AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2018

Schnupfen Was taugen die neuen Anti-Erkältungs-Sprays?

Die Industrie vermarktet Sprays, die vor Erkältungen schützen sollen. Experten zweifeln an der Wirksamkeit der teuren Medikamente.

Nasenspray soll die Schleimhäute vom Austrocknen bewahren
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Nasenspray soll die Schleimhäute vom Austrocknen bewahren

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So hartnäckig wie eine verstopfte Nase halten sich Mythen und profundes Halbwissen zu Erkältungskrankheiten: Angeblich führen nasse oder kalte Füße zu einer Erkältung, manche Globuli-Experten machen bereits eine niedrige Umgebungstemperatur für einen Schnupfen verantwortlich.

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Heft 5/2018
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Dabei ist es nicht die Kälte, die zum grippalen Infekt führt. Erkältungsviren, von denen es mehr als 200 verschiedene Stämme gibt, befallen die Schleimhäute der oberen Atemwege. Die aktuelle Häufung dieser Krankheiten ist deshalb eher auf ausgetrocknete und lädierte Schleimhäute in schlecht gelüfteten, warmen Räumen zurückzuführen.

Die Pharmaindustrie verspricht Rettung und bewirbt neuerdings Anti-Erkältungs-Sprays, die angeblich schon vor Ausbruch der Erkrankung verhindern sollen, dass einen die Infektion ereilt. Die bislang in der Apotheke erhältlichen chemischen Mischungen setzen erst nach Ausbruch des Infekts an und bekämpfen - meist wenig erfolgreich - die Symptome: Triefnase, Abgeschlagenheit, Krächzen.

Sind die neuen Sprays also die Lösung für die Januar-Erkältung? Oder nur eine gewiefte Art, auf einem Milliardenmarkt Anteile abzugreifen?

Beim Pharmahersteller Stada gibt man vor, an die Wirksamkeit zu glauben: Eine "Innovation" sei das neue Produkt Viruprotect. Es handle sich um nicht weniger als einen "Schutzschild gegen Erkältungsviren!". Hätte Stada recht, müsste Viruprotect eine Zauberflüssigkeit sein: Es soll die Virenmenge um mehr als 90 Prozent verringern und die Erkältungsdauer um bis zu drei Tage reduzieren. Das in Apotheken erhältliche Spray (rund 20 Euro Listenpreis) soll dafür alle zwei Stunden in den Mund gesprüht werden. So werde die Bindung von Viren an Schleimhautzellen verhindert.

Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des Fachblatts "Arznei-Telegramm", rät von der Verwendung des Sprays ab. "Wir finden keine hinreichenden Belege für die Werbeaussagen. Ich halte die Aussagen für grob irreführend, da ein fast hundertprozentiger Schutz suggeriert wird", sagt der Arzt und Apotheker. Stada argumentiere mit Beobachtungsstudien, die keine Nutzenbelege liefern könnten. In einer Studie etwa infizierte man die Nasen von 46 gesunden Menschen mit Viren, die Probanden wurden anschließend auf einen Rückgang der Viruslast untersucht. Für Becker-Brüser fehlen Belege für den Verlauf unter Echtbedingungen.

Die Autoren bezeichnen ihre Untersuchung selbst als Pilotstudie - also eine orientierende Studie. Zudem sind zwei der sechs Verfasser Mitarbeiter des Herstellers. Stada sagt, die wissenschaftlichen Nachweise gingen deutlich über die rechtlichen Anforderungen hinaus.

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Auch Hermes Arzneimittel setzt auf ein Erkältungsspray und hat 2017 Algovir auf den Markt gebracht - angeblich ebenfalls eine "Innovation". "Es liegen für Algovir zwar Studien vor, doch einen Beweis für die Wirksamkeit des Mittels können sie nicht liefern", sagt Mediziner Becker-Brüser. Hermes hält die Kritik für ungerechtfertigt.

Auf wissenschaftliche Wirksamkeitsbelege legt man in deutschen Apotheken offenbar wenig Wert. Die Regale sind voll von Tabletten, Säften, Kapseln und Sprays, die angeblich der Erkältung vorbeugen oder sie vertreiben sollen. Knapp 1,9 Milliarden Euro gaben die Deutschen 2016 für Erkältungsmittel aus. Grippostad C (ebenfalls Stada) ist ein Bestseller unter den rezeptfreien Erkältungsmitteln. Kauft man derzeit den Paracetamol-Koffein-Mischmasch und legt einen Coupon aus einer Boulevardzeitung vor, gibt es einen "exklusiven Schlüsselanhänger" gratis. Und der Hersteller Sanofi-Aventis verpasste seinem Grippemittel BoxaGrippal einen Namen, der dem Laien suggeriert: Hier wird gegen die Keime hart gekämpft.

Rund 1,5 Milliarden Euro gibt die Pharma- und Gesundheitsbranche jährlich für Werbung aus, besonders für Schmerz- und Erkältungsmittel. "Apotheker sind dankbar, wenn Produkte stark beworben werden und so Kunden in die Apotheken treiben. Das ist ein Spagat zwischen Ethik und Monetik", sagt Gerd Glaeske, Professor für Arzneimittelversorgungsforschung. Die Kassenschlager, nämlich Kombinationspräparate wie Wick MediNait, Grippostad C, Boxagrippal oder Aspirin Complex, empfiehlt Glaeske nicht. Wirkstoffe wie Paracetamol oder Ibuprofen, allein angewendet, würden etwa Schmerzen und Fieber zielgenauer und schonender behandeln.

Auch von den Erkältungssprays wie Viruprotect oder Algovir hält Glaeske nichts. "Die Studienlage ist dürftig. Es gibt sogar theoretische Überlegungen, dass Algovir mit seinem Inhaltsstoff bei längerer vorbeugender Anwendung schaden könnte", sagt der Pharmakologe. Das Prinzip der Abdichtung von Schleimhäuten gegen Viren sei nicht neu, auch "Wicks erste Abwehr", vorgestellt 2004, soll auf der Basis ähnlicher Überlegungen wirken.

Wenn es um den Beleg des Nutzens geht, setzt man bei Stada nicht nur auf Studien. Es gebe "sehr positive Signale" für Viruprotect, teilt das Unternehmen mit. "Nach einer Aktion mit 'Bild der Frau', bei der 750 Leser das Produkt testen konnten, sagten 95 Prozent, dass sie es weiterempfehlen würden."

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