AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2016

Pflegeheime in Osteuropa Deutschlands Spätaussiedler

In Deutschland ist ein Platz im Pflegeheim teuer. Viele Senioren werden von ihren Familien deshalb in osteuropäischen Einrichtungen untergebracht. Das ist günstiger, aber nicht zwingend schlechter.

Deutsche Bewohnerin, Heimleiterin Sporkova in Stražný, Tschechien
Djamila Grossman

Deutsche Bewohnerin, Heimleiterin Sporkova in Stražný, Tschechien

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An einem klaren Montag im Winter, einen Abend bevor sich Gesundheitsminister Hermann Gröhe im Deutschen Bundestag mal wieder hinters Pult schiebt, um über die Zukunft der Pflege zu reden, lehnt sich Artur Frank in einem osteuropäischen Dorf, 900 Autokilometer und drei Staatsgrenzen von Berlin entfernt, in seinem Schreibtischstuhl zurück und greift zum Telefon. Bei ihm hat die Zukunft der deutschen Pflege längst begonnen.

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Heft 52/2016
Weihnachten in Zeiten des Terrors

Es ist 19.30 Uhr, ziemlich spät, um bei bayerischen Rentnern anzuklingeln, und der Kaffee in seiner Rentier-Tasse ist auch nicht mehr richtig warm. Aber die Anfragen aus Deutschland stapeln sich auf dem Tisch, und wenn alte Menschen oder ihre Angehörigen Artur Frank um Rückruf bitten, dann ist es meistens dringend.

Frank schaut noch einmal auf die Uhr. "Na ja, geht noch", sagt er und wählt eine Nummer in Rosenheim.

Artur Frank ist Vermittler. Er bringt deutsche Rentner in osteuropäischen Pflegeheimen unter, weil es in Deutschland keinen Platz für sie gibt. Jedenfalls keinen, den sie bezahlen können.

Er schickt Demente, Schlaganfallpatienten und Alte, die noch gesunde Jahre vor sich haben, an Orte, die Vacov heißen, Nemesbük und Stražný. Er bucht sie in Einzelzimmer ein, in Doppelzimmer und Pflegezimmer in Tschechien, Polen, Ungarn oder der Slowakei. Es kommen Liegende mit Krankentransporten. Es kommen Senioren, die noch Ausflüge machen und "Mensch ärgere Dich nicht" spielen können. Und wenn sie sterben, dann schickt er ihre Asche oder ihren Sarg auf Wunsch zurück nach Deutschland. Er sagt: "Unsere Dienstleistung geht über den Tod hinaus."

"SeniorPalace, Artur Frank. Guten Abend. Es geht um Ihre Anfrage Pflegeplatz. Störe ich Sie beim Abendessen?", sagt Frank nun in den Hörer.

Franks Büro liegt in einem Einfamilienhaus in Vörs, Ungarn, einem 500-Einwohner-Dorf mit Feuerwehrmuseum und Videoüberwachung, wenige Kilometer vom Ufer des Plattensees entfernt. "Wo die Strände im Sommer nicht so sardinenmäßig überfüllt sind", sagt er. Ein Schreibtisch unter einer Leuchtstoffröhre, ein Computer, zwei Samsung-Smartphones und ein Festnetzanschluss mit Ulmer Nummer: Das ist seine Zentrale.

Die Frau aus Rosenheim am anderen Ende der Leitung sucht einen Heimplatz für eine alte Dame. Der Sohn hat keine Zeit, sich um die Mutter zu kümmern, oder keine Lust. Das wird nicht richtig deutlich. Frank klemmt sich den Hörer ans Ohr und legt sich den Zettel zurecht, auf dem steht, was die Frau zuvor auf seiner Website eingegeben hat.

"Aha, aha", sagt er. Es geht um Frau W., geboren 1933, "Demenz fortgeschritten", "schwerhörig", Hobbys: "Artikel aus Zeitungen ausschneiden und aufbewahren".

Frau W. bewirbt sich für ein "1-Bett-Zimmer" "ohne Balkon/Terrasse" in Osteuropa, eigene Möbel erwünscht? "Nein". So steht es auf dem Bewerbungsbogen, und ein wenig klingt es, als sei die Dame ein Handelsgut, das bis zum Verfall möglichst günstig verwahrt werden muss.

 Seniorenvermittler Arthur Frank in Vörs
Djamila Grossman

Seniorenvermittler Arthur Frank in Vörs

Artur Frank ist 58 Jahre alt, er ist Vater einer erwachsenen Tochter, Exmann einer slowakischen Frau, Sohn einer Mutter, die in Ulm lebt, wo er aufgewachsen ist. Seine Mutter, eine ehemalige Näherin, wird bald 80 Jahre alt. Er sagt: "Noch schafft sie alles selber. Toi, toi, toi." Trotzdem habe sie sich schon mal ein Heim in Ungarn angesehen, und "sie findet es ganz toll".

Frank trägt einen senfgelben Pullover, eine schwarz gerahmte Brille und darunter eine Silikonnase, die er braucht, weil er vor einigen Jahren seine eigene durch einen Tumor verloren hat. Am Morgen befestigt er sie mit einem Spezialkleber in seinem Gesicht und sieht dann sehr seriös aus, weil die Nase kaum in Bewegung ist. Er lacht viel während er spricht, mit dem Mund, mit den Augen. Nur die Nase bleibt dann still.

"Ist sie denn körperlich noch mobil?", fragt er die Frau am Telefon.

Man kann sagen, dass Artur Frank ein Händchen hat. Er hat einen Markt aufgetan, der wächst und wächst und eine unerschöpfliche Zielgruppe hat. Und die ersten Jahre war er auf diesem Markt beinahe allein. "Das war ein angenehmes Arbeiten", sagt er. Osteuropa breitete sich vor ihm aus wie eine Goldmine. Er musste graben, in Ungarn, Tschechien, Polen und der Slowakei. Die richtigen Häuser finden, die richtigen Geschäftspartner, die die richtigen Pfleger einstellen. Aber sobald er sie hatte, musste er nicht lange auf Kunden warten. Die Kunden warteten auf einen Mann wie ihn.

Deutschland ist nach Japan das Land mit dem höchsten Anteil an alten Menschen, mehr als jeder Fünfte ist älter als 65 Jahre. Es gibt 2,6 Millionen Pflegebedürftige. In 13 Jahren, 2030, soll sich die Zahl um weitere 800.000 erhöhen. Doch das deutsche Pflegesystem ist ein Bau voller undichter Stellen. Schon heute können mehr als 400.000 Deutsche ihre Pflege nicht bezahlen. Sie brauchen "Hilfe zur Pflege", so nennt man es freundlich, wenn Rente und Pflegegeld nicht reichen und auch die Angehörigen die monatlich manchmal mehreren Tausend Euro Eigenanteil für den Heimplatz nicht mehr aufbringen können.

"Ich hatte einen Architekten", sagt Artur Frank, "der musste monatlich mehr als 6000 Euro für die Pflege seiner beiden Eltern zuzahlen. Der hat sie hergebracht." Aus Angst, sein Haus zu verlieren. So werden normale Bürger im Alter zur finanziellen Belastung ihrer Familien oder zu staatlichen Pflegefällen. Die Sozialhilfe muss für sie übernehmen.

"Wie muss ich mir die Demenz jetzt vorstellen?", fragt Frank die Frau aus Rosenheim am Telefon, "ist sie noch orientiert, oder ist das schon Vergangenheit?"

Er macht Notizen. Er erfährt, dass die alte Dame sich nur noch von Butterbroten ernährt und keine sozialen Kontakte mehr hat, "Na ja, sie ist ja auch nicht mehr die Jüngste, gell", sagt Frank.

Dann schlägt er für Frau W. einen Heimplatz in einem Haus in Stražný vor, nahe der deutsch-tschechischen Grenze. "Das ist ein bisschen rustikal, aber nur einen Katzensprung von Deggendorf entfernt", sagt er, "Ich schicke Ihnen ein Angebot."

Am nächsten Morgen fährt Artur Frank mit seinem bleigrauen Mercedes E-Klasse beim ungarischen Heim Eletfa vor. Das Haus thront auf einem Hügel über dem Plattensee in Nemesbük, 25 Kilometer von Franks Geschäftszentrale entfernt. In seiner Größe, seiner frisch gestrichenen Neuheit wirkt es etwas fremd in dieser Gegend, in der Ziegen hinter krummen Zäunen grasen und Landwirte auf Traktoren über die Straße fahren, ein bisschen wie ein Kreuzfahrtschiff, das versehentlich auf einen See geraten ist.

"Guten Morgen, die Damen", sagt Frank im Ton eines Animateurs zu einer Gruppe Rentnerinnen, die im verglasten Eingangsbereich am brennenden Kamin sitzen. Die Damen sind gut frisiert, tragen manikürte Nägel. Auf einem Tresen liegt die "Freizeit Revue", Titelthema: "Charlène von Monaco". Im Flur läuft Radio Steiermark, ein Lied von Udo Jürgens.

Frank kommt regelmäßig in Nemesbük vorbei, um nachzusehen, wie es seinen Kunden geht. Man kennt ihn. Sobald er im Flur steht, umschwirren ihn weißhaarigen Bewohnerinnen. "Mein Fanclub", sagt er. "Gut schauen Sie aus", sagt eine winzig kleine Frau zu ihm. Frank drückt ihre Hand. Die Begrüßung per Handschlag ist ein Spezialtrick von ihm. Dabei drückt er unauffällig den Daumen in die Haut der deutschen Bewohner, als wäre es die Oberfläche einer reifen Frucht. Das ist sein Hydratationstest. "Das merkt man dann ganz schnell", sagt Frank, "wenn bei Druck eine Delle bleibt, weiß ich gleich, dass die nicht genug trinken." Dann muss er mit den Betreibern reden. An diesem Tag werden alle Dellen wieder glatt.

Überhaupt scheint es in Nemesbük ganz gut zu laufen. Das Haus ist für Frank zu so etwas wie seiner Schablone geworden. Am liebsten würde er es nehmen und über alle anderen Heime legen. Alle Standards, die er versucht auch in Tschechien und der Slowakei in die Wirklichkeit zu bringen, kann man sich hier ansehen.

"Ein ganz wichtiger Punkt auch: das Freizeitprogramm", sagt Frank nun. Im Flur hängt eine lange Pinnwand, darauf sind mit bunten Stecknadeln die Angebote befestigt. Am Nachmittag ist Gruppengymnastik, und der Deutsch sprechende Heimarzt kommt zur Visite. Jetzt, um zehn Uhr, ist in Haus Eletfa am Plattensee aber erst mal Zeit für den Ungarischkurs mit der Sozialschwester.

Die Bewohner sitzen im Speiseraum. Ein großer, grüner Kachelofen steht im Zentrum, daneben hängen Kerzenlüster und Tannenkränze, auf den Fensterbänken stehen glitzernde Kunststoffrehe, und vor der Glastür parken die Rollatoren.

Das Thema der heutigen Stunde ist die Arbeitswelt. "Der Arzt - orvos", sagt die Schwester zu den Bewohnern, "der Lehrer - tanító". Einige der Senioren formen die fremden Laute mit ihrem Mund. Andere sind mit ihrem Kopf weit weg, vielleicht in Deutschland, das weiß man nicht.

Die Planung des Heims in Nemesbük hat Artur Frank von Anfang an begleitet. Vor drei Jahren zogen die ersten Bewohner ein. Heute sind es 23 Deutsche, 13 Österreicher und 5 Schweizer, alle gegen Provision von Artur Frank vermittelt. Von jedem Bewohner bekommt Frank einmalig 980 Euro Vermittlungsgebühr und zusätzlich eine Beteiligung an den monatlich 1600 Euro, die das Heim für den Platz vom Kunden verlangt. Je länger der einzelne Bewohner lebt, desto länger verdient Frank an ihm. Seit Eröffnung sind etwa 25 Menschen verstorben, aber ihre Plätze sind schon wieder belegt.

Frank ist seit zehn Jahren in der Alten-Branche. Bevor er anfing, Rentner in den Osten auszusiedeln, leitete er in Deutschland ein Pharmaunternehmen mit 25 Angestellten. Nachdem er im Jahr 2000 verkauft hatte, wurde er Privatier, ein Leben, in dem es viele Dinge gab; Penthouse, zwei Autos, Whirlpool. "Fast wäre ich ein richtiger Arsch geworden", sagt Artur Frank. Dann kam 9/11, und er verlor sein Vermögen. "Alles futsch", sagt er. Mit dem Börsencrash rutschte er in sein zweites Leben.

Er ging in die Slowakei, die Heimat seiner damaligen Frau, und versuchte, sich als Geschäftsmann wiederaufzurichten, mit Reimporten von Arzneimitteln. Eines Tages bekam er einen Anruf von einem früheren Nachbarn aus Deutschland. Der wollte wissen, ob Frank ein billiges Pflegeheim für die Mutter eines Bekannten wisse. Der Mann war pleite. Frank wollte ihm einen Gefallen tun, sagt er. Vielleicht ahnte er, dass daraus ein Geschäft wachsen könnte. Frank machte sich auf die Suche.

In der Slowakei klapperte er mehrere Heime ab, so erzählt er es. Und alle waren gleich: Fünfbettzimmer waren Standard, Dreibettzimmer die Luxusversion, schwere Vorhänge sperrten das Licht aus, ein alter, roter Teppich, etwa von 1935, führte ins Direktorenzimmer. "Alles so, wie bei uns vor hundert Jahren." Irgendwann fand er ein akzeptables Heim in der Nähe von Bratislava. Die Leiterin dort sprach etwas Deutsch. Der Platz kostete nur einen Bruchteil dessen, was in Deutschland üblich war. Frank nahm die alte Dame in der Slowakei in Empfang. "Da wurde mir klar, dass das ein Markt ist", sagt er. Er nannte seine neue Firma "SeniorPalace".

Inzwischen arbeitet Artur Frank mit acht Häusern in vier Ländern, weitere sind im Bau, und fast täglich, sagt er, schreiben ihm einheimische Investoren, die mit ihm Heime eröffnen wollen. Er ist ihre Pipeline zum überalterten Deutschland. Nicht selten rufen Heimbetreiber an und fragen: "Wie viele können Sie mir diesen Monat noch bringen?". "Die wollen vollmachen. Die wollen Nachschub", sagt Frank, "als wär das Ware." Doch wenn jemand so über alte Menschen rede, dann sei das für ihn ein Ausschlusskriterium.

Vor ein paar Jahren hatte Frank Besuch von einer großen deutschen Boulevardzeitung, das erzählt er. Die Redakteurin habe mit einigen Bewohnern gesprochen. Sie fuhr zurück nach Deutschland und schrieb eine Geschichte mit der Überschrift: "So werden Alte ins Ausland abgeschoben!"

Werden sie abgeschoben, Herr Frank?

"Bei uns sitzen genauso viele Abgeschobene wie in anderen Pflegeheimen auch. Was ist Abschieben überhaupt? Wenn ich jemanden nicht mehr besuche. Das kann ich in Deutschland genauso."

Heimbewohner Volker Lindberg in Nemesbük, Ungarn
Djamila Grossman

Heimbewohner Volker Lindberg in Nemesbük, Ungarn

Es ist Nachmittag in Nemesbük, kurz vor 17 Uhr. Volker Lindberg sitzt in seinem Zimmer und mischt sich eine Roséweinschorle zusammen. Nur hat er keine Zeit, sie auszutrinken, denn gleich gibt es schon wieder Abendessen. "Viel zu früh", sagt er. In Ungarn schnüren seine Tage zu einem Dreitakt aus Mahlzeiten zusammen, 8 Uhr, 12 Uhr, 17 Uhr, das ist der Rhythmus seines neuen Lebens.

Lindberg ist 76 Jahre alt. Vor sechs Wochen kam er aus Schwabach bei Nürnberg mit seinem Trolley durch die Tür, darin vier Paar Schuhe, ein Paar Puschen, Strickjacken, Hosen und ein Krimi. Er bezog ein schlichtes Zimmer im Erdgeschoss.

Nachdem er zu Hause mehrmals gestürzt war und ein zerebraler Schwindel die Regie über sein Leben übernommen hatte, pflegte ihn seine Frau. "Ich habe viel genörgelt", sagt Lindberg, "ich war nur noch Belastungsfaktor, und meine Frau hatte kein Leben mehr." Im Herbst konnte sie nicht mehr oder wollte nicht, so genau weiß er das auch nicht. Sie meldete sich bei Artur Frank und vereinbarte für ihren Mann ein vierwöchiges Probewohnen.

"Als ich das mit Ungarn zum ersten Mal gehört habe", erzählt Lindberg, "da bin ich aus allen Wolken gefallen. Wieso Ungarn?", sagt er und klingt noch immer überrascht. "Das hat mich einen Monat lang gekränkt. Ich war meiner Frau nicht böse, aber dass du so ganz in andere Hände gegeben wirst. Dass deine ganzen Freunde und Bekannten weg sind", er überlegt einen Moment, dann sagt er: "Du bist richtig abgeschoben." Einerseits.

Andererseits: Ein Heim in Deutschland wäre für ihn nicht infrage gekommen. Finanziell nicht, aber auch, weil er aus seiner Zeit als Pharmavertreter weiß, was in Deutschland Pflege ist. "Das geht gar nicht. Da geht das Tak-tak-tak. Da ist kaum Zeit für Zuwendung", sagt er. "Teilwäsche Hände/Gesicht: ein bis zwei Minuten; Windelwechsel nach Wasserlassen: vier bis sechs Minuten; Kämmen: ein bis drei Minuten", diese Dinge meint er. Er sagt: "Dagegen ist das hier hervorragend." Das Haus sei voll auf Zuneigung ausgelegt. "Was hier gepflegt und gestreichelt wird!" So was gebe es in der Heimat nicht. Schon gar nicht für diesen Preis: 1600 Euro im Monat, alles inklusive. Er reibt Daumen und Zeigefinger aneinander. Diese Geste sieht man hier häufiger.

Um neun Uhr am nächsten Tag rollt Franks Mercedes in Vörs auf die Straße, er macht sich auf den Weg Richtung Tschechien. Am Nachmittag hat er einen Termin in einem Heim in Vacov. Am Morgen drauf ist er mit einem Investor auf einer Baustelle in Prachatice verabredet, und danach geht es noch in ein Heim in Stražný. Er ist oft zwischen den Häusern unterwegs, zwischen den Ländern. Er sagt: "In Tschechien ist es immer eine Jacke kälter."

Nach zwei Stunden erreicht er die österreichische Grenze. Er parkt an der Raststätte, geht in die Tankstelle und kauft sich eine Leberkäsesemmel. Auf dem Weg zur Theke kommt er am Zeitschriftenregal vorbei. Titel der "Bild": "Die wichtigsten Antworten zur Pflegereform".

Am Tag zuvor hat Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe vor dem Bundestag noch einmal die Pflegereform vorgestellt. Ab Januar soll es keine drei Pflegestufen mehr geben, sondern fünf Pflegegrade. "Aber am eigentlichen Problem hat man nichts geändert", sagt Frank. Die Versicherten bekämen zwar etwas mehr Geld, aber noch immer nicht genug, um sich ohne Vermögen die deutschen Heime leisten zu können. Gut für ihn, eigentlich.

Man könnte Artur Frank vorwerfen, dass er deutsche Senioren in den Dienstleistungssektor von Billiglohnländern verschiebt. Dann müsste man aber auch sagen, dass das umgekehrte und sehr beliebte Geschäftsmodell, bei dem die billigen osteuropäischen Pfleger entwurzelt und nach Deutschland importiert werden, um die Alten in der Heimat zu pflegen, auch nicht moralisch zweifelsfrei ist.

Fragt man den Bremer Pflegeforscher Stefan Görres, was er von Franks Geschäft hält, sagt der: "Pflege im Ausland ist erheblich billiger, aber nicht zwangsläufig schlechter." Polen zum Beispiel habe eine lange Pflegetradition, und die Ausbildung sei gut. "Auch die Pflege ist eben ein Markt und Teil der Globalisierung", sagt er, nur: "Wir wissen nicht, wie die Qualitätssicherung in anderen Ländern ist, und die Kontrolle durch Besuche der Angehörigen kommt zu kurz."

Als er zurück beim Wagen ist, fährt neben Frank ein Kombi aus Bulgarien in die Parklücke. Vorn sitzt ein Mann in Trainingsanzug, hintendrin steht ein schwarzer Sarg. Auf der Heckscheibe steht in kursiven Klebebuchstaben: "Bestattungen International Iris." Frank zieht die Schultern hoch. "Jaja, so ist das", sagt er. Mit den Beerdigungen sei es wie mit den Pflegeheimen. Sie sind im Osten billiger.

Als Artur Frank im tschechischen Vacov ankommt, riecht es im Flur und im Aufenthaltsraum nach Windel, das liege daran, dass gerade Wickelzeit gewesen sei, sagt Frank, "dann stinkt das manchmal ganz furchtbar." Das Gebäude wirkt modern, sauber, aber unfertig. An einigen Ecken wird noch gebaut. Die Bewohner sitzen an Tischen mit gelben Tischdecken. Eine Dame ist mit Tüchern an ihrem Stuhl festgebunden. Sie versucht aufzustehen. Nach einigen Versuchen lässt sie sich sinken und schaut wortlos vor sich hin. Im Fernsehen läuft eine Dokumentation über Südfrankreich.

"Südfrankreich. Da ist es schön", sagt jetzt einer der Bewohner.

"Hallo, wie gehts?", sagt Frank zu dem Mann und macht seinen Drucktest.

"So schlecht wie dir", antwortet er und lächelt. Schwer zu sagen, ob im Scherz oder nicht.

Der Alltag in Vacov ist ein paar Farbstufen dunkler als in Nemesbük, dort hat man den Eindruck, die Bewohner leben, hier bekommt man eher das Gefühl, sie warten bei ARD-Dokumentationen auf den Tod. Das mag daran liegen, dass sie gesundheitlich und geistig in einem ganz anderen Stadium des Alterns sind als die meisten Bewohner in Ungarn, es liegt aber auch daran, dass sie auf einer Baustelle wohnen, auch was Abläufe und Personal betrifft.

"In Vacov habe ich folgendes Problem", sagt Frank "was das Haus nicht versteht: Die müssen beim Freizeitprogramm 'ne Schippe drauflegen." Er werde Personalveränderungen verlangen, eine Sozialschwester, die es schafft, die Bewohner richtig zu motivieren. "Im Moment kommen nur Demente. Jemanden, der geistig fit ist, den kann ich nicht nach Vacov bringen. Der wird sich da verloren fühlen."

So verloren wie Maria Kröger*, eine ehemalige Buchhalterin aus Rheinland-Pfalz, 77 Jahre alt. Sie sitzt in ihrem Zimmer im ersten Stock auf einem schwarzen Ledersessel und raucht Kette. Sie ist die Einzige im Haus, die klare Tage hat.

Das Haus in Vacov sei schön, sagt sie, am schönsten sei ihr kleiner Balkon. Manchmal komme ihr Sohn sie besuchen. Aber die meiste Zeit bleibe sie allein auf ihrem Zimmer, seit zwei Jahren. "Das mit der Sprache ist hier ganz schlecht." Außer der Managerin und einer Pflegerin spreche sowieso niemand Deutsch. "Und sonst sind hier ja nur Bekloppte."

Ein Stockwerk unter ihr sitzen nun die Geschäftsleute, um über die Neuzugänge zu reden. Frank, die Managerin des Heims, der Besitzer und ein Hotelier in Anzug, der vor Kurzem als Gesellschafter eingestiegen ist. Auf dem Tisch stehen Schokoriegel und gefüllte Teilchen.

Artur Frank beißt in einen Schokoriegel. Dann schaut er in seine Unterlagen und sagt: "So. Kommen wir zu den Einzügen. Mit Vorbehalt, dass die nicht vorher sterben." Er blättert: "Es kommt Herr W. aus der Nähe von Stuttgart, fortgeschrittene Altersdemenz, er findet Körperhygiene irgendwie nicht gut. Es kommt eine Frau mit Chorea Huntington. Und eine 90-Jährige, die taub, dement und bettlägerig ist." Frau Müller, die tschechische Managerin, sagt: "O Gott". "Dann kommt ein Herr R. aus dem Saarland. Mittelschwere Demenz und Wortfindungsstörungen. Sonst ist der eigentlich ganz fit", sagt Frank. Frau Müller sagt: "Super".

Die Betreiber wünschen sich fittere Senioren. Anders als Heime in Deutschland, bekommen Franks Partner nicht mehr Geld, wenn die Bewohner einen höheren Pflegegrad haben. In seinen Heimen bezahlen alle denselben Preis, egal, wie viel Aufwand sie benötigen. "Wenn ich das Pflegeheim belohne, sobald es dem Patienten schlechter geht, dann ist das doch das völlig falsche Signal", sagt Artur Frank.

Bevor er sich am nächsten Tag auf den Weg nach Stražný macht, besucht er noch eine Baustelle in Prachatice, ein ehemaliges Wellnesshotel, das zu einem Wellnessheim für Deutsche umgebaut wird. Der tschechische Betreiber leitet bereits einige andere Häuser im Land. Er spricht von "Wärme und gutem Essen" und hat seine Doktorarbeit über Sozialarbeit in Seniorenheimen geschrieben. Er plant eine Kooperation mit dem örtlichen Kindergarten und dass die Senioren bei den Mahlzeiten aus zwei Menüs wählen können.

"Das ist Upper-Class-Standard. Das ist absoluter Spitzenstandard", sagt Frank.

Doch genau die Sache mit den Standards scheint bei seiner Arbeit die größte Schwierigkeit. Frank versucht, welche zu etablieren. Auch seien die Kontrollen der einheimischen Behörden regelmäßig und streng. Dennoch gibt es zwischen den einzelnen Häusern riesige Unterschiede. Man kann Glück haben. Oder man hat Pech und sitzt mit bekleckertem Pullover auf einem Stuhl und starrt den ganzen Tag auf einen Fernseher. Wobei man sagen muss, dass das in Deutschland auch passieren kann - zu einem deutlich höheren Preis.

Am Nachmittag erreicht Frank Stražný. Das Heim liegt im Skigebiet, im Nachbarhaus ist ein Puff: "Night Club - ab 14 Uhr" steht auf der Fassade in roten Buchstaben. In Stražný ist ein Platz im Zweibettzimmer schon für 1290 Euro zu bekommen. Nur in der Slowakei ist es noch günstiger.

Das Haus ist nicht so modern wie die anderen, aber gemütlich; mit seinen holzvertäfelten Wänden, der Bar, den Spitzengardinen wirkt es wie eine Skihütte. Jeden Tag gehen die Demenzkranken mit ihren Pflegerinnen spazieren, erzählt Maria Sporkova, die Leiterin. Am Puff vorbei, durch die graue tschechische Wintersuppe. In Stražný spürt man eine Wärme, die in Vacov fehlt.

Die Bewohner sitzen nun um einen Tisch, auf dem Mandarinen und Lebkuchen liegen - und ein kleiner CD-Player, auf dem deutsche Schlager laufen. Die Alten singen mit: "Da ist die Welt so schön, so wunderschön ...", und die Frage stellt sich, welche Rolle es wohl für einen demenzkranken Menschen spielt, dass er sich in einem anderen Land befindet, wenn er ohnehin nicht mehr genau weiß, wer er ist.

Wie lange wohnen Sie denn schon hier in Tschechien?

Herr Schneider(*) aus Bayern, der schon länger hier lebt und gerade noch mitgesungen und ein bisschen dazu geschunkelt hat, schaut etwas überrascht und sagt: "Ich wohne gar nicht hier. Ich bin nur zu Gast."

Wie lange sind Sie denn schon zu Gast?

Er schaut auf seine Armbanduhr, die in Wirklichkeit nicht da ist. "Och", sagt er dann, "vielleicht so ein paar Stunden."

Zur Person
  • Bernhard Riedmann/ DER SPIEGEL
    Jahrgang 1982, arbeitet seit 2009 beim SPIEGEL im Ressort Gesellschaft. Sie war beeindruckt davon, wie viele der Bewohner in den tschechischen und ungarischen Heimen davon überzeugt waren, dass sie nur zu Besuch seien - selbst wenn sie schon seit zwei Jahren im Ausland lebten. Das hatte etwas Tröstliches.


insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
rockwater 28.12.2016
1.
Jeder sollte seine eigenen Angehörigen pflegen. Dann braucht man Pflegeheime nur im Notfall und Billigverschiebepflege zu Lasten Dritter gar nicht.
larry_lustig 28.12.2016
2. Outsourcen der Alten?
Wieso ist das Modell existent...... Doch nur, weil es zu wenig hiesige Pflegekräfte gibt, da denen zu wenig gezahlt wird..... Und es ist doch nur für die angebracht, die hier keine sozialen Kontakte pflegen (also weder Freunde noch Familie haben) würde ich sowas meiner Mutter vorschlagen, die das zum Glück noch nicht ansatzweise nötig hat, würde diese mich (vollkommen zu Recht) enterben.
phekie 29.12.2016
3. So einfach?
Zitat von rockwaterJeder sollte seine eigenen Angehörigen pflegen. Dann braucht man Pflegeheime nur im Notfall und Billigverschiebepflege zu Lasten Dritter gar nicht.
D.h. im Ernstfall Job aufgeben, mehrere hundert Kilometer zurück in die alte Heimat ziehen, Fernbeziehung führen und natürlich seinen Lebensstandard radikal in Richtung "armutsgefährdet" verlagern, weil man ja im Ernstfall nur noch Teilzeit oder gar nicht mehr arbeiten kann? Sorry, aber da ist Ihre Forderung leider ein wenig zu kurz gedacht.
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