AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2018

Familienschicksal Wenn Eltern alt werden

Werden die eigenen Eltern gebrechlich, trifft es die Kinder oft wie ein Schock. Häusliche Pflege kostet Zeit und Nerven. Ist ein Heimplatz die bessere Lösung? Wo finden Angehörige Unterstützung?

Pflegende Laudien mit ihrer Schwiegermutter
Agata Szymanska-Medina / DER SPIEGEL

Pflegende Laudien mit ihrer Schwiegermutter

Von und


Sie stehen mitten im Leben, sind im Beruf vorangekommen, haben eine Familie gegründet, Kinder großgezogen, vielleicht sogar ein Haus gebaut. So könnte es weitergehen. Doch dann ändert sich alles. Manchmal von einem Tag auf den anderen.

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Heft 5/2018
Die Pflegekatastrophe: Deutschland lässt seine Familien im Stich

Almut Laudien kann sich genau erinnern, es war ihr 40. Geburtstag. Der Schwiegervater war zum Frühstück gekommen, er stand in der Küchentür, da sackte er zusammen. Diagnose: Schlaganfall.

Das ist 17 Jahre her, seit diesem Tag bestimmt die Pflege ihr Leben. Erst kümmerte sie sich um den Schwiegervater, dann um den Vater, sie begleitete beide bis zu deren Tod. Seit zehn Jahren ist sie jetzt für die Schwiegermutter da, fast rund um die Uhr, jeden Tag, auch heute.

Laudien beugt sich über den Sessel, in dem die alte Dame sitzt, und fingert im Polster. "Oma, liegt da dein Ohrring?" Die Schwiegermutter bleibt stumm, um den Hals trägt sie eine aufblasbare Nackenstütze. Sie schaut auf den Fernseher, im ZDF läuft "Volle Kanne". An der Wand hängt das Bild ihres verstorbenen Mannes, sie erkennt ihn nicht mehr, auch Sohn und Schwiegertochter sind ihr fremd geworden. "Sie siezt uns jetzt", sagt Laudien. Demenz kennt keine Gnade.

Laudien, dunkles, dickes Haar, ist ein fröhlicher Mensch geblieben, trotz allem, voller Energie und Zuversicht. Sie wohnt mit ihrer Familie in Friesack, einer Gemeinde im Havelland. Sie hat einen Abschluss als Agraringenieurin gemacht, "gehobene Landwirtin", sagt sie amüsiert, lange ist das her, sie liebte die Arbeit mit Pferden, da gab es noch die DDR. Später leitete Laudien ein Landgasthaus - bis im Sommer 2000 ihr eigenes Leben die Wende nahm. Sie gab die Gaststätte auf, bloß vorübergehend, dachte sie. Heute weiß sie es besser.

"So wie mir geht es sehr vielen", sagt Laudien, "besonders vielen Frauen."Es sind in der Tat Millionen in Deutschland, die ein ähnliches Los verbindet. Ungefähr zwei Drittel von ihnen sind Frauen, ein Drittel Männer. Irgendwann in der Mitte des Lebens kommen sie zu der Erkenntnis, dass die Eltern gebrechlich werden und Hilfe brauchen: nicht für ein paar Stunden, Tage oder Wochen, sondern bis zum Ende ihrer Tage. Es beginnt mit einem Sturz, einem Herzinfarkt oder, wie bei den Laudiens, mit einem Schlaganfall, dann startet für die Kinder ein neuer Lebensabschnitt. Von da an bestimmen nicht mehr der Partner, die Kinder, der Beruf oder der Gedanke an den nächsten Mittelmeerurlaub ihr Leben, sondern die Sorge um die hinfälligen Eltern. Es ist der letzte Abschied vom Kindsein.

Sehen Sie im Video, was Martina Koch vom Pflegestützpunkt Hamburg Pflegebedürftigen und Angehörigen rät.

Lars Frensch / Der Spiegel

Was also tun? Viele Bürger zerreißen sich förmlich in der Sorge um die alternden Eltern. Heute leben die Kinder oft weit entfernt, sie können nicht mal eben vorbeikommen und die Batterie im Rauchmelder wechseln. Knapp 30 Prozent fahren mehr als 100 Kilometer, wenn sie ihre Eltern sehen wollen, 11 Prozent wohnen sogar über 500 Kilometer entfernt.

Wenn sie vor Ort geblieben sind, dann hindern ihr Beruf und die Kindererziehung sie daran, sich den eigenen Eltern zu widmen. Natürlich könnten sie einen Pflegedienst engagieren, der dreimal am Tag vorbeischaut, aber das genügt meist nicht. Die stationäre Pflege ist immer die letzte aller Alternativen. Die Eltern ins Heim zu geben, empfinden viele als Scheitern. Ganz abgesehen von den Kosten.

Den Töchtern und Söhnen bleibt also nichts anderes übrig, als ihr Leben neu zu sortieren, wenn sie sich nicht als Pflegekoordinatoren aus der Ferne betätigen wollen. Sie nehmen die Eltern zu sich nach Hause, sie treten im Beruf kürzer, oder sie geben ihn auf. Mehr als sechs Jahre dauert die Betreuung eines Angehörigen im Schnitt. Die Familie, überwiegend ihr weiblicher Teil, ist der größte Pflegedienst der Nation.

Vier bis fünf Millionen Menschen in Deutschland versorgen Pflegebedürftige, so wird geschätzt, die meisten von ihnen sind Töchter oder Söhne, Ehefrauen oder Ehemänner. Die offizielle Statistik zählt nur 1,5 Millionen private Helfer, hinzu kommen all jene, die keine Leistungen aus der Pflegekasse in Anspruch nehmen: aus Nachlässigkeit oder Unkenntnis.

Dem Staat kann dies nur recht sein, das Engagement der Angehörigen spart ihm immense Summen, etwa 35 bis 40 Milliarden Euro im Jahr. Zum Vergleich: Die Pflegeversicherung nahm 2016 rund 32 Milliarden Euro ein. Anders gesagt: Ohne die Familien bräche das System zusammen, ihren Aufwand bekommen sie jedoch nur zu einem Bruchteil erstattet.

Die Politik sieht sich gleichwohl nicht in der Pflicht. "Sehr viel" habe die Regierung schon getan, um pflegende Angehörige zu unterstützen, bemerkte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im vergangenen Jahr beim Besuch eines Gesundheitsforschungszentrums und zählte alle verabschiedeten Pflegegesetze auf. Zu einem echten Kernthema ihrer Politik ist die Pflege jedoch nie avanciert, in den Koalitionsgesprächen wird sie bestenfalls eine Nebenrolle spielen. Auch der SPD fehlt ein schlüssiges Konzept dafür, wie Bürgern zu helfen ist, mit den finanziellen, beruflichen und emotionalen Lasten zurechtzukommen. Es wäre nötig, denn das Thema treibt die Gesellschaft um.

Heute sind etwa 4,8 Millionen Bürger 80 Jahre oder älter. Bis 2050 wird sich die Zahl der Hochbetagten auf rund 10 Millionen mehr als verdoppelt haben: Die Babyboomer werden vergreisen. Weil sie aber weniger Kinder großgezogen haben als die Generation vor ihnen, können künftig auch weniger Töchter und Söhne die Pflege übernehmen.

Was auf sie zukommt, ahnen die wenigsten. Das ist erstaunlich, denn jeder Mensch bewegt sich unweigerlich darauf hin, dass er, wenn die Zeit gekommen ist, Unterstützung benötigt und dass jemand, der ihm nahesteht, diese Hilfe leistet. Sie ist Teil des Lebens, des Daseins in seiner letzten Phase - doch fast alle blenden diese Tatsache aus: die Gepflegten, aber auch die Pflegenden.

In dieser Zeit müssen sie sich Fertigkeiten aneignen, die ihnen bis dahin fremd gewesen sind. Wer weiß schon, wie man Kompressionsstrümpfe überstreift oder eine Insulinspritze setzt? Und sie entwickeln Gefühle, die sie von sich nicht gekannt haben, jedenfalls nicht in dieser Intensität: Angst und Wut, Scham, Schuld, Stress, Erschöpfung und Einsamkeit. Sie merken oft nicht, wie groß die Belastung ist, weil sie ständig damit beschäftigt sind, alles am Laufen zu halten. Die Kinder kümmern sich um ihre Eltern - aber wer kümmert sich um sie? Wer sagt ihnen, was jetzt zu tun ist?

Pflege überfordert

Wer es in diesen zugigen Altbau nahe dem Alexanderplatz geschafft hat, der ist auf der Suche nach Antworten schon ziemlich weit gekommen. Dort, im "Haus der Gesundheit", wartet die Sozialpädagogin Birgit Burmeister mit einer Kanne Früchtetee auf Kundschaft. Wobei sie diesen Begriff nie benutzen würde: Burmeister spricht von "Ratsuchenden".

Burmeister leitet die Teams von 5 Pflegestützpunkten in Berlin, über die Hauptstadt verteilen sich insgesamt 36 dieser Einrichtungen, in denen Experten pflegende Angehörige beraten. Das Problem ist nur: Die wenigsten Betroffenen wissen, dass es so etwas gibt.

Sozialpädagogin Burmeister
Agata Szymanska-Medina / DER SPIEGEL

Sozialpädagogin Burmeister

Bundesweit existieren mehr als 550 solcher Stützpunkte. Von 2009 an wurden sie eingerichtet, Kassen und Kommunen betreiben sie häufig gemeinsam. Das Konstrukt finden manche fragwürdig, weil sie fürchten, dass kasseneigene Berater möglicherweise eher Leistungen sparen als empfehlen. "Völliger Quatsch", widerspricht Burmeister. "Im Zweifel streite ich mich auch mit der AOK."

Nach Weihnachten sei es auf den Fluren immer voll, sagt die Berlinerin Burmeister. Dann hätten die Kinder, die weiter weg wohnten oder wenig Kontakt hielten, einige Tage mit den Eltern verbracht und festgestellt, dass Vater oder Mutter allein nicht mehr klarkommen.

Wer an Burmeisters Tisch Platz nimmt, der ist oft überfordert von der neuen Situation zu Hause. Von Vätern, die sich mit ihrer Hinfälligkeit eingerichtet haben und jede Hilfe ablehnen. Von Müttern, die ihrer Tochter nicht zur Last fallen wollen - und es mit dieser Haltung gerade tun. Von dem Wirrwarr an Pflegebudgets und Pflegegeld, von Sachleistungen und Kombileistungen. Von einer hochkomplexen Antragswelt also, mit der sie sich zuvor nie befasst haben. Die Politik selbst hat dieses Durcheinander mitverursacht.

Seit Einführung der Pflegeversicherung vor 23 Jahren löst eine Reform die nächste ab, in den vergangenen Jahren sogar mit wachsendem Tempo. Mit dem jüngsten Werk, dem dritten Pflegestärkungsgesetz, 144 Seiten dick, seit Anfang 2017 in Kraft, hielt die Bundesregierung die Gesetzgebung für abgeschlossen. Doch schon jetzt wird in den Gesprächen zur Regierungsbildung zwischen Union und SPD wieder um das Thema gerungen.

Die Tücken des gesamten Reformwerks sind kaum zu übersehen, dabei hat die Bundesregierung zweifellos ehrenwerte Ziele verfolgt: Demenzkranke bekommen nun mehr Hilfe, das war überfällig. Außerdem werden Patienten in fünf Pflegegrade statt in drei Pflegestufen eingruppiert, um den Hilfsbedarf exakter zu differenzieren. Die Reform ist getragen vom Leitgedanken "ambulant vor stationär", vom Vorrang für die häusliche Pflege. "Jede und jeder soll die Hilfe erhalten, die sie oder er braucht", hatte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) versprochen.

Agata Szymanska-Medina / DER SPIEGEL

In dieser Allgemeinheit klingt das fabelhaft. Um den Anspruch einzulösen, hätte Gröhe allerdings für mehr Personal bei Pflegediensten sorgen müssen, schließlich ist die Zahl der Menschen, die Anspruch auf Leistungen haben, im ersten Jahr der Reform um rund 300.000 gestiegen. Vor allem aber sind einige der neuen Instrumente zu bürokratisch geraten.

So haben alle Pflegebedürftigen seit Jahresbeginn Anspruch auf einen sogenannten Entlastungsbetrag von monatlich 125 Euro. Damit können sie sich Hilfe für den Haushalt oder beim Einkaufen organisieren. Allerdings erhalten sie das Geld nur, wenn sie einen Dienstleister anheuern, den die Pflegekasse und das Bundesland anerkannt haben. "Das geht am Bedarf der Menschen vorbei", kritisiert Burmeister. Besser wäre es, wenn die Pflegebedürftigen das Geld bekämen, um sich mit einer kleinen Aufmerksamkeit bei Nachbarn zu bedanken, die den Einkauf erledigen, oder beim Enkel, der sie zur Ergotherapie fährt.

Auch von der sogenannten Verhinderungspflege wird kaum Gebrauch gemacht. Angehörige können heute für bis zu sechs Wochen im Jahr auf Kosten der Kasse eine Ersatzpflege engagieren, um sich zu entlasten, Urlaub zu machen. In der Praxis wird jedoch nur ein Bruchteil der Mittel bei den Kassen abgerufen. "Die Leute wissen einfach nicht, dass es diese Angebote gibt", sagt Burmeister.

Dass so wenige die Hilfen nutzen, mag auch daran liegen, dass es einige Energie und Ausdauer kostet, aus einem theoretischen Anspruch eine praktische Auszahlung aus der Pflegekasse zu machen: Wer etwas will, muss sich bemerkbar machen. Der muss sich aufraffen, wenn die Kasse Zuschüsse ablehnt, und Widerspruch einlegen, auch wenn es nur um 40 Euro monatlich für Hilfsmittel wie Einmalhandschuhe oder Desinfektionsmittel geht.

Selbst wer alle Tricks beherrscht und alle Paragrafen kennt, muss feststellen: Die Sozialkasse deckt nicht einmal annähernd alle Kosten ab, die bei der Pflege anfallen, sie bietet lediglich eine Teilabsicherung. Wer einen Patienten des mittleren Pflegegrads 3 pflegt, der kann nur mit 545 Euro Pflegegeld rechnen. Es würde aber mindestens rund viermal so viel kosten, im Schnitt 1800 Euro, wenn man eine Hilfskraft anstellte, die mit in der Wohnung des Pflegefalls lebt. So etwas muss man sich leisten können.

Dennoch wird dieses Modell in Deutschland immer beliebter. In jedem zwölften Pflegehaushalt lebt bereits eine Helferin, meist kommt sie aus Osteuropa. Damit könnte die Versorgung fürs Erste geregelt sein. So jedenfalls die Hoffnung.

Pflege heißt organisieren

Der Duft von Gebratenem hängt noch im Wohnzimmer. Zu Mittag gab es Schnitzel mit Soße. "Es war lecker", sagt die alte Dame mit dem gepflegten weißen Pagenkopf, die sich zum Mittagsschlaf auf die Couch zurückgezogen hat. Im Sessel gegenüber atmet ihre Tochter hörbar auf, ein Seufzer der Erleichterung.

Wochenlang hat Elisabeth Marx versucht, eine gute Hilfskraft für ihre Mutter zu finden. Nun setzt sie ihre Hoffnungen auf Lucya. Am Abend zuvor erst ist die 50-Jährige in einem Kleinbus voller Haushaltshilfen aus Polen angereist. Jetzt steht sie in roten Samthausschuhen vor der Küchenspüle und kümmert sich geräuschvoll um den Abwasch. "Wenn das mit Lucya nicht funktioniert, Mutti, dann haben wir keine Alternative mehr", flüstert die Tochter. Die Mutter nickt stumm.

Hinter beiden liegt ein monatelanger Ausnahmezustand. Im Sommer war die Mutter gestürzt. Fast zwei Stunden lag die 74-Jährige allein in ihrem Haus vor der Tür zur Terrasse. Sie hatte vergessen, dass sie an ihrem Handgelenk den Notfallknopf trug, mit dem sie den Malteser-Hilfsdienst hätte alarmieren können. Von diesem Tag an war Elisabeth Marx klar, dass ihre Mutter nicht mehr allein klarkommt.

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In einem Münchner Vorort leben die beiden nur drei Straßen voneinander entfernt, eigentlich günstige Voraussetzungen. Der Tochter ging es vor allem um eines: alles zu tun, damit die Mutter so lange wie möglich in der kleinen weißen Doppelhaushälfte bleiben konnte, in der sie seit Jahrzehnten lebt. Bis zum Sommer kam die Tochter viermal am Tag vorbei, brachte Essen und sah nach der Mutter. Es war ein Kraftakt, neben ihren zwei Kindern und ihrem Beruf als Lehrerin.

Nun ging es nicht mehr. Marx entschied sich, eine 24-Stunden-Betreuung durch eine Hilfskraft aus Osteuropa für die Mutter zu organisieren. "Man wird da so reingeschmissen, wenn man schnell eine Lösung finden muss", sagt sie. Die Suche gestaltete sich komplizierter als gedacht.

Bis zu 300.000 Arbeitsmigranten, so schätzen Sozialexperten, pflegen Senioren in Deutschland. Fast alle sind Frauen. Sie nennen sich selbstironisch die "Betreuerinkis", sie kommen aus Polen, Bulgarien oder Rumänien. Dort werden sie rekrutiert, in Deutschland sucht dann eine Vermittlungsagentur eine Stelle für sie.

Dieses Geschäftsmodell erlebt einen bemerkenswerten Aufschwung. Fast 300 Unternehmen bieten solche Dienstleistungen an, ganz legal, sofern die Kräfte in ihrer Heimat gemeldet und sozialversichert sind und in Deutschland den Mindestlohn erhalten: Er liegt derzeit bei 8,84 Euro.

In der Praxis arbeiten die Frauen laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung rund zehn Stunden am Tag, also länger als die 48 Stunden pro Woche, die das Arbeitszeitrecht erlaubt. Hier offenbart sich ein Dilemma: Würde die Politik stärker kontrollieren, ob Mindestlohn und Arbeitszeiten eingehalten werden, würde die häusliche Rundumpflege noch teurer und die soziale Spaltung noch größer. Die Pflegerinnen verlören eine Stelle, in der sie häufig mehr als doppelt so viel verdienen wie daheim. "Augen zu und durch", lautet deshalb die Strategie aller Beteiligten.

Wer durch die Kataloge der Vermittlungsagenturen blättert, den beschleicht ein seltsames Gefühl, aus der Ferne erinnert das Geschäft an Menschenhandel. Promedica24, nach eigenen Angaben der Marktführer, bietet die Dienste von Helferinnen in verschiedenen Preisklassen an, von "Platin" ("fließendes Deutsch und Altenpflegeschulung") bis "Basic" ("keine Kenntnisse der deutschen Sprache"). Elisabeth Marx buchte "Silber Plus" ("erweiterter Wortschatz"), 2688 Euro monatlich sollte die Betreuung der Mutter kosten.

Als Erste kam eine Fachkraft aus Rumänien, sie zog ins alte Kinderzimmer im ersten Stock. Es dauerte, bis die Mutter eine fremde Person in ihrem Haushalt akzeptierte. Als die beiden sich aneinander gewöhnt hatten, fuhr die Pflegerin schon wieder nach Hause. Die Agentur schickte die Lebensläufe zweier potenzieller Nachfolgerinnen. Aus den Papieren ging hervor, dass die Kandidatinnen nur "einzelne Wörter" Deutsch beherrschten und ansonsten auf "nonverbale Kommunikation" setzten. "Maximal Bronze", befand Marx, sie akzeptierte die Angebote nicht. Die Sache endete im Streit um Geld und Paragrafen, deshalb möchte sie ihren richtigen Namen nicht genannt wissen.

Über 8000 Betreuungskräfte hat Promedica nach eigenen Angaben im Angebot. Deutschkenntnisse würden in den mehr als 55 Rekrutierungsbüros in Osteuropa überprüft. "Weniger als fünf Prozent" der Kunden lehnten eine angebotene Pflegekraft mit dem Hinweis ab, dass die Sprachkenntnisse nicht der gebuchten Leistung entsprächen. Das Unternehmen habe die Erfahrung gemacht, dass das Sprachvermögen bei der Ankunft der Betreuungskraft "vom Kunden anders bewertet werden kann", heißt es bei Promedica.

Für Elisabeth Marx folgten weitere Enttäuschungen mit Pflegediensten und Fachkräften, die ihre Mutter, diese elegante Frau, beim ersten Treffen mit "Du bist ja eine Süße" begrüßten. Nun hat Marx eine neue Agentur engagiert, die Empfehlung einer Bekannten. Sie hat ihr Lucya geschickt, und es sieht aus, als könnte es diesmal klappen.

"Erster Eindruck sehr gut", sagt auch Lucya, "nette Frau, nette Tochter."

Allerdings ist Lucyas Zeit in Deutschland begrenzt. Sie hat ebenfalls Eltern, um die sie sich sorgt. Ihr Vater ist 80. "Wenn er krank wird, bleibe ich zu Hause."

Pflege macht arm

Tochter und Mutter Marx aus München verfügen über den finanziellen Spielraum, der ihnen eine 24-Stunden-Betreuungskraft erlaubt. Solche Modelle seien "nur für Haushalte aus stärkeren sozioökonomischen Milieus finanzierbar", schreiben die Forscher der Böckler-Stiftung - also Familien, die gut verdienen und genügend Vermögen haben, das sie über Jahre hinweg aufzehren können. Es ist die Minderheit in Deutschland.

Eine Pflegekraft aus Polen? Almut Laudien, die pflegende Schwiegertochter aus dem Havelland, lacht verständnislos. Das können sie und ihr Mann sich beim besten Willen nicht leisten. Laudien erhält 901 Euro an Pflegegeld, es ist der Höchstsatz für Pflegegrad 5, dazu kommt noch die kleine Rente ihres Mannes. "Wir leben von der Hand in den Mund", sagt sie.

Das Erbe des vor zwei Jahren verstorbenen Vaters ist aufgebraucht, den Bausparvertrag haben sie aufgelöst und von dem Geld einen gebrauchten Honda gekauft. Mal ausspannen, zur Ruhe kommen ist für die Laudiens nicht drin. Sie schränken sich ein, wo sie können, aber: Sie kommen noch zurecht. Sorgen bereitet ihnen die Zukunft.

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Die Schwiegermutter baut zusehends ab. Wenn sie irgendwann nicht mehr da ist und das Pflegegeld wegfällt, können sie die Miete für das Haus kaum mehr aufbringen, 650 Euro zahlen sie kalt. Mit ihren 57 Jahren rechnet sich Laudien keine großen Chancen auf dem brandenburgischen Arbeitsmarkt aus. Bis zum Ruhestand ist es aber noch lange hin, der jährliche Brief von der Rentenversicherung vermittelt ihr eine Vorstellung, mit welchem Betrag sie zu rechnen hat: "Irgendwas mit 300 Euro" stehe auf dem Papier, sagt sie. Wovon, fragt sie sich, soll sie im Alter leben?

Es ist eine der großen Ungerechtigkeiten des Sozialstaats: Wer zu Hause pflegt, arbeitet oft genauso hart wie jemand, der ins Büro oder in die Fabrik geht. Er investiert, wenn er keine Hilfe hat, sogar mehr Zeit als der Vollzeiterwerbstätige: Im Schnitt wendet ein Haushalt wöchentlich 63 Stunden für die Pflege auf. Mehr schuften, aber weniger verdienen: Das Pflegegeld, zwischen 316 und 901 Euro, lässt sich bloß als kleine Anerkennung verstehen.

"Wer pflegt, landet in der Armutsfalle", warnt Susanne Hallermann von "Wir pflegen", einer bundesweiten Interessenvertretung pflegender Angehöriger. Hallermann hat dies selbst erfahren. Sie war voll berufstätig, dann begann sie, sich um ihre demente Großmutter zu kümmern. Sie reduzierte die Arbeitszeit, später kündigte sie den Job, es endete damit, dass sie Hartz IV bezog. "Das geht schneller, als man denken kann", sagt Hallermann.

Die zwangsweise Auszeit hat weitreichende Folgen. Ob jemand seine mittleren Lebensjahre am Schreibtisch verbracht hat oder am Pflegebett, bedeutet bei der Berechnung der Rente einen enormen Unterschied. Zwar hat die Pflegereform die Bedingungen etwas verbessert. Angehörige müssen nun nachweisen, dass sie wenigstens 10 Stunden pro Woche gepflegt haben, um Geld aus der Rentenversicherung zu bekommen, früher lag die Schwelle bei 14 Stunden. Dennoch erhalten sie eine geringere Rente als der Durchschnittsverdiener.

Ein Angehöriger, der sich bei der Pflege helfen lässt, wird sogar bestraft. Er hat Abzüge bei der Rente hinzunehmen, selbst wenn er einen Angehörigen mit Pflegegrad 5 betreut. "Das schafft man gar nicht allein", sagt Hallermann.

Spätestens im Alter erweist es sich finanziell als Nachteil, wenn man Angehörige gepflegt hat, statt seinem Beruf nachgegangen zu sein. So erklärt sich zu einem großen Teil auch, warum Frauen in Deutschland so schlecht versorgt sind, ihre Renten erreichen im Schnitt nur 60 Prozent der Höhe einer Männerrente. Nirgends in der westlichen Welt ist die Lücke zwischen den Geschlechtern größer, die Pflegesituation ist dafür mitverantwortlich, genauer: die Schwierigkeit, Beruf und Pflege miteinander zu vereinbaren.

Bislang wurde die Familienfreundlichkeit einer Firma vor allem daran gemessen, wie der Betrieb Eltern mit kleinen Kindern unterstützt; hier hat sich viel verbessert. Nur wenig dagegen ist passiert in der Frage, wie erwachsene Kinder es hinbekommen sollen, die alten Eltern zu pflegen.

Pflege bremst die Karriere

Der Unterschied zeigt sich schon in der Wertschätzung: Wer den Nachwuchs versorgt, erntet meist Anerkennung. Wer sich um die Eltern kümmert, dem wird bestenfalls Mitleid entgegengebracht - sofern die Töchter und Söhne überhaupt preisgeben, was sie vor und nach Dienstschluss beschäftigt.

"Es ist noch immer ein Tabu", sagt der Unternehmer Ludger Osterkamp. "Normal geht keiner zum Chef und sagt: 'Ich muss jetzt meine kranke Mutter pflegen.'"

Osterkamp, ein Ingenieur mit grauem Dreitagebart, sitzt mit seinen Mitarbeitern beim Mittagessen im Besprechungsraum. Er summt vor sich hin, hat die Hemdsärmel hochgekrempelt, dann entschuldigt er sich und verschwindet im Nebenraum. Er spielt eine Partie Billard mit einem Kollegen, das tun sie jeden Mittag.

Unternehmer Osterkamp
Agata Szymanska-Medina / DER SPIEGEL

Unternehmer Osterkamp

Osterkamp ist kein typischer Chef, und mit ExTox, einem Spezialisten für Gasmesssysteme mit Sitz in Unna, leitet er keine gewöhnliche Firma. Hier kann jeder der 76 Mitarbeiter kommen und gehen, wann er will. Das Mittagessen ist kostenlos, im Untergeschoss gibt es einen Probenraum für die firmeneigene Band. Und regelmäßig findet ein "Elternsprechtag" statt: damit auch mal die Mütter und Väter eine Idee davon bekämen, wo ihre erwachsenen Kinder arbeiten, sagt Osterkamp.

Der erste Sprechtag vor vier Jahren brachte ihn darauf, seinen Mitarbeitern Hilfe anzubieten, wenn deren Eltern Unterstützung benötigten, aus diesem Grund ließ sich Osterkamp zum Pflegebegleiter ausbilden. Drei Monate lang besuchte er jeden Freitag einen Lehrgang. Nun kann der Geschäftsführer seinen Leuten Tipps geben, beispielsweise, woran man einen seriösen Pflegedienst erkennt.

Nur in wenigen Betrieben in Deutschland ist ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Nöte von Mitarbeitern mit bedürftigen Eltern vorhanden - oder gar ein Instrumentarium, wie sie diese unterstützen können. Viele Führungskräfte ahnen gar nicht, dass ein Teil ihrer Leute doppelt belastet ist, mit Job und Pflege.

Manche Beschäftigten reduzieren ihre Arbeitszeit. Andere hangeln sich irgendwie durch und lassen sich auch mal krankschreiben. Oder sie steigen ganz aus ihrem Beruf aus. Die Pflege Angehöriger bedeutet für viele das Ende des beruflichen Aufstiegs - und für die Volkswirtschaft einen immensen Verlust an Know-how.

Das Potenzial an Arbeitskräften wird sowieso spürbar sinken, bis 2030 dürften laut Prognos-Institut drei Millionen Fachkräfte fehlen. Die Unternehmen täten also gut daran, Modelle zu entwickeln, wie sich Beruf und Pflege besser vereinbaren lassen: mit Arbeitszeitkonten, mit Heimarbeit, Telearbeit oder Gleitzeit. Doch erst ein Fünftel aller Firmen hat spezielle Angebote für pflegende Angehörige ausgearbeitet, meist sind es größere Konzerne.

Siemens hat ein "Elder Care"-Programm eingerichtet, dazu gehören Vortragsreihen, ein Informationsportal im Intranet und eine eigene Telefonhotline. Auch Bosch bietet solche Hilfen an. Dort können Mitarbeiter für drei Jahre pflegebedingt aus dem Job aussteigen. Das Besondere: Diese Auszeit wird als sogenannter Karrierebaustein angerechnet und berücksichtigt wie ein Auslandsaufenthalt oder Personalverantwortung. Damit soll verhindert werden, dass Pflege zum Karrierekiller wird.

Der Gesetzgeber tat sich bislang schwer mit Regeln für die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege. Angehörige haben zwar mittlerweile Anspruch auf eine Pflegezeit von sechs Monaten oder eine Familienpflegezeit, in der sie maximal zwei Jahre lang ihre Arbeitszeit auf bis zu 15 Wochenstunden verringern können. Doch die Familienpflegezeit gilt nur in Betrieben mit mehr als 25 Beschäftigten, Millionen Mitarbeiter bleiben davon ausgeschlossen.

Ohnehin können sich die wenigsten eine solche Auszeit überhaupt leisten. Der Staat gewährt zum Ausgleich lediglich ein zinsloses Darlehen, die Empfänger müssen es zurückzahlen. Entsprechend gering ist die Resonanz: Seit 2015 wurden 754 Anträge eingereicht und 618 bewilligt. Zum Vergleich: Allein im Jahr 2016 haben 1,64 Millionen Väter oder Mütter, die ihre kleinen Kinder betreuen, Elterngeld bezogen. Der Unterschied: Sie bekommen je Kind bis zu 21.600 Euro vom Staat quasi geschenkt.

So hängt es überwiegend vom guten Willen des Arbeitgebers ab, ob die Beschäftigten die Pflege mit ihrem Job vereinbaren können. Bei ExTox in Unna funktioniert es vor allem, weil Geschäftsführer Osterkamp seine Mitarbeiter kennt und allen Vertrauen entgegenbringt. Olaf Kayser arbeitet dort im Lager, vor einem Jahr musste er immer wieder die Arbeit spontan unterbrechen und zur krebskranken Mutter eilen, vor allem nach der Chemotherapie ging es ihr oft schlecht.

Manchmal blieb er Stunden weg, manchmal auch Tage, aber stets traf er auf Verständnis, daran erinnert er sich. "Ich konnte jederzeit das Lager verlassen." Kayser wusste, dass der Betrieb hinter ihm steht, das hatte ihm Geschäftsführer Osterkamp versichert, er solle sich keine Sorgen machen, sie würden das schon wuppen.

Im vergangenen Sommer ist Kaysers Mutter gestorben. Die Unterstützung, die er bekommen hat, rechnet der Lagerist den Kollegen hoch an. Ihm ist bewusst, dass es auch ganz anders hätte kommen können. Er hat es selbst erlebt.

Vor Jahren arbeitete Kayser als Pfleger in einem Wachkoma-Zentrum. Dort habe er beobachten müssen, wie Angehörige alleingelassen wurden, erzählt er: von den Freunden, den Kollegen, auch den Verwandten. Sie alle habe die Situation überfordert. "Viele Familien", hat er gesehen, "gehen daran zugrunde."

Pflege zermürbt

Wer pflegt, trägt eine Menge Lasten: die Einschränkungen im Beruf, den finanziellen Abstieg. Am schwersten jedoch wiegt die seelische Last. Wer die Pflege übernimmt, tut das oft aus Dankbarkeit. Das heißt aber noch lange nicht, dass sich auch die Eltern dankbar zeigen.

Besonders hart ist es, wenn sich das Wesen der Eltern verändert. Wer pflegt, lernt seine Angehörigen immer wieder neu kennen, sagen Psychologen. Und vieles von dem, was man dabei entdeckt, hätte man lieber nicht gewusst, vor allem dann, wenn die eigenen Eltern dement werden.

Ulrike Heinsch, 42, hat sich zwei Jahre lang zwischen zwei Leben zerrissen: dem Leben als Ehefrau und Landschaftsgärtnerin mit eigenem Betrieb - und dem Leben als Pflegekraft der eigenen Mutter, zu der sie fast täglich mit dem Auto fuhr. Sie überredete die Mutter zum Essen. Füllte den Kühlschrank. Putzte. "Es war meine Mama, ich hing an ihr", sagt sie. Doch je weiter die Krankheit fortschritt, desto unerträglicher wurde die Situation. Zuerst kamen ihrer Mutter die Worte abhanden, dann das Gespür für die Realität. Was auch immer sie in ihrer Wohnung verlegt hatte, sie unterstellte, die Tochter habe es genommen: Schuhe, Löffel, Geldbörse. Am Ende wähnte die Mutter sogar Dinge gestohlen, die es im Haushalt nie gegeben hatte.

"Es war wie früher", sagt Heinsch. "Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, das vor seiner schimpfenden Mutter steht." Die Wut kroch ihr die Kehle hoch, irgendwann brach sie aus ihr heraus. "Ich habe meine Mama angebrüllt", sagt Heinsch. Es war der Moment, in dem sie erkannte, dass auch sie selbst Hilfe benötigte.

Sie wandte sich an die Berliner Initiative "Pflege in Not", dort berät Gabriele Tammen-Parr mit ihrem Team Angehörige, die an ihre Grenzen geraten. Tammen-Parr ist Sozialpädagogin, jeden Monat bekommt sie bis zu 180 Anrufe Betroffener. Vor 18 Jahren hat sie unter dem Dach der Diakonie ihren Verein gegründet, sie kann sich noch an ihre ersten Telefonate erinnern. Darunter war eine Frau, die weinend gestand, sie habe ihre greise Mutter mit der Haarbürste geschlagen.

Viele Angehörige unterschätzen, wie lange die Pflege sie bindet. Am Anfang, sagt Tammen-Parr, seien alle noch voller Elan. "Doch irgendwann kommt der Tag, an dem sie sich überfordert fühlen."

Die Generationen tauschen unweigerlich die Rollen, weil nicht mehr Eltern, sondern ihre Kinder die Entscheidungen fällen: den Pflegedienst aussuchen oder bestimmen, was gegessen wird. Die Kinder wiederum schmerzt es, die Schwäche der Eltern zu sehen. Und die schwerste Bürde sei es, sagt Tammen-Parr, wenn die Kinder den Eltern irgendwann versprochen hätten, sie nicht ins Heim zu geben. Niemals.

Auch Geschwister machen die Sache nicht immer leichter. In Familiengeschichten steckt der Ballast von Jahrzehnten. Häufig brechen alte Konflikte auf: Rivalitäten, Verletzungen, Kränkungen. Dann rechnen sich erwachsene Kinder vor, wer einst von Papa den Führerschein geschenkt bekam und wer ihn selbst zahlen musste.

Nicht selten übernehme ausgerechnet jenes Kind die Pflege, das schon immer die brüchigste Beziehung zu den Eltern hatte - "in der Hoffnung, endlich die Liebe zu bekommen, nach der es sich immer gesehnt hat", sagt Tammen-Parr.

In vielen Gesprächen gibt es diese eine Frage, die auch überforderte Angehörige ungern hören. Sie lautet: "Wollen Sie das alles noch?" Es sei wichtig, sie ehrlich zu beantworten, erklärt die Sozialpädagogin. "Wer jeden Tag mit Groll und Wut aufwacht, sollte darüber nachdenken, ob sich etwas ändern müsste."

Ulrike Heinsch hat Konsequenzen gezogen. "Allein wäre meine Mutter in ihrer Wohnung verhungert, sie hat weder gegessen noch getrunken." Nach dem jüngsten Krankenhausaufenthalt ist ihre Mutter in eine Demenz-WG gezogen. Es sei die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen, sagt Heinsch. Aber auch die schwerste: "Ich habe lange mit mir gehadert."

Pflegende Tochter Heinsch
Agata Szymanska-Medina / DER SPIEGEL

Pflegende Tochter Heinsch

Im Sommer verbrachte ihre Mutter viele Tage im Garten der Demenz-WG, ihr geht es besser, die Wangen sind wieder voller. "Wenn ich meine Mutter jetzt besuche, freut sie sich einen Kullerkeks", sagt Heinsch. Von angeblichen Diebstählen war nie wieder die Rede.

Pflege ist eine Chance

Wer anderen hilft, braucht manchmal selbst Hilfe. Es fällt schwer, das zu erkennen. Pflege sei Privatsache, lautet die verbreitete Ansicht, und Hilfe anzunehmen werten viele Menschen als persönliche Niederlage. Gegen diese Vorstellung kämpfen Pflegeexperten seit Jahren an.

Wer pflegt, muss lernen, auch an sich zu denken, Abstand zu gewinnen, zu entspannen: Sport zu treiben, Musik zu hören, andere Menschen zu treffen. Er muss Zeit finden, um Kraft zu sammeln. Vielen hilft es, sich mit anderen auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen machen; in Angehörigengruppen reden sie sich den Frust von der Seele.

Es gibt viele Anlaufstellen, um sich beraten zu lassen, neben den mehr als 550 Pflegestützpunkten sind es Vereine wie "wir pflegen" oder Organisationen wie Caritas oder Diakonie, die eine Vielzahl von Schulungen anbieten: von Sturzprävention bis zum Spezialkurs Wundpflege, in der Regel kostenfrei. Und die immerhin rund 230.000 Kinder und Jugendlichen, die Angehörige pflegen, können sich jetzt auch unter der "Nummer gegen Kummer" (116 111) bundesweit beraten lassen.

Es ist leichter, Hilfe zu finden, als viele vermuten. Allerdings reiche es nicht aus, dass sich die bekannten Institutionen um Lösungen bemühten, sagt die Hamburger Gesundheitsökonomin Susanne Busch, damit sei der Sozialstaat überfordert. Sie plädiert für mehr nachbarschaftliches Engagement. Busch hat gemeinsam mit einem Team eine Tauschbörse für pflegende Angehörige entwickelt.

Die Idee: Ein Kind, das in München lebt, aber dessen pflegebedürftige Eltern in Hamburg zu Hause sind, kann sich kurzschließen mit jemandem, bei dem es umgekehrt ist. Ziel ist es ausdrücklich nicht, dass die Kinder den Pateneltern den Haushalt führen oder Pflegearbeit leisten. Es geht vielmehr darum, Dinge zu erledigen, die sich aus der Ferne nicht regeln lassen, Sachen wie der Wechsel einer Glühbirne.

Busch ist Professorin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Es war auch die private Betroffenheit, die Anstoß zu dem Projekt gab. Ihre kürzlich verstorbene Mutter lebte in Augsburg, rund 700 Kilometer entfernt. Am Telefon sei es manchmal schwer zu bestimmen gewesen, wie die Lage dort wirklich war, berichtet Busch: Alles unter Kontrolle - oder besser alles kontrollieren? Immer wieder verspürte die Professorin das ungute Gefühl: "Da passiert gerade was."

"Anita" heißt das Projekt, es steht für "Angehörige im Tausch". Eine Website, über die sich passende Familien finden, wird derzeit entworfen. Idealerweise sollten sich die Familien zuvor gegenseitig kennenlernen, um sich ein Bild voneinander machen zu können. Das setzt allerdings voraus, dass sich die Töchter und Söhne frühzeitig Gedanken über die Zukunft machen, zusammen mit den Eltern.

Daran mangelt es der Generation Pflege generell. Ihr fehlt es an Vorbereitung auf die Aufgabe, die sich ihnen stellt - mental und praktisch. In der Regel setzen die Kinder sich zu spät mit der Frage auseinander, was aus Papa, was aus Mama wird, wenn sie nicht mehr können. Die Antworten schieben sie vor sich her, bis es zu spät ist für die nötigen Veränderungen: in eine kleinere Wohnung umzuziehen, das Haus umzubauen, sich ein helfendes Umfeld zu schaffen. Pflege bedarf der Planung.

Dass die Angehörigen unvorbereitet in die Situation hineinrutschen, erkennt der Heimleiter Hans-Jürgen Wilhelm daran, wie kurzfristig sie einen Platz für ihre Eltern suchen. Wilhelm, promovierter Soziologe, ist Vorstand des Elisabeth Alten- und Pflegeheims, einer von Freimaurern getragenen Einrichtung im Hamburger Schanzenviertel. Meist werde er am Telefon gefragt, ob es möglich sei, in ein oder zwei Wochen einzuziehen. Dies klappe auch oft, sagt er: "Wir führen keine Warteliste."

Lieber wäre ihm allerdings, wenn Kinder und Eltern früher auf die Idee kämen und sich vielleicht mit einem halben Jahr Vorlauf das Haus anschauten. Dann könnten sie in Ruhe die Frage beantworten, ob sie sich einen Lebensabend in dieser Einrichtung vorstellen können.

Wie oft so etwas schon vorgekommen sei? "Sehr selten", sagt Wilhelm.

Dies sei bedauerlich, weil eine frühe Auseinandersetzung helfen könnte, Vorurteile über Altenheime auszuräumen. Wilhelm plädiert dafür, nüchterner mit dem Thema umzugehen. Oft werde er gefragt: "Würden Sie in Ihrem Heim leben wollen?" Dann antwortet er: "Das ist die falsche Frage." Niemand sei begeistert davon, im Heim zu leben, es gehe ja auch keiner gern zum Zahnarzt, argumentiert er. Dennoch sei jeder froh, dass es Zahnärzte gebe, wenn man sie brauche, und genauso sei es mit Pflegeheimen: "Wenn es meine Gesundheit oder meine soziale Lage erfordert, bin ich sehr glücklich, dass es dieses Angebot gibt."

Die Schwierigkeit besteht darin, es anzunehmen und den richtigen Zeitpunkt zu erkennen. Er ist mit Sicherheit erreicht, wenn die Gepflegten keine Minute mehr aus den Augen gelassen werden können, wenn ein Pflegedienst kaum Entlastung bringt oder wenn die Angehörigen so angespannt sind, dass sie wegen Kleinigkeiten die Fassung verlieren. Dann spricht viel für einen Umzug.

Um ein geeignetes Heim zu finden, müssen sich Angehörige vor Ort kundig machen. Sie sollten darauf achten, welchen Eindruck die Bewohner vermitteln oder wie der Umgangston ist; ein guter Indikator ist auch der Geruch im Haus. Oft ist es hilfreich, frühzeitig das Angebot einer Tagespflege zu nutzen; so kann sich der Betroffene an die Vorstellung eines neuen Lebensumfelds gewöhnen.

Es muss die Kinder also nicht zwangsläufig wie ein Schock treffen, wenn die Eltern pflegebedürftig werden. Wer sich beizeiten kümmert, der kann sich auf die neue Situation einstellen. Und für den kann die Pflege sogar eine Chance sein.

Sie bietet die Gelegenheit, eine neue Einstellung zu den Eltern zu entwickeln, sich dankbar zu zeigen, etwas zu lernen über das Leben, den Tod, die Familie. Und viele empfinden es als Geschenk, wenn sie Vater oder Mutter in ihrer letzten Lebensphase begleiten und ihnen etwas davon zurückgeben können, was sie als Kind bekommen haben.

Das ist es, was die Friesackerin Almut Laudien antreibt, was ihr Erfüllung bereitet, auch im 18. Jahr der Verwandtenpflege. Laudien möchte davon jetzt etwas weitergeben. Im Arbeitszimmer bastelt sie an ihrem Internetauftritt. Sie stellt ein Onlineangebot zusammen, das sich an pflegende Angehörige richten soll.

"Ich habe noch Ziele, noch Wünsche, noch Hoffnung", sagt Laudien. Wie sie es sagt, klingt es fast trotzig. Ihre Schwiegermutter gehört dazu, Laudien will ihr ein schönes, ein würdiges Leben bereiten, solange es eben noch dauern mag. "Mein Leben kommt noch", sagt Laudien, "danach."

Günstig und versorgt, aber fern der Heimat verbringen einige deutsche Rentner ihren Lebensabend. SPIEGEL TV hat eine Einrichtung für betreutes Wohnen am Plattensee in Ungarn besucht.

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