde von Thomas Jeutner, blaue Jack-Wolfskin-Jacke, Trekkingschuhe, ein Pfarrer auf der Grenze. Zwischen Ost und West, Reich und Arm, Gestern und Morgen. Zwischen altem und neuem Protestantismus. Vor vier Jahren kam er hierher, aus einer Gemeinde in einem sehr wohlhabenden Vorort von Hamburg. Er wollte dort weg, aber die Frage stellte sich, was genau er im Wedding eigentlich tun soll. Migranten bekehren? Seine Antwort: Seelsorge, Sozialarbeit. "Wer hier wohnt, hat es fast aufgegeben", sagt Jeutner, "mir sind in meinem Leben nie zuvor so viele Depressionen begegnet."

Er klingelt oft an fremden Türen, bei Menschen, die er nicht kennt. Als Pfarrer muss man ziemlich stark sein, um sich dann nicht wie einer dieser freikirchlichen Haustür-Evangelikalen zu fühlen, die manchmal bei einem klingeln. Sein Vater, der auch Pfarrer war und noch nicht mal ein Gemeindehaus hatte, damals in der DDR, habe das auch schon so gemacht.

Es gebe immer wieder Leute, die ihn gar nicht reinließen, "weil es drinnen so elend ist, weil es riecht, weil die Wände gelb sind vom Nikotin". Jeutner hat einen Gemeinderaum, aber die Gitarrenkurse, die er veranstaltet, bietet er bewusst nicht dort an, sondern im Jugendfreizeitzentrum des Viertels, auf weltanschaulich neutralem Boden - "um Kontakt zu halten zur Mehrheitsbevölkerung unseres Viertels". Zu den Kursen kommen Russen, Bulgaren, Türken, Nigerianer, auch einige Deutsche.

In der Zionskirche, nur ein paar Straßen entfernt, gebe es manchmal zehn Taufen pro Gottesdienst. Die sanierten Altbauwohnungen dort im Stadtteil Prenzlauer Berg kosten gern mal 15 Euro Miete pro Quadratmeter, gut gebildete Schwaben, Hessen, Hamburger leben dort. Sie bringen viel Geld mit und mit dem Geld ihre Kirchlichkeit. Der Sonntagsgottesdienst als soziales Event, die Kirchenmitgliedschaft als Ausweis der eigenen Kultur- und Großbürgerlichkeit. Jeutner mag das nicht so richtig.

Draußen vor seiner Kirche liegt im Gras ein Kreuz, verbogen, verrostet. Es thronte einst auf der alten Versöhnungskirche, die die DDR-Machthaber 1985 sprengten. Für Jeutner ist das Kreuz ein Symbol. "Es steht nicht auf der Spitze, es liegt am Boden. Wie die Menschen hier. Es ist zerbeult, aber es strahlt noch immer etwas aus, es steckt noch Kraft in ihm. Mich tröstet das."

Wo einst die Versöhnungskirche stand, steht inzwischen eine kleine Kapelle, gebaut aus Lehm und den geschredderten Steinen der alten Kirche, ein ovaler Raum, der einen erdig-warm umfängt, obwohl nicht ein einziges Bild an seinen Wänden hängt. Sie ist längst eine Touristenattraktion. 1500 Besucher täglich: Guck mal hier, eine schicke Kirche.

Das Wunder in der Schweiz

Effretikon, Kanton Zürich. Eigentlich müsste man diese Schlafstadt zu einem Pilgerort erklären. Die katholische Gemeinde St. Martin dort ist eine von Frauen geführte Gemeinde.

Monika Schmid ist seit 2006 im Dienst. Der formal zuständige Pfarrer, ein Pater, hat selbst eine große Pfarrei zu leiten, und die mitarbeitenden Priester sind bereits weit im Pensionsalter. In weiten Teilen des christlichen Abendlands wird der Katholizismus durch Greisenarbeit aufrechterhalten, die Priesterseminare in der Schweiz sind ebenso leer wie in Deutschland. Der Bischof hatte zwar dogmatische Bauchschmerzen, aber nun duldet er es. Man könnte es auch Verzweiflung nennen.

Schmid ist eine unkomplizierte Frau, eher vom heiteren Wesen eines Dominikaners, und in ihrer Gemeinde beliebt und respektiert. Die Kirche ist voll. Sie sagt: "Leute sprechen mich oft mit Frau Pfarrer an. Zuerst habe ich sie korrigiert. Aber das ist den meisten zu kompliziert. Also lass ich's."

In St. Martin gibt es neben der Gemeindeleiterin eine Pfarreikoordinatorin, eine Religionspädagogin, eine Jugendarbeiterin und eine Sozialbetreuerin. Die Pastoralassistentin wurde nach ihrem Weggang durch einen Mann ersetzt, weil es, sagt die Katholikin Frau Schmid, "auch Männer geben muss in der Seelsorge".

Von den Sakramenten muss sie als Laie und Frau die Finger lassen. Also nimmt Monika Schmid keine Beichte ab, hält stattdessen Beratungsgespräche, auf Wunsch auch mit Gebet. Sie liest keine Messe, aber Wortgottesdienste, in denen zwar nicht Eucharistie gefeiert wird, aber die Kommunion ausgeteilt. "Gotteswort mit Kommunionsspendung" steht dann im Programm. Es ist eine Mimikry, bei der das Wunder die lebendige Gemeinde und weniger die Realpräsenz ist: "Brot ist Brot", sagt Monika Schmid. "Lieber ein guter Wortgottesdienst als eine schlechte Eucharistiefeier. Oder?"

Sollten sich eines Tages die beiden Konfessionen vereinigen, in all ihrer Not, wird man sich an Monika Schmid erinnern.

Das Versuchslabor im Copyshop

Dresden, Bischofsweg. Der Straßenname täuscht, der Theologe Peter Jost empfängt in einem ehemaligen Copyshop. "Bunte Kirche Neustadt" hat er auf das Schild an der Fassade schreiben lassen. Eine Kirche für Konfessionslose, für Agnostiker und Atheisten - für die übergroße Mehrheit der Menschen im Osten also; nur jeder fünfte Sachse ist Mitglied einer christlichen Kirche. "Wir verstehen uns als Versuchslabor", sagt Jost. "Wir wollen die Menschen erreichen, die die Sprache der Kirche nicht mehr verstehen. Wir wollen neu formulieren, was es heißt, Christ zu sein."

Gesucht wird ein neues Vertriebskonzept für Jesus. Jost schreibt seine Doktorarbeit in Praktischer Theologie an der Universität Greifswald, sein Doktorvater, Professor Michael Herbst, ist Experte für Mission und Gemeindeaufbau in säkularen Gesellschaften. Er hat viel geforscht zu den sogenannten Fresh Expressions of Church, neuen Ausdrucksformen von Kirche, die vor 13 Jahren in der anglikanischen und methodistischen Kirche in England aufkamen. Sie gehen zu den Menschen, statt darauf zu warten, dass die Menschen zu ihnen kommen. Kirche im Kaffee, Kirche in der Kneipe. Josts Vater, ein schwäbischer Pietist, war Missionar in Papua-Neuguinea, sein Sohn muss jetzt wieder vor der eigenen Haustür anfangen. Er sucht neue Wege der Bekehrung.

Die Bunte Kirche Neustadt hat einen religionspädagogischen Eltern-Kind-Treff entwickelt, der biblische Geschichten lehrt, einen Gebets- und Meditationsabend, und sie lädt regelmäßig zum "Feierabend" ein, den sie als "barrierefreien" Gottesdienst bewirbt. Seine Liturgie sollen auch Menschen verstehen, die keinen Konfirmationsunterricht hatten, ein "Gottesdienst reloaded" mit Poetry Slam statt Predigt, mit Songs von U2 und Sting, Silbermond und den Sportfreunden Stiller statt der Lieder aus dem Evangelischen Gesangbuch. Als Segensgruß heben die Teilnehmer die rechte Hand, spreizen die Finger zwischen Mittel- und Ringfinger, so dass sie ein V formen: "Lebe lang und in Frieden!" Es ist der Vulkaniergruß der Science-Fiction-Figur Spock aus "Star Trek". Die Zeitschrift "Chrismon", das Magazin der evangelischen Kirche, würdigte das Konzept vor wenigen Wochen mit einem Preis.

In der durchrationalisierten Moderne ist die Sehnsucht nach mystischen Räumen offenbar groß, so groß, wie lange nicht mehr. "Die evangelische Kirche kann daher zurzeit viel lernen von der katholischen." Das sagt der evangelische Theologe aus dem Copyshop. Im Protestantismus ist wirklich alles möglich. Die Frage ist nur, ob es funktioniert.

Der Patrick Lindner des Katholizismus

Passau, Dom. Stefan Oster ist das, was dabei herauskommt, wenn sich die katholische Kirche von oben herunter verjüngt. Als er im Mai 2014 zum Bischof geweiht wurde, begrüßte er die 5000 Besucher mit dem Victoryzeichen. "So muss sich Pfingsten angefühlt haben", sagte er danach, "ein Geist der Leichtigkeit, des Aufbruchs."

Als Student verdiente Oster sein Geld als jonglierender Clown, später als Moderator beim Privatsender Radio Charivari, "Morning Man Stefan". Ein gut aussehender Mann, dunkelblond, jungenhaftes Lächeln, bayerische Stimmfärbung. Ein bisschen erinnert er an den Schlagersänger Patrick Lindner. Auf der Deutschen Bischofskonferenz kürzlich wurde er zum Jugendbischof gewählt. Seine moderne Attitüde kombiniert er mit einer konservativen Gesinnung, verteidigt den Zölibat, predigt "Ehe oder Enthaltsamkeit", verurteilt praktizierte Homosexualität und kritisiert eine "ideologisierte Gender-Debatte", die "eine Gefahr für die Gesellschaft" bedeute. Oster ist niemand, der sich dem Zeitgeist in die Arme wirft. "Ein weich gespültes Evangelium hat keine Relevanz", verkündet er. "Das Schlimmste ist vermutlich die Lauheit, die dazu führt, dass wir irgendwann ganz einfach vergessen werden."

In Osters Bistum Passau steht die katholische Kirche gut da, 78 Prozent Katholikenanteil, der höchste in Deutschland, und als Bonus einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte Europas, Altötting. "Wir haben noch viel Geld und viel Manpower", sagt Oster. Aber hat Oster auch eine Antwort auf die Frage, wie Menschen heute in Kontakt mit dem Glauben kommen können? Wie das geht: Evangelisierung im 21. Jahrhundert?

Beim Bier aus der bistumseigenen Brauerei Hacklberg spricht Oster davon, dass die Christen ihren Glauben verharmlost und ihre Botschaft allzu oft auf Ethik und Wellness reduziert hätten, auf einen "Humanismus der Nettigkeit". Künftig wolle er nicht mehr jedes Paar trauen, nur weil es Kirchensteuer zahlt und sich mal eine halbe Stunde zum Vorgespräch treffe; das Paar müsse ernsthaft glauben.

Die Kirche brauche Menschen, die brennen, Glaube kristallisiere sich immer an charismatischen Personen, an Menschen mit der Kraft, das Evangelium wieder zum Leuchten zu bringen. Gut möglich, dass er von sich selbst spricht.

Für Oster liegt die Modernisierung des katholischen Glaubens auch darin, vom Feind zu lernen. Überall auf der Welt, vor allem in Afrika und Lateinamerika, wachsen die evangelikalen und charismatischen Gemeinden auf Kosten der katholischen. Dort, sagt Oster, würde von den Mitgliedern mehr Entschiedenheit und Gemeinschaft gefordert, natürlich mitsamt der Gefahren wie Bibelfundamentalismus, Gefühlsreligion, Sektenstruktur. Ist das der Weg zu einem modernen Glauben? "Wir müssen uns trotz allem fragen: Was können wir von ihnen lernen?"

Alle zwei Wochen lädt Oster sonntags in die Krypta der Universitätskirche St. Nikola ein, zu einem Glaubens- und Gebetsabend für junge Menschen. Er duzt die Besucher, die Rechte in der Hosentasche. Es wird gesungen: "Komm, Heiliger Geist, setz die Herzen in Brand." "Hey-oh, I receive your mercy. Hey-oh, I receive your grace." Es kann vorkommen, dass da jemand so sehr vom Heiligen Geist erwischt wird, dass die Arme in die Höhe gehen, die Augen geschlossen werden, die Körper schwingen und kreisen. Als säße man in einem Gottesdienst der Pfingstbewegung.

Die Kirche des heiligen Obama

Berlin, Brandenburger Tor. Die letzte Station der Pilgerfahrt. Barack Obama auf dem Kirchentag. 70.000 andere sind ebenfalls gekommen. Fast 2000 Jahre ist es nun her, dass die christliche Kirche erfunden wurde.

Sie hat fast 1500 Jahre lang überlebt ohne Text, den alle lesen konnten. Die Geschichte des Erlösers Jesus Christus hat sich verbreitet von Dorf zu Dorf, von Mund zu Mund, eine Geschichte, die, im Lichte der Vernunft betrachtet, natürlich eine ziemlich unplausible Geschichte ist. Sie hat so lange überlebt, weil es tatsächlich das Bedürfnis gibt nach Sinn, Erklärung und Erleuchtung. Und sie hat überlebt, weil es immer wieder Menschen gegeben hat, die besonders gute Geschichtenerzähler sind.

Barack Obama war bei seinem Antritt als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika als Erlöser gefeiert worden. Nach acht Jahren ist nicht viel davon geblieben. Heilsversprechen in der Politik, das funktioniert eher nicht. Aber womöglich ist er als Prediger besser denn als Präsident.

Ex-Präsident Obama beim Kirchentag in Berlin: Moderner Glaube ist Patchworkglaube
Steffi Loos / Getty Images

Ex-Präsident Obama beim Kirchentag in Berlin: Moderner Glaube ist Patchworkglaube

Auf YouTube findet sich eine Rede von ihm, die er im Juni 2015 in einer schwarzen Kirche in Charleston, South Carolina, gehalten hat. Wenige Tage zuvor hatte ein junger Mann, gerade 21 Jahre alt, blass und dünn, in der Bibelstunde des schwarzen Predigers Clementa Pinckney neun Menschen getötet. Er war etwas zu spät gekommen, Pinckney bot ihm einen Platz an und eine Bibel. Eine Dreiviertelstunde lang hörte er zu. Dann holte er seine Pistole hervor.

Es war der Anschlag eines Rechtsradikalen und Rassisten, der den Bürgerkrieg zwischen Weißen und Schwarzen befeuern wollte. Aber als er dem Haftprüfer vorgeführt wurde, gab es niemanden unter den Angehörigen der Opfer, die das Todesurteil forderten. Stattdessen vergaben sie ihm öffentlich. Gottes Gnade gilt auch für den schlimmsten Sünder. Wenn es jemals gute Gründe gegeben hat für Frömmigkeit und Glauben, dann zeigten sie sich an jenem Sommermorgen im Juni 2015 in einem Gerichtssaal in Charleston.

Die Gnade Gottes, seine Güte, das war auch das Thema der Predigt Obamas, die er vor ein paar Tausend Menschen in der Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston hielt: "Gottes Wege sind rätselhaft." Und dann entwickelte er einen Gedanken, der von den Ursprüngen der schwarzen Kirche in der Sklaverei über die weißen Aktivisten des europäischen Protestantismus, die für die Freiheit der Sklaven kämpften, über Martin Luther King und die Bürgerrechtsbewegung bis in die Gegenwart der Polizeigewalt und Millionen Schwarzer in den Gefängnissen reichte.

Von der Idee, dass Gottes Gnade und Güte den Gläubigen nicht nur die eigenen Fehler und Missetaten verzeiht, dass aber die Gnade Gottes auch eine Konsequenz hat. Zu zeigen, dass man diese Güte und Gnade wertschätzt, indem man jedem anderen Menschen, egal ob er Bruder oder Schwester oder Vater oder Mutter tötet oder nur ein Fahrrad klaut, mit gleicher Güte und Gnade entgegentritt. Dass Gerechtigkeit dadurch entsteht, dass man sich auch im anderen erkennt. Dass die eigene Freiheit abhängig ist von der Freiheit des anderen. Und dass "ein offenes Herz" wichtiger ist als richtige Politik und schlaue Analysen.

Schließlich stimmte Obama an jenem Sommertag das Lied "Amazing Grace" an, die fromme Hymne der Sklaven: "Wunderbare Gnade, wie süß der Klang, die einen armen Sünder wie mich errettete! Ich war einst verloren, aber nun bin ich gefunden, war blind, aber nun sehe ich." Willkommen in der Kirche des heiligen Obama.

Er nennt sich selbst einen "Christian by choice", einen Wahlchristen. Er ist das Kind von Agnostikern. Die Mutter eine weiße Anthropologin, der Vater aus einer muslimischen Familie in Kenia. Nach der Scheidung zog sie nach Indonesien, wo Obama auf eine katholische Schule ging und mit der Mutter buddhistische Tempel und islamische Moscheen besuchte. Erst spät fand er als Sozialarbeiter für die Kirchen in den Gettos von Chicago zum Glauben.

Moderne Familien sind Patchworkfamilien. Moderner Glaube ist womöglich ein Patchworkglaube. Aber anders als bei seinem Vorgänger George W. Bush, dessen Bekehrung zum Methodismus ihm half, sich vom Alkohol zu befreien, und dessen Frömmigkeit in den liberalen Medien des Westens als Beleg galt für einen gefährlichen Rechts-Evangelikanismus, war Obamas Glaube nur selten ein Thema, auch wenn die Sprache seiner Kampagnen - change! hope! - durchaus religiösen Subtext hatte. Demokratie ist für ihn eine Art logische, unvermeidbare Konsequenz von religiösem Humanismus.

In Berlin erzählte Obama davon, wie wichtig der Zweifel sei in seinem Glauben. Dass die Demut des Zweifels dazu führe, anderen zuzuhören und sie nicht niederzuschreien, dass der Zweifel auch ein Weg sei zum Kompromiss. In einem frühen Interview sagte er: "Je mehr man sich mit der Welt beschäftigt, je mehr man sich damit auseinandersetzt, was gut ist und was böse, und je mehr man sich den großen moralischen Fragen der Gegenwart stellen muss, umso wichtiger ist der Polarstern, der einen leitet." Glaube könne helfen, nicht verrückt zu werden.

Glaube und Zweifel. Hoffnung und Furcht. Ehrgeiz und Demut. Trost, der mächtiger ist als Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Die Gewissheit, dass sich Angst und Hass überwinden lassen. So ungefähr würde das Glaubensbekenntnis der Kirche des heiligen Obama aussehen. Einer Kirche für alle. Für Gläubige und Atheisten, für Agnostiker und Esoteriker. Eine Kirche, die Politik, Ethik und Glaube versöhnt, in der plötzlich Worte wie "Gott", "Gnade", "Güte" nicht fromm, nicht leer klingen.

Er war der Star des Kirchentags. 70.000 Menschen jubelten. Sogar Angela Merkel neben ihm, die öffentliche Auftritte dieser Art nicht sonderlich schätzt, sprach plötzlich frei und authentisch von sich und ihrem Glauben. Die Kirche des heiligen Obama hätte viele Mitglieder.

Ist das also moderner Glaube? Möglicherweise. Aber ein Charismatiker allein wird nicht reichen. Die Kirchen müssen weitersuchen.

Religion in der Todeszone: Pastor Thomas Jeutner erinnert sich an die eigenartige Vorgeschichte der Versöhnungs-Kapelle im ehemaligen Berliner Mauerstreifen und erklärt, welche Bedeutung sie für die heutigen Bewohner seines Viertels spielt.

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