08.03.1999

Spiegel des 20. JahrhundertsErleben wir Wirklichkeit!

STANDPUNKT
Von Carl Amery
Das zentrale Ereignis des Jahrhunderts war und ist das Heraufdämmern der Frage nach den Überlebenschancen der Menschheit in einer Welt, die sich selbst ziemlich rasch unbewohnbar macht. Diese Frage trifft und betrifft alle Ebenen unserer Existenz - vom Alltag bis in die Weltinnensicht und Weltinnen-politik.
Das Jahrhundert ist ihr nicht gewachsen. Das Jahrhundert zieht es vor, sie irgendwo zwischen humanitärer Hilfe und Fragen des Lebensstils anzusiedeln - und das ist völlig logisch.
Vor gut 50 Jahren, in der Zeit des unverschatteten Triumphs der westlichen Zivilisation, schrieb der amerikanische Forstmann und Philosoph Aldo Leopold in seinem Buch "A Sand County Almanac" (heute ein Kultbuch): "Einer der Preise, den man für ökologische Bildung zahlt, ist es, allein zu sein in einer Welt voller Wunden."
Seither haben sich die Wunden der Welt vervielfacht. Sicher, Aldo Leopold wäre heute nicht mehr so allein wie damals, aber die Menschheit als Ganzes, zumindest ihr reichster und handlungsfähigster Teil, tut nach wie vor alles, um die Gefahr der selbstverschuldeten Selbstzerstörung zu verbergen, ja sie unerlebbar zu machen - und zwar in Tateinheit mit ihrer steten Vergrößerung und Beschleunigung.
Zu diesem Zweck wurde eine Kunstwelt entwickelt, die man "Realität" nennt, die aber von einer siegreichen Religion, dem ökonomistischen Fundamentalismus, geschaffen wurde, um die für ihn tödliche Wirklichkeit zu verhüllen. Diese künstliche Teilwelt hat ihre eigene Logik, ja ihre eigene Theologie und Erlebnisstruktur.
Sie entsprechen den bekannten Kriterien der religiösen Fundamentalismen: Was sich in ihre enggeführte Logik nicht einordnen läßt, wird von den Gläubigen ausgespart und das tägliche Leben möglichst restlos mit den Erlebnisweisen und Binnendiskursen des wahren Glaubens aufgefüllt.
So wanderten wir in ein zunehmend künstliches persönliches und soziales Universum ab, in dem nur das Verrechenbare zählt.
So entstand und entsteht täglich aufs neue die Welt der sogenannten Realisten, welche unsere politischen und gesellschaftlichen Geschicke bestimmen oder zu bestimmen glauben, die aber auch den Konsens der überwältigenden Mehrheit anrufen, wenn es um die öffentliche Meinung und damit um Entscheidungsfindung geht.
Und die Entscheidungen fallen entsprechend, oder sie werden entsprechend hinausgeschoben. Alles wird beherrscht von einer Doktrin und einer Wirtschaftsweise, die viel zu dumm sind, als daß man ihnen die Zukunft des Planeten überlassen dürfte. Aber ihnen und nur noch ihnen beugten sich die nationale und die übernationale Politik - von Regierungswechseln, die als "Politikwechsel" verkauft werden, aber nicht mehr sind als die Schichtablösung des Putzpersonals für die Global Players, bis zu den Gipfel-Farcen von Rio, Kyoto und Buenos Aires.
Man könnte das Ganze philosophisch nehmen, wäre da nicht die lästige Frage nach der Zukunft der Gattung und die Tatsache, daß unsere Enkel ihr angehören. Sie könnten uns (falls sie überleben sollten) die Art von ekelhaften Fragen stellen, welche die 68er ihren Eltern, vor allem ihren Vätern, am Mittagstisch gestellt haben: die Frage nach ihrer Beteiligung am kollektiven Verbrechen.
Und es ist höchst wahrscheinlich, daß die Antworten noch hysterischer ausfallen werden als die der Hitlerkrieger. Im Grunde weiß jedermann, daß über unsere Zukunft nicht durch Prozente des Wirtschaftswachstums, nicht durch Dax oder Dow Jones oder Firmenfusionen entschieden wird, sondern durch eben die Wirklichkeit, die sich weder durch Dekret noch durch Referendum, weder durch Mehrheiten noch durch Ablaßhandel beeinflussen läßt, sondern ihren eigenen erhabenen Gesetzen folgt.
Was tun unter solchen Auspizien? Was bleibt, wenn man nicht resignieren will (und Resignation ist keine Handlungsgrundlage), ist die Ortung von Haarrissen im Beton des machtvollen Stumpfsinns, der énorme bêtise, und ihre Erweiterung mit der Geduld des hartnäckigen Ausbrechers.
Ein solcher Haarriß ist zweifellos die Energieproblematik - seit 1997 geht die Zahl der Atomkraftwerke in der Welt zurück, und eine "Sonnenstrategie" (Hermann Scheer) alternativer Energien nimmt allmählich doch Gestalt an.
Andere Haarrisse werden auftauchen - besser: Wir werden lernen, ihrer gewahr zu werden. Und es wird wechselnde Verbündete geben.
Einer Sache können wir allerdings sicher sein: Die Intelligenzija, die seinerzeit so enthusiastisch auf den Marxismus einging, wird kein Verbündeter sein, auch wenn sie diffuses Wohlwollen äußert. Sie ist letzten Endes die natürlichste Bewohnerin der Unnatur, der metropolitane Betrieb ist ihre Ökonische.
Ich selbst bin ihr entronnen, und es führt kein Weg zurück. Ich würde ihn auch auf keinen Fall beschreiten; denn es ist ein zwingendes Gefühl, planetarisch erwachsen zu sein.
Amery, 76, Schriftsteller ("Hitler als Vorläufer") und Publizist, lebt in München.
Von Carl Amery

DER SPIEGEL 10/1999
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