AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2018

Interview mit US-Generalmajor über vermisste Soldaten "Die Zeit ist unser Feind!"

82.000 US-Soldaten gelten als Kriegsverschollene. Hier spricht US-Generalmajor McKeague über die schwierige Suche nach Überresten und seine bewegenden Begegnungen mit Angehörigen.

Getroffener US-Bomber über Stendal im April 1945: "Mission vorerst beendet"
Bridgemanimages.com

Getroffener US-Bomber über Stendal im April 1945: "Mission vorerst beendet"


Carsten Koall / DER SPIEGEL

Kelly McKeague, 58, pensionierter Generalmajor der US-Luftwaffe, ist seit September 2017 Direktor der Defense POW/ MIA Accounting Agency mit Sitz in Washington: Seine Behörde organisiert weltweit die Suche nach amerikanischen Kriegsgefangenen und im Einsatz vermissten Soldaten. Für diese Aufgabe stehen der Spezialtruppe jährlich rund 131 Millionen Dollar zur Verfügung.

SPIEGEL: Herr McKeague, warum ist es so wichtig, auch nach vielen Jahrzehnten noch die Überreste verschollener US-Soldaten zu bergen und in die Vereinigten Staaten zurückzubringen?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 9/2018
Macht, Gewalt und Rache in der Filmindustrie

McKeague: Das ist unsere moralische Verantwortung, ja sogar unsere heilige Pflicht. Wir senden damit ein Signal an alle Männer und Frauen, die für die Vereinigten Staaten von Amerika in den Krieg ziehen: Wenn das Schlimmste passiert, dann tun wir alles, was in unserer Macht steht, um euch nach Hause zu bringen. Ich bin immer wieder überrascht, wie wichtig dies sogar noch für die Großenkel und Großneffen ist.

SPIEGEL: Der US-Kongress verlangt von Ihrer Behörde, dass Sie jedes Jahr die Gebeine von mindestens 200 verschollenen Soldaten identifizieren. Im vergangenen Jahr ist Ihnen das zum ersten Mal gelungen. Wie kam es zu diesem Durchbruch?

McKeague: Das ist zu einem Gutteil dem wissenschaftlichen Fortschritt zu verdanken. Unsere Labors sind inzwischen in der Lage, auch aus chemisch stark angegriffenen Knochenfunden DNA-Material zu extrahieren. Außerdem profitieren wir erheblich von einer Datenbank, in der Brustkorb-Röntgenbilder Tausender amerikanischer Soldaten katalogisiert sind. Ich wusste das vorher gar nicht: Das Schlüsselbein jedes Menschen ist so einzigartig wie sein Fingerabdruck. Wenn wir bei Grabungen auf ein Schlüsselbein stoßen, machen wir neuerdings davon ein Foto. Das speisen wir in die Datenbank ein, und wenn es eine Übereinstimmung gibt, bekommen wir nach wenigen Sekunden einen Treffer angezeigt.

SPIEGEL: Sie arbeiten bei Ihrer Suche mit DNA-Proben, die Ihnen die Familien der Verschollenen zur Verfügung stellen. Weckt das nicht Hoffnung bei den Angehörigen, die Sie womöglich gar nicht erfüllen können?

McKeague: Wir sagen den Angehörigen von vornherein, dass es keine Garantie gibt. Und dennoch ist die Bereitschaft groß mitzumachen. Von rund 90 Prozent der Verschollenen aus dem Korea-, Vietnam- und dem Kalten Krieg steht uns DNA-Material der Verwandten zur Verfügung. Bei den Vermissten des Zweiten Weltkriegs liegt die Zahl leider nur bei 6 Prozent, weil die Angehörigen entweder verstorben oder nicht mehr auffindbar sind.

SPIEGEL: Sie gehen davon aus, dass noch immer rund 82.000 US-Soldaten aus den zurückliegenden Kriegen verschollen sind. Wie viele davon hoffen Sie tatsächlich auffinden zu können?

McKeague: Wir schätzen, dass wir höchstens 34.000 finden können. Aber die Zeit ist unser Feind! Zeitzeugen, die uns wichtige Hinweise auf Fundorte liefern könnten, sterben. Auch die klimatischen Bedingungen arbeiten häufig gegen uns. In Vietnam ist der Boden so säurehaltig, dass wir selten mehr finden als Zähne.

SPIEGEL: Und wo liegen die übrigen Soldaten, die Sie wohl nicht mehr finden werden?

McKeague: Sie sind zum überwiegenden Teil in der Tiefsee verschollen - die meisten davon während der Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs. Zwar bergen wir auch unter Wasser einige Überreste, aber mit der heutigen Technik kommen wir nur bis zu einer Tiefe von 40 Metern.

SPIEGEL: Wie viel Zeit vergeht normalerweise zwischen dem Auffinden von Gebeinen und der Aufklärung des Falls?

McKeague: Das hängt von der Beschaffenheit und Qualität des Materials ab, auf das wir stoßen. In der Regel dauert es mehrere Jahre. Gerade eben haben wir den Fall eines in Korea gefallenen Soldaten aufgeklärt, dessen Gebeine bereits seit elf Jahren bei uns lagerten.

SPIEGEL: Wie schnell werden in so einem Fall die Angehörigen benachrichtigt?

McKeague: Sofort. Das Prozedere ist fast dasselbe, als wäre der Soldat erst wenige Tage zuvor im Kampf gefallen. Ein Offizier der US-Streitkräfte nimmt direkt Kontakt zu den nächsten Angehörigen auf. Selbst wenn wir nur einen einzigen Zahn finden, erhält der Verstorbene ein Begräbnis mit allen militärischen Ehren - genauso wie ein Soldat, der erst vor wenigen Wochen in Afghanistan gestorben ist.

SPIEGEL: Wie reagieren die Angehörigen?

McKeague: Natürlich sind sie dankbar, fast immer herrscht eine große Euphorie. Die Angehörigen sprechen stets davon, dass eine große Lücke in ihrem Leben geschlossen werde, und sie sind glücklich darüber, dass die Zeit der Ungewissheit vorbei ist.

Grabung nach verschollenem US-Piloten in Thüringen: "Begräbnis mit allen militärischen Ehren"
Staff Sergeant Erik Cardenas / U.S. Air Force

Grabung nach verschollenem US-Piloten in Thüringen: "Begräbnis mit allen militärischen Ehren"

SPIEGEL: Wie kooperativ sind die Staaten, gegen die Ihr Land einst Krieg geführt hat?

McKeague: Anders als man denken könnte, sind wir auch in solchen Staaten willkommen, deren Verhältnis zu den Vereinigten Staaten getrübt ist. China hat die Bergung gefallener amerikanischer Soldaten auch in schwierigsten Zeiten niemals als Druckmittel benutzt. Auch mit den Russen arbeiten wir gut zusammen. Unsere Arbeit hat geholfen, die Beziehungen zu der Regierung in Myanmar wieder zu normalisieren. Sie war einst auch ein Eisbrecher, um wieder mit Vietnam ins Gespräch zu kommen. Wir kooperieren mit 48 Nationen. Außer Nordkorea und Kambodscha empfangen uns alle Länder mit offenen Armen.

SPIEGEL: Könnte Ihre Arbeit auch dazu beitragen, das Verhältnis zu Nordkorea zu verbessern?

McKeague: Das hoffen wir. Wir waren schon einmal dort, von 1996 bis 2005. In diesen zehn Jahren haben wir über 200 Soldaten identifiziert. Kurz bevor wir vor ein paar Jahren wieder die Arbeit aufnehmen wollten, haben die Nordkoreaner eine Rakete abgeschossen. Also hat meine Regierung diese Mission vorerst beendet.

SPIEGEL: Stimmt es, dass das Regime in Pjöngjang damals Geld für die Gebeine verlangt hat - nach dem Motto "Knochen für Kohle"?

McKeague: Ja. Wir zahlen allerdings Staaten kein Geld. Wir bezahlen die Verantwortlichen und Dorfbewohner in den Gastländern für konkrete Leistungen. Natürlich haben wir auch die nordkoreanischen Lieferanten bezahlt, von denen wir Ausrüstung oder Lebensmittel gekauft haben.

SPIEGEL: Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit den Nordkoreanern?

McKeague: Dazu dies: Sie gaben uns 208 Kisten, von denen sie behaupteten, dass sich darin die Überreste von 208 Individuen befänden. Unsere Wissenschaftler haben dann herausgefunden, dass die Gebeine völlig durcheinandergewürfelt waren und diese 208 Kisten DNA-Material von rund 400 Individuen enthielten.

SPIEGEL: Bis vor Kurzem versank Ihre Behörde im Chaos. Sie selbst sagten: "Ich werden keinem widersprechen, der behauptet, diese Organisation sei dysfunktional." Wie kam es dazu?

McKeague: Im Wesentlichen gab es damals zwei Behörden, die vielleicht nicht gegeneinander, aber auch ganz sicher nicht miteinander gearbeitet haben. Keiner hat mit dem anderen geredet. Die Zahl geborgener Soldaten war niederschmetternd gering. Genau das zu ändern, sehe ich als Direktor der neu strukturierten Behörde als meine wichtigste Aufgabe.

SPIEGEL: Erhalten Sie dafür auch ausreichend Anerkennung aus der Politik?

McKeague: Uns motiviert nicht so sehr die Anerkennung durch den Kongress oder den Verteidigungsminister. Was uns antreibt, sind vor allem der Zuspruch und die Dankbarkeit der Familienangehörigen. Ich habe gerade erst eine Dame getroffen, deren Onkel im Zweiten Weltkrieg über Deutschland abgeschossen worden war und der anschließend in einem Lager für Kriegsgefangene starb. Wir haben ihn gefunden.

SPIEGEL: Gefällt Ihnen diese emotionale Seite an Ihrer Arbeit?

McKeague: Absolut.

SPIEGEL: Gibt es einen Fall, der Sie besonders bewegt hat?

McKeague: Ja, das ist der Fall des Oberfeldwebels Joseph Gantt. Ein Weltkriegsveteran, der später auch im Koreakrieg gekämpft hat, dort in Gefangenschaft geriet und an Mangelernährung starb. Wir haben seine Gebeine 2006 erhalten, aber erst 2013 ist es uns gelungen, ihn zu identifizieren. Kurz darauf hatte ich die Ehre, seine Witwe, Clara Gantt, kennenzulernen. Eine Dame von 94 Jahren. Sie erzählte mir etwas, das ich nie vergessen werde. Bevor Joseph nach Korea ging, sagte er zu seiner Frau: "Du musst wieder heiraten, wenn ich nicht zurückkomme." Aber das geschah nicht. "Wie hätte ich das tun können? Ich hatte doch die Liebe meines Lebens schon getroffen", hat sie zu mir gesagt. So etwas haut einen um.



© DER SPIEGEL 9/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.