AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2016

Apps zum Pilze sammeln Ahnungslos im Wald

Viele Smartphone-Apps zur Bestimmung von Pilzen taugen nicht viel. Wer sich als Sammler darauf verlässt, riskiert schwere Vergiftungen.

Aus Australien eingeschleppter Tintenfischpilz
OKAPIA

Aus Australien eingeschleppter Tintenfischpilz

Von


Einen Fliegenpilz erkennt jedes Kind. Sollte man meinen. Roter Hut, weiße Tupfen. Das Problem ist nur: Starker Regen kann die Schuppen wegspülen - und auf einmal ähnelt der Fliegenpilz dem Kaiserling, einem wohlschmeckenden Speisepilz, der in Süddeutschland aus dem Boden sprießt.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 39/2016
Entspannen und bewegen - in gesundem Gleichgewicht

"Viele Sammler wissen das nicht", sagt Dieter Heinzler von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM), "das kann böse enden." Der Pilzexperte aus dem baden-württembergischen Ravensburg rät Anfängern dringend davon ab, selbst gesammelte Pilze ohne vorherige Prüfung durch einen Fachmann zu verspeisen. Einmal in der Woche bietet er im Ravensburger Rathaus eine Pilzsprechstunde an - und konnte so schon manches Unglück verhindern.

Viele Hobbysammler überschätzen sich. Täglich gehen derzeit bei den Giftnotrufzentralen in ganz Deutschland Alarmmeldungen ein, weil sich jemand den Magen verdorben oder sogar in Lebensgefahr gebracht hat. Beim Giftinformationszentrum-Nord, der Anlaufstelle für Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, hat sich die Zahl der Notrufe wegen Pilzvergiftungen in den vergangenen drei Jahren von 589 auf 1206 mehr als verdoppelt.

Dass Pilzesammeln immer beliebter wird, liegt auch an den vielen Apps, die man kostenlos oder für ein paar Euro aufs Smartphone laden kann. Angeblich ermöglichen die Miniprogramme eine einfache Pilzbestimmung. Mithilfe von Apps wie "Meine Pilze" oder "Myco pro" durchkämmen Anfänger ahnungslos die Wälder - ein Trend, der den Fachleuten große Sorgen bereitet.

"Die Gefahr, dass man sich da vertut, ist enorm", sagt Heinzler. Auch die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) warnte jetzt, eine Bestimmung durch Apps reiche nicht aus.

Im Video: Pilzexperte Ingo Hartung erklärt, was man bei der Suche beachten muss

FERDINAND KUCHLMAYR / DER SPIEGEL

Die DGfM hat in einem Vergleichstest sieben Pilz-Apps untersucht - und kommt zu einem beunruhigenden Ergebnis. Ein Großteil der Angebote kläre noch nicht einmal über "einfache Merkmale wie die Hutoberfläche (schleimig, glatt oder schuppig) oder die Fleischverfärbung" auf. So sei es zweifelhaft, kritisieren die Tester, ob die Nutzer ohne Vorkenntnisse den ungenießbaren Zedernholz-Täubling allein mithilfe einer App an seinem Geruch erkennen würden. Die Programme enthielten nicht einmal lückenlos die wichtigsten 25 Giftpilzarten.

Auch fehlten Hinweise zu Neubewertungen: Immer wieder kommt es vor, dass Pilze als giftig eingestuft werden, die bislang als genießbar galten.

Eine weitere Schwachstelle, die aber auch für herkömmliche Pilzbestimmungsbücher gilt: Die Ratgeber bieten nur eine begrenzte Auswahl. "Viele Sammler gehen davon aus, dass ihr Pilz unter den beschriebenen sein muss", so Heinzler. "Sie kommen gar nicht auf die Idee, dass es noch Tausende andere Arten gibt. So kann es passieren, dass ein recht unbekannter Giftpilz mit einem essbaren Exemplar verwechselt wird."

Heinzler besitzt mehr als hundert Bücher zur Pilzbestimmung. Manche davon widmen sich nur einer einzigen Gattung wie den Milchlingen. Regelmäßig besucht er Fortbildungen. Auch nach 35 Jahren Erfahrung als Sammler weiß der Oberschwabe, was er noch nicht weiß.

In Deutschland gibt es mehr als 14.000 Pilzarten. Und immer wieder tauchen neue auf - Zuwanderer aus anderen Regionen, Neomyceten genannt. Der aus Australien eingeschleppte Tintenfischpilz ist einer der bekanntesten unter ihnen. Immerhin besteht bei ihm keine Verwechslungsgefahr mit einem heimischen Speisepilz: Er sieht aus wie ein fleischfarbener Oktopus und riecht nach Aas.

Heikler wird es bei den giftigen Knollenblätterpilzen. Schon der Verzehr kleinerer Mengen führt zu massiven Leberschäden. In den vergangenen Monaten gab es zahlreiche schwere Vergiftungen und sogar Todesfälle; meist waren Flüchtlinge aus Syrien betroffen - einige Knollenblätterpilze ähneln dem Echten Eier-Wulstling, einem Speisepilz aus ihrer Heimat.

Gelber Knollenblätterpilz
DPA

Gelber Knollenblätterpilz

Auch beim Verzehr von Champignons sollten Sammler aufpassen. Unter die genießbaren Exemplare könnte sich ein Karbol-Egerling gemogelt haben. Der bringt zwar niemanden um, verursacht aber heftige Magen-Darm-Probleme und Schwindel.

Einmal rettete Heinzler eine ganze Familie vor einer Vergiftung. Als er die Wohnung einer Bekannten betrat, stank die ganze Küche nach Desinfektionsmittel - es war der typische Geruch eines Karbol-Egerlings.

Die Hobbysammlerin hatte körbeweise Giftpilze eingelegt, die sie für essbare Champignons hielt. "Ein Rätsel, dass sie bei dem Geruch nicht selber misstrauisch geworden ist", sagt Heinzler. Häufig sei es eben besser, seiner Nase zu vertrauen, als dem Foto in einem Buch oder einer App.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 39/2016
Entspannen und bewegen - in gesundem Gleichgewicht
Mehr zum Thema


insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
orthonormalbürger 05.10.2016
1. wer sich auf sowas verlässt
ist eindeutig selbst schuld. Das Wissen der Großeltern ist unbezahlbar, ich gehe immer noch oft in den Wald und in meiner Familie gab es noch nie eine Pilzvergiftung. Im Zweifel den Pilz immer liegen lassen als Laie.
walter_gersching 05.10.2016
2. Meine Pilze
Sicher gibt es untaugliche Apps, so wie es auch untaugliche Bücher über Pilze gibt. Ein großer Vorteil einer App ist die Handlichkeit und die Suchfunktion. Die verschiedenen Bestimmungsmöglichkeiten und der große Detailreichtum. Allein die Anzahl der vielen (verschiedenen) Bilder zu einem Pilz bieten mehr Möglichkeiten, als nur 1 bis 4 Bilder in einem Buch. Und die Möglichkeit diese Bilder zu vergrößern! Natürlich ist es richtig, den Pilz im Zweifelsfall immer liegen zu lassen, das tue ich auch, obwohl ich seit 40 Jahren Pilze sammle. Und auch ich gehe im Zweifelsfall zum Pilzberater vor Ort. Ich sammle nur Pilze, die ich absolut sicher identifizieren kann. Und selbst dann schaue ich noch in meiner App "Meine Pilze" nach, um auch den geringsten Zweifel auszuschließen. Beispiel, der im Artikel angeführte Karbol Egerling, hier im Park vor meinem Haus. In der App sofort sichtbar, die Pilze mit denen er verwechselt werden könnte, die extrem genaue Beschreibung, für Laien und (!) für Wissenschaftler, die Bilder vom Anschnitt der Stilbasis (färbt sich gelb nach reiben). Und viele andere Erkennungsmerkmale (wie der Karbolgeruch). Besonders gefällt mir, dass die App "Meine Pilze" häufig aktualisiert wird, z.B. die Warnung vor dem "Körnchenröhrling", früher als essbar deklariert(BLV Pilzführer, Bestimmungsbuch, 1981) , jetzt individuell unverträglich. Und einige andere Beispiele. Gerade die hier angeführte App "Meine Pilze" von Klaus Bornstedt erhielt erst im Oktober von der DGfM (Deutsche Gesellschaft für Mykologie e.V.) als einzige von 7 getesteten Apps eine positive Empfehlung. Also ich habe mit der o.g. App nur gute Erfahrungen gemacht. Aber, wie gesagt, wer den Pilz nicht 100% bestimmen kann, liegen lassen oder zum Pilzberater gehen. Wobei es bei vielen "Vergiftungen" auch an zu alten Exemplaren von an sich essbaren Pilzen liegen kann. Also besser: Nur junge und ganz sicher zu bestimmende Pilze mitnehmen!
santoku03 05.10.2016
3.
Wer keine Ahnung von Pilzen hat, sollte die Finger davon lassen. Pilze lernt man nicht aus Büchern oder Apps kennen, sondern indem man ein paar Mal mit Pilzkennern unterwegs ist. Und sich dann auf die 10 Arten beschränkt, die man danach sicher identifizieren kann. Ich hasse die Leute, die erstmal alles abrupfen was sie sehen und dann ihre Ausbeute bei der Pilzberatung auf den Tisch kippen und sortieren lassen. Die gibt es nämlich auch.
frankenwagen 05.10.2016
4. App vs. Buch
Ich verstehe nicht was an einem Pilzbuch jetzt besser sein soll als an einer App? Pilzbücher gibt es seit Jahrzehnten und ich hab noch nie einen Artikel gelesen der vor Pilzbüchern warnt. Die vom DGfM getesteten Apps beinhalten zum Teil genau die selben Informationen wie bekannte Pilzbücher (+mehr Fotos, Filter und Suchmöglichkeit, usw.). Apps sind da meiner Meinung eine klare Verbesserung zum Pilzbuch. Das man wenn man keine Ahnung von Pilzen hat weder mit App noch mit Buch Pilze sammeln und essen sollte, sollte eigentlich jedem klar denkenden Mensche bewusst sein.
Fricklerzzz 05.10.2016
5. Wenn die Bilder gut sind, ist es genausogut wie ein Buch
Das beste ist, mit erfahrenen Leuten zu gehen oder mit den gesammelten Pilzen nacher noch mal zu solchen zu gehen, damit nichts passiert. Irgendwie muss man ja lernen. Da man gezielter suchen kann, wenn man sich mit Pilzen auskennt, ist es sowieso das beste zuerst Anschluß zu suchen. Das Allerwichtigste hier im Norden Deutschlands ist aber ein gutes Zecken-Abwehrmittel zu verwenden, dass musste ich durch 2 Blutvergiftungen bitter lernen. Der "Zeckendruck" hat seit meiner Jugend zumindest hier 200 KM Radius Braunschweig, enorm zugenommen. in den Jahren bis 40 hatte ich genau eine Zecke, danach 15 in 5 Jahren, obwohl ich viel seltener in den Wald rauskomme. Dieses Jahr wird es leider nicht so viele Pilze geben, es war viel zu trocken im Sommer.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 39/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.