DER SPIEGEL



Das rote Gespenst

Von Berg, Stefan; Gless, Florian; Knaup, Horand; Leinemann, Jürgen; Lersch, Paul; Wassermann, Andreas

In Deutschland geht die Angst um wie in Zeiten des Kalten Krieges: Wie rot wird die Berliner Republik? Die Debatte um eine Zusammenarbeit von Sozialdemokraten und Sozialisten ist real und irrational zugleich. Im Osten ist die alte DDR lebendiger denn je - aber ohne Sozialismus.

Ausgerechnet die Saarländer. Ausgerechnet Oskar Lafontaine. Dazu noch SPD-Bundesgeschäftsführer Ottmar Schreiner, Thüringens SPD-Chef Richard Dewes, auch von der Saar. Und alle äußerten sich beinahe gleichlautend zum Thema PDS: Sie wollten neue Bündnisse mit den verhaßten Kommunisten-Erben nicht mehr ausschließen.

Schreiner fand, die "Dresdner Erklärung" von 1994, die "eine Zusammenarbeit" mit der PDS ablehnt, sei "von der Wirklichkeit überholt". Lafontaine bestätigte, Schreiner habe "im Kern nichts Neues" gesagt, das Papier sei "ein alter Hut". Dewes hatte intern seinem Parteichef die Wiederherstellung der Bundesratsmehrheit mit Hilfe der PDS schon zugesagt.

Die Erregung über ein mögliches Bündnis der Sozialdemokraten mit der SED-Nachfolge-Partei PDS überspülte Anfang vergangener Woche die Schranken der selbstverordneten Disziplin bei weitem.

Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer waren plötzlich die alten Bilder wieder da und die alten Ängste auch: der fast familiäre Handschlag zwischen den Saarländern Lafontaine und Honecker auf dem Flughafen von Saarbrücken; die kumpelige Begegnung zwischen Lafontaine und Egon Krenz in der Kantine der Ost-Berliner Werner-Seelenbinder-Halle 1987, als Rockstar Peter Maffay im Osten gastierte. Und andererseits die Distanz zu den Begründern der Sozialdemokratischen Partei in der DDR 1989, zu Leuten wie Markus Meckel und Richard Schröder.

Schon seit Tagen war die Wut gegen die eigene Regierung in der Fraktion gewachsen. Fünf SPD-Abgeordnete, angeführt vom Jüngsten, dem 23jährigen Carsten Schneider aus Erfurt, hatten ihren Zorn über "Starrsinn und Arroganz der regierenden Etablierten" zu Papier gebracht.

Vierzig weitere, alles Neulinge, bekannten sich zum Protest der Hinterbänkler: "Das Kampagnen-Dramolett ,Starke einsame Männer (die aber Freunde sind) führen unser Land in eine bessere Zukunft (in der aber nicht alles anders sein wird)'', ist kein Masterplan für die nächsten zehn Jahre sozialdemokratischer Regierung."

In Wahrheit, so ein erfahrener SPD-Parlamentarier, hätten die Aufmucker ausgedrückt, was mindestens 150 Sozialdemokraten in der Fraktion dachten und sagten: "Wenn Lafontaine so weitermacht, wird er bald sein eigenes Mannheim erleben".

"Mannheim", das ist auch ein Schlüsselwort. Es erinnert an den Putsch auf dem Parteitag 1995, als der Saarbrücker seinen Vorgänger Rudolf Scharping ablöste.

Selten hat Oskar Lafontaine, Finanzminister und Parteichef, zielsicherer an der Mehrheit seiner Bonner Parteifreunde vorbeigesprochen, als in der vergangenen Woche. Keiner schien sich plötzlich mehr einreden lassen zu wollen, daß Wählerbündnisse mit der PDS nötig sein könnten, um Mehrheiten für gefährdete rot-grüne Koalitionen im Bundesrat zu organisieren. Das hatte ihr Parteichef vor der Presse getan und im Präsidium. Die Abgeordneten ballten die Fäuste nicht mehr nur in der Tasche.

Sogar vor der Tür der Fraktion entlud sich der Zorn: Wild gestikulierend, baute sich Ditmar Staffelt, Berliner Bundestagsabgeordneter, vor seinem Fraktionschef Struck auf: "Peter, dit jibt Mord- und Totschlag", polterte er. Drinnen redeten die Genossen Tacheles. Es waren wieder Chaostage in Bonn. Aber anders als in den vorhergehenden Wochen war jetzt zu spüren, daß Panik ins Kanzleramt und in die Ministerien zu kriechen beginnt.

Anlässe gab es genug: Die Wachstumsprognosen der Wirtschaft sackten auf 1,5 Prozent. 22 Spitzenmanager hatten in einem Brandbrief vor den Folgen der Steuerreform gewarnt. Nichts kam von der Stelle. Der Atomausstieg rückte in weite Ferne, dem Staatsbürgerschaftsrecht fehlten die Mehrheiten, die Steuerreform, die am Donnerstag verabschiedet wurde, war auf ein taktisches Skelett zusammengeschrumpft.

Ein Bündnis für Arbeit, Gesundheits- und Rentenreform - die mit großer Fanfare angekündigten Projekte bleiben weiter Ankündigung. Und alles wird dilettantisch und unkoordiniert der Öffentlichkeit verkauft.

Daß Oskar Lafontaine, der sich im allgemeinen Tohuwabohu darauf besann, wieder den entschlossenen und machtvollen Parteivorsitzenden geben zu wollen, ausgerechnet auf das Hervorzaubern der zwielichtigen Bündnispartner aus dem Osten setzte, erwies sich als katastrophaler Fehler. Wie eine Erlösung wirkte es für die Fraktion, als am Dienstag Kanzler Schröder staatsmännisch verkündete, für eine Zusammenarbeit mit der PDS stehe er nicht zur Verfügung. Mitten hinein in die Rede des Kanzlers, so schildert es ein Abgeordneter, sei der Beifall der Genossen aufgebrandet. Die "nationale Ebene" hatte Schröder beschworen, auf der er mit der PDS nicht gesehen werden wollte. Vollkommen unnötig sei es gewesen, die Diskussion loszutreten.

Das war eine Ohrfeige für Oskar Lafontaine. Der Beifall, sagt ein Sozi aus dem Osten, habe nicht nur Schröders Haltung zur PDS gegolten - er habe die Sehnsucht nach Führung ausgedrückt, die Hoffnung auf ein Ende des ewigen Anfangs.

Nun sei die Spannung zwischen Oskar und Gerhard nicht mehr auszuhalten, die nur selten gemeinsam vor der Fraktion auftreten. Am Dienstag tagte Lafontaine mit der Sozialdemokratischen Partei Europas in Mailand. "Zwischen den beiden muß es zur Entscheidung kommen", fand ein anderer Genosse.

Ging es um den Machtkampf an der Spitze? Ging es um die Zusammenarbeit mit der PDS? In Wahrheit brach sich ein Gefühlsgemisch aus Angst und Wut Bahn, das sich angesichts der atemraubenden Stümperei der Regierung zusammengebraut hatte.

Nur aus diesem Gebräu von schlechten Nachrichten und ungelenken Einzelaktionen, handwerklichem Ungeschick und mangelnden Konzepten konnten sich die Gerüchte über einen angeblichen rotroten Schmusekurs zwischen den Enkeln Willy Brandts und den Erben Erich Honeckers zum Anschein drohender Realität verdichten. So als stünde nun, da die Gefahr eines neoliberalen Thatcher-Deutschlands unter der Führung des Automannes Schröder verblichen ist, plötzlich das Phantom einer kapitalistisch aufgemöbelten DDR vor der Tür.

Die Berliner Republik - ein bürokratisch gesteuerter Wohlfahrts- und Beglückungsstaat?

Es ist nicht der Sozialismus, der in Berlin auf die Bonner wartet. Es ist die DDR. "Totgesagte leben länger", hatte Erich Honecker noch kurz vor dem Fall der Mauer gehöhnt. Jetzt sieht es so aus, als habe er womöglich nicht ganz unrecht.

Wenn Bundeskanzler Gerhard Schröder an das Fenster seines vorläufigen Berliner Amtszimmers tritt, dann muß er immer auf den Palast der Republik gucken, ein vor sich hin rottendes Symbol des untergegangenen Honecker-Staates. "Der ist so monströs", sagt der Kanzler, daß er statt des braunverstaubten Glaspalazzo "lieber ein Schloß" hätte.

"Erichs Lampenladen" nannten die DDR-Bürger den Glaskoloß auf dem Platz des gesprengten Hohenzollern-Schlosses, in dem die Volkskammer die Wiedervereinigung beschloß. In diesem Bauwerk inszenierte sich die DDR-Republik als ideelles Gesamtkunstwerk.

Die Gesetze der sozialistischen Mangelwirtschaft, schreibt der Historiker Stefan Wolle, schienen hier für einige hundert Quadratmeter außer Kraft gesetzt. Hier funktionierte alles - es gab Sonderbriefmarken und Eisbecher "Pittiplatsch", saubere Toiletten und freundliche Kellner, eine Disco, eine Kleinkunstbühne und ein Bowling-Center. Der Palast war die erträumte DDR.

Es scheint, als wären ein Jahrzehnt nach dem Mauerfall viele dieser Träume wahr geworden. Die gute alte DDR lebt in den Herzen und Köpfen ihrer früheren Bürger wieder auf. Kulturell und sozial ist der erste Arbeiter-und-Bauern-Staat auf deutschem Boden heute eine Realität, die womöglich stabiler ist als zu Zeiten, als die Mauer ihn zusammenhielt.

Wer will, kann auch 1999 in seiner angeblich abgewickelten DDR weiterleben: Im Plattenbau von Berlin-Hellersdorf holt er sich sein "Neues Deutschland" aus dem Briefkasten und im Laden die "Ostschrippe", die Ost-Bäcker in ihren Schaufenstern anpreisen. Kinder können wieder "Bummi-Hefte" lesen und den Ossi-Bär genießen, allerdings ohne Pionierhalstuch. Den Tag beschließen sie mit dem "Sandmann", dessen spitzer Bart an Walter Ulbricht erinnert.

Zehntausende Eltern schicken ihre Kinder zur einstmals verhaßten Jugendweihe, bei der die Jungen und Mädchen im Staate Honeckers auf dessen Glaubenssätze schwören mußten. Nun verwalten gewendete Genossen das heidnische Ritual erfolgreich weiter - gerade so, als sei im nachhinein die DDR-Gesellschaft wenigstens im kollektiven Gedächtnis der Ostdeutschen zu jener "Menschengemeinschaft" geworden, die einst Walter Ulbricht vorschwebte.

Die Bonner hören das mit Gruseln. Sie haben es ja geahnt: Der Osten ist rot. Die emotionale Wucht der Debatte um den rechten Umgang mit der SED-Nachfolgepartei signalisierte, wie tief die Deutschen West und die Deutschen Ost die im Kalten Krieg eingefrorenen Spaltungserfahrungen verinnerlicht haben. Zehn Jahre nach der Vereinigung brauchen sie die DDR noch immer, um sich ihrer eigenen Identität zu vergewissern.

Wie sich die Politik in der künftigen Berliner Republik auf diese Befindlichkeiten einstellt, wird für den inneren Frieden und den gesellschaftlichen Zustand Deutschlands entscheidend sein. Gregor Gysi begehrt, nicht schuld zu sein: "Die Bundesrepublik hat die DDR geschluckt. Jetzt liegt sie ihr schwer im Magen."

Oskar Lafontaine hatte schon vor Regierungsantritt umgeschaltet. "Die Heuchelei" müsse ein Ende haben, forderte er schon am Wahlabend im September 1998, als Rot-Grün in Bonn die Mehrheit feierte. Dem protestierenden FDP-Chef Wolfgang Gerhardt fuhr er damals in der Bonner Runde über den Mund: Acht Jahre lang hätten Union und Liberale als "Blockparteien" mit der PDS in Städten und Landkreisen zusammengearbeitet und behauptet, im Lande gehe das nicht. Mit diesem "albernen Theater" sei es nun zu Ende: "Punkt - Aus - Feierabend".

Die "Konsequenzen" werde man ja sehen, konterte der abgewickelte Kanzler Helmut Kohl. Für ihn und seine alte Bonner Mehrheit wäre eine SPD-PDS-Zusammenarbeit im Bundesrat "ein Dammbruch, der die Republik erschüttert".

Tatsächlich werden die Bonner in Berlin merken, daß an der DDR kein Weg vorbeiführt.

Das Regierungsviertel ist umstellt von den Hinterlassenschaften des Arbeiter-und- Bauern-Staates, von DDR-Architektur und DDR-Symbolik. Am Ministerium des Finanzministers Oskar Lafontaine prangt frisch restauriert Max Lingners System-Verherrlichung in Meißner Porzellan: Glückliche Menschen aus dem Paradies des Sozialismus lächeln auf die Passanten herab.

Als wäre diese Stadt noch immer "Hauptstadt der DDR", bestimmt der Sozialismus die Silhouette Berlins mit. Gewiß, die Glas- und Stahlfassaden am Potsdamer Platz vermelden den Vormarsch des Westens. Aber an den Türmen am Frankfurter Tor, dem Eingang der einstigen Stalinallee, wirbt noch heute die Reklame für das einst "volkseigene" Werk RFT: "Messen, überwachen".

Tausende Thälmann-Straßen, Hunderte Plätze der Einheit und Straßen der Freundschaft hat die DDR der Bundesrepublik beschert. Wer immer noch durch die Straßen der Befreiung und über die Plätze der Freundschaft geht, der mag die DDR nicht immer "ehemalig" nennen.

Und verdankt das vereinte Deutschland der DDR nicht auch die größte regelmäßig abgehaltene Massendemonstration? Jedes Jahr im Januar ziehen über hunderttausend Ost-Berliner zu den Gräbern von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in der "Gedenkstätte der Sozialisten" in Berlin-Friedrichsfelde. Stillschweigend wurde hier der Mann rehabilitiert, den die SED-PDS 1990 aus der Partei warf. Ältere Herren in grauen Jacken klopfen dem letzten SED-Generalsekretär Egon Krenz auf die Schulter und beklagen, wie schlimm doch alles gekommen sei.

Für alte Sozialdemokraten wie Willy Brandt, aber auch für seinen Enkel Oskar Lafontaine, schien es nach dem Fall der Mauer ausgemacht, daß die SPD vom sozialistischen Milieu des Ostens profitieren würde. Das erwies sich als ebenso illusorisch wie die Spekulation, daß die West-SPD die Zerfallsreste der Sozialistischen Einheitspartei SED organisatorisch oder als Koalitionspartner einfangen könnte.

Fortan liefen in der SPD zwei Varianten des Umgangs

* Links: nach Abschluß des Koalitionsvertrags in Mecklenburg-Vorpommern im November 1998; rechts: nach Höppners Wiederwahl zum sachsenanhaltinischen Ministerpräsidenten im Mai 1998.

mit dem Nachlaß der alten Staatspartei von "drüben" verdeckt nebeneinander. Parteichef Hans-Jochen Vogel und die Gründer der Ost-SPD verteufelten den offiziellen Kontakt zur PDS. Vogel-Nachfolger Lafontaine und Ost-Ministerpräsidenten wie Reinhard Höppner (Sachsen-Anhalt) und Harald Ringstorff (Mecklenburg-Vorpommern) ließen sich auf Formen der Zusammenbarbeit ein:

Die einen beriefen sich auf die "Dresdner Erklärung" von 1994, die Bündnisse mit der PDS ausschloß. Die anderen verwiesen wie jetzt auch SPD-Geschäftsführer Ottmar Schreiner auf die Wirklichkeit, die Bündnisse auch ohne Strategie zustande brachte.

Dabei hatte Lafontaine, der sich jetzt hinter Schreiner stellte, noch vor wenigen Wochen seine Genossen gemahnt, sich das PDS-Thema nicht "aufschwatzen" zu lassen. Seine Sorge: "Da versagt jede Koordinierung."

Grimmig konnte er nun besichtigen, wie recht er hatte. Die organisierte Nachhut der DDR empfand Lafontaines Erklärungen als Ritterschlag zum Bündnispartner und spreizte sich in Bonn mit neuem Selbstbewußtsein. "2002", verheißt ihr Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch, "sind wir koalitionsfähig."

Nur zu genau wissen die 36 PDS-Abgeordneten, daß sich die Abgrenzungsrituale der Westparteien abgeschliffen haben. Niemand ruft mehr "Stasi, Stasi", wenn Vormann Gregor Gysi ans Rednerpult geht.

Wie kein anderer Politiker der PDS symbolisiert Gregor Gysi die Zerrissenheit seiner Partei, die immerzu beteuert, sie wolle ankommen in der Bundesrepublik und doch nicht lassen kann von der DDR. In Talk-Runden und am Rednerpult des Bundestags kann Gysi jeden Wessi schlagen. Auch das bürgerliche Wohlleben hat es dem Anwalt angetan - daß er in Berlin eine Luxuswohnung beziehen wollte, verhinderten im letzten Moment seine linientreuen Genossen.

Aber bei Ost-Auftritten läßt Gysi die DDR hochleben, setzt auf Ost-Stolz und Ost-Trotz und beschwört das "Wir-Gefühl" der Wendeverlierer. Wie Pech klebt die DDR auch an ihm - bis heute hat er kein Licht in das Dunkel seiner Kontakte zur Staatssicherheit gebracht.

Sicher hat sich das Personal der Postkommunisten geändert. Neben unbedarften Mitläufern aus alten Zeiten wie die DDR-Rad-Ikone Täve Schur prägen PDSler wie Petra Bläss, die von allen Abgeordneten anerkannte Bundestagsvizepräsidentin, das öffentliche Bild.

Doch die alten Schatten sind nicht wegzupolieren. Mit Heinrich Fink, Klaus Grehn und Rolf Kutzmutz stellt die PDS gleich mehrere stasibelastete Bundestagsabgeordnete. Hemmungslos macht eine Fraktion Ewig-Gestriger Lobbyarbeit für die Kader des alten Regimes, kämpft für die Renten der Stasi-Mannen und für einen Schlußstrich unter die juristische Aufarbeitung der DDR.

Den Vorleuten dämmert, daß die Partei den modrigen und modrowschen DDR-Geruch loswerden muß, um eine "bundesweite Kraft links von der SPD" (Gysi) zu werden. Wie einst die Grünen Joschka Fischers räumt nun die PDS radikale Positionen. In einem Antrag der Bundestagsfraktion zum Thema "Nato" wird nicht mehr die sofortige Abschaffung des Militärpaktes gefordert, sondern eine "europäische Sicherheitsarchitektur statt Dominanz der Nato". Auch vom Fraktionszwang ist - zum Ärger einiger - neuerdings die Rede.

Berechenbarer als die Grünen sind die PDS-Genossen schon jetzt. Wer sie im Bonner Parlament sitzen sieht, adrett, pflichtbewußt und angepaßt, der ahnt, daß die Ordnung dem DDR-Bürger in die Wiege gelegt ist.

Im Haus Wall am Kiez 5 in Potsdam sind die Instrumente zu besichtigen, mit denen die SED die "neuen Menschen" formte - die "Topfbank" etwa. Sechs Nachttöpfe dicht nebeneinander in einer aufklappbaren Holzbank. Auf dieser Topfbank wurde der Kollektivgeist trainiert, die Kinder allmählich auf die "vorgesehene Topfzeit eingestellt". Gleichklang bis zum letzten Geschäft.

Topfbank und Füttertisch gehören zum Inventar einer Ausstellung des Potsdamer Kita-Museums über die Aufzucht der DDR-Kinder in Krippen und Kindergärten. Und weil die heute nicht nur wie früher heißen ("Haus des fröhlichen Kindes" oder "Entlein"), sondern auch immer noch so ausschauen, raunen sich Erzieherinnen, die durch die Ausstellung geführt werden, oft zu: "Wußtest du, daß wir im Museum arbeiten?"

Die "Verkrippung der DDR" hat Folgen bis heute. Die durch Erziehung und Alltag gefestigten Grundprägungen - Individualismus und Pluralismus im Westen, Ausrichtung auf Kollektive und Gruppen im Osten - läßt die Deutschen aus den alten und neuen Ländern fremdeln.

"Wir hätten uns mehr voreinander fürchten sollen", findet die Kinder- und Jugendpsychiaterin Agathe Israel aus dem Ost-Berliner Bezirk Lichtenberg, "dann wären wir jetzt nicht so enttäuscht und verwirrt."

Den gespaltenen Alltag in beiden deutschen Staaten dokumentierte eine Ausstellung "Lebensstationen in Deutschland 1900 bis 1993", die im Zeughaus Unter den Linden in Berlin zu sehen war. Von einer Rampe konnte der Besucher auf die parallel angeordneten Stationen der Lebensläufe blicken.

Links - vom Kollektiv der geburtshilflichen Station bis zur städtischen Bestattung mit Erdmöbeln aus Spanplatten und Kiefernholzleisten sowie "weltlichen Grabrednern" - reihte sich ordentlich die Abfolge der Lebensrituale in der DDR. Sie war in gleichförmigen, diffus beleuchteten, einheitsgelblichen Kabinen dargestellt und auf geradem Weg zu durchlaufen.

Rechts - vom apparatebestückten Kreißsaal des Krankenhausbetriebs bis zur prunkvollen Bestattungsfeier nach Angebotskatalog und gemäß Vorsorgevertrag - spiegelte ein verwirrendes, unruhig beleuchtetes, buntes Durcheinander von Kabinen und Pavillons den offenen Lebensweg im Westen.

Der erscheint vielen Ostdeutschen heute zu riskant, sie wünschen sich die DDR-Pädagogik zurück. Im Freistaat Sachsen, dessen führende Repräsentanten gewöhnlich gern auf demonstrative Distanz zur DDR gehen, gelangt alter Drill zu neuer Blüte. Kultusminister Matthias Rößler (CDU) will die Kopfnoten wieder einführen - Zensuren für Ordnung, Betragen, Fleiß und Mitarbeit.

Im besten DDR-Jargon frohlockt die Dresdner "Bild"-Zeitung: "Sachsens 45 000 Lehrer haben endlich ein Druckmittel gegen faule, renitente Schüler in der Hand."

Die DDR-Renaissance im freistaatlichen Bildungswesen, so das Kultusministerium, erfolge auf Wunsch der Eltern, die wissen wollen, wie sich die Sprößlinge verhalten. Anpassung ist wieder gefragt.

Im "Pionierpalast" in Berlin-Köpenick, der heute ganz ideologiefrei "Freizeit- und Erholungszentrum" heißt, wird das alte Programm neu aufgelegt. Unterm großen roten Stern und neben einer großen gelben "Sojus 3"-Rakete mit den Buchstaben CCCP bereiten die Kleinen die Feier zum "ersten Flug eines Sputniks im All" am 4. Oktober 1957, vor. Mit Jurij Gagarin in die deutsche Zukunft.

Axel Noack bereitet das Fortwirken der DDR-Lehre Kopfzerbrechen. Früher war Noack, 49, evangelischer Arbeiterpfarrer in der Chemiestadt Wolfen, bekanntgeworden durch die schlechte Luft und die nur etwas besseren Orwo-Filme. Inzwischen ist er Bischof in Sachsen-Anhalt.

Doch seine Kirche ist nicht nur klein, die Gotteshäuser bleiben auch ziemlich leer. Viel leerer jedenfalls als im historischen Herbst 1989, in dem sich jeder Kirchgänger etwas versprach - und sei es nur einen Ausreiseantrag. Auch der platte Atheismus der DDR, der auf der Erfahrung Gagarins gründete, beim Flug im Weltall keinen Gott gesehen zu haben, gehört zu den DDR-Errungenschaften, die der Nachwelt erhalten bleiben.

Noack beobachtet in der ostdeutschen Gesellschaft Kontinuität über den Systemwechsel hinweg - besonders an der Schule. "Die Lehrer engagieren sich für nichts. Die haben einmal aufs falsche Pferd gesetzt. Die sagen sich: bloß nicht auffallen."

Er kennt noch heute Eltern, die den Kindern den Rat geben, lieber nicht darüber zu reden, daß sie zur Kirche gehören. So kann die DDR-Gesellschaft weiterleben, ohne daß es einen Staat gibt, der für sie sorgt. Die Verhältnisse haben sich geändert, die Verhaltensweisen nicht.

So kann die verlorene Generation der Ostdeutschen über 50 das Klima mitbestimmen. Sie gibt ein gemütliches DDR-Bild an die Kinder weiter. Auch Jugendliche, die den Honecker-Staat nicht mehr erlebten, denken daher beim Wort DDR eher an soziale Sicherheit als an Staatssicherheit (siehe Seite 28).

Bisher sind die Westdeutschen unerschütterlich davon ausgegangen, daß sich westliche Lebensart im Osten durchsetzen werde wie die Mark. Aber in der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit der aus Berlin regierten Bundesrepublik wird sich das Ostdeutsche mit Hilfe der PDS künftig mindestens so bemerkbar machen, wie das Bajuwarische in Bonn durch die CSU präsent war.

In einem Jahr, in dem neben dem Saarland und Bremen gleich in drei ostdeutschen Ländern - Brandenburg, Sachsen, Thüringen - und in Berlin gewählt wird, rechnet sich die PDS verstärkten Einfluß aus. Greifbar nahe erscheint Gysis Truppe schon jetzt die Macht im Bund. Geht es nach dem Willen der Führung, werden die Postkommunisten nach Mecklenburg-Vorpommern bald auch in Thüringen und Sachsen-Anhalt mitregieren.

"Warum nicht auch in Sachsen?" stichelt Bartsch in Richtung sächsische SPD, die bisher jede Zusammenarbeit mit der PDS ablehnt. Das bedeute faktisch ein Votum für die Wiederwahl Kurt Biedenkopfs, erklärt Bartsch listig: "Traut sich der SPD-Spitzenkandidat nicht zu, Ministerpräsident zu werden?"

Künftig sollen Bundesratsinitiativen der PDS auch in der Öffentlichkeit Regierungsfähigkeit bescheinigen. In einem gemeinsamen Entschließungsantrag fordern in Magdeburg PDS und SPD, daß die Landesregierung von Sachsen-Anhalt "gegenüber der Bundesregierung zur Einleitung einer sozial deutlich gerechteren Form der Steuern und Abgaben initiativ wird". Gemeint ist die Wiedereinführung einer privaten Vermögensteuer, die Ministerpräsident Reinhard Höppner auf Bitten der PDS im Bundesrat anregen soll.

Besonders die PDS in Mecklenburg-Vorpommern kann jetzt über den Bundesrat Bundespolitik mitbestimmen. Denn bei Fragen "von grundsätzlicher Bedeutung" sieht der Koalitionsvertrag Neutralität vor - also immer, wenn ein Partner sagt: "Da haben wir ein Problem." Regierungsvize Helmut Holter: "Ich habe unsere Stimmen im Bundesrat schon immer als Chance begriffen."

Allerdings hat die SPD im Bundesrat auch nach dem Verlust der Hessenwahl viele Optionen. Zwar fehlen der rot-grünen Koalition fünf Stimmen zur Mehrheit. Weil keines der sonstigen rot mitregierten Länder mehr als vier Stimmen einbringt, braucht Schröder jeweils zwei Länderregierungen als Verbündete: entweder zwei der großen Koalitionen (Berlin, Bremen, Thüringen) oder - falls sich die Union total verweigert - die FDP (Rheinland-Pfalz) und die PDS (Mecklenburg-Vorpommern).

Um nicht schon jetzt von der PDS abhängig zu sein, peitschte die Bundesregierung vorige Woche die Steuerreform und die Neuregelung der 630-Mark-Jobs durch den Bundestag. Beide Initiativen sollen am 19. März den Bundesrat passieren - gerade noch früh genug, damit die alte rot-grüne Regierung in Hessen vor dem Stabwechsel an den CDU-Regierungschef Roland Koch zustimmen kann.

Beim Umbau des Staatsbürgerschaftsrechts sucht Schröder vor allem den Ausgleich mit der FDP, dort schielt er auf die Stimmen der Regierung in Rheinland-Pfalz. Schwieriger wird es bei den großen Reformprojekten, die noch kommen: Atomrechtsnovelle, Gesundheitsreform sowie die Umsetzung der Karlsruher Familienurteile.

Wie stark der Konsensdruck auf die SPD wird, hängt ganz vom Ausgang der Landtagswahlen im Herbst ab. Sollte Rot-Grün die Macht in Berlin und Bremen übernehmen, wäre die absolute Mehrheit im Bundesrat wieder gesichert - mit zwei Stimmen Vorsprung.

Bleiben beide Stadtstaaten in der Hand einer Großen Koalition aus CDU und SPD, könnte der PDS-Einfluß zunehmen: Regiert in Thüringen nach der Landtagswahl im September eine rot-rote Koalition, kann die Gysi-Partei weit mehr Gewicht über den Bundesrat zur Geltung bringen.

Die Auseinandersetzung der anderen Parteien mit der PDS bezieht ihre emotionale Wucht aus den Erfahrungen mit dem Ost-Berliner Regime. Noch heute wurmt es Wolfgang Schäuble, daß er 1987 - um seine Abneigung gegen den Staatsbesuch Honeckers auszudrücken - keine andere Möglichkeit sah, als seinen abgetragensten blauen Anzug anzuziehen.

Insgesamt beobachtet die Union die Annäherung von SPD und PDS argwöhnisch und hilflos. Das Anbandeln der Roten offenbart das strategische Dilemma, in dem sich die Schäuble-Partei im Osten befindet. Die FDP, ihr möglicher Koalitionspartner, siecht dahin. Wenn die SPD nicht mit ihr will, braucht die CDU zum Regieren die absolute Mehrheit. Die ist außer in Sachsen eine reine Illusion.

Sosehr die Deutschen dazu neigen, nach Möglichkeit jedes neue Thema mit den Kampfklischees der Vergangenheit abzuhandeln (Freiheit statt Sozialismus mit und ohne Ostblock) - jetzt ziehen die Ressentiments aus Zeiten des Kalten Krieges nicht mehr. "Das Arsenal der Verbalinjurien ist ausgereizt", analysiert die aus Brandenburg stammende CDU-Generalsekretärin Angela Merkel. "In der Sache können wir kaum etwas verhindern."

Für die Grünen und die Liberalen, die über den Status von westdeutschen Regionalparteien nie hinaus gelangt sind, gilt das erst recht.

Bewegungsmöglichkeiten hat allein die SPD. Um so stärker ist die Aufregung über den Kurs ihres Vorsitzenden. In Mainz dröhnte Ministerpräsident Kurt Beck, besorgt um seine sozial-liberale Koalition: "Ich arbeite mit keiner Partei zusammen, die mit ihrer totalitären Vergangenheit bis heute nicht aufgeräumt hat." Und sein niedersächsischer Kollege Gerhard Glogowski trompetete seine Überzeugung heraus, "daß es dem deutschen Volk gut täte, wenn die PDS verschwinden würde".

Aber die PDS ist so gegenwärtig wie die DDR, die sie gebar. Selbst jene intelligenten Genossen aus dem Osten, die sich gegen die SED-Nachfolge-Partei verbündet haben, gerieten unversehens in den Bann ihrer eigenen DDR-Vergangenheit. "Das war wie 1989", freute sich Richard Schröder, als er mit Markus Meckel und anderen im Januar fast konspirativ einen Anti-PDS-Arbeitskreis in der SPD gründete: "Am Computer eine Erklärung schreiben, Kaffee kochen und draußen lauerte wieder das West-Fernsehen."

Das lauert überall. Der rot-rote Schmusekurs ist ein heißes Thema, das den Magdeburger Ministerpräsidenten Höppner nicht glücklicher macht. Wenn immer die PDS der Motor sein muß, damit der Osten als Thema überhaupt vorkommt, sei das für ihn als Sozialdemokrat ausgesprochen ärgerlich. "Man argumentiert, wenn man gegen die PDS angeht, ganz schnell gegen das Lebensgefühl der Leute." In Wahrheit interessiere das Thema SPD-PDS die Menschen im Osten überhaupt nicht. Das sei immer vor allem eine Westdebatte.

Tatsächlich hat die Gysi-Partei für die Mehrzahl der Deutschen nach Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen längst ihren Schrecken verloren. 54 Prozent der Westdeutschen und sogar 74 Prozent im Osten sind der Meinung, daß die Politiker die Postkommunisten so behandeln sollen wie jede normale Partei.

Allerdings sinkt die Zustimmung, sobald es konkret um die Regierungsbeteiligung der PDS in den Ländern geht. Nur 25 Prozent der Westdeutschen und 48 Prozent der Ostdeutschen finden die PDS-Beteiligung an der Regierung in Schwerin in Ordnung. 63 Prozent im Westen, 35 Prozent im Osten waren strikt dagegen. Für die PDS-Tolerierung einer rot-grünen Koalition in Bonn sind nur noch 7 Prozent der Westdeutschen und 31 Prozent der Ostdeutschen zu haben.

Trotzdem glaubt Forschungsgruppenchef Dieter Roth, daß die SPD gut beraten ist, das Publikum rechtzeitig vor den in drei neuen Ländern anstehenden Wahlen an eine mögliche PDS-Regierungsbeteiligung zu gewöhnen. "Das ist genau der richtige Zeitpunkt: So wird das Thema abgefackelt."

Die medialen Aufgeregtheiten kommen im Osten nicht an. Das Beharrungsvermögen der DDR, das auch das Lebenstempo ihrer Menschen verringerte, prägt die Ostdeutschen noch immer. Gewiß, der Verkehr stottert und staut sich auch in ostdeutschen Städten. Veränderung? Natürlich. Aber vieles sieht nur so aus.

Vor allem in der Provinz, wo nach der Wende die alte DDR einen ihrer wenigen Siege über den West-Kapitalismus feierte, geht das Leben weiter seinen so zielstrebigen Gang. Hier wird die Geschichte der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) fortgeschrieben, auch wenn das "Schwarzbunte Milchrind" (SMR) nur noch selten auf ostdeutschen Wiesen steht - jene anspruchslose DDR-Kuh, an der sich die DDR-Bürger mal ein Vorbild hätten nehmen sollen. War die Ernte schlecht, gab sie auch ohne teures Importfutter die Milch, die von der Partei verlangt wurde.

Für die Einzelbauern im Westen sind die Agrarbetriebe im Osten mehr als nur Konkurrenten geworden. Über die Familienhöfe West (meist unter 15 Hektar) kann der Großfarmer Ost nur lachen. Beinahe 3000 Hektar beackern die 65 Mannen von Hermann Roeber im Oderbruch. "Die Zeit ist vorbei, in der sich ein Wessi auf Kosten eines dummen Ossis bereichern konnte."

Früher war Roeber Betriebsleiter in einer LPG. Heute ist er Geschäftsführer der Produktions- und Dienstleistungsgesellschaft der Agrarwirtschaft Alt Zeschdorf nahe Seelow. Stolz sitzt er in seinem Jeep, mit dem er das riesige Areal abfährt, das zum Betrieb gehört. Viele Westdeutsche, sagt er, fänden die großen Felder monoton. "Ich sag'' dann immer: Das ist die Ästhetik der großen Flächen."

Wie zu DDR-Zeiten ist sein Betrieb auch heute eine Sozialeinrichtung: Früher betrieb die LPG Großküche und Betriebswohnungen und baute Straßen. Heute hilft Roebers Agrargesellschaft, wo sie kann - "nur rechnen muß es sich", schränkt der Chef ein. Als der Kommune die Eigenmittel fehlten, um in den Genuß von Fördergeldern für den Straßenbau zu kommen, sprang die LPG-Nachfolgerin ein; als der Gemeinde Geld für einen Grundstückskauf fehlte, war der Agrarbetrieb zur Stelle.

"Ganz haben wir uns von unserer Vergangenheit nicht getrennt", sagt Roeber und fügt ironisch hinzu: "Das machen wir natürlich alles in Vorbereitung auf den 50. Jahrestag der DDR."

Auch wenn der Flickenteppich aus DDR-Relikten immer engmaschiger wird - es gibt keine einheitliche Ost-Identität, keine geschlossene Ost-Masse, die nur "ostdeutsch" empfindet. Ossis wollen genau wie Wessis Geld verdienen und Familie haben, ein Auto fahren und nach Mallorca fliegen. In vielem sind alle Deutschen gleich. Doch jeder Ossi hat seine DDR im Kopf, die ihn bis heute prägt, die er erhalten will. Die DDR bleibt ihr Maßstab, mit dem die Ostdeutschen die neue Wirklichkeit messen - der ehemalige Dissident genauso wie der Ex-Parteifunktionärs.

Es sind die gemeinhin als deutsch geltenden Tugenden, die in der DDR-Nachfolgegesellschaft hoch im Kurs stehen. Klaus Eckert, Oberstleutnant der NVA a. D. und damit natürlich auch Mitglied der SED a. D., hält viel von Ordnung, Pünktlichkeit, Disziplin und wenig von "Verfremdung durch Individualismus". Seine früheren Genossen redet er brav mit "Kamerad" an. Genosse Kamerad ist "Vorsitzender des Landesverbandes Ost des Deutschen Bundeswehr-Verbandes, Kameradschaft ehemaliger Soldaten, Reservisten und Hinterbliebener Strausberg", wie es wichtig auf seiner Visitenkarte steht. Zu deutsch: Chef der Interessenvertretung der abgewickelten DDR-Berufssoldaten.

Bis heute ist Eckert "verliebt in seinen Beruf". Die Vorzüge dieses Berufes bringen ihn und seinesgleichen immer noch voran, auch wenn die Front inzwischen am Arbeitsamt verläuft: "Die Fähigkeit, planen zu können, Exaktheit, Pünktlichkeit, Akzeptanz eines Vorgesetzten auch im Zivilleben haben dazu geführt, daß viele von uns von großen Konzernen mit Kußhand genommen werden."

Mitunter ertönt im Osten der Ruf nach Zucht und Ordnung der alten DDR nicht so verschwiemelt wie bei Eckert, sondern unge niert. Als aus Brandenburgs Strafanstalten mehrere Häftlinge geflohen waren, riefen CDU- und PDS-Politiker in trauter Einigkeit nach den gesamtdeutschen Schäferhunden, die zu DDR-Zeiten die Knäste bewacht hatten. Die waren im Herbst 1989 aus den Haftanstalten verbannt worden - aus humanitären Gründen. So bahnt sich der alte Geist den Weg in die neue Zeit.

Daß es nun ausgerechnet Oskar Lafontaine ist, der die Politik der Berliner Republik diesen Tendenzen öffnen will, ist nicht ohne Reiz. War es nicht der rebellische "Oskar" von der Saar, der mit der Friedensbewegung gegen seinen damaligen Kanzler Helmut Schmidt trommelte und sich gegen dessen "Sekundärtugenden" auflehnte, mit denen man auch KZs betreiben könne? Inzwischen ist Lafontaine selbst als Verfechter von Disziplin, Fleiß und Ordnung in Bonn gefürchtet.

Vielleicht sind es aber gerade die immensen Widersprüche dieses dynamischen Kalkulierers, der seinen kühlen Kopf auf einer angestauten Wutbombe trägt, die ihn zum Repräsentanten eines ambivalenten Einigungsprozesses macht.

Es ist ja mehr im Spiel als nur ein Bonner Machtgeklüngel. "Eine differenzierte Auseinandersetzung mit der PDS, die an den tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten darüber ansetzt, wohin sich diese Republik bewegen soll, hat durchaus einen Resonanzboden", findet die Allensbacher Meinungsforscherin Renate Köcher.

Die Frage, in was für einem Staat die Deutschen eigentlich zusammenleben wollen, die Helmut Kohl in dem rasanten Vereinigungsprozeß der Wende abwehrte, ist weiter unbeantwortet. Auf welcher Vergangenheit wollen wir aufbauen, welcher Zukunft zugewandt?

So gespalten wie seine eigene Partei, wie das Land und wie die Deutschen ist Lafontaine auch selbst. Ein lebenspraller Katholik aus dem Westen, der sich im kargen protestantischen Osten einrichten muß. Ein Europäer in Preußen, ein Machtstratege, der seine emotionale Abneigung gegen die Machtzentrale Berlin nie verbergen konnte. Ein Kriegsgegner, der in Hermann Görings Reichsluftfahrtministerium residieren wird.

Schwer festzumachen, wo dieser Mann wirklich steht. Wo immer er auftaucht, scheint er einer von "drüben" zu sein - keiner personifiziert dieses deutsche Nachkriegswort so trefflich wie der SPD-Chef. Und immer sind die anderen sauer.

In der Sitzung des SPD-Fraktionsvorstands warf Stephan Hilsberg, Bundestagsabgeordneter aus Brandenburg, seinem Vorsitzenden jetzt gar "parteischädigendes Verhalten" vor.

Das sind starke Gefühle, keine neuen. Die Wut stammt noch aus der alten DDR. Geradezu traumatisch hat sich Ostdeutschen wie Hilsberg ins Gedächtnis eingebrannt, daß es Lafontaine war, der 1990 den Menschen im Osten das Gefühl gab, er wolle sie nicht. Bis heute kreiden Ost-Sozis ihm die Wahlniederlage vom März 1990 an. Wirtschaftlich unsinnig hatte er die Währungsunion genannt, den Umtauschkurs von Ost- in West-Mark kritisiert.

Wie immer, wenn es in Deutschland um die Zukunft geht, liefert die Vergangenheit die Optik. Will er die Gegner des damals real existierenden Steinzeit-Sozialismus jetzt noch einmal in die Niederlage treiben? Irrational sind die Ängste, aber doch Realität. Könnte es sein, daß Oskar Lafontaine und Gregor Gysi die DDR wiedererrichten? Daß sozialdemokratisches und postsozialistisches Versorgungsdenken und Staatsverständnis die Wirtschaftspolitik dieses Landes bestimmen?

So kommt es, daß im Jahre zehn nach Revolution, Wende und Mauerfall der Marxsche Klischee-Satz einmal mehr die Runde macht, daß ein Gespenst umgehe in Bonn und Berlin. Nur ist es eben weniger der Sozialismus als die DDR, die nicht totzukriegen ist.

STEFAN BERG, FLORIAN GLESS, HORAND KNAUP, JÜRGEN LEINEMANN, PAUL LERSCH, ANDREAS WASSERMANN

"Die PDS ist ein politischer Konkurrent und Gegner der SPD. Eine Zusammenarbeit mit ihr kommt für uns nicht in Frage."

Dresdner Erklärung vom 11. August 1994

"Die Dresdner Erklärung ist längst kassiert durch die Wirklichkeit."

Parteichef Oskar Lafontaine am 28. Februar 1999

"Ich habe der Fraktion deutlich gemacht, daß es mit mir keine Zusammenarbeit mit der PDS im Deutschen Bundestag geben wird."

Kanzler Gerhard Schröder am 2. März 1999

"Ich arbeite mit keiner Partei zusammen, die mit ihrer totalitären Vergangenheit bis heute nicht aufgeräumt hat."

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck am 2. März 1999

"Ich halte für die Bundesebene eine Koalition für ausgeschlossen, weil eine Regierung eine Mehrheit nicht nur im Parlament, sondern auch eine Akzeptanz in der Bevölkerung braucht."

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reinhard Höppner am 3. März 1999

"Ohne Zweifel vertritt die PDS in der nicht unwesentlichen Frage soziale Gerechtigkeit Auffassungen, die nicht weit von denen der SPD entfernt sind."

SPD-Bundesgeschäftsführer Ottmar Schreiner am 27. Februar 1999

"Die PDS hat sich für die Vergangenheit entschuldigt bei den Opfern des SED-Regimes, bei der SPD für die Zwangsvereinigung. Ich wünsche mir solche Worte des Bedauerns auch von der CDU."

Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschef Harald Ringstorff am 17. November 1998

* Links: nach Abschluß des Koalitionsvertrags in Mecklenburg-Vorpommern im November 1998; rechts: nach Höppners Wiederwahl zum sachsenanhaltinischen Ministerpräsidenten im Mai 1998.

DER SPIEGEL 10/1999
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